Ulrike Almut Sandigs Gedicht „kann sein, dass wir bleiben, wo wir sind. Gegenüber…“

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ULRIKE ALMUT SANDIG

kann sein, dass wir bleiben, wo wir sind. Gegenüber
am tisch, in den händen die rinde vom brot eines vortags,
wir können nichts für uns behalten: die krumen treten sich fest
auf den fliesen, diese sage geht ihren eigenen pfad, es fehlt uns
an stoffen, keine frage, von unten her kühlt etwas aus und es gibt
keinen rückweg zu legen, wir kommen von nirgendwo her,
wir sind nie woanders gewesen. kann sein, dass wir hier
nicht mehr weggehen werden, die augen im lauf
aufeinander gerichtet, dass keiner als erster
den satz tut zum fenster, zur zugluft,
aaaaaaazum südlichen wald.

2006

aus: Ulrike Almut Sandig: streumen. Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2007

 

Konnotation

Hier ist jemand unterwegs ins Ungewisse. Das lyrische Ich der Dichterin Ulrike Almut Sandig (geb. 1979) schwankt zwischen provisorischem Verweilen und nervösem Aufbruch – ein Ziel ist vorerst nicht in Sicht. Sandigs Gedichte formulieren eine tastende Suche: das sanft fluktuierende Gedanken-Protokoll einer Selbstvergewisserung. Der Titel des Gedichtbands setzt zunächst eine geografische Markierung: „Streumen“ ist ein Dorf im ostelbischen Sachsen – zugleich tont in diesem Wort noch das klangähnliche „streunen“ mit, das auf die vagabundierende Tätigkeit des lyrischen Subjekts verweist.
Die Suchbewegung dieses Gedichts ist nie abgeschlossen – denn das Ich kann auf keinem festen Standort beharren, sondern stellt das einmal Erreichte sofort in Frage, um gleich einen neuen Ort, ein neues Ziel ins Auge zu fassen. Auch die Sprache selbst horcht in sich hinein, um die Verlässlichkeit der gefundenen Wörter zu prüfen. Diese skeptische Verhaltenheit des Sprechens, das sich ständig selbst in Frage stellende lyrische Erzählen macht den großen Reiz von Sandigs Poesie aus.

Michael Braun, Deutschlandfunk-Lyrikkalender 2009, Verlag Das Wunderhorn, 2008

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