NACHTPOST
Vertraut mit dem Weltall
Eingestimmt auf die Planetenläufe
Sende ich meinen verschlagenen Traum
In dem alles
Keine Ordnung hat
Vielleicht
Versteht ihn der Mann im Mond.
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Man kann diesen Gedichten nicht aus dem Weg gehen
Die hoch geachtete Lyrikerin Kerstin Hensel spielt in ihren neuen Gedichten ein riskantes Spiel. Es heißt „Schleuderfigur“. Wer an diesem Spiel teilnimmt, wird aus den gewöhnlichen Bahnen seines Lebens herausgerissen und überwältigenden Gefühlen, seien es die des Verlustes der sozialen Stellung oder eines Menschen, Naturkatastrophen oder der Liebe unterworfen. In vielfältigsten Formen versuchen Kerstin Hensels Gedichte diese extremen Lebenssituationen zu verstehen und damit der Eigenmacht der Gefühle etwas entgegenzusetzen.
Luchterhand Literaturverlag, Ankündigung
„Schleuderfigur“ heißt ein Spiel,
bei dem ein Mensch, von einem anderen gepackt, aus den Bahnen seines gewöhnlichen Daseins in eine Welt extremer Gefühle katapultiert wird. Dort geht es um Leben und Tod. Zugleich hält dieses Spiel eine weitere Dimension bereit: der Betroffene hat sich verwandelt. Außenstehende Mitspieler müssen seine Gestalt erraten und das, was er mit der neuen Existenz anfangen wird. Dadurch gewinnt er Kraft, diese zu bewältigen.
Die Auslöser von „Schleuderfiguren“ in Kerstin Hensels neuem Gedichtband sind unterschiedlichster Natur: Gesellschaftsverlust, unerhörte Begegnungen und Erinnerungen, Träume und Drogen krümmen die Lebenswege; geschichtliche, politische sowie künstlerische Eruptionen sind nicht aufzuhalten. Die größte Kraft in Kerstin Hensels Versen ist die Liebe. Das uralte Paar Liebe und Tod, Lebenslust und Endlichkeit, treibt sein Spiel. Und noch eine Kraft bricht sich darin Bahn: die der poetischen Sprache und Form. Sie bietet Schutz vor der Überwältigung durch Gefühle, vor der Empfindung: ihren vollkommen ausgeliefert zu sein.
Luchterhand Literaturverlag, Klappentext, 2016
Es schleudern Kind und Socke
„Dieser Text ist verschwunden.“
Wulf Segebrecht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.6.2016
Sperrig
„Mir wurde kein Gott gegeben / Mir wurden keine Messen gelesen…“: Die Berliner Schriftstellerin Kerstin Hensel (Jahrgang 1961) macht keinen Hehl daraus, dass sie mit dem Glaubensthema wenig am Hut hat. Gedichte und Lyrik kann auch ohne diesen Bezug wirken und durch Worte und Poesie den Weg ins Transzendente bahnen – dachte ich bislang. Die Gedichte Kerstin Hensels lassen mich hingegen traurig, trost- und ratlos zurück. Schleuderfigur hat sie ihr Buch genannt, anknüpfend an das Spiel, bei dem ein Kind sich vom anderen durch die Luft schleudern lässt. Gefühle wie Liebe und Trauer katapultieren die Menschen in eine Welt extremer Gefühle – und die würden Hensels Gedichte in Worte fassen und „Schutz vor der Überwältigung durch Gefühle, vor der Empfindung, ihnen vollkommen ausgeliefert zu sein, bieten“. So kündigt es der Klappentext des Buches an. Die Gedichte sind sperrig; wie sich die Qualität lyrischer Texte bemessen lässt, ist mir nicht bekannt, in Theologenkreisen pflegt man zu sagen: Das ist Schwarzbrot, daran muss man lange kauen. Ja, beim Kauen öffnen sich manche Dimensionen, von der Liebe schreibt Hensel und vom Tod. Manchmal kommt sie um das Glaubensthema doch nicht herum, zum Beispiel in einem Nachruf:
Vielleicht doch dass wir uns wiedersehen
Ungläubig glaubend
den Himmel wo
Das Versäumte leichtflüglig vergessen wird
Je länger das Kauen, um so mehr Tiefe zeigt sich. Ein Text heißt „Gebetsriemen“, litaneiartig führt Hensel von phrasenhafter Frömmigkeit zur karikierten Gaga-Version des Glaubens, „hatschi und dschihad und heilheil“. Hin und wieder gelingen Hensel schöne literarische Stillleben, zum Beispiel in „Bescherung“:
Über dem Herd hängen
Die betenden Hände Der Großmutter
rieselt Salz aus den Augen
Und hin und wieder schleicht sich doch ein Lichtschein in die Welt der Hensel-Gedichte, dann „blinzelt“ der Tod durch die Dämmerung und das „lustlose Geflacker vor naheliegendem Horizont“. Hensels Gedicht haben mich bereichert, aber nicht berührt.
holy262, amazon.de, 20.5.2016
Kerstin Hensel spielt in ihren neuen Gedichten „Schleuderfigur“
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Monika Vasik: ruckediguck
fixpoetry.com, 23.6.2016
Kai Agthe: „Von der frechsten Muse geküsst“
Mitteldeutsche Zeitung, 12./13. 3. 2016
Werner Jung: Spiel und Anspielung
neues deutschland, 16.–20. 3. 2016
XYZ – Im Alphabet der Generationen (I) – Mit Kerstin Hensel, Peter Neumann im Literarischen Colloquium Berlin am 15.3.2023
Gespräch mit Kerstin Hensel 1994
Cécile Millot: Ich wollte als erstes die Frage stellen, ob sich an Ihrem Schreiben seit der Wende etwas geändert hat.
Kerstin Hensel: Es ändert sich immer etwas in Bezug aufs Schreiben, ob mit oder ohne Wende, unabhängig von alltagspolitischen Ereignissen. Kein Mensch bleibt derselbe. Die Frage zielt ja darauf; ob es etwas Einschneidendes gab, das mein Schreiben verändert hat. Nein! Ich schreibe mit der gleichen Haltung weiter, mit der ich vorher auch geschrieben habe. Was sich geändert hat, ist vielleicht, daß sich mein Stil gefestigt hat, daß ich in bestimmten Dingen sicherer bin, in anderen wieder unsicherer. Das sind normale Prozesse.
Millot: Das sind biographische Entwicklungen…
Hensel: Persönlichkeitsentwicklungen.
Millot: Gibt es andere historische, politische Ereignisse, die für Sie ein Einschnitt waren?
Hensel: Na, ich glaube nach dreißig oder dreiunddreißig Jahren von historischen Ereignissen zu sprechen, ist verfrüht. Was ein historisches Ereignis ist, werden die, die nach uns kommen, feststellen. Noch handelt es sich um politische, nicht um historische Ereignisse. Auf mein Schreiben hin bezogen, spielt Politik keine große Rolle, Geschichte sehr wohl. Was mich interessiert, ist der Zusammenhang zwischen Alltag und Geschichte. Da spielt die faschistische und vorangegangene Zeit eine größere Rolle als das, was aktuell passiert.
Millot: Auch als das, was Sie persönlich erlebt haben?
Hensel: Persönliches Erleben kann man nicht ausklammern. Das geht generell nicht. Aber mein Interesse gilt nicht ausschließlich persönlichen Ereignissen.
Millot: Kommen wir bitte auf die Sprachproblematik: Können Sie auf diesem Gebiet eine Entwicklung bei sich feststellen? Abgesehen von dieser größeren „Selbstsicherheit“?
Hensel: Meine Sprache ist keine andere geworden, weil ich mich nicht an Modeerscheinungen der Alltags- oder Mediensprache orientiere. Die interessiert mich höchstens als Phänomen, zu dem ich mich kritisch verhalte. Man verhält sich ja, wenn man Gedichte, also Verse schreibt, stets kritisch zur jeweils herrschenden Alltagssprache. Auch das hat wenig zu tun mit aktuell politischen Verhältnissen, in denen ich lebe.
Millot: Sind Sie der Meinung, daß die Sprache der Öffentlichkeit oder des Privatlebens sich geändert hat?
Hensel: Sprache befindet sich immer und überall in Veränderung. Aus A wird zwar nicht Z, aber die Sprache ändert sich, weil sie Einflüssen von außen unterliegt. Wo wir in der DDR noch Kosmonaut gesagt haben, sagt man jetzt Astronaut; aus dem Broiler ist das Brathähnchen geworden, usw. Es ist für mich kaum von Wichtigkeit, was der Alltag an neuen, schnell verfallenden Sprachschöpfungen gebiert.
Millot: Hat sich im Ton der Gedichte, die Sie schreiben, etwas geändert? Steckt darin zum Beispiel mehr Ironie als vor der Wende oder weniger?
Hensel: Ich nehme es an. Ich bin anders geworden, erwachsener. Natürlich habe ich nicht mehr den Ton, den ich mit neunzehn hatte. Aber auch das hat mit nichts anderem zu tun als mit dem Alter. Man schreibt anders mit dreißig als mit neunzehn. Das ist logisch. Insofern hat sich in meinem Ton etwas geändert. Aber was, das müssen Germanisten herausfinden. Die Frage nach der Ironie kann ich selber nicht beantworten, weil ich meine Gedichte nicht lese, um zu prüfen, wohin sie sich entwickelt haben. Das müssen andere Leute tun. Ich staune immer wieder, was Wissenschaftler alles feststellen. Einer hat mir kürzlich gesagt, daß ich sehr viel böser und bissiger geworden bin. Das mag schon sein.
Millot: Sie meinen also, es ist eine persönliche Entwicklung und hat nichts mit der Wende oder mit den politischen Entwicklungen zu tun?
Hensel: Jeder Mensch, auch ich, lebt in einer Zeit. Dieser entwickelt sich mit ihr oder gegen sie. Wäre die deutsche Geschichte anders verlaufen, hätte ich mich dementsprechend „verändert“. Aber das „Anders“ ist ja keine komplette Umstülpung aller Gegebenheiten. Es ist ein Verhalten zu dem, was passiert. Genauso verhält es sich mit der Sprache.
Millot: Zu DDR-Zeiten hat sich die Lyrik oft als eine Alternative zur offiziellen Sprache oder als ein „Anders-Sprechen“ verstanden. Hat die Tatsache, daß jetzt die Außenwelt, gegen welche man schreibt oder abseits von welcher man schreibt, eine andere geworden ist, auch nichts geändert?
Hensel: Nein. Ob in der DDR, in Westdeutschland oder sonst wo auf der Welt – überall war und ist Dichtung ein anderes als das offizielle Sprechen. Hat sie Substanz, richtet sie sich dagegen. Heute kann man immer noch „dagegen“ sein. Der gegenwärtige Zustand ist ja nicht das, was ich mir erträumt habe. Wobei man, denke ich, dieses Dagegen nicht pauschalisieren darf. Widersprechen allein macht noch kein Gedicht. Dichten ist mehr als powern gegen eine Gesellschaft. Anderenfalls wäre es Propagandalyrik.
Millot: Verstehen Sie Ihre Lyrik als politisch? Verstehen Sie Ihr Schreiben als etwas Politisches?
Hensel: Literatur, die ich meine, ist generell politisch. Jeder Autor muß sich in der Gesellschaft, in der er lebt, verhalten. Selbst der größte Kitsch kann politisch sein, weil er gegen etwas geht, vielleicht gegen Gewalt, Aggression, gegen Brutales und Böses, alles was der Weltzustand bietet, da ist Kitsch eine Alternative, wenn auch nicht meine. Man darf den Begriff politisch nicht nur im Sinne von Tagespolitlk sehen.
Millot: Sie schreiben auf eine sehr persönliche Weise. Ein Ich ist anwesend. Wenn man Ihre Gedichte liest, hat man das Gefühl, daß viel vom eigenen Leben drin steckt. Daß eine Frau schreibt, steht offenbar im Mittelpunkt.
Hensel: Ja, ich weiß nicht. Ich denke, daß das lyrische Ich nie mit dem Autoren-Ich kongruent ist. Das Ich meint nicht meine Privatperson, es kann genauso gut ein Rollengedicht sein. Ich schreibe, ob in Lyrik oder Prosa, kaum von meinem ganz privaten Leben, obwohl das stets mit reinspielt. Was die Frage mit der „schreibenden Frau“ anbelangt, darüber reflektiere ich in Bezug zu meiner Arbeit nicht, es bringt mich nicht weiter. Stilleben mit Zukunft1 beinhaltet Gedichte, die ich mit neunzehn geschrieben habe. Da liegen über zehn Jahre dazwischen; und da hat sich mein Schreiben, glaube ich, doch gewandelt. Zu vielen Gedichten habe ich keinen Bezug mehr. Da ist eben ein großer Sprung gemacht. Was ich jetzt schreibe, auch mein letzter Gedichtband, hat mit den frühen Gedichten nicht mehr viel zu tun.
Millot: Gibt es bestimmte Gedichte, die Sie als Ihre Wendegedichte charakterisieren würden? Vom Thematischen her oder vom Stil her?
Hensel: Es gibt Gedichte, die mit den Zeitereignissen zu tun haben. Wobei ich das Wort „Wende“ oder überhaupt dieses Ereignis nicht erwähne. Niemals. Es gibt Gedichte, die in dieser Zeit entstanden sind, mit bestimmten Einsichten und Erfahrungen zu tun haben. Ich würde nicht sagen, das sind Wendegedichte. Sie sind einfach in dieser Zeit entstanden. Ich würde den Begriff „Wendegedichte“ nicht gebrauchen, weil der Begriff „Wende“ sehr diffus ist. Es hat sich ja nichts gewendet in dem Sinne, sondern es ist etwas regressiv, anders geworden. „Wende“ suggeriert, daß man die Seiten bloß umzudrehen brauchte. Zudem ist der Begriff inflationär und, wie gesagt, ungenau, aber einen besseren Begriff habe ich dafür auch nicht.
Millot: Ein Einschnitt ist es doch für die meisten Leute gewesen?
Hensel: Ein Einschnitt ist es gewesen. Aber jeder verkraftet ihn anders. Jeder hat andere Wünsche und Bedürfnisse. Ich habe zum Beispiel nicht das Bedürfnis, das die Masse der Leute hat, z.B. das nach rauschendem Konsum. Ich habe auch einen anderen Begriff von Freiheit, viele meiner Freunde ebenfalls. Insofern kann man nicht von allen reden, nur über sich selbst oder eine Gruppe gleichgesinnt Denkender. Da muß man, um genau zu sein, weit ausholen. Was es für sich und was es gegen sich hat. Das kann ich in der Kürze der Zeit nicht. Ich will nur sagen, daß ich nicht todunglücklich bin, aber auch nicht an die Decke springe vor Begeisterung, daß es jetzt ist, wie es ist.
Millot: Hat sich an Ihrem Leben als Schriftsteller etwas geändert? An den Arbeitsbedingungen als Lyrikerin zum Beispiel?
Hensel: Nein, ich bin ja nicht ausschließlich Lyrikerin. Lyrik ist eine Nebenstrecke, die ich fahre. Ich verdiene mein Brot als Dozentin an einer Theaterhochschule2, bin also den größten Teil meiner Zeit in Berlin. Den Rest arbeite ich sozusagen für die Literatur, derzeit überwiegend in den Genres Prosa und Dramatik. Ich habe, als ich jünger war, mehr Gedichte geschrieben.
Millot: Wissen Sie, wann Sie lieber ein Gedicht und wann Sie lieber einen Prosatext schreiben? Entspricht das einer besonderen Situation?
Hensel: Prosa erfordert eine andere Art Arbeit als die Dichtkunst. Bei der Prosa braucht man mehr Sitzfleisch, ich jedenfalls. Da muß man rangehen können, wann immer man Zeit hat. Während bei Gedichten die poetische Idee, der Musenkuß, das Ausschlaggebende ist. In der Prosa wird gebaut und nach Arbeitsplan geschrieben. Da geht es weniger um spontane Eingebung.
Millot: Der Musenkuß, wann kommt der vor? Ich verfolge meine Idee weiter. Schreiben Sie aus einem politischen Anlaß? Und wenn, schreiben Sie dann mehr politische Prosatexte oder mehr politische Lyrik?
Hensel: Ich schreibe meistens, weil ich dazu Lust habe. Also selten aus einem Anlaß. Prosa ist, wie gesagt, mehr ein Großraumprojekt, das ich lange vorbereite und an das ich länger schreibe, logischerweise. Das hat damit zu tun, weil ich gerne Geschichten erfinde. Die Betonung liegt auf Erfinden. Das macht mir Spaß. Gedichte entstehen aus innerem Anlaß oder aus einer Momentanidee, Gedichte sind mehr als Prosa gegenwärtig.
Millot: Die sprachkritische Komponente scheint mir bei Ihnen nicht so zentral zu sein.
Hensel: Sie ist sicher nicht so zentral wie bei anderen, die Sprachkritik als formales Programm betreiben. Es gibt vereinzelt Gedichte, wo ich à la Jandl etwas probiere, aber das bleibt am Rande… Das können andere Autoren besser, Papenfuß oder Häfner. Sprachkritik müßte erst einmal definiert werden. Ich bin der Meinung, Sprachkritik ist alles, was ein Poet schreibt, bloß anders als diejenigen, die syntaktische Spiele betreiben, die ich, wenn sie gut sind, freilich mag. Doch wenn ich schreibe, ist das Kritik an öffentlicher Sprache. Jede Literatur sollte das sein.
Millot: Heute ist der Gegenstand der Kritik ein anderer geworden, Ihre Kritik aber nicht?
Hensel: Nein. So anders ist der Gegenstand nun auch wieder nicht geworden, weil die Menschheit sich ja nicht zum Guten und Schönen gewandelt hat. Im Gegenteil, viele Widrigkeiten treten jetzt erst richtig zu Tage. Umgedreht natürlich auch. Die neue Zeit bietet viele Vorzüge. Aber die Deutschen sind Deutsche geblieben, das merkt man an jeder Ecke.
Millot: Sie setzen sich aber mit der nationalen Frage, eben mit der Wiedervereinigung oder mit der Einigung Deutschlands nicht auseinander.
Hensel: Es tangiert mich natürlich, weil ich betroffen bin. Aber wenn Sie meinen, daß ich in einer Partei politisch aktiv bin, dann nein. In meinen belletristischen Texten stelle ich die Fragen nur in vermittelter Form. Sie sind Teil des Textes, den Figuren immanent.
Millot: Hat sich die Beziehung zum Publikum für Sie geändert? In Lesungen zum Beispiel, wo Sie mit Ihrer Leserschaft in Kontakt kommen. Wissen Sie, ob Sie von denselben Leuten gelesen werden wie früher?
Hensel: Darauf ist schwer zu antworten, weil man die Leser in der Regel nicht kennt. Ich habe keine Ahnung, wer meine Gedichte liest. Man kriegt selten ein Feedback. Auf Lesungen mache ich unterschiedliche Erfahrungen. Zum Beispiel ist es ein Unterschied, ob ich im Westen oder im Osten lese. Ich – andere Autoren auch – werden derzeit fast nur in Westdeutschland zu Lesungen eingeladen, weil Veranstalter in Ostdeutschland dafür kein Geld oder kein Interesse mehr haben. Ab und zu gibt es eine Buchvorstellung in Dresden oder Leipzig. Deswegen lese ich eben in Bayern oder Schleswig-Holstein. Aber auch da sind die Reaktionen unterschiedlich, so daß ich kaum etwas Allgemeingültiges sagen kann. Entweder gibt es Interesse und Verständnis für meine Literatur, oder das Gegenteil ist der Fall. Das ist normal. Das war früher nicht anders.
Millot: Hatten Sie zu DDR-Zeiten kein anderes Verhältnis zu den Leuten? Waren die Lesungen nicht anders?
Hensel: Ich kann das nicht feststellen. Es geht sicher Autoren anders, die von vornherein ein Massenpublikum bedienen oder bedient haben. Aber da ich nicht drunter zähle und deswegen keine Massenreaktion kenne, gilt es nicht für mich. Es kommt immer auf die Leute an, und auf mich natürlich.
Millot: Haben Sie zu DDR-Zeiten öffentlich gelesen?
Hensel: Ja. In Privatwohnungen selten, also wie das hier im Prenzlauer Berg üblich war. Da ich nie einer Gruppe angehörte, kamen Wohnungslesungen nur selten vor. Ich habe meistens in einer kleinen Öffentlichkeit gelesen. Ich war noch sehr jung in der DDR und kein populärer Schriftsteller, deswegen kann ich nicht vergleichen. Ich habe relativ wenige Lesungen bestritten, tue es auch jetzt, im Vergleich zu anderen, die große Lesereisen machen, nicht. Meine Freizeit ist beschränkt, da ich an die Hochschule gebunden bin. Hinzu kommt, daß ich kaum Rückmeldung erhalte. Vom Buchverkauf kann man nicht ausgehen, weil der in der DDR nicht üppig war und jetzt noch geringer ist. Die Leser melden sich in der Regel nicht beim Autor. Da kann ich wirklich wenig sagen.
Millot: Haben Sie den Eindruck, daß jetzt im Schreiben und in den Texten das Private, das Persönliche einen größeren Platz findet?
Hensel: Das kommt auf jeden selber an. Bei mir hat rein Privates in den Texten nichts zu suchen. Ich mache einen Unterschied zwischen privat und persönlich. Privat ist, was die Öffentlichkeit nichts angeht, persönlich ist, was ich von verallgemeinerter Erfahrung, die in irgendeiner Weise durch mich gegangen ist, die ich kenne, der ich nicht fremd bin, die aber interessiert, mitteile. Wie ich lebe, wissen nur meine Freunde und Familie, nicht mein Publikum. Das Persönliche muß seinen Platz in der Literatur haben. Autoren sind ja keine Schreib-Maschinen, sondern Menschen.
Millot: Und wenn die gesellschaftlichen Beziehungen dieser Menschen sich geändert haben, erscheint in den Texten nichts davon?
Hensel: Nicht daß ich wüßte. Vielleicht findet man etwas bei mir, wenn man genau liest. An meinen Texten wird der Leser nur schwer etwas über mein Privates herausfinden.
Millot: Sie haben vorher gesagt, daß Sie immer weniger Lyrik schreiben. War die Lyrik in der DDR beliebter als jetzt?
Hensel: Wie das kommt, kann ich Ihnen nicht genau sagen. Ich habe einfach mehr Freude an der Prosa. Was die Beliebtheit der Lyrik in der DDR angeht, haben Sie Recht. Es gab ja richtige Lyrikwellen in den ’70er Jahren, wo gute anspruchsvolle Lyrik vor großem Publikum vorgetragen und diskutiert wurde. Die Zeiten sind vorbei. Und das ist bedauerlich.
Millot: Es ist auch so, daß ich Ihnen Fragen stelle, die eine andere Generation betreffen. Ich bitte Sie immer wieder darum, zu vergleichen, obwohl die Zeit, mit der Sie zu vergleichen hätten, in Ihrem Leben nicht lang, oder nicht charakteristisch war, denn Sie waren noch sehr jung.
Hensel: Ich bin in der DDR geboren und aufgewachsen. Der Grundstein meines Lebens ist in der DDR gelegt worden. Das wird in meinen Geschichten bis ins hohe Alter ablesbar bleiben, nehme ich an. Das waren in meinem Leben die wichtigsten Jahre. Die ersten ernstzunehmenden Texte sind mit circa neunzehn entstanden, vorher irgendwelche Nichtigkeiten… Ich gucke da lieber gar nicht mehr ’rein, obwohl ich dazu stehe, daß jeder Text ein Zeitzeugnis ist.
Millot: Haben sich Ihre Themen geändert?
Hensel: Nein, das hatte ich bereits gesagt. Ich meine, ein Thema hat sich auch in der DDR immer gewandelt. Jeder, der ernsthaft schreibt, hat sein Thema, also das, was er stets wieder in Varianten und Umbrüchen behandelt. Verlangen Sie jetzt nicht, daß ich Ihnen mein Thema nenne, weil ich es selber nicht genau bestimmen kann. Ich habe mich für fast alles interessiert. Das muß man tun, sonst hat Schreiben keinen Sinn. Ich denke an jene DDR-Autoren, die heute beklagen, daß ihnen nun das Lebensthema fehlt. Da kann ich nur vermuten: sie hatten auch vor dem Mauerfall kein wirkliches Thema. Wenn man sein Schreiben abhängig macht von Staatsmacht, ist es für meine Begriffe zum Scheitern verurteilt. Es gibt diese Art von Schreiben, die dann aber schnell auf die Schnauze fliegt, wenn sich plötzlich die Macht ändert. Daß sich dauernd alles ändert, das hat die Weltgeschichte genügend bewiesen. Viele in der DDR gingen davon aus, daß dieses System auf Dauer hält. Alle haben geschimpft und trotzdem gedacht: das bleibt noch hundert Jahre. Viele waren nicht gewohnt mit veränderten Bedingungen fertig zu werden. Wobei ich denke, je älter man wird, desto schwerer fällt es einem. So ist es, und das hat nichts mit Geschichte oder Politik zu tun. Manche Menschen trifft es härter als mich. Das sehe ich durchaus.
Millot: In der DDR waren die Lyriker diejenigen, die doch einiges sagten, was man anderswo nicht sagen konnte. Dieser Status ist jetzt weg.
Hensel: Man hatte in der DDR als Schriftsteller in gewisser Weise Narrenfreiheit. Andererseits wurde sehr genau gehört, was man von sich gibt. Es gab verschiedene Arten von Menschen und auch einen Unterschied zwischen Großstadt und Provinz. In Berlin konnte man eher Subversives äußern als in Angermünde oder Greiz. Das war sehr kompliziert. Aber man mußte ja gar nicht alles Mögliche literarisch sagen. Manchmal hatte die Literatur, allen voran das Theater, Ersatzfunktionen, z.B. Geschichtswissen nachzuholen oder politische Aufklärung zu betreiben. Das war direkte Lehrkommunikation, leider literarisch nicht immer qualitätsvoll. Es wäre gut, wenn die Literatur wieder auf literarisches Niveau käme. Das tut sie in der Regel nicht, weil man behauptet, Literatur hätte eine andere Funktion. Keiner weiß so richtig, was das Andere ist. Zu DDR-Zeiten konnte man alles schreiben, aber nicht alles veröffentlichen. Schreiben vermochte ich immer. Wer sich selbst zensiert, wer gesagt hat, ich kann das nicht zu Papier bringen, weil ich das nicht sagen darf weil ich da hinter die Löffel kriege, der war für mich kein guter Schriftsteller. Weil man mit Selbstzensur eben nicht frei ist. Da entsteht nur Pfusch. Die Haltung, alles zu sagen, was ich sagen will, muß man eben durchziehen, das Risiko eingehen. Kann man das nicht, sollte man das Schreiben lassen.
Millot: Ging das wirklich?
Hensel: Es ging, na klar. Bei mir war das Veröffentlichen allerdings nicht mit so groben Eingriffen verbunden, wie das bei anderen der Fall war. Es gab Autoren, die durften in den ’70er Jahren oder in den ’60ern vieles nicht verlegen. Heiner Müller, der zehn Jahre lang keinen Satz veröffentlichen durfte, ist ein Beispiel. Andere traf das auch, aber ab Mitte der ’80er war das nicht mehr so extrem. Ich durfte veröffentlichen, wenn auch nicht komplikationslos. Ich gräme mich nicht sehr über das, was nicht durchkam, weil ich auch dankbar bin, daß man nicht alles veröffentlicht hat. Vieles war literarisch mangelhaft. Heute kann ich, wenn ich Geld habe, alles selber drucken lassen. Die großen Verlage veröffentlichen nicht alles. Das ist ein Unterschied.
Millot: Haben Sie den Eindruck, daß Sie vor diesem DDR-Hintergrund über die Wirklichkeit in der neuen Bundesrepublik anders schreiben als jemand, der in Köln oder Westberlin aufgewachsen wäre?
Hensel: Sicher. Ich nehme an, weil Kindheit und Jugend wichtig sind, unsere Sichtweise auf die Dinge prägen. Einer aus Wuppertal wird eine völlig andere Sicht auf die Dinge haben, als ich. Wenn wir beide, der aus Wuppertal und ich, in ein und demselben Biotop leben, wird der aus Wuppertal anders sehen und schreiben als ich. Es ist einfach so. Im Prinzip weiß ich, was mich mit Autoren aus der DDR verbindet und mit Autoren aus Wuppertal eben nicht. Es läßt sich schwer erklären. Es gibt für meine Generation, besser: für mich, schon Unterschiede, und bereits die zehn Jahre Jüngeren werden die Unterschiede nicht mehr so erleben wie ich, zwanzig Jahre Jüngere gleich gar nicht. Es hat in der Tat etwas mit dem Blick, dem dialektischen Denken zu tun oder mit dem Durchschauen einer Sache, die bei uns anders funktioniert als im Westen. Vor kurzem gab es eine Reihe mit west- und ostdeutschen Schriftsteller-Paaren; daraus schöpfe ich, was ich jetzt sage. Ich habe festgestellt, daß in der jüngeren westdeutschen Literatur das private Leben eine dominierende Rolle spielt. Und daß vieles in Prosa wie Lyrik, von dem, was der Autor ausschließlich selbst erlebt hat, handelt. Das war in der DDR anders. Na, nicht völlig, aber da spielte das Interesse an Gesellschaft, am Großen und Ganzen, auch Lust und Lustigkeit eine größere Rolle, als in der neueren westdeutschen Literatur. Ich neige dazu, zu verallgemeinern. Jetzt werden gleich einige Einspruch erheben und sagen: „Bei mir ist das nicht so.“ Aber ich denke, ich kann das behaupten, weil ich jetzt einen Einblick habe. Es gibt noch andere Komponenten, aber das führt zu weit, würde ich alles im Einzelnen aufschlüsseln. Die private Sicht im Westen und die gesellschaftliche im Osten, das ist ein Unterschied. Der wird noch eine Weile andauern. Ich denke, daß Ostautoren auch sinnlicher schreiben als Westautoren. Das hängt mit dieser Sicht zusammen, und weil sie Geschichten erzählen können. Viele Westautoren berichten davon, daß sie die ganze Welt bereist haben, aber es entstehen keine Geschichten. Sie können überall Stationen festmachen: da und da bin ich gewesen; das und das habe ich gesehen. Das war’s dann. Es ist vielleicht ein Beweis dafür, daß man nicht die Welt bereist haben muß, um gut schreiben zu können.
Millot: Hat das etwas mit Dekadenz zu tun oder damit, daß die Westdeutschen eine dekadentere Weltsicht haben?
Hensel: Was heißt dekadent? Vielleicht sind einige Westautoren ein bissel lebensmüder, gelangweilter oder uninteressierter an dem, was vorgeht. Das betrifft auch Leute, die nicht schreiben. Langeweile spielt eine große Rolle. Viele schreiben aus Langeweile, weil sie sich selber überdrüssig geworden sind. Oder weil sie während des Germanistikstudiums denken: „Schreiben? Kann ich auch!“ Da gibt es viele Beispiele. Aus Überdruß schreiben ist was anderes, als wenn man aus Lust oder einem anderen starken Gefühl heraus sich äußert. Ich habe nur die Feststellung gemacht, daß es in Ost und West unterschiedliche Impulse gibt.
Millot: Das merkt man an vielen Biographien, daß Leute, die in der DDR Schriftsteller geworden sind, keine Germanistikstudenten waren oder daß sie wirklich aus einem völlig anderen Beruf zum Schreiben gekommen sind.
Hensel: So ist es. Das ist eine wichtige Tatsache. Schauen Sie sich die Biographien an. In meiner literarischen Gesprächsreihe, die ich im Brechthaus veranstaltet habe, waren die Westdeutschen zu 90 Prozent ehemalige Germanistik- oder Romanistikstudenten. Arbeiter oder Ingenieure gab es keinen unter ihnen. Einen Beruf hat auch kaum einer. In der DDR hingegen gab es keine Schriftsteller und Künstler ohne vorherige Ausbildung in einem literaturfernen Gebiet. Einmal die Nase richtig ins Leben reingesteckt – das macht fürs Schreiben ungeheuer viel aus. Aber wir haben die Nase nicht nur ins Leben gesteckt, auch in die Literatur und das oft intensiver als manch Germanistikstudent. Mitunter wußte ein Gärtner oder eine Zahntechnikerin mehr über literarische Geheimnisse, als ein Literaturwissenschaftler, weil sie das Wissen viel begieriger aufgesogen haben als entsprechende Studenten.
Millot: Haben sich die DDR-Schriftsteller mehr in die Politik eingemischt als die westdeutschen in derselben Generation?
Hensel: Möglich. Wobei – die ’68er-Bewegung war hochpolitisch, was sich auch in der westdeutschen Literatur widerspiegelt. Ich habe bei meiner Generation als Grundgefühl festgestellt: die ’68er haben versagt, und wir haben nichts mehr zu sagen. Das ist eine Grundtendenz. Während die ’68er in der DDR nur eine geringe Rolle spielten. Da gab es ein anderes Verständnis für Widerstand, nicht so eine Abkotzhaltung: wir haben sowieso nichts mehr zu sagen, und nach uns kommt nur noch lauer Wind. So etwas spürte man bei älteren DDR-Autoren kaum, bei jüngeren, in der Subkultur tätigen, freilich schon. Die DDR war eben kein abgekapseltes Gebilde in der Weltgeschichte – man muß die Ideen, Phänomene und letztlich das Scheitern des Sozialismus aus der Geschichte heraus verstehen.
Millot: Das haben die jungen Leute in der DDR gelernt?
Hensel: Die, die kreativ im Kopf waren. Die meisten haben es nicht begriffen. Es ist eine Frage, wie man selber damit umgeht, was man gelehrt bekommt und wie man sich weiterbildet. Es ist nicht nur der Staat, der einen Menschen formt. Das meiste muß man sich selber beibringen. Das hat jeder vom anderen gelernt, man hat subversive Literatur gelesen und diese weitergereicht. Auch Weltliteratur, Philosophisches, Klassik. Daraus konnte man viel lernen. Denken kommt nicht aus dem Nichts.
Millot: Können wir auf Ihre Lyrik zurückkommen? Besonders poetisch an Ihren lyrischen Texten wären vielleicht die Bilder.
Hensel: Ich verwende oft komplexere Metaphern. Andere Lyriker gehen von anderen Funktionen der Poesie aus. Entweder sie schreiben eindimensional, simpel, oder dekonstruieren Sprache und Syntax. Beides mache ich nicht. Ich hinterfrage eher klischierte Denkbilder. Ich habe Essays geschrieben, und in meiner Prosa gibt es Parodien auf klassische Vorbilder. Ich bin, glaube ich, eine der wenigen Jungen, die sich mit Klassikern beschäftigen. Alleine schon durch meinen Beruf an der Schauspielschule. Das ist mein Lehrgebiet. Was einige meiner Gedichte betrifft, da begebe ich mich durchaus in alte Tradition, oftmals aber parodistisch. Was heißt Wiederbelebung von alten Formen? Man sollte die wichtigsten kennen. Man muß sie nicht verwenden, aber damit umgehen können: Blankverse oder Hexameter schreiben, oder wissen, wie ein Alexandriner gebaut ist. Das ist Handwerk. Wenn ein Text einen bestimmten Vers erfordert, muß man ihn beherrschen. Manche Sachen wollen in einer bestimmten Struktur, einer bestimmten metrischen Form ausgedrückt werden. Für mich gilt das jedenfalls. Die wildesten Zerstörer sind meistens die, welche die Form gar nicht kennen, sich als Randalierer aufspielen, aber gar nicht wissen, was sie zerstören.
Millot: Ich denke an Karl Mickel, der auch oft diese alten Formen verwendet hat. Wissen Sie, ob in dieser Pflege oder Nicht-Pflege der tradierten Formen zwischen DDR-Autoren und Westautoren ein Unterschied besteht?
Hensel: Das weiß ich deshalb, weil Karl Mickel eine ähnliche Gesprächsreihe wie ich mit jüngeren Autoren mit seiner Generation veranstaltet hat. Das Fazit lautete: die Tradition nach 1945 ging in zwei Richtungen. Die westdeutsche Richtung war, ich sage es grob und verallgemeinernd: die Verweigerung tradierter Formen. Bis auf Ausnahmen, wie Enzensberger oder Rühmkorf die sich sehr mit Tradition beschäftigt haben, auch indem sie sie parodierten. Die andere Richtung war Günter Eich, Karl Krolow, Erich Fried, die diese Formen als pathetisch und überholt ablehnten. Sie schreiben kaum mehr Verse, sondern zerstückelte Prosa. In der DDR ging das bei einer bedeutenden Gruppe von Dichtern in die Richtung einer mitunter klassizistischen Pflege von Tradition. Da hat sich Ost und West sehr weit auseinander entwickelt. Unter den westlichen Autoren meines Alters beschäftigen sich wenige mit überkommenen Formen. Ich habe selten etwas in dieser Richtung gelesen, wobei es ab und zu mal jemanden gibt, der ein Sonett schreibt. Und wenn, ist das dem Germanistikstudium geschuldet. Aber auch unter den Jüngeren DDR-Lyrikern bin ich eine Ausnahme. Ich habe viel mit der Müller-Mickel-Braun-Generation zu tun. Einige von ihnen sind Teil meines Freundeskreises – ich bin das Küken, das sie aufziehen.
Gespräch mit Kerstin Hensel 13. August 2009
Sibylle Goepper: Vor fünfzehn Jahren hatten Sie einige Schwierigkeiten mit dem Begriff „Wende“. Sie meinten, er sei zu diffus, sein Gebrauch sei inflationär. Sie hatten aber kein ein anderes Wort parat. Ist Ihnen inzwischen etwas Besseres eingefallen oder sind Sie irgendwie mit diesem Begriff versöhnt?
Kerstin Hensel: Der Begriff ist nach wie vor diffus, da sich ja nichts von einer Seite zur anderen gewendet hat. Für ein vielschichtiges politisches Ereignis eine Formel, einen Begriff zu finden, ist immer riskant. Auf der anderen Seite kann sich natürlich jeder etwas darunter vorstellen, zumindest wir, die wir hier lebten, und die diese Zeit mitgemacht haben, können das. Ich bin mit dem Begriff versöhnt. Ich gebrauche ihn zwar nicht gerne, aber was könnte ich stattdessen sagen? Mir fällt nichts Besseres ein.
Goepper: Mir ist diesen Sommer aufgefallen, dass sehr oft von „friedlicher Revolution“ gesprochen wird.
Hensel: Das ist noch ungenauer. Der Begriff „Revolution“ ist von der Geschichte geprägt. Er kommt mir nicht leicht über die Lippen. Ich habe über das Thema „Wende“ in letzter Zeit viel nachgedacht, eben weil es zwanzig Jahre her ist und mir einen Draufblick ermöglicht. Für mich war das alles – auch aus meiner jetzigen Sicht – ein gesetzmäßiger Vorgang. Ich habe, wie viele meiner Generation gewusst, dass es so kommen würde. Nicht auf den Tag genau, sondern man hat Anzeichen gesehen. Jeder, der Mitte bis Ende der ’80er-Jahre in der DDR einigermaßen durchblickte, konnte sehen, dass dieses sozialistische System weltweit an einem Punkt gelangt war, wo es nicht mehr funktioniert hat, wo es dem Untergang geweiht war, so dass jeder, der Geschichte reflektiert, wissen musste, dass dieses System seine Ursprungsidee einer besseren Gesellschaft nicht mehr länger tragen konnte. So war es auch – nur hat es mich nicht überrascht wie viele andere. Ich habe gesagt:
Es wird Zeit. Gottseidank.
Deswegen ist es für mich persönlich kein revolutionärer Akt eines ungeheuren aus dem Nichts kommenden Umsturzes gewesen, sondern ein gesetzmäßiges Hinübergehen in eine in der Tat umwerfende Zeit. Wenn ich nicht weiß, wohin etwas läuft, warum sollte ich in Euphorie verfallen? Euphorie war unangebracht für mich, weil ich meine Leute kannte – „meine Leute“ heißt in dem Fall den normalen DDR-Bürger, nicht den Freundeskreis der Künstler und Schriftsteller. Ich bin aufgewachsen unter Menschen, die nicht über den Begriff einer demokratischen Freiheit nachgedacht haben, die mit Freiheit etwas anderes meinten: Freiheit des Konsums, des Reisens, was alles nicht unwichtig ist. Der Mauerfall war für viele keine Revolution, kein Gang in Richtung „Jetzt will ich mitbestimmen im Staat, will regieren, will gesellschaftliche Veränderungen“.
Goepper: Hat die Wende für Sie persönlich keinen großen Einschnitt bedeutet?
Hensel: Nein. Das heißt nicht, dass sich nichts verändert hat, natürlich, aber es gibt viele Dinge im Leben, die Veränderungen hervorbringen. Wenn man sich neu verliebt, ist es eine große Veränderung, wenn jemand stirbt oder krank wird. Sämtliche Lebensturbulenzen bringen Neues mit sich. 1989/90 gab es für mich nichts, das mein Leben von Grund auf umgeworfen hätte. Meine Arbeitsweise ist insofern gleich geblieben, weil ich immer geschrieben, was ich gedacht habe und nach der Wende – nun sage ich es doch – habe ich nicht anders geschrieben als vorher. Verändert sich etwas, liegt es daran, dass man älter, reifer wird, dass sich in manchen Phasen ein neuer Stil vom alten löst – das geschieht nicht durch einen politischen Vorgang.
Goepper: Der Kontext, in dem Sie arbeiten, hat sich aber trotzdem geändert.
Hensel: Der Kontext, in dem ich arbeite, sind Geschichten von Menschen. Daran ändert sich nichts. Es ändern sich die Lebensläufe der Menschen, das beschreibe ich, aber mein Schreibkontext ist der gleiche geblieben. Geschichten gehen mitunter in andere Richtungen. Das hat mit meiner Art zu denken und zu schreiben, wenig zu tun. Die Wende ist ein geschichtliches Ereignis, weil zwanzig Jahre vergangen sind. Nun sage ich:
Das gehört zur deutschen Geschichte.
Ob man es das spannendste Ereignis nennen kann, weiß ich nicht, vielleicht war die Varusschlacht bedeutender. Wie wichtig die Wende für die Historie war, weiß man heute nicht. Ich denke nur darüber nach, wenn man mich fragt. leb habe natürlich das Bedürfnis über mein Leben, über das, was war, zu reflektieren. Da ist die Zeit der Maueröffnung ein Teil davon. Was davor liegt, ist für mich derzeit interessanter. Vor allem deswegen, weil es die Zeit meiner Kindheit betrifft, den Ort, an dem ich aufgewachsen bin, so wie jeder Mensch, egal, wo er aufwächst, seine Kindheit und Jugend reflektiert.
Goepper: Verstehen Sie Ihre Gedichte als „politisch“ im Sinne von „in die Gesellschaft eingebunden“?
Hensel: Jedes Gedicht ist politisch, d.h. in die Gesellschaft eingebunden. Selbst ein kleines Naturgedicht zeigt etwas, das über die Natur hinausgeht. Das ist, wenn man so will, selbstverständlich. Wobei ich selten alltagspolitische Ereignisse thematisiere, weil sie schnell vergänglich sind. Natürlich zeige ich in der Poesie eine Haltung, allerdings keine moralische oder belehrende. Schreibt man für Zeitungen, ist das ein anderes Genre, da muss man sich klar, eindeutig und informativ äußern. Gedichte leben, wie alle Kunstformen, mit Verschlüsselungen.
Goepper: In der DDR hatte die Lyrik oft die Rolle einer Gegensprache. Besteht diese Funktion heute weiter?
Hensel: Lyrik war stets in der Rolle einer Gegensprache. Seit Aufkommen der chiffrierten Sprache, ist sie Gegensprache gewesen, was nicht heißt, dass sie in jedem Punkt gegen die Gesellschaft gerichtet ist. Sie läuft anders als normale Sprache. Poetische Sprache spricht man nicht untereinander. Es werden Dinge ausgedrückt, wie man sie anders nicht sagen kann. Mit Metaphern, Symbolen, Bildern. Früher, als die meisten Menschen nicht lesen konnten, war die Metaphorik der Bilder weiter verbreitet als heute. Die Bibel drückt sich in Symbolen und Metaphern aus… „Dagegensein“ macht noch keine Kunst. Auch Hass macht keine Kunst. Sprachkritik oder Auflösung der Formsprache durch Wortspiele betreibe ich nur gelegentlich. Ich muss die Sprache nicht zertrümmern, nur wenn es unbedingt sein muss. Absolute Sprachzerstörung interessiert mich also eher selten. Doch sie gehört zum Genre, zum großen Feld der Dichtkunst, weil sie letztendlich auch Konventionen hinterfragt. Ich bin nur kein Spezialist, andere können das besser. Lyrik bedeutet heute alles Mögliche. Der Kunstbegriff ist so weit zerdehnt, dass man das Telefonbuch als Lyrik bezeichnen und behaupten kann:
Ich erstelle einfach Namenslisten, und das ist jetzt ein Gedicht.
Mit diesem weiten, d.h. zerweichten Begriff gehe ich nicht um. Es ist die poetische Idee, die mich treibt. Also wenn mich die Muse küsst. Die küsst nicht, wenn ich von etwas einfach nur die Schnauze voll habe. Wenn ich von etwas Politischem genervt bin, schreibe ich eine Zeitungsglosse oder einen Radiobeitrag, das sind die wirksamsten Formen dafür. Gedichte sind nicht, was ich suche, sondern was ich finde. Gedichte als durchlebte Ideen. Ich bin auch keine derjenigen Dichterinnen, die nur Sprache als Material benutzen. Meine Ideen kommen aus den Bereichen des Lebens und Denkens. Ich schreibe derzeit weniger Gedichte als Prosa. Das hat, glaube ich, mit meinem Brotberuf zu tun. Ich unterrichte angehende Schauspieler in Poetik. Gedichte sammeln sich bei mir im Laufe der Jahre an. Auch daran hat sich nichts geändert.
Goepper: Manche Lyriker sagen, das lyrische Ich sei bei ihnen im laufe der Zeit verschwunden. Geht es Ihnen auch so? Und heißt es automatisch, dass mehr Prosa geschrieben wird?
Hensel: Das glaube ich nicht. Einen Rückgang des lyrischen Ichs kann ich für mich nicht bestätigen. Das Gedicht ist die Form, in der man am häufigsten „ich“ sagt. Es ist die subjektivste Form der Literatur. Warum sollte es bei mir anders sein? Wobei das lyrische Ich nicht unbedingt der Autor/die Autorin sein muss. Geschichten erzählen ist etwas anderes als Gedichte schreiben. Außerdem: Nicht ich wähle die Form, die Form wählt mich. Der Stoff und die Idee sagen: Das bin ich, bzw. das will ich werden – ein Roman, ein Theaterstück, ein Gedicht oder Essay. Das befiehlt mir die Idee. Die Stoffe finden ihren Weg.
Goepper: Hat sich vielleicht etwas in anderer Hinsicht zwischen 1994 und heute in Ihren Gedichten geändert – im Ton z.B.? Sind Sie böser geworden oder vielleicht verträumter?
Hensel: Ich bin eine Märchenerzählerin. Manche alten Märchen handeln von brutalen Dingen, gemeinen oft auch. Aber ich bin eine Träumerin, da haben Sie völlig recht. Ich weiß nicht, ob Träumen mein großes Thema ist, sicher ist es eine Schreibmethode. Ich spinne, wie viele Autoren, einen träumerischen Faden. Woher der Faden kommt und wohin er läuft, das können Germanisten genauer feststellen, weil sie auf solche Fadensuche hin lesen. Diese Art von Erzählen ist, was ich vom Beginn des Schreibens bis ins hohe Alter, wenn ich es erreichen sollte, durchziehen will. Das betrifft auch mein Interesse an den Machtstrukturen einer Gesellschaft: Macht unter Menschen, Einsamkeit, verlorene Liebe, unerfüllte Sehnsüchte.
Goepper: Die Enden Ihrer Texte sind oft elliptisch oder abrupt. Was ist Ihre Absicht dabei?
Hensel: Das ist eine Sache, die in einer Erzählung wie „Vogelgreif“3 gut funktioniert. Wäre „Vogelgreif“ ein richtig dicker Roman, ausführlich, konventionell geschrieben, müsste man die Figuren zu einem Ende führen, während ich in einer Novelle, die mit Ungeheuerlichem spielt, den Faden fliegen lassen kann. Beim Lehrer Dörfler habe ich bewusst im Unklaren gelassen, warum er verhaftet wurde, aber es wird ziemlich eindeutig darauf hingewiesen: Der Lehrer feiert Weihnachten mit den Kindern, bewirtet sie über-väterlich und wird daraufhin verhaftet. Warum wird er verhaftet? Weil Leute aus dem Dorf über ihn reden, weil sie lästern:
Ja, der mit den Kindern, und wer weiß, was er mit denen macht.
Aufgrund dieses Gerüchtes wird er verhaftet. Das Gerüchthafte habe ich nicht noch einmal bekräftigt, weil sich jeder Leser bei solcher Beschreibung, ähnliche Fragen stellt:
Was macht der Lehrer da?
Man denkt Schreckliches. Es stimmt oder stimmt nicht – wer weiß das schon? lch bin kein Antwortgeber. Bei einem Film gefällt mir am besten, wenn er mit einem genialen assoziativen Bild aufhört. Ein guter Film zeigt auch nicht, wohin die Figur nach Filmende geht. Der Zuschauer ahnt es trotzdem, weil er eigene Erfahrungen mitbringt. Das ist ein ästhetisches Prinzip von vielen. Wenn das Ende ins absolute Nichts verläuft, ist es auch nicht das, was ich anstrebe. Ein Ende mit einem großen schönen oder erschreckenden Bild schon.
Goepper: Haben sich der Literaturbetrieb und die Produktionsbedingungen von Literatur innerhalb von zwanzig Jahren stark geändert?
Hensel: Ich kann nicht für alle sprechen, weil ich nicht finanziell vom Schreiben abhängig bin. Wie gesagt: Ich habe einen Brotberuf. Das wäre anders, müsste ich mich um Fördergelder, Stipendien bemühen. Das Unterrichten ist eine angenehme Belastung, eine rein zeitliche Last. Ich habe mir diesen Lehrberuf gewählt, deswegen bin ich auch damit zufrieden. Zudem muss ich mich nicht wie andere Kollegen in der Stipendienmaschinerie quälen. Ich käme in diesem Teil des Literaturbetriebes momentan auch gar nicht zum Zuge. Lesungen habe ich sehr selten, und wenn, sind sie meistens schlecht bezahlt. Für mich sind Hörspiele und Drehbücher weggebrochen, weil die Redakteure, mit denen ich zusammengearbeitet habe, in Pension gegangen oder die Sendeplätze nicht mehr vorhanden sind. Da hat sich in den Medien, die Geld bringen, für unsereinen vieles weggekürzt. Ich versuche zwar gelegentlich, einen Fuß da hineinzustellen – mitunter gelingt es. Ich fühle mich jedoch nicht unter Druck gesetzt. Ich bin kein Liebling des Literaturbetriebes, die Meisten meiner geschätzten Kollegen auch nicht. Und ich weiß, dass ich es gar nicht sein möchte, weil ich gerade Jüngere kenne, die unter dem Druck der Verlage arbeiten, d.h. des Bestsellerschreibens oder dem des „Skandal-Machens“. Darüber bin ich auch altersmäßig erhaben. Apropos Alter. Es gibt ein Alter zwischen vierzig und vielleicht bis sechzig, in dem zahlreiche Kollegen in ein Öffentlichkeitsloch fallen. Erst werden sie als junge Talente gehandelt, dann drängen jüngere nach, und wenn sie Glück haben, erfahren sie mit siebzig oder achtzig ein paar Revivalauflagen ihrer Werke. Dazwischen haben es viele schwer. Ich will nicht für mich klagen, wie gesagt, aber ich sehe es. Der Literaturbetrieb ist brutal geworden in der Forderung nach Verkaufbarem, nach Ware, das wissen Sie, das muss ich Ihnen nicht erklären, und er ist inzwischen in einem teilweise desolaten Zustand… Jetzt hat Ammann aufgehört, und davor hat Urs Engeler seinen Lyrikverlag aufgegeben. Da Autoren sich heute nicht zusammenschließen, um sich gegen das Marktgeschäft zu wehren, weil jeder auf sich bedacht und Konkurrent ist, haben die Verlage, die sich mit ihrer Bestsellermanie einen Namen machen, die Macht. Ich bedauere das. Früher, in DDR-Zeiten, auch in Westdeutschland, gab es diverse gleichgesinnte subversive Gruppen mit solidarischem Zusammenhalt.
Goepper: Glauben Sie, dass manche Autoren manchmal auf Lyrik verzichten, weil die Veröffentlichungsmöglichkeiten für dieses Genre nicht zahlreich genug sind, weil das Publikum nicht so breit ist wie z.B. bei Prosa?
Hensel: Verzichtet jemand darauf, etwas zu schreiben, weil er es nicht sofort veröffentlichen oder verkaufen kann, ist es für mich eine fragwürdige Haltung. Wenn ich etwas schreibe, ist es ein Muss, will das aus mir raus, will ich das sagen und denke ich nicht darüber nach, ob ich das verkaufen kann. „Vielleicht werde ich damit reich und berühmt“, so dachte und denke ich nicht. Fakt ist, dass Lyrik kein Geld bringt, das war noch nie der Fall. Das war schon zur Goethezeit so. Selbst die Minnesänger haben meistens nur ihre Obstkirschen und ein Lächeln bekommen.
Goepper: Lesen Sie gerne aus Ihren Texten vor?
Hensel: Ja, ich lese gerne vor. Ich habe bloß wenig Gelegenheiten dazu. Lesungen sind für mich rar geworden. Keine Ahnung warum. Bestimmt nicht, weil Leute sich weniger für meine Literatur interessieren, sondern weil gerade Literaturhäuser oder große Veranstalter zunehmend danach gehen, wer durch die Medien gepeitscht wird. Groß beworbene Autoren haben natürlich Lesereisen über Wochen hin, während viele – ich spreche jetzt nicht nur für mich –, die am Rande schreiben, wenig attraktive Lesungen bekommen. Es gibt Unterschiede, ob ich vor Leuten aus dem Westen oder aus dem Osten meine Bücher vorstelle. Ich lese augenblicklich lieber in Westdeutschland. Meine Erfahrung ist, dass dort in der Diskussion offener, euphorisierter oder aufgeregter gesprochen wird. In Ostdeutschland gibt es oft noch Hemmungen, da ist man vorsichtig mit Kritik oder Zustimmung. Ich will das nicht verallgemeinern. Es ist aber eine Erfahrung, die ich interessant finde.
Goepper: Christa Wolf hat einmal gesagt, der Autor sei eine wichtige Person. Glauben Sie, dass der Schriftsteller heutzutage in Gesamtdeutschland oder in unseren Westgesellschaften immer noch eine wichtige Person ist?
Hensel: Das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Für mich sind Autoren wichtig, wenn sie schreiben, was mich erreicht. Ob sie in der Politik, im öffentlichen Leben wichtige Personen darstellen im Sinne, dass sie als Bürger und nicht nur als Schriftsteller ins Zeitgeschehen eingreifen, interessiert mich nur am Rande. Ob es zu den „Aufgaben“ eines Schriftstellers gehört, muss jeder für sich selbst entscheiden. Es gibt gute Autoren, die schreiben einfach so, dass sie zu einem aktiven Wirken in der Öffentlichkeit gar nicht im Stande sind, es auch nicht wollen. Bücher, in denen es um etwas geht, mischen sich immer ins Weltgeschehen ein. Mehr braucht ein Autor nicht tun. Es sind wenige, die beides wirkungsvoll können. Grass war so eine Figur in einer bestimmten Zeit, auch Martin Walser, Christa Wolf, Rolf Hochhuth. Es gibt sicher Nachwuchs, Autoren, die sich für eine andere Art Vermittlung einsetzen. Ich glaube nicht, dass Schriftsteller politische Führungspositionen einnehmen müssen. Sie sollten schreiben und zwar gut. Die Leute sollen deren Bücher lesen, das wäre schon viel. Gewiss braucht eine Gesellschaft Persönlichkeiten, die sich in Worten ausdrücken können, und ich bedaure, dass wichtige Geschehnisse, die stattfinden, von Schriftstellern und intellektuellen nicht genug Öffentlichkeit erfahren. Es gibt natürlich ein paar, die das machen und die kriegen regelmäßig was drauf auf den Hut, weil ihre Äußerungen als respektlos empfunden werden. Das ist eine schwierige Angelegenheit, das hat mit Begabung und Charisma zu tun. Ich weiß nicht, ob das Wort eines Schriftstellers heute ein Gewicht in der breiten Öffentlichkeit hätte. Es haben alle möglichen Leute mehr Gewicht: Schauspieler, Fußballer, Köche, irgendwelche Comedians. Selbst ein Bestsellerautor wirkt nur in überschaubaren Kreisen, selten in der Masse. Meine Literatur ist in bestimmten germanistischen Kreisen bekannt. Wunderbar! Aber ich habe nur einen kleinen Leserkreis und glaube, es geht einigen Autoren meiner Art so. Es wird sehr gescheit über mein Werk geforscht und geschrieben – der Leserkreis bleibt klein. Trotzdem mache ich mir keine Gedanken um mein Nachleben und denke nicht: „Hoffentlich komme ich ins Paradies oder als Eule wieder zurück auf die Erde“ – ich habe meine Bücher geschrieben, die ich schreiben musste, ob sie jemand liest oder nicht – ich kann es nicht beeinflussen.
Goepper: Haben Sie heutzutage Gleichgesinnte im literarischen Milieu, Autoren, denen Sie sich nah fühlen oder die Sie bewundern?
Hensel: Ja. Meistens ist man miteinander mehr oder weniger befreundet. Ich mag beispielsweise Christoph Hein. Seine Prosa reißt mir immer wieder das Herz auf. Oder Angela Krauß, Volker Braun, Thomas Rosenlöcher, Sabine Peters und andere mir liebe Kollegen. Obwohl man völlig unterschiedlich schreibt, bat man eine ähnliche Gesinnung, einen bestimmten Anspruch an Literatur, eine Weltsicht, die man teilt. Das ist es vielleicht. Dass man Dinge und Zeiten durchblickt. Nicht mal, dass man aus demselben Stall kommen muss, sondern versucht, die Welt zu verstehen, ganz allgemein – und jeder macht das auf seine Weise.
Goepper: Glauben Sie immer noch, wie 1994, das Private sei für die Lyriker, die im Westen aufgewachsen sind, bezeichnend, während für diejenigen im Osten eher das Gesellschaftliche oder die gesellschaftliche Komponente eine Rolle spiele?
Hensel: Es kann sein, dass das noch stimmt. Ob es jetzt bei der jüngeren Generation so ist, kann ich nicht sagen, dazu fehlt mir den Überblick. Aber ich glaube, dass es einen unterschiedlichen Umgang mit privatem Material bei westdeutschen und ostdeutschen Schriftstellern gibt. Das kann man aber nicht verallgemeinern. Letztendlich ist die Qualität des Gedichtes entscheidend. Ob es einen privaten Hintergrund hat oder einen gesellschaftlichen ist irrelevant. Wichtig ist, was das für ein Kunstwerk ist. Ein großer Teil meines Freundes- und Bekanntenkreis lebt im Westen. ich habe meine Einheit im Westen und meine Einheit im Osten. Für mich persönlich habe ich keine Probleme mit „wo ich bin, mit wem ich rede“. Ich bin begierig, Menschen aus West, Ost, Nord, Süd zu sprechen und kennenzulernen.
Goepper: Heißt es, dass Sie Literatur aus dem sogenannten Westen genauso anspricht wie Literatur aus dem ehemaligen Osten?
Hensel: Ich bin nicht ausschließlich mit DDR-Literatur aufgewachsen. Meine Prägungen habe ich durch verschiedene Literaturen erfahren: durch französische, russische, amerikanische, lateinamerikanische und westdeutsche. DDR-Literatur auch, aber anfangs mehr am Rande. Es wird im Osten genauso viel Schrott geschrieben wie im Westen. Für mich ist Qualität die relevante Kategorie. Es gibt nur gute und schlechte Literatur.
Goepper: Warum schreiben Sie immer noch, fünfzehn Jahre oder zwanzig Jahre nach ihren Debüts?
Hensel: Wie schon gesagt: Schreiben ist für mich ein Muss. Es geschieht aus Lust, anderenfalls würde ich sofort damit aufhören. Arbeit ist Vergnügen. Schreiben als Erkenntnis-, als Vergnügungsvorgang, als Unterhaltung, auch das darf man nicht vergessen.
Goepper: 1994 hatten Sie keine „Wendegedichte“ anzubieten. Hätten Sie heutzutage vielleicht „gesamtdeutsche“ Gedichte?
Hensel: Die Gedichte sind einfach da, sie sind wie sie sind. Ich schreibe nicht Themen, ich schreibe aus einem Stoff heraus. Der Stoff ist das Leben. Wende? Wie gesagt, ich reflektiere selten Alltagspolitisches im Gedicht. Der zweite Teil von Neunerlei ist eine Erinnerung nicht an die DDR, sondern an die Jugend, an das Leben, an die Gegend, in der ich mein Leben zum Teil verbracht habe, und da hat sich natürlich einiges verändert. Das ist klar. Das hat aber mit dem Leben von damals zu tun. Mit der Zeitgeschichte hängt es nur äußerlich zusammen.
Aus Sibylle Goepper und Cécile Millot (Hrsg.): Lyrik nach 1989 – Gewendete Lyrik? Gespräche mit deutschen Dichtern aus der DDR, Mitteldeutscher Verlag, 2016
Brigitte Schwens-Harrant im Gespräch mit Kerstin Hensel – „Die Realität ist es, die übertreibt“.
Fakten und Vermutungen zur Autorin + Instagram + Facebook + KLG + IMDb + PIA + Archiv + IZA
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shi 詩 yan 言 kou 口
Kerstin Hensel liest das Gedicht „Erste Hoffnung“ auf der Großen Nacht der Poesie des 2. ÖKT in München.










Das klingt dramatisch. Der Satz steht auf der Rückseite des Schutzumschlags des neuen Gedichtbandes von Kerstin Hensel. Ich halte ihn für maßlos übertrieben. Das Spiel, um das es geht, ist nämlich ein Kinderspiel, das „Schleuderfigur“ genannt wird und als Titel dieses Lyrikbandes auserkoren wurde. Bei diesem Spiel, das wir früher auch gespielt haben, drehen sich zwei Kinder, die sich mit überkreuzten Armen an den Händen halten, wie ein Karussell, bis der innere Spieler loslässt und den äußeren Spieler herausschleudert. Dieser bleibt dann in einer ausdrucksstarken Stellung als Figur stehen, deren Bedeutung die anderen Kinder erraten müssen. Es fällt sehr schwer, die Gedichte unter dem oben genannten Anspruch zu deuten. Genau betrachtet bezieht sich der Begriff „Schleuderfigur“ auch nur auf einen der fünf Abschnitte, in die das Buch gegliedert ist. Im Titel gebenden Gedicht werden Kindheitserinnerungen heraufbeschworen:
Die Staatsmattscheibe verweist auf das DDR-Fernsehen. Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren und studierte am Institut für Literatur in Leipzig. In der Regel arbeitet Hensel ohne Punktsetzung, deutet jedoch eine neue Sinneinheit durch Großschreibung an. Typisch sind auch die Zeilensprünge. Lässt man das überzogene Marketing als selbst gesetzten Maßstab außer Acht, so kommt ein sehr gekonnter Lyrikband zum Vorschein, der vor allem durch seine Formenvielfalt und die Rhythmik der Gedichte besticht. Er wäre noch überzeugender, hätte Kerstin Hensel, ihres Zeichens Professorin für Deutsche Verssprache an der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin, oder ihr Lektor auf einige einfachere Gedichte verzichtet, wie den laut Widmung eher privaten Text „Das Dorellenquartett“, auch wenn dieser auf Schuberts „Forellenquintett“ anspielt. Er besteht doch nur aus simplen Paarreimen und dem Wortspiel im Titel. Kostprobe:
Andererseits wird der relativ umfangreiche Gedichtband mit rund 100 Texten auf diese Weise mit Witz aufgelockert.
Kinderspiele, -reime und -lieder bilden ein Leitmotiv, das immer wieder eingestreut auftaucht:
Goethes Erlkönig lässt auch noch grüßen. Ein Anhang erläutert einige Begriffe und gibt Hinweise auf die Dichterkolleginnen und -kollegen, auf die sich Kerstin Hensel bezieht, wie in „Der Müggelsee“, wo sie Bezug zum gleichnamigen Gedicht von Volker Braun nimmt. Mit diesem Spielbein der Intertextualität bewegt sich Hensel gelegentlich weit zurück, bis zur griechischen Dichterin Sappho, die im 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung lebte. Es ist überraschend, wie viele Wie-Vergleiche Hensel verwendet, die Benn vor sechzig Jahren doch als Kennzeichen von schlechter Lyrik angeprangert hatte:
oder
Stark dagegen ist der Einbezug der Natur durch unverbrauchte Wortspiele und poetische Abwandlungen von Redewendungen:
Auch die verwendeten Tiermotive wirken nicht antiquiert, sondern sind in diesen zeitgemäßen Gedichten geschickt eingeflochten. Doch wegen der thematischen und formalen Vielfalt bleibt Hensels Gedichtband eher ein Sammlung von neuen Texten als ein konzeptioneller Band mit moderner Lyrik, wie ihn beispielsweise kürzlich Marion Poschmann vorgelegt hat. So endet meine Lesereise mit Genius wie im Buch:
Henning Heske, randomhouse.de, 30.5.2016