Infantilia (XIX)

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Es gab in der unmittelbaren Nachkriegszeit zahlreiche Deutsche, die aus Südbaden zu Fuss über die Grenze kamen, um in Riehen und Kleinbasel von Tür zu Tür ihre Schreckens- und Verlustgeschichten zu erzählen, um danach − ja eben − eine milde Gabe zu erbitten, eine Wolldecke, Kinderklamotten, Schuhe, immer wieder auch ein bisschen Geld. − „Hartes Geld“ sollte es sein, was mich wunderte, da ja nur das Kleingeld „hart“ war. Wieso aber verschmähten die Bittsteller die viel wertvolleren „Noten“? Da sie Notengeld merkwürdigerweise mit „Scheinen“ gleichsetzten, dachte ich mir, sie hielten Geldscheine für Scheingeld und wollten deshalb keine Schweizer „Noten“ haben.
Alles falsch!
Aber natürlich hatte ich damals keine Ahnung von der reichsdeutschen Geldentwertung und davon, was es mit dem „Hartgeld“ auf sich hatte. Notengeld für Hartgeld zu halten, das wäre mir gar nicht erst in den Sinn gekommen.

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Ob zuerst der Name da war und dann erst die Sache, oder umgekehrt − zuerst die Sache und dann ihr Name: Ich hörte nicht auf, darüber nachzudenken und kam naturgemäss zu keinem Ende, egal, ob ich für die Sache das Huhn oder das Ei einsetzte und für den Namen das Ei oder das Huhn.
Auch die Frage, was denn eigentlich „wahr“ sei und was „wirklich“, begann mich damals zu beschäftigen, und später kam ich zu dem vorläufigen, irgendwie beruhigenden Schluss, dass nur das Wort beziehungsweise seine Bedeutung „wahr“ sein konnte, während eine Sache gar nicht erst „wahr“ zu sein brauchte, da sie ja − ob da oder dort − vorhanden war, also gar nicht erst bedeuten, heissen musste.
Was aber … wie aber, wenn man auch das Wort als eine Sache nahm, die einfach da war, wirklich gegeben, vernehmbar, sichtbar noch vor aller Bedeutung? Als ich später im Klugen Alphabet, meinem dreibändigen Jugendlexikon, auf die Anekdote von Newtons Apfel stiess und erfuhr, dass der vom Baum herabfallende Gegenstand für den Physiker zur Offenbarung der modernen Gravitationslehre geworden sei, dachte ich an jene naiven Vorüberlegungen zurück: Die Offenbarung war also in diesem Fall eine Sache und nicht ein Wort − das Wort „Apfel“ bezeichnete einen Gegenstand, der auch etwas anderes als ein Apfel hätte sein können, eine Quitte, eine Zwetschge. Stand denn womöglich das Wort „Apfel“ bloss für eine Idee, die jedoch sehr viel mehr und etwas völlig anderes bedeutete als diese ziemlich unscheinbare Frucht? Nämlich eben irgendeinen gemäss Schwerkraft fallenden Gegenstand oder jenen einen Apfel, den Newton hatte fallen sehn?
Woraus sich eine weitere, viel allgemeinere Frage ergab: Sind’s die Dinge oder sind’s die Wörter, die das Denken bewegen? Und die Welt verändern!
In meinem Pariser Journal von 1968 finde ich dazu eine Notiz („nach dem Vortrag von Barthes“), die mein anhaltendes diesbezügliches Interesse wie folgt bezeugt: „Die Wahrheit residiert doch in den Dingen. Sprache ist, was übrig bleibt. Gibt den Rest. Sagt immer nicht, was Sache ist. Tut nur so. Erklingt, um zu verlauten. So stimmt’s denn auch! Oder nicht wahr?“

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Das Sach-Wort-Problem liess mir keine Ruhe, dies um so weniger, als es nicht zuletzt mich selbst betraf.
Felix!
Von meiner Mutter wusste ich schon früh, dass „felix“ ein Fremdwort für glücklich war und dass ich so heissen sollte im Gegenzug zu dem „fürchterlichen Krieg da draussen“. Mein Name war demnach als Programm gedacht, das eben ich, der nun so hiess, zu realisieren hatte. Ganz verstand ich das nicht, und vor allem blieb mir unklar, ob zuerst ich oder mein Name da war, unklar auch, weshalb ein Fremdwort als Eigenname gelten konnte.
Dass mich aber mein Vater von Anfang an konsequent Lix nannte; dass ich in der Schule als Flix aufgerufen wurde; dass sich einer meiner Lehrer, als ich mal unentschuldigt fehlte, für mich den Übernamen Fehl-x einfallen liess − all das empfand ich als persönliche Beleidigung, ja, als eine permanent irritierende Verletzung meiner Integrität.
In Reaktion darauf legte ich mir selbst den Decknamen Xilef zu, der dem Felix, von hinten nach vorn gelesen, all seine Buchstaben beliess und ihn dennoch so stark verfremdete, dass er nicht gleich erkennbar wurde und so, gewissermassen, mein Eigentum blieb. − Mein zweiter Vorname, Philipp, den ich eigentlich lieber mochte als den Felix, verwendete einzig meine Mutter, und auch sie nur in den frühsten Jahren − sie sprach ihn so aus, dass ich jedesmal eine zärtliche Anrede herauszuhören glaubte: Viel-lieb!

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Text(e)

Sekt( e); seht – Sex zu sechst!

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

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