Franz Hodjaks Gedicht „Was ich gerade brauch“

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FRANZ HODJAK

Was ich gerade brauch

Einen Ort, nicht zu nah,
aaaaanicht zu weit.
aaaaaaaaaaEin Paar Schuhe, die halten
aaaaaaaaaaaaaaagegen jene, die
die Freiheit verwalten.
aaaaaEtwas Schnaps für die Ewigkeit.
aaaaaaaaaaEine Liebe, die dazugehört,
aaaaaaaaaaaaaaaindem sie stört.
Einen Mond, der blöd vor sich hin stiert.
aaaaaEin Gefühl, als wär ich
aaaaaaaaaain Reykjavík, das
aaaaaaaaaaaaaaamich neu gebiert.
Einen Schutzengel, der mich
aaaaanicht belästigt.
aaaaaaaaaaDie Erinnerung: das Nichts
aaaaaaaaaaaaaaahat meine Überzeugung gefestigt.
Ein Abendmahl, daß der Tisch
aaaaasich biegt.
aaaaaaaaaaUnd eine Wahrheit, die mich
aaaaaaaaaaaaaaazum Ort hinüberlügt.

1994

aus: Franz Hodjak: Ankunft Konjunktiv. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1997

 

Konnotation

Der 1944 geborene Franz Hodjak hatte als einer der letzten rumäniendeutschen Schriftsteller in seinem siebenbürgischen Weltwinkel ausgeharrt, bevor er 1992 doch seine Heimat verließ und in die Bundesrepublik übersiedelte. Aufgewachsen in Hermannstadt (Sibiu), hatte er in Klausenburg Philologie studiert und danach als Verlagslektor und Übersetzer in Siebenbürgen gearbeitet. Seine lyrische Inventur des eigenen Daseins entstand kurz nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik.
Im lakonischen Ton des späten Brecht formuliert Hodjak hier seine Standortbestimmung. Der „Landverlust“ ist seit 1993 sein Thema – und so ersehnt er hier auch einen erreichbaren Ort, an dem so etwas wie Heimat noch möglich ist. Es sind zunächst die einfachen Gebrauchsgegenstände, die für die Stabilität des Subjekts sorgen: Schuhe und Schnaps. Am Ende ist es doch auch wieder die metaphysische Geborgenheit, die zur Existentialie wird: Auf einen „Schutzengel“ und „eine Wahrheit“ ist auch dort nicht zu verzichten, wo sie in Paradoxien verstrickt sind.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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