Albrecht Haushofers Gedicht „Schuld“

ALBRECHT HAUSHOFER

Schuld

Ich trage leicht an dem, was das Gericht
mir Schuld benennen wird: an Plan und Sorgen.
Verbrecher wär’ ich, hätt’ ich für das Morgen
des Volkes nicht geplant aus eigner Pflicht.

Doch schuldig bin ich anders als ihr denkt,
ich mußte früher meine Pflicht erkennen,
ich mußte schärfer Unheil Unheil nennen –
mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt…

Ich klage mich in meinem Herzen an:
ich habe mein Gewissen lang betrogen,
ich hab mich selbst und andere belogen –

ich kannte früh des Jammers ganze Bahn –
ich hab gewarnt – nicht hart genug und klar!
und heute weiß ich, was ich schuldig war…

1944/45

aus: Albrecht Haushofer: Moabiter Sonette. Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen 1976

 

Konnotation

Im Lebensweg des Dramatikers und Historikers Albrecht Haushofer (1903–1945) spiegelt sich die Tragödie der konservativen deutschen Intelligenz während der NS-Diktatur. Obwohl er durch die jüdische Herkunft seiner Mutter als so genannter „Vierteljude“ galt, machte Haushofer zunächst Karriere als Dozent für „Geopolitik“ und als außenpolitischer Berater der Hitlerregierung. Nach Hitlers Überfall auf Polen ging Haushofer auf immer größere Distanz zum NS-Staat und nahm schließlich Kontakt zum Widerstand auf .
Wegen seiner Mitwirkung an den Attentatsplänen gegen Hitler wurde Haushofer im Juli 1944 verhaftet und im Gefängnis Berlin-Moabit inhaftiert. Dort entstanden die „Moabiter Sonette“, achtzig Gedichte, die von der Situation äußerster Unfreiheit sprechen und vor allem mit dem Versagen und der „Schuld“ der Intellektuellen hart ins Gericht gehen. Ende April 1945 wurde Haushofer von einem SS-Kommando in der Nähe der Haftanstalt ermordet.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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