Judith Zander: im ländchen sommer im winter zur see

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Judith Zander: im ländchen sommer im winter zur see

Zander/Zander-im ländchen sommer im winter zur see

KONJUNKTION

ich muss noch mal auf die planeten
zurückkommen denk dir bloß
dieses jahr echt wahr ende
januar rannten sie aufeinander
zu die nächste erdenverwandte und
nummer fünf mit dem größten
magnetfeld wenig mehr als heißer
luft möcht ich sagen wär aber
erlogen mehr kalter Rauch

während sie sich im juno jenem
beobachtungsmonat vollkommen betrieben
durch solarenergie noch verwahrten
der abnahme von firmament zwischen
ihnen ein zwinkern blitzhelles blinkern in
unbenannten gewässern fast alles war
es gab ein paar
antriebsschwächen im sondenangebot
das wurde wahr
genommen die geneigte bahn
erlaubte nicht nur studien der magneto- und der
atmosphäre sondern ebenso deren
pause äußerer begrenzung endlich
als mond | genannt io gelblich
in erscheinung trat eisenkernig
und mit einer äußerst dünnen
hülle farblosen schleimhautreizenden sauer
schmeckenden giftigen gases im wesentlichen
sehr eben aber
überall zu riechen es konnte
einem auf den magen hageln noch
vor dem frühstück ein Blick genügt
für alle Zeit verschossener pudel hier eine
fußnote1 jupiter kam an
der türe zu kratzen bei venus die hörte
bob dylan und zwar aus wahrer koinzidenz und
bot ihr ein schlepptau an fasernder
sisal oder fragliches signal sie sah
nicht mehr klar durch den strippenregen das wäre
dann wohl als hilfsmond gewesen venus
jedoch passte so lange
sie wusste auf keinen
rücksitz das gibt bloß
versengte schonbezüge

venus blieb
auch frei
äugig zu gewahren am taghimmel bei
ihrer version hielt dicht in undurchsichtigen
schichten fest dass es ein fest war einzig
ihr retrograder lauf hält sie auf
kurs vor der gebundenen rotation
lang sind die tage und kein trabant
ein entwichener lediglich m genannt
beide begleiterlos nun
und ständig grauglühend ios position
beeinflusst sehr stark die Aussendung
der vom Jupitersystem abgestrahlten
Radiowellen ließ sich erfahren anno achtzehn
hatte sie ihn bedeckt aber
vor zweihundert jahren

diesen januar
kurz nach der zweiten
mondverdunkelung in einem halben
jahr bestand keine gefahr zwar
wechselten sie die stellungen interstellar doch heraus
kam ein bloßer positionenaustausch
jupiter lief einfach so, einfach fort
an voraus sieht kein land und zu land
zu gewinnen am himmel und venus
nimmt immer später platz ihr versatz
zielt auf die sonne zieht wasser gelassen
werden die beiden erst wieder sich
anfassen da
sind wir
kaltes eisen auf alten bahngleisen könnten
es aber noch erleben bis dahin
halten wir uns bedeckt mit
unseren anagrammatisch verschränkten
himmelskörpernamen kann man doch
was draus machen ein
logisches quadrat das haus
vom nikolaus mit dachschaden
und sternsicht ein gedicht fast
geschenkt

 

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Zwei Orte,

zwei Jahreszeiten, zwei Personen in zwei Teilen eines Ereignisses. Das trockene und das feuchte Element, Hell und Dunkel, Innen und Außen, Belebtes, Unbelebtes, Wiederbelebtes und Nichttotzukriegendes bilden die Dichotomien und Isotopien dieser Gedichte, durch die die Tiere ziehen und die Gestirne, denn alles spielt sich gleichzeitig im Himmel und auf Erden ab. Wörtliche und prophetische Rede, untermalt von etwas Musik.

dtv, Klappentext, 2022

 

Melusine weiß Bescheid

Die schöne Melusine, so erzählt ein mittelalterlicher Mythos, ist eine Wasserfee, die sich an manchen Tagen mit einem Schlangenleib versieht und den sie begehrenden Rittern ein Betrachtungstabu auferlegt. Ihre wahre Gestalt bleibt dem männlichen Blick verborgen. Nun hat die Erzählerin und Lyrikerin Judith Zander in ihrem neuen Gedichtband im ländchen sommer im winter zur see den Melusine-Mythos wieder aufgegriffen: im Gedicht „entwicklung“ wird sie zur Kronzeugin einer weiblichen Selbstverständigung.
Judith Zander, das hat sie in ihren bisherigen Gedichtbänden und zuletzt dem Roman Johnny Ohneland bewiesen, ist eine Autorin, die mit großer Kunstfertigkeit den Fundus der antiken und mittelalterlichen Mythologien nutzt, um daraus Stoffe für ihre Poetik der Selbstbehauptung zu gewinnen. Der neue Gedichtband betreibt nun ein anmutiges Vexierspiel mit Motiven der Liebeslyrik, des Minnesangs und der barocken Vergänglichkeits-Topik, um die Lebensbewegung und die Sehnsuchtslinien („desire lines“) zweier Liebender vorzuführen.
Der hohe Sommerhimmel und das Licht einer Küstenlandschaft, in dem sich hier das weibliche Ich und ein ebenso feminines Du bewegen, verwandelt sich dabei mitunter in ein dystopisches Gelände, bedroht von Versanden und Auszehrung. Bereits im Eröffnungsgedicht „traute“, ist das „nachsommerland“ der beiden Liebenden von „dürre“ bedroht. Auch hier taucht Melusine auf, als „eine / ahnfrau die bescheid weiß“ und der als Sprachform das „Missingsch“ zugeschrieben wird, ein Gemisch aus Plattdeutsch und Hochdeutsch. Deutlich wird hier die Passion der 1980 in Anklam in Vorpommern geborenen Autorin für das Plattdeutsche und seine Schnoddrigkeiten, das in einzelnen Zeilen signalhaft aufblitzt.
Die Suchbewegung der beiden vagabundierenden Gedicht-Protagonistinnen führt durch Dünen- und Strandlandschaften an der Ostsee, sie durchstreifen auch Randgebiete in der brandenburgischen Provinz. In einigen Gedichten wird die DDR-Topographie explizit markiert:

einmal quer durch die ddr beim zeus!
kamst du nicht direkt lang wo der Park
mit den Wald du weißt schon oder erst
einmal ist gereimt meist geschummelt der länge nach
gerade unziemlich durchmessen die grade kamst du
hier an ein freundlicher empfang am rande der bemannten welt…

Am stärksten ist Zanders Poesie, wenn sich die Autorin bei der Konturierung von Existenz-Augenblicken unterschiedlichster Tonspuren der poetischen Tradition bedient. So skizziert das Gedicht „konserve“ zunächst nur eine idyllische Disko-Szene, bis sich die Verse dann mit Anspielungen auf Hölderlin, Wilhelm Müllers „Winterreise“ und Gianna Nannini, mit einem prominenten Bibel-Zitat und schließlich mit einem Kulthit der DDR-Band Silly aufladen. Die konsequent eingesetzte Verssprung-Technik, mit der Zander ihre Gedichte in Bewegung hält und für formale Unruhe sorgt, steht in auffälligem Kontrast zur ruhigen Symmetrie der Fotografien, die den Gedichten zur Seite gestellt sind.
Damit bei ihrer Erkundung einer fragilen Liebesgeschichte nicht zu viel Pathos aufkommt, hat die Autorin reichlich Selbstironie in ihre Verse eingestreut:

Mein kompass zeigt immer noch
irgendwohin und der bodden wirft
mir den zander nicht weißgekocht
an land alles muss man
nach wie vor selber machen.

Das ist auch als programmatisches Statement zu verstehen. Flüchtige Lektüre hilft bei diesen kunstvoll gefügten Gedichten nicht weiter, Betrachtungsgeduld ist hier Teil des Lesevergnügens.

Michael Braun, Frankfurter Rundschau, 28.3.2022

Königin des Zeilensprungs

– Die einen hängen an ihren Kerkern, die anderen gucken ins Weite: Judith Zander dichtet über ostdeutsche „Ländchen“ und lässt sich den Blick nicht verengen. –

In unseren gegenwärtigen Krisen- und Kriegsjahren wird beklemmend viel von Freiheit gesprochen. Unter solchen Umständen bedarf es schon eines Freigeistes, damit die Freiheit wieder zu sich kommen kann. Eines wie Judith Zander, eine der herausragenden Wenig-Schreiberinnen des Landes:

bewarb mich infinitiv in meiner
besten disziplin der rosigen
losigkeit freiheit

Wer „rosig“ auf „losig“ reimt und dann auch noch gegen den Zeitgeist auf sein Ich verzichtet und es großzügig in Flexionsform und nachgeordnetem Objekt aufgehen lässt, hat der Freiheit zumindest eine grammatische und rhetorische Zuflucht geboten.
Mit der US-amerikanischen Essayistin Maggie Nelson und ihrem gerade ins Deutsche übersetzten Buch Freiheit. Vier Variationen über Zuwendung und Zwang verbindet Zander unter anderem, dass auf ihre „rosige losigkeit“ und die „freiheit der gewissen“ auch die „haft“ folgt. Was man in Zanders raffinierter Zeilensprungtechnik aber so und so verstehen kann. Die Verse stehen ironischerweise in einem Gedicht namens „besetzung“. Es schiebt die Wortfelder von Leistung und Liebe ineinander und ist in Judith Zanders fabelhaftem neuen Buch zu finden, das den zum zarten Schunkeln einladenden Titel im ländchen sommer im winter zur see trägt.
Die Gedichte dieses Bandes sind im Dialog mit schwarz-weißen Landschaftsaufnahmen angeordnet, erzählen von einem unbestimmten Liebespaar und besingen mal melancholisch, mal schnoddrig-dialektal Mecklenburg und Brandenburg, die Küste und das Ländchen. Schaut man strukturalistisch ins Buch, winkt Zander mit sämtlichen Zaunpfählen der Dualität, entwirft Flächen und bahnt Pfade, setzt Horizontalen und Vertikalen ins Bild und die Statik der Fotografien gegen die Bewegung der Texte.
Den Band im ländchen sommer im winter zur see widmet sie auf diese Weise dem Janusköpfigen, fragt nach Moral, kritisiert Zeit und Gesellschaft und legt sich dabei nicht zu fest. Janus ist schließlich in seiner simplen Klarheit interessant, weil die Spannung zwischen zwei Seiten die Frage nach der dritten Position stellt: Zanders sprechender Instanz. Sie steht außerhalb des Spiels: Zu „einem taugenichts werden auf Erden“, das wär’s.
Bereits letztes Jahr, ein Jahrzehnt nach ihrem hochgelobten Debütroman Dinge, die wir heute sagen, dem erst zwei Gedichtbände, dann noch ein Buch über Kakteen folgten, hatte die 1980 in Anklam geborene Schriftstellerin die literarische Bühne mit dem Roman Johnny Ohneland plötzlich wieder betreten. Eine Geschwister-Geschichte, ein Liebes- und Reiseroman, ein Abschied von den Eltern und vom Herkunftsland, eine Abenteuergeschichte fluider Existenzen und, mindestens in einigen Momenten, eine klar geschliffene Sprechaktanalyse einer bestimmten Rhetorik, die Realitätsaussagen erfolgreich unters Volk und in die Familie bringt, von deren Wahrheitswert alle wissen: Er existiert nicht.
Judith Zander kapert diese Rhetorik und überführt sie in etwas, das man eben ganz pathetisch „Freiheit“ nennen möchte. In Bezug auf im ländchen sommer im winter zur see hat der Lyrik-Kritiker Michael Braun dieses Verfahren „die Syntax aus den Angeln heben“ genannt, ein Verfahren, so Braun, „um das Schwere leicht zu machen“. Was aber ist das Schwere, das nun diesem die grammatischen, historischen und andere Fliehkräfte orchestrierenden neuen Buch seine Wucht gibt?
Gelobt wird Judith Zander für ihre Leichtigkeit, für ihren sprachlichen Witz, der zu solchen Versen führt:

vor den anderen galt es leiser
zu schweigen worüber
man nicht reden kann davon und auf
kann man leben

Ja, diese Dichterin bringt „nur sachte die gläsernen menschen zum klirren“, als eben nicht hieb- und stichfester, sondern als „vor- und heftstich fort / gesetzter gedankenstrich“. Da steckt die feministische Handarbeitssprache ebenso drin wie das politische Zaudertum, konterkariert von einem durchaus militanten Impuls.
Als geistreiche, gelehrte und doch bodenständige Spielerin könnte man die Autorin solcher Verse sehen. Oder als Virtuosin des lyrischen Floretts, die Gianna Nannini und Zsuzsa Koncz ebenso schlüssig mit ihrem ganz eigenen Ton kurzschließt wie Brigitte Reimann und Irmtraud Morgner, Hölderlin, Eichendorff und barocke Allegorien. Aber was ist das „eingemachte“, das sie im „wecken“ eines Gedichts wie „konserve“ bewahrt? Wer wird aufgeweckt oder was wird eingeweckt aufbewahrt?
Letzteres ist vielleicht einfacher zu beantworten. In einem in kleiner Auflage in der Edition St. Matthäus erschienenen Bändchen sind drei Essays von Thomas Hettche, Ingo Schulze und Judith Zander versammelt, die sich auf Fontanes Spuren begeben haben. Judith Zanders Text heißt „Oder Land“. Sie schreibt darin von einem Land, dass 1990 vom „Präsens in ein Plusquamperfekt als offizielles Tempus versetzt wurde“, von Sarah Kirschs „Ländchen“ also, der DDR. Sie schreibt von „spätsozialistischer Neunziger-Jahre-Öde“ und Sommerdepression.
In ihren Gedichten setzt sich jetzt fort, was dort und auch in Johnny Ohneland anklang: Sie ruft die inneren Bilder ihrer Kindheitslandschaften zurück. Sie gibt damit auch kollektiven verlorenen Erinnerungslandschaften Sprache und Ort. im ländchen sommer im winter zur see ist aber kein ostalgisches Buch. Im Gegenteil. Dem „restöstlichen wahn“ rückt sie ebenso zu Leibe wie dem westöstlichen… – tja, was ist da anagrammatisch draus zu machen?
Im Gedicht „hochufer“ heißt es:

die entgeisterten hängen koppheister
sehr an ihren gefälligen kerkern die kletten
gene gestatten ihnen nur buchstabentreue sie
klettern nicht gern in die rahen verschmähen
gefährlich die weitere sicht

Die selbstverschuldeten Kerker der Buchstabentreue lassen sich gesamtdeutsch lesen, wenn Zander das Märchen vom Fischer und seiner Frau zitiert, auf den Melusine-Mythos und die Fabel von der emsig-protestantischen Ameise und der leichtsinnig-hedonistischen Grille anspielt und damit die Leistungsideologie aufruft, um sich als Flintenweib und Taugenichts zu wundern, was man alles wollen kann.
Syntaktisch zitiert Zander performativ eine weitere Fabel, sodass einem die Sinne aufgehen und die Grammatik abhandenkommt: die vom langsamen Igel, der uns Leser-Hasen sein „Ich bin all hier“ entgegenschallen lässt. Nicht so leicht zu fassen, dieser Zander, der als Judith Zanders lyrisches Ich in „nordpolverlagerungszeiten“ trotzig behauptet:

mein kompass zeigt immer noch
irgendwohin

Judith Zanders Gedichte arbeiten konkret und anspruchsvoll. Ihre Autorin verlässt sich darauf, dass die Leser bereit sind, ihren Ahnungen zu vertrauen und ihnen in die konkreten Landschaften der deutschen „Streusandbüchse“ zu folgen, sich deren Sand auch mal in die Augen streuen zu lassen, um dann im Feuchten und Trockenen dieser Gedichte die Säftelehre zu bedenken und ihr Mütchen im strengen Spiel der Gedichte abzukühlen.
Gedichte nennt Judith Zander in ihrem neuen Band „plays to be“, laut gelesen auch ein „place tobe“, ein Ort, an dem man sein darf und nichts sein muss. Und wenn man Zanders „verstürzende schwärze des strands“ im Ohr hat und die Verstörung darin empfängt, ahnt man, dass es ihr um mehr als die sportliche Leistung der Verskunst geht, und was es jenseits des heiteren Spiels bedeutet, wenn sie schreibt:

wir waren doch schonmal weiter.

Insa Wilke, Süddeutsche Zeitung, 10.6.2022

Ein kosmisches Minus ergibt kein Plus

– Lyrik, wie geht’s, wie steht’s? Zur Verleihung des Peter-Huchel-Preises an Judith Zander. –

Kaum war Judith Zander als Gewinnerin des diesjährigen Peter-Huchel-Preises verkündet, der wichtigsten Prämierung von Lyrik im deutschsprachigen Raum, ging ein Sturm der Entrüstung durch das Netz. Dabei geht es um mehr als Neid oder Missgunst. So hatte der Poet Alexandru Bulucz in der Zeitung Rheinpfalz die zentrale Grundsatzfrage für die Entscheidung der Jury aufgeworfen, nämlich: Was charakterisiert überhaupt qualitativ anspruchsvolle, gute Dichtung?
Berechtigt ist diese globale Überlegung anhand der letzten Texte der 1980 in Anklam geborenen Judith Zander allemal. Der Preis wird ihr im April verliehen. Klar ist: Das Handwerkliche, wenn man diesen Begriff überhaupt auf das Verfassen von Gedichten anwenden will, beherrscht sie, wie sie in ihrem letzten Band im ländlichen [sic] sommer im winter zur see beweist. Mehr klassisch denn innovativ reimt sich darin „zurück“ auf „stück“ oder „sacht“ auf „nacht“. Dasselbe gilt auch für ihre Wort- und Buchstabenspiele. So wurde das „s“ zum „z“ in „sehnzüchtige[r] aufzucht“. Was allerdings am Sehnen züchtig sein könnte oder worin das Findige, das ästhetische Surplus dieser eigenwilligen Kombination besteht, bleibt unklar. Gewiss ist allenfalls, dass sich die Poeme immerzu um Novitätsgewinn bemühen. Aber was ist beispielsweise mit einer Ausschmückung gemeint, die „bronzen aus legiert / gesessen ist noch nichts verlang / samt geschwärzter nach ruhig kosmisch minus / grade im blut“? Wie stellt man sich zum Beispiel etwas vor, das „legiert / gesessen“ ist?
Da Zander, sofern man zwischen Song-Zitaten, Redewendungen und all den bruchstückartigen Versen überhaupt noch Themen identifizieren kann, wohl vor allem auch über traumartige Zustände schreibt, kann man diese Texte mit viel gutem Willen noch als Neo-Dada oder poetische Hermetik bezeichnen. Zutreffender dürfte jedoch die Einschätzung sein, dass sich diese Lyrik vor allem durch Beliebigkeit auszeichnet. Sie labt sich an ihrer eigenen Überkonstruiertheit und raunt in ihrer eigenen Echokammer, ohne dass außerhalb ihrer engen Grenzen jemand noch einen Zugang dazu finden kann.
Eine solche Sperrigkeit ist nicht singulär in der deutschsprachigen Lyrik, sondern die ästhetische Grundausrichtung vieler anderer Lyrikerinnen und Lyriker. Möglicherweise ist sie ein Grund für den seit Jahren zu beobachtenden Poesieverdruss des Publikums. Zu selbstzirkulär, zu akademisch, zu verkopft und sprunghaft lauten da die nicht unberechtigten Vorwürfe.
Immerhin gibt so ein Werk, dessen Qualität zumindest zweifelhafter Natur ist, Impulse für die Überlegung, was denn im Umkehrschluss starke Lyrik ausmachen kann. Ohne normativ sein zu wollen, was dem Freiheitsanspruch dieser Gattung ohnehin gänzlich widerstreben würde, lässt sich mitunter eine stringente Bildentwicklung anführen. Statt unzählige Anspielungen und Motivkomplexe aneinanderzureihen, genügt bisweilen ein metaphorisches Momentum, um in uns ein ganzes Gemälde entstehen zu lassen.
Und damit wären wir auch schon bei einem weiteren Aspekt, der emotionalen Ansprache. Dass politische oder satirische Lyrik primär unseren Verstand adressiert, ist unbestritten. Aber was bewirken etwa Natur- und Liebesdichtung, wenn sie nicht versuchen, uns das Fremde mithin affektiv nahezubringen? Funken müssen überspringen, eine Wucht uns mitreißen. Selbst dort, wo sich Hässlichkeit und Zerstörung als Sujets oder ästhetische Ausdrucksweisen offenbaren, kann sich noch Schönheit zeigen. Vor allem sie fehlt unserer Epoche. Sie in eine neue Form zu gießen, ist dann die Königsdisziplin der Poesie – zum Beispiel im Zeilenumbruch, in den rhetorischen Finessen, in der Mehrdeutigkeit der Worte oder schlichtweg in der Gedankenführung. Das Beste aber liegt dann vor, wenn Dichtung uns gänzlich überrascht!

Björn Hayer, nd, 9.2.2023

Häme im Netz: Shitstorm gegen die Poesie Judith Zanders

– An einem Gedicht der Peter-Huchel-Preisträgerin entzündete sich der Unmut hunderter Follower des Südwestrundfunks. –

Jede Poetin, die den deutschen Peter-Huchel-Preis zugesprochen erhält, darf sich im Besitz eines besonders wohlgeflochtenen Lorbeerkranzes wähnen. Der Lyrikerin Judith Zander (42), aus Mecklenburg-Vorpommern gebürtig, wurde dieser soeben zuerkannt. Die siebenköpfige Jury, die 15.000 Euro zu vergeben hatte, lobte ausdrücklich die „nuancierte Wortarbeit“ sowie die „hohe Musikalität“ von Zanders Gedichten. Vergeben wird der Preis in Huchels Namen seit 1984 alljährlich: Auf der Liste der Ausgezeichneten findet man so eigenwillige und manchmal sperrig arbeitende Dichterinnen und Dichter wie Friederike Mayröcker, Sarah Kirsch, Wolfgang Hilbig oder Oskar Pastior.
Die Freude über den Zander-Gedichtband im ländchen sommer im winter zur see (verlegt bei DTV) blieb nicht lange ungetrübt. Der Abdruck eines Judith-Zander-Gedichtes auf der Homepage des SWR – er vergibt den Preis gemeinsam mit Baden-Württemberg – verleitete Hunderte zur Entfesselung eines Shitstorms. Das anmutig auf zwei Strophen und insgesamt 25 Verszeilen verteilte Poem grundlegende (man beachte den schönen Doppelsinn!) reizte einige Betrachter bis aufs Blut.
Von „preisgekröntem Unfug“ war die Rede. Nicht nur Zanders konsequente Kleinschreibung wurde als Symptom für fortgeschrittene Scharlatanerie gewürdigt. Mit Hinweis etwa auf den alten Hape-Kerkeling-Sketch „Hurtz!“ stellte man die Preiswürdigkeit einer solchen Hervorbringung wie des Zander’schen Gedichtes gleich ganz grundsätzlich infrage.
Dunkel sei der Sinn solchen Tuns. Dabei gleitet grundlegende äußerst anmutig dahin. Das Gedicht erzeugt reizende Stockungen, um gleich darauf wieder keck über die Klippen des Verständnisses zu springen:

(…) wald- und wiesenlexikon keine karte
ward den grundbucheintragungen
beigegeben in der tat
aber nahmen wir welche vor und
zugegeben verklebten wir zwittrige
blüten mit kuckucksspucke.

Der Text erzeugt nicht nur eine Vielzahl von Enjambements. An ihm lässt sich trefflich der Übergang herkömmlicher Naturlyrik in eine Art von übergeordneter Reflexion studieren. Die von diversen Polemikern als blühender Unsinn apostrophierte „Kuckucksspucke“ gibt es laut Auskunft versierter Naturbeobachter tatsächlich. Es handelt sich bei ihr um Schaumnester der Schaumzikaden. Man könnte auch sagen, Judith Zanders Gedicht enthält sanfte, geradezu behutsame Hinweise auf die Hinfälligkeit von Mensch und Tier. Als solche sehen wir uns in die Schöpfung hineingestellt, um uns in ihr, im Konflikt mit den so schwer zu benennenden biologischen Grundlagen, zu verlieren.
Der unverhältnismäßig heftige Einspruch vieler Facebook-Schreiber macht jedoch grundlegendere Schwierigkeiten im Umgang mit Poesie – sei diese noch so harmlos – deutlich. Die Vieldeutigkeit poetischen Schriftsinns scheint nur noch schwer vermittelbar. Im Vordergrund steht die Daumen-rauf-Daumen-runter-Mentalität vieler sozialer Medienbenützer. Die Unwägbarkeiten eines nuancierten Sprachgebrauchs fallen dabei fast zwangsläufig unter den Tisch.
Seit den Tagen der anbrechenden Moderne regt sich Unmut: gegenüber der scheinbaren Beliebigkeit der Poesie, häufiger gegen das Treiben der Künste im Allgemeinen. Bereits in den 1950ern beklagte man die „Dunkelheit“ vieler Verse, als würde der Sinn des Gesagten im Gewölk weihrauchschwangerer Rede spurlos verlorengehen. Werke wie die Paul Celans waren, im Bann der Shoah stehend, buchstäblich dem Verstummen abgerungen. Entsprechend verständnislos begegnete ihnen oftmals eine Kritik, die sich ihrerseits dem hellen Licht der Aufklärung verpflichtet glaubte. Und dabei jedes von den Fesseln der Konvention befreite Reden auf das Maß ihres eigenen Allgemeinverständnisses herunterbrach.
Zur Stunde sind diverse Jurorinnen der Peter-Huchel-Preisjury ausgerückt, um Judith Zanders Poesie vor allzu unbedenklichen Bekundungen von Banausentum in Schutz zu nehmen. „Viel Witz und große Klugheit“ ortet etwa Insa Wilke im Zander’schen Werk. So viel steht fest: Nicht alles, was der Erkundung des Menschenmöglichen vermittels Sprache dient, muss sich hinten reimen.
Die Eigenwilligkeit jedweder Poesie enthält einen stillen Einspruch, gegen die Plattitüde, gegen jedes banale, vorschnelle Verstehen. Als der ostdeutsche Poet Peter Huchel 1974 gefragt wurde, ob denn gerade eine gute Zeit für Lyrik sei, antwortete er sofort: Nein, keine gute Zeit für Lyrik. Aber wann hätte es jemals eine gute Zeit für Lyrik gegeben?

Ronald Pohl, Der Standard, 18.2.2023

Streit ums Gedicht

– Muss neue Lyrik denn so schwer sein? –

Die Lyrikerin Judith Zander ist in dieser Woche für ihren Gedichtband im ländchen sommer im winter zur see (dtv) mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet worden. So weit, so gratulationswürdig. Die Jury lobte ihre „nuancierte Wortarbeit“ und die „hohe Musikalität“ ihrer Sprache. Nur leider sahen das viele Nutzer in den sozialen Medien anders und witterten bei der 42-jährigen Dichterin aus dem brandenburgischen Jüterbog statt großer Verskunst nur eine wahllose Aneinanderreihung von Wörtern.
Und so ergoss sich nach der Preisbekanntgabe durch den SWR der lyrische Volkszorn über den hier abgedruckten Text, bei dem die fehlende Großschreibung nur das geringste Verständnisproblem war. Neben den allfälligen Verweisen auf Loriots Dichterparodie Krawehl, Krawehl und auf Hape Kerkelings Musikerstreich Hurz! durften da auch der weniger appetitliche „geschwollene Quark“ und die „KI im Endstadium“ nicht fehlen. Sperrig, schwer zugänglich, als Gedicht nicht zu gebrauchen, so die einhellige Meinung der SWR-Community.
Nun hatte es Lyrik noch nie leicht, wovon die Enzensbergersche Konstante von exakt 1.354 Lesern, die einen neuen, einigermaßen anspruchsvollen Gedichtband in die Hand nehmen, Zeugnis ablegt. Nur schien sich jetzt mindestens dieselbe Anzahl von Lesern auf der anderen Seite formiert zu haben, um den eben erst in die Hand genommenen Gedichtband wieder in die Ecke zu schleudern.
Dabei hätte man sich eigentlich an so seltenen botanischen Bezeichnungen wie dem „Wiesenschaumkraut“ und der „Kuckucksspucke“ berauschen können. Gerade die Kuckucksspucke, eine landläufige Vokabel für die Schaumnester der Wiesenschaumzikaden (was für ein Wort, so wellig und weich!), klingt doch so, als käme sie geradewegs aus Friedrich Justin Bertuchs Bilderbuch für Kinder, also direkt von drüben aus der Weimarer Klassik, der nun wirklich letzten Bastion der deutschen Dichtkunst. Dann tauchen auch noch die „Lichtkeimer“ auf. Und wer braucht das nicht zurzeit, Licht zum Wachsen, Wegzehrung für die finsteren Tage und Stunden? Aber klar, das ist alles Interpretation. Das kann man so lesen, oder auch ganz anders.

grundlegende
dennoch gaben wir eine parole aus wie
wiesenschaumkraut waldlehrpfad hießen
wir uns einander in solchen
zeiten vertraute und solchen leugneten
wir die langue ab die legende diesem
wald- und wiesenlexikon keine karte
ward den grundbucheintragungen
beigegeben in der tat
aber nahmen wir welche vor und
zugegeben verklebten wir zwittrige
blüten mit kuckucksspucke

 

vermessene
sind wir zu nennen und schwänzer
lichtkeimer an und für sich kultur
follower von spuren strukturen
in einem acte de volonté
verlaufene sind
wir auftrag und grund noch nicht
mal am ende negativ zu beschreiben
als das was
sämtliche anderen nicht
sind wir unsere eigene

wegzehrung suchen uns zurück
zu rufen ein abkommen in
die ungeschilderten bäume

Peter Neumann, Die Zeit, 2.2.2023

Lyrikliederlich

– Nie war man mit solcher Genugtuung Dichter: Nach der Bekanntgabe der Vergabe des Peter-Huchel-Preises an die Lyrikerin Judith Zander kochte auf Facebook der Zorn hoch. –

Als  Marcel Reich-Ranicki  vor fast fünfzig Jahren in dieser Zeitung die Frankfurter Anthologie begründete, begrüßte er sie selbst mit einem publizistischen Fanfarenstoß unter der Überschrift „Der Lyrik eine Gasse“. Seitdem werden hier Woche für Woche Gedichte interpretiert, und dieses Forum hat seitdem etwas beigetragen zur Vermittlung einer literarischen Form, die voraussetzungsreicher ist als andere, obwohl sie alle aus demselben Stoff gemacht sind: Sprache.
Es wäre ja vermessen, schon aus dem alltäglichen Umgang mit Sprache ein verbreitetes Verständnis für deren unterschiedliche Ausprägungen abzuleiten. Was Gebrauchsanweisungsprosa oder Behördenjargon an Spott dräut, kann auch Gedichten widerfahren.
Jüngst geschah das anlässlich der Bekanntgabe der Vergabe des Peter-Huchel-Preises, einer der renommiertesten Lyrikauszeichnungen im deutschsprachigen Raum, die das Glück hat, von gleich zwei bedeutenden Institutionen vergeben (und mit 15.000 Euro dotiert) zu werden: dem Land Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk. Letzterer stellte die Gewinnerin Judith Zander auf seiner Facebook-Seite vor und gab auch noch ein Gedicht aus Zanders 2022 erschienenem Band im ländchen sommer im winter zur see bei, für den sie den Preis zugesprochen bekommen hat. Die Reaktion des Facebook-Publikums war heftig und zahlreich: Mehr als 1.500 Kommentare kritisierten die Verleihung mit Verweis auf angebliche Unverständlichkeit des Gedichts im Speziellen und Publikumsferne moderner  Lyrik  im Allgemeinen.
Nun übersteigt sicher schon das erste Wort von Zanders Gedicht die übliche Aufmerksamkeitsspanne bei einem Facebook-Post: „grundlegende“ lautet es, und die Entscheidung, ob man es mit einem Nomen oder einem Adjektiv zu tun hat, ist eine Frage der Aussprache, die Judith Zander ihren Lesern nicht abnimmt. Gedichte sind nun einmal nicht am üblichen Sprachgebrauch zu messen, sonst bräuchte man sie ja gar nicht.
Doch 1.500 Kommentare dürften mehr gewesen sein, als es Käufer von Zanders Gedichtband gab: Die so ins Licht der Öffentlichkeit gezerrte Autorin bescheinigte gegenüber dem Deutschlandfunk dem Gegenwind (um ein skatologisches Schlagwort zu meiden) im Netz „Schockwirkung“ und vermutete „Besitzneid“ angesichts der Preissumme – „ganz schön erbärmlich“.
Wir sagen dagegen im Sinne der 1998 von Georg Franck begründeten Aufmerksamkeitsökonomie: ganz schön erbaulich. Nie waren Judith Zanders Gedichte in so vielen unberufenen Mündern wie heute, nie konnte man mit solcher Genugtuung Dichter sein. Der Lyrik eine Gosse.

Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.2.2023

Zum Kuckuckspucken

– Beim Peter-Huchel-Preis ist es schon wieder passiert: Wenn ein Gedicht nicht auf Anhieb zugänglich ist, gerät es in den Verdacht der Scharlatanerie. Ein Zwischenruf. –

Am 22. September 1957 verteilte der Dortmunder Volksschullehrer Michael Querbach auf dem Westfalentag in Iserlohn ein Flugblatt, in dessen Abfassung er seinen ganzen Zorn auf den, so empfand er es, unverständlichen Quatsch moderner Poesie gelegt hat. Der Anlass: An diesem Tag und Ort nahm der Dichter Ernst Meister den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis entgegen. Meister galt als poetischer Hermetiker, dessen formelhafte, scheinbar sinndunkle Gedichte in jenen Jahren zunehmend Bewunderer fanden.
Querbach, wie gesagt, zählte sich nicht dazu, und sein jüngster Ärger über Lyriker vom Schlage Meisters hatte sich an dessen Gedicht „Utopische Fahrt“ („Madame muss fahren, / fahren – / zu den Lenden des Zeus / ist es weit) entzündet: „So gelacht habe ich schon lange nicht mehr. In allen Kreisen unseres Volkes habe ich Heiterkeitsstürme hervorgerufen, wenn ich das Ding vorlas“, berichtete Studienrat Querbach und schloss sein mit zürnender Häme vollgepacktes Pamphlet mit dem Resümee:

Weshalb fährt Madame bis zu den Lenden des Zeus? Kurz und gut: Blödsinn in Reinkultur.

Ernst Meister hatte ziemlich zu knabbern an dieser übergriffigen Kritik des Studienrats (der übrigens noch lange nicht lockerließ), und wäre er noch am Leben, dann würde der löwenhäuptige Dichter aus dem Sauerland heute seinen tröstenden Arm auf die Schulter von Judith Zander legen, der kürzlich etwas sehr Ähnliches widerfahren ist.
Die Lyrikerin bekam in diesem Jahr den Peter-Huchel-Preis, das ist eine der bedeutendsten Auszeichnungen für Poesie in diesem Land, sie wurde damit für ihren jüngsten Gedichtband im ländchen sommer im winter zur see geehrt.
Der Südwestrundfunk, der den Preis mitgestiftet hat, flankierte die Mitteilung über die Vergabe auf seiner Facebookseite mit einem Gedicht von Judith Zander, es heißt „grundlegende“ und ist in ihrem prämierten Buch gar nicht zu finden. „grundlegende“ ließe sich als eine Art dekonstruiertes Naturgedicht begreifen, in dem „Waldlehrgang“ und „Wiesenschaumkraut“ keine wiederbelebbaren Begriffe mehr sind. Jedenfalls könnte man sich, wenn man guten Willens ist, für diese vorsichtige Lesart entscheiden. Im Weiteren liest sich das Gedicht dann so:

vermessene
sind wir zu nennen und schwänzer
lichtkeimer an und für sich kultur
follower von spuren strukturen
in einem acte de volonté

Aber als die Kultur-Follower des SWR das Gedicht auf der Seite lasen, ließen sie in einem acte de brutalité an die zweitausend Kommentare auf das arme Gedicht niederprasseln. Beinahe alle davon lesen sich wie aus dem Leserbrief-Nachlass von Michael Querbach: „Unfug. Aber preisgekrönt. Also preisgekrönter Unfug“, schreibt die eine, „Nachts ist es kälter als draußen. Hurtz!“, witzelt ein anderer. Dann wieder gibt es welche, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk dafür anblaffen, dass er einen derartigen Mist finanziere, andere mokieren sich über fehlende Satzzeichen und die provokante Kleinschreibung, kurz und gut: Volkes Stimme versteht sich in Zeiten der sozialen Medien offenbar auch auf klare Urteile zur Beschaffenheit von Poesie.
Wenn ein Gedicht nicht auf Anhieb verständlich ist, gerät es in den Verdacht der Scharlatanerie oder, wenn es etwas glimpflicher ausgeht, der literarischen Esoterik, die nur den Autor selbst befriedigen möchte.
Die Frage nach dem Verständnis, besser: der Verstehbarkeit von Lyrik ist nicht neu und sie wird auch keineswegs ausschließlich unter kenntnislosen Banausen ausgetragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg besaß das metaphernbeladene und in allegorischer Tümpeltiefe schwimmende Gedicht einen gewissen Streitwert. Peter Rühmkorf, der als Dichter ein unbestechlicher und durch seinen enormen Kenntnisreichtum zu souveräner Gnadenlosigkeit berechtigter Poesie-Kritiker war, warf seinen damaligen Kollegen vor, Dichtung eher als Verdunkelungstheater zu betreiben, anstatt sie unter das Licht der Aufklärung zu stellen und damit dem allgemeinen Begreifen zugänglich zu machen.
Ausgerechnet an Paul Celan, dessen poetisches Werk heute zum vielleicht gewichtigsten poetischen Nachkriegserbe zählt, statuierte Rühmkorf das Exempel einer Dichtkunst, die sich einer Art Privatverständlichkeit verschrieben haben soll:

Paul Celan! Man misst ihm neuerdings große Bedeutung bei. Wahrscheinlich in der Annahme, dass Unverständlichkeit ein grundsätzliches und primäres Plus ist und keineswegs erst einmal ein Manko.

Der Blick auf die Gedichte Celans ist heute zum Glück nicht mehr von derartiger Skepsis verstellt. Inzwischen hat man ein gewaltiges akademisches Forschungsgebäude über dem Werk des Dichters errichtet. Dessen Quellen sind zu einem großen Teil erforscht und manche vermeintliche Verfinsterung in Celans Texten lässt sich über die Lektüren des Dichters erhellen, Anstreichungen in Büchern, Aufzeichnungen und Selbstzeugnisse machen den Weg in Celans Poesie gangbarer. Der Verdacht der mutwilligen Sinnverfinsterung ist also weitgehend ausgeräumt.
Celan selbst, den die Kritik tief gekränkt hat, bat um Geduld und unablässigen Leseeifer: „Lesen Sie und lesen Sie immer wieder, fühlen Sie sich ein, das Verständnis kommt von selbst“, schrieb er seinem Biografen Israel Chalfen, der ihn um ,Verständnishilfe‘ bei einem Celan-Gedicht gebeten hatte. Das Publikum war damals wie heute beleidigt, wenn Lyrik nicht Bein auf Beine decket und sich darin nicht das Herz zum Herzen findet. Curt Hohoff, als Kritiker ein Feind alles Modernen, hat, auch in der Süddeutschen Zeitung, gegen Celan gewettert, und zweifellos hatte Hohoff auch ihn gemeint, als er 1963 schrieb, „dass Lyrik hochmütig auf Verständlichkeit verzichtet“.
Mit dem Einzug des subjektiven Erlebens in die Literatur ist auch die Poesie komplizierter geworden. Sie ist zum Instrument empfindsamer Wahrnehmung geworden, zu einer Art Armatur, mit der sich der Wert der Wirklichkeit in poetischen Schwingungen messen lässt. Je komplexer die Welt, desto vielgestaltiger das Gedicht. Klopstock gibt mehr Rätsel auf als Gryphius, Hölderlins Bildwelten sind verstörender, seine Welterfahrung zersplitterter als die Goethes. Und Judith Zanders „grundlegende“ mag ein vertrackter; vielleicht überliterarisierter Text sein, aber er enthält ein paar sehr schöne Wörter, „Kuckucksspucke“ zum Beispiel. Und wenn in einem Gedicht etwas derart Fremd-Schönes auftaucht, ist es die Lektüre wert und die Gedanken, die man sich dazu macht, auch.
Im Frühjahr 1979 erhielt Ernst Meister die Nachricht, dass er den Georg-Büchner-Preis bekommen sollte, denn:

In seinen metaphysischen Gedichten, welche die Seinslage des Menschen betreffen, hat er ein Äußerstes an existentieller Dringlichkeit und an poetischer Leuchtkraft erreicht.

Meister starb, ehe er sich an die Dankesrede machen konnte. Ob Michael Querbach das mit der existenziellen Dringlichkeit noch mitbekommen hat? Und ob er sich geärgert hat über diesen Blödsinn in Reinkultur?

Hilmar Klute, Süddeutsche Zeitung, 17.2.2023

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Anna Bers: „[I]ch stehe auf / festen Versesfüßen“ – Eine Lyrikkritik-Kritik anlässlich einer Stimme zur Prämierung von Judith Zanders Gedichten
breiterkanon.hypothese.org, 27.2.2023

Kristian Kühn: Reste einer Zuordnung
signaturen-magazin.de

Björn Hayer: Die rätselhaften Landschaften der Judith Zander
Berliner Zeitung, 1.4.2022

Erst ein Preis, dann ein Shitstorm: Die Debatte um Judith Zander
Die Rheinpfalz, 2.2.2023

Ronya Othmann: Judith Zander: im ländchen sommer im winter zur see
lyrik-empfehlungen, 2023

Marianne Büttner: Judith Zander: im ländchen sommer im winter zur see dtv Verlag
literaturleuchtet.wordpress.com, 23.8.2022

 

Verleihung Peter Huchel Preis

Alexandru Bulucz: Judith Zander gewinnt den Peter-Huchel-Preis
lyrikkritik.de

Udo Kawasser: Ist Lyrik elitär, wenn man sie nicht sofort versteht?
poesiegalerie.at, 16.2.2023

Wolfgang Tischer: Shitstorm um Lyrikerin Judith Zander: Gedichte lesen muss man manchmal lernen
literaturcafe.de, 5.2.2023

 

 

Fakten und Vermutungen zur Autorin + Instagram + FacebookKLG
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Susanne SchleyerBogenberger Autorenfotos + IMAGOKeystone-SDA

 

Judith Zander – Porträt während der „Langen Nacht der Naturpoesie“ im Rahmen der Frankfurter Lyriktage 2009.

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