Bertolt Brechts Gedicht „Wiegenlied“

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BERTOLT BRECHT

Wiegenlied

Eia popeia
Was raschelt im Stroh?
Nachbars Bälg greinen
Und meine sind froh.
Nachbars gehn in Lumpen
Und du gehst in Seid
Ausn Rock von einem Engel
Umgearbeit’.

Nachbars han kein Brocken
Und du kriegst eine Tort
Ist sie dir zu trocken
Dann sag nur ein Wort.
Eia popeia
was raschelt im Stroh?
Der eine liegt in Polen
Der andre ist werweißwo.

1939

aus: Bertolt Brecht: Die Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2000

 

Konnotation

In der romantischen Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn (1808) findet sich in der dritten Abteilung das Kinderlied „Eia popeia, was raschelt im Stroh?“, das vom Zustand bitterer Armut handelt. Bertolt Brecht (1898–1956) hat eine Aktualisierung des „Wiegenlieds“ zusammen mit anderen Liedern für sein Drama Mutter Courage und ihre Kinder (1939) geschrieben. Die Courage singt das „Wiegenlied“ in der 11. Szene des Stücks neben der Leiche ihrer Tochter Katrin. Es ist ein Lied bitterster Trauer, in dem Hunger und Elend der Zivilbevölkerung im Krieg aufgerufen werden.
Die ideale Musik für das „Wiegenlied“ findet Brecht erst 1946, nachdem er mit dem mit ihm befreundeten Komponisten Paul Dessau (1894–1979) eine feste Zusammenarbeit vereinbart hatte. In diesem Jahr komponierte Dessau die Musik zu Mutter Courage; Brecht band sie exklusiv an sein Theaterstück. Für die Berliner Uraufführung 1949 hat er seine Komposition noch einmal überarbeitet.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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