Rainer Brambach, erinnert und wiedergelesen
„Ich wiege 80 Kilo, und das Leben ist mächtig“. Unter diesem schwergewichtigen Titel ist zum 100. Geburtstag des Schweizer Dichters Rainer Brambach (1917-1983) eine schmale Biographie erschienen, die wohl zur Wiederentdeckung und Rehabilitierung dieses zu Unrecht weithin vergessenen Autors beitragen soll. Das unaufwendige, etwas kleinkarierte Lebensbild erbringt keine neuen Einsichten und bleibt auch archivalisch unergiebig; doch es evoziert bei mir ein paar private Reminszenzen aus der Zeit meiner Bekanntschaft mit Brambach, die in meine späte Schulzeit zurückreichen. Zumindest am Rand war ich damals vorübergehend in seine Lebens- und Arbeitswelt involviert und habe dabei manche unmittelbar wirksamen Impulse, positive wie negative, für erste eigene Schreibversuche gewonnen.
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Mein kurzfristiger Umgang mit dem Dichter ist auf die späten 1950er Jahre zu datieren. Ich ging damals noch zur Schule, war sechzehn, siebzehn Jahre alt, hatte bereits eigene Gedichte geschrieben und begann auch (im gymnasialen Klassenmagazin Le Briquet) welche zu veröffentlichen. Wie − durch wen − ich Rainer Brambach kennenlernte, weiss ich nicht mehr genau, vermute aber, dass mich mein damaliger Buchhändler, Hans Werthmüller, auf ihn aufmerksam gemacht und mich zur Kontaktnahme ermutigt hat. Werthmüller, der ebenfalls bemerkenswerte Gedichte schrieb, war mit Brambach befreundet und beriet mich damals sachkundig in literarischen Dingen, empfahl mir Autoren wie Klaus Demus, Cyrus Atabay oder den früh verstorbenen Eugen Gottlob Winkler.
Wie auch immer. Um 1958/1959 kam es zu einer ersten Begegnung in der Wohnung von Claire Brambach, der Frau des Dichters, an der Basler St. Alban Vorstadt, und in der Folge trafen wir einander immer wieder, vorzugsweise zu ausgedehnten Spaziergängen in der Altstadt zwischen Rittergasse und Spalenberg, redeten über Poesie, über Lieblingslektüren, über alltägliches Scheitern und seltenes Gelingen beim Schreiben.
Zwei Episoden haben sich mir besonders nachhaltig eingeprägt. Zum einen – ein Rundgang um den Münsterhügel, den Brambach kurz zuvor mit Paul Celan unternommen hatte und den er mit mir noch einmal absolvieren wollte. Dabei mimte er Celans ängstliches Verhalten und dessen heftige, fast hysterische Reaktion auf die Farbe Gelb: In jedem Passanten, der Gelb trug – Hut, Handschuhe, Schal – habe Celan einen Verfolger vermutet, eine Dame mit gelber Tasche habe er mit Schreien attackiert. Brambach versuchte den Begleiter zu beruhigen, indem er das Gespräch auf eine Eigenart des Celanschen Wortgebrauchs lenkte, darauf, dass in seinen Gedichten das Wort für „Auge“ stets in der verknappten Form „Aug“ verwendet wird. Brambach störte sich offenbar an dieser Kurzform und wollte wissen, was es damit auf sich hatte.
Aug? Gau!
Celans Aufregung habe sich dadurch aber noch gesteigert, und sie hätten den restlichen Weg schweigend abgeschritten.
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Zum andern – bei einem Besuch an der St. Alban Vorstadt, der für die Besprechung einiger meiner Gedichte reserviert war, traf ich bei Brambach den Kunstpublizisten Jürg Spiller: Beide waren, so schien mir, schon ziemlich betrunken, sie lachten, tanzten miteinander, rauchten dabei. Dennoch forderte mich Brambach zum Vorlesen auf. Ich war vorab schon völlig von der Rolle, wusste nicht, wie und womit ich beginnen sollte, verschluckte mich beim Rezitieren und wurde nach zwei, drei Gedichten abrupt unterbrochen. Brambach kam grinsend auf mich zu, stiess mir die Faust aufs Brustbein und sagte nur: „Du liest viel zuviel! Du solltest nicht soviel lesen!“
Ich empfand den Übergriff als einen unfreundlichen Akt, die Worte als Beleidigung – implizit war’s ja wohl so etwas wie ein Plagiatsvorwurf. Heute kann ich problemfrei zugeben, dass Brambach natürlich recht hatte. Ich schrieb damals unter dem bestimmenden Einfluss von Loerke, Kaschnitz, Eich, Krolow, hatte gerade eben Hugo Friedrichs damaligen Bestseller über Die Struktur der modernen Lyrik gelesen und begann mich für die Poetik der europäischen Moderne zu interessieren.
Meinem unleidlichen Mentor konnte nicht entgangen sein, dass er selbst keineswegs zu den Vorbildern gehörte, an denen ich mich damals orientierte, und von daher kann ich seine harsche Reaktion auf meine Schreibversuche nachträglich auch verstehen, muss sie ehrlicherweise sogar gutheissen. Der erwähnte Besuch endete übrigens mit einem weiteren Misston: Um meine Lektüren zu rechtfertigen, reichte ich dem Meister beim Abschied eine Kopie meiner Übersetzung der Gedichtfolge Crusoe von Saint-John Perse – er warf bloss einen Blick darauf und sagte: „Was soll das? Perse!? Du solltest erst mal Maupassant übersetzen!“
Also noch eine Zurechtweisung. In der Folge distanzierte ich mich zunehmend von Brambach, näherte mich statt dessen seiner Frau Claire an, die als Kunsthändlerin und Übersetzerin tätig war und bei der ich mehr Interesse, mehr Verständnis für meine Anliegen und meine Arbeit fand. Noch während meines Studiums war ich hin und wieder bei ihr an der Spalenvorstadt zu Gast, unweit der Universität, wo sie eine kleine Galerie und geradezu familiären Kontakt mit ihren Künstlerfreuden unterhielt. Durch sie lernte ich den Dichter Eugène Guillevic kennen, den sie zusammen mit ihrem Mann ins Deutsche brachte. Guillevic hatte seine Jugendjahre unweit von Basel im französischen Elsass verbracht und soll einen alemannischen Dialekt, ähnlich dem Baseldytsch, gesprochen haben.
Ein halbes Jahrhundert ist derweil vergangen. Brambach, der einstige Frontmann der Schweizer Lyrik, ist zum Geheimtipp geworden, doch auch die Wenigen, die ihn noch lesen, würden wohl sagen, er habe mehr Zukunft als Vergangenheit. Ob er noch einmal ins Bewusstsein gebracht und seinem Rang entsprechend aufgestellt werden kann, ist ungewiss, aber nicht ganz unwahrscheinlich angesichts der Wiederkehr des Natur- und Landschaftsgedichts in der zeitgenössischen deutschsprachigen Poesie.
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Rainer Brambach ist, wortkarg und wortstark zugleich, ein Dichter, der in alltäglichen Verrichtungen, in unauffälligen Gegenständen oder beiläufigen Gesten seine Schreibanlässe findet. Jede Art von Erhabenheit, Gefühligkeit, Vollmundigkeit, Lehrhaftigkeit war ihm gleichermassen fremd. Mit seiner ungeschönten Alltagsthematik und der schlichten, dabei handwerklich perfekten dichterischen Form konnte er an die damals aufkommende „konkrete“ Poesie ebenso wenig Anschluss finden wie an die politisch engagierte Programmliteratur jener Zeit.
Er blieb denn auch, seinem persönlichen und dichterischen Selbstverständnis entsprechend, eine regionale Grösse, galt in Basel als Stadtoriginal und wurde in dieser Rolle respektiert. Dass er als Lyriker durchaus populär war, hat ihn gleichzeitig gefreut und eingeschüchtert: Das Schreiben fiel ihm zunehmend schwerer, da er sein „brambachantisches“ Dichtertum und seinen hohen Kunstanspruch kaum noch in Übereinstimmung zu bringen vermochte – seine gemeinsam mit Frank Geerk allzu leichtfertig abgefassten Kneipenlieder (1974) bestätigen das Dilemma ex negativo.
Dass Brambach aber in Einzelfällen − auch als seine Produktion mehr und mehr stagnierte − weiterhin Gedichte schrieb, die man durchaus als volkstümlich bezeichnen kann und die zugleich für höchstes dichterisches Gelingen stehn, bezeugt ein undatiertes Dialektstück des Titels Reden und Schreiben (ca. 1970), ein starkes karges Kurzgedicht, in dem Poesie und Poetik subtil verschränkt sind:
Reede-n-und-Schrybe
Z’Basel gebore, reed i Baseldytsch,
Nadyrlig nit eso perfäggt
wie zem Byschbil dr Glopfgaischt.
Mit mynere Sprooch kumm i guet
iber d’Gränze durs Elsass dure
und au durs Badisch.
Aber nit wyter.
I schryb Schriftdytsch.
I schryb gärn.
Myni Brief raise allewyl wyt
und s’Spaledoor rächts uff em Umschlag
raist mit.
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Rainer Brambachs Gesamtwerk ist leicht in einem mittelgrossen Band unterzubringen. Das hat nicht allein damit zu tun, dass er den Grossteil seines Lebens mit professioneller Gärtnerei zugebracht hat und erst verhältnismässig spät zur Literatur kam, sondern auch damit, dass seine Dichtung insgesamt wie im Einzelnen von höchster Intensität geprägt, ja gepresst ist, die denn auch in radikaler Formstrenge und Kürze authentischen Ausdruck gewinnt; wie zum Beispiel im Schlussgedicht zu Ich fand keinen Namen dafür (1969), seinem schmalsten, seinem dichtesten Lyrikbuch:
Alltag
Gehen, wohin ich muss
Einen jungen Baum pflanzen
Den Garten loben, auch wenn es lange regnet
Das Rad ölen und die Bremse prüfen
Die Zeitung lesen, ohne den Wunsch auszuwandern
Freunde empfangen
Vergessen können
Rosen oder Hühner?
Gedichte schreiben
und nicht auf die Musik der Bassgeigen
am Himmel hören
der blau oder bewölkt ist.
In diesen kargen Versen skizziert Brambach keineswegs bloss ein privates Credo, er entwirft eine veritable, zeitlos gültige, mithin auch heute bedenkenswerte Lebensphilosophie, ohne dass er dafür auch nur einen einzigen philosophischen Begriff oder eine lehrhafte Intonation einbringt: Unterm Vorzeichen des lyrischen Ich, das nur einmal (in der ersten Gedichtzeile) angeführt wird, reiht der Autor alltägliche Befindlichkeiten, Bedürfnisse, Fragen und Gewissheiten zu einer Art Merkzettel auf, an den er sich offenkundig selbst halten möchte, den er aber, nun als Gedicht arrangiert, auch seinen Lesern zu bedenken gibt. Dabei verzichtet er – im Unterschied etwa zu Bertolt Brecht, von dem es formal und thematisch vergleichbare Gedichte zu lesen gibt – auf jeglichen ideologischen Fingerzeig, auf jegliche Kritik an sozialen Missständen oder an „falschem“ Bewusstsein.
Rainer Brambachs Anliegen als diskreter Dichterphilosoph besteht gerade nicht darin, ein vorbestimmtes Denken und Handeln durchzusetzen, um die bestehende Welt zu verändern, wenn nicht gar zu retten; ihm genügt die poetische Festschreibung dessen, was hier und jetzt der Fall ist, ungeachtet von möglichen – wünschenswerten oder bedrohlichen – Alternativen.
Das klingt denn auch oft sehr grundsätzlich, nie jedoch schwer und dogmatisch. Ingredienzien des Normalverbrauchs werden ausgewiesen als Elemente der natürlichen Ordnung, die sich im Weltganzen wie auch im menschlichen Körper jederzeit zu erkennen gibt. Ein Beispiel dafür ist das Salz, Gegenstand und Titel eines der spätern Gedichte von Rainer Brambach, ein bei aller Schlichtheit vollkommenes Meisterwerk, verfasst vor einem Salzstreuer in der Kneipe, verdichtet zu einem hohen, dabei unzeremoniellen Lied auf die Erde und die diesseitige Existenz „des Menschen“ (aller Menschen, jedes einzelnen Menschen), gefasst in ein paar wenige Verse:
Salz
Wir brauchen einander. Wir sind
das Salz der Erde,
Salz, kostbarer als Gold, notwendiger,
einsilbig, weiss im Streufass gefasst,
verloren im Atlantik,
im Brot, in der Träne, im Schweiss
vor der Geburt oder sonstwie, sonstwo
brauchen wir uns, Salz der Erde, Salz.
[*Isabel Koellreuter / Franziska Schürch, Rainer Brambach. Eine Biographie. Zürich 2017; mit Abb.]
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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