Ich bin unterwegs zum Briefkasten, da ich aus unbestimmter Richtung meinen Namen höre − es ist nicht bloss ein Gruss zum „guten Tag“, es ist ein dringlicher Anruf.
Rasch realisiere ich, dass der Ruf aus einem der kleinen Nachbarsgärten kommt. Ich wende mich um, sehe, wie mich A. M. aus blühendem Buschwerk zu sich winkt. Sie ist ganz in Schwarz gekleidet, hat den Kopf mit einem Tuch verhüllt, reckt und schwenkt den linken Arm, um auf sich aufmerksam zu machen.
Ich trete durch das halboffen stehende Gatter ein, bewege mich, derweil sie noch immer ruft, auf sie zu und sehe: Die Frau, alleinerziehende Zuzügerin aus Süditalien, hockt mit gekreuzten Beinen zwischen den dichten Büschen, vor ihr liegt ein bunter Haufen von Blütenblättern, Bonbons, rotköpfigen Streichhölzern, zerrissenen Farbphotos.
„Die süsse Kleine ist tot!“, schreit sie mir ins Gesicht und legt die Arme um meine Schultern: „Nur anderthalb Jahre durften wir beisammen sein! So früh … so schrecklich musste sie sterben.“
Gemeint ist ihre Katze Fabiola: „Hier hab ich sie um Mitternacht begraben, anders konnte ich ihr nicht mehr helfen, sie war so alt und so jung, sie war unheilbar krank, sie war so schwer verletzt, so abgemagert, fast so traurig war sie wie ich … sie war wie ein kleiner … sie war ein Engel!“
Die Frau sitzt da, ihr weites Kleid hat sie aus Schmerz oder Zorn zerrissen. Der verwüstete Garten lässt darauf schliessen, dass sie all ihre Blumen zerfleddert hat, um die Blütenblätter über der Grabstelle aufzuhäufen. Noch einmal fällt sie mir um den Hals, zieht mich nach unten, klagt mir ihr Leid. „Nun ist mein Engelchen tot, und ich auch, und alles aus!..“
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(Soviel echte Trauer, so viele Schmerzenstränen hab ich zuvor bei kaum einem Todesfall mitbekommen. Die an Schamlosigkeit grenzende Exzessivität der Klage bestärkt mich in der Vermutung, dass hier − wie in manchen andern Fällen auch − nicht ein geliebtes Wesen beweint wird, vielmehr die Tatsache, dass man das geliebte Wesen verloren hat, dass es einem genommen worden ist. Man trauert nicht wirklich um die Toten, man betrauert und bemitleidet sich selbst. Sein Leben verloren zu haben, ist ja logischerweise nicht für den Verstorbenen, sondern ausschliesslich für die Hinterbliebenen ein Verlust.)
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Übrigens hat A. M. in jüngeren Jahren − nach eigenem Bericht − in Lecce einen Erotik- und Massagesalon geführt. Nach dem Scheitern ihrer Ehe, wollte sie in der Schweiz mit ihren beiden Söhnen neu anfangen; sie bekam im Kanton Waadt eine Aufenthaltsgenehmigung, eröffnete eine Praxis für Kräuter-, Duft-, Pilztherapien.
Viel ist daraus nicht geworden, eine zweite Karriere blieb aus. Die Söhne sind inzwischen erwachsen; der eine studiert nun in Lausanne Medizin, der andere besucht in Paris eine Schule für klassischen Tanz.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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