Gerhard Rühms Gedicht „rätsel“

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GERHARD RÜHM

rätsel

ich schaue es an:
es ist kein mann.
ich schaue genau:
es ist keine frau.
es ist kein tier,
es ist kein stein.
für eine blume
ist es zu fein,
für etwas grosses
ist es zu klein
und ein gerät
kann es nicht sein.

1985

aus: Gerhard Rühm: Geschlechterdings. Chansons, Romanzen, Gedichte. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1990

 

Konnotation

Wenn ein mit allen poetischen Bluffs und Listen vertrauter Dichter wie der 1930 geborene Gerhard Rühm in der Art eines kleinen Denkspiels ein „Rätsel“ aufwirft, dann darf man an der Lösbarkeit desselben zweifeln. Fast alle Möglichkeiten zur raschen Identifikation des gesuchten Objekts werden von Rühm, dem letzten lebenden Repräsentanten des Wiener Avantgardismus, durchgespielt – und verworfen. So bleibt vorläufig nur die Negativierung aller Antworten.
Der 1985 entstandene Text wirft seine Lockstoffe aus – und wendet sich zugleich gegen die Grundlagen des eigenen Genres, indem er die ersehnte Lösung des Rätsels verweigert. Einem Wortakrobaten wie Rühm ist nicht an der braven Erfüllung von Konventionen oder von Formgesetzen gelegen, sondern einzig am reizvollen, weil irritierenden Sprachspiel. Die Klangschönheit, der pointiert eingesetzte Reim sind dabei stets wichtiger als die Frage nach Sinn und Semantik eines Textes.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2008, Verlag Das Wunderhorn, 2007

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