Im scheppernden Balg zwischen zwei Eisenbahnwaggons treffe ich auf einen glatzköpfigen Engländer, der auf dem Rücken ein Kleinkind mit rotblondem Lockenkopf trägt; der Mann (den ich fraglos für einen Engländer halte, weil er − obwohl stockend, vielleicht sogar stotternd − King’s English spricht) fährt nach eigenem Bekunden zu seiner Lateinlehrerin; sie betreibt in Gstaad ein Chalet für Workshops und Privatunterricht, der Fremde will mich zum Mitkommen überreden; ich würde ja gern und müsste eigentlich auch mal wieder eine heftige Nachhilfestunde absolvieren, nachdem ich gestern im 11. Buch der Aeneis nach einer bestimmten Stelle gesucht und dabei festgestellt habe, dass ich vom grossen Latein so gut wie nichts mehr verstehe, dass ich nämlich so gut wie alles verlernt habe; irgendwo in den Bergen kommen wir an, es gibt hier aber nur Tankstellen und Industrieanlagen und das Pfeifen (von Murmeltieren) auf den ewigen Schnee; weit und breit kein lateinisches Kolleg, nicht eine Zeile von Vergil, aber der hiesige Gletscher hat schon wieder eine Leiche freigegeben; unübersetzbar ist übrigens, grummelt der Engländer, nichts.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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