Von Johann Sebastian Bachs Solokompositionen − für Violine, Violoncello, Orgel, Cembalo beziehungsweise Klavier − besitze ich ein Dutzend Vinylplatten und ein halbes Hundert Einspielungen auf CD mit vielen verschiedenen Interpreten.
Eigentlich könnte ich es, mit Rücksicht auf die schwindende Lebenszeit und die abnehmende Plastizität des Gehörs, dabei bewenden lassen … es gut sein lassen. Doch immer wieder bietet sich, ohne irgendeine Suchbewegung meinerseits, die Gelegenheit, die Sammlung um noch ein Stück (und noch ein Stück!) zu vergrössern. Wie unlängst, als ich in der Wühlkiste eines Antiquariats zwischen verregneten und entsprechend verquollenen Taschenbüchern auf eine CD mit Bachschen Klavierwerken stiess, ein typisches, eher unattraktives Potpourriangebot, das eine Vielzahl kurzer Einzelstücke, aber keins der Werke in vollständiger Fassung verzeichnete.
Wenn ich dennoch zugriff und für die gebrauchte CD zwei Euro einsetzte, so deshalb, weil es sich um eine alte Aufnahme von Tatjana Nikolajewa handelte, eingespielt 1980 in Moskau für ein längst vergessenes tschechisches Label und … aber wie eingespielt! Die Kleinteiligkeit des Programms und selbst die Tatsache, dass es unter den dargebotenen Stücken auch mehrere Transkriptionen und sonstige Bearbeitungen gab, änderte (und ändert weiterhin) nichts am künstlerischen Wert der Aufnahme. Die Nikolajewa geht die Werke so subtil, gleichzeitig so zupackend an, dass man meinen könnte − und glauben möchte! −, sie sei gerade dabei, die Musik zu erfinden, genauer: sie zu erhören und sie dabei gleich auch zum erstenmal erklingen zu lassen.
Es ist ein zögerndes, zugleich ein hingerissenes Spiel, das sich als souveräne Suchbewegung und, wiederum gleichzeitig, als technische und interpretative Problemlösung behauptet. Die Besonderheit dieser Vortragsweise wird zusätzlich dadurch hervorgehoben, dass die aufgenommenen Stücke durch ungewöhnlich lange Pausen voneinander getrennt sind. Die populär sein wollende Werkauswahl gewinnt dadurch einen gänzlich andern Charakter, sie entfaltet sich unter Tatjana Nikolajewas Händen zu einem integralen Werk, das Bach so nicht komponiert hat, das aber die Interpretin, in seinem Sinn, auf ihre unverwechselbare Weise stets von neuem so arrangiert.
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Nicht erst seit der zufälligen Entdeckung dieser Aufnahme lasse ich mich beim Gedichteschreiben von den Bachschen Solowerken „begleiten“, am liebsten von den Cellosuiten, den Goldbergvariationen. Diese Simultaneität von Hörerfahrnis und Schreibbewegung ist vermutlich auch der Grund dafür, dass meine poetischen Texte in den vergangenen Jahren immer länger geworden sind und dabei (hinsichtlich ihrer klanglichen, ihrer rhythmischen, ihrer strophischen Struktur) auch an Komplexität zugenommen haben. − Das aus vierhundert gereimten Versen komponierte Langgedicht Ausgespielt von 2015 ist ein Beispiel dafür.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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