Peter von Matt: Zu Günter Eichs Gedicht „Brüder Grimm“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Günter Eichs Gedicht „Brüder Grimm“. –

 

 

 

 

GÜNTER EICH

Brüder Grimm

Brennesselbusch.
Die gebrannten Kinder
warten hinter den Kellerfenstern.
Die Eltern sind fortgegangen,
sagten, sie kämen bald.

Erst kam der Wolf,
der die Semmeln brachte,
die Hyäne borgte sich den Spaten aus,
der Skorpion das Fernsehprogramm.

Ohne Flammen
brennt draußen der Brennesselbusch.
Lange
bleiben die Eltern aus.

 

Trümmermärchen

Das Gedicht lebt von einem magischen Wort: „Brennesselbusch“. Warum magisch? Die Pflanze findet sich ja an jedem Wegrand. Magisch wird das Wort in der Verbindung mit dem Titel: „Brüder Grimm“. Dieser ruft in uns nicht die Vorstellung der zwei ernsten Forscher hervor, sondern die Welt ihrer Märchen. Und sofort wissen wir: „Brennesselbusch“ ist ein Märchenwort, ein Stück der Märchensprache, die wir kennen, seit wir Kinder waren, und in der immer wieder Verse und Sprüche auftauchen, bald rührend, bald witzig, bald surreal- „O du Falada, da du hangest…“; „Ach, wie gut, daß niemand weiß…“; „Ich bin so satt, ich mag kein Blatt…“; „Mannt je, Mannt je, Timpe Te…“ So genau können wir zwar diesen Brennesselbusch nicht zuordnen, aber er ist tief in die Aura des herrlichen Buches getaucht.
Es geht wohl um ein bestimmtes Märchen, denkt man, ein weniger bekanntes, in dem auch der Wolf vorkommt. Nur der Skorpion und die Hyäne wirken eher fremd. Tatsächlich ist der Brennesselbusch das Schlüsselmotiv des Grimm-Märchens „Jungfrau Maleen“. Und tatsächlich erscheint er auch in einer jener kleinen Zauberstrophen, niederdeutsch sogar:

Brennettelbusch,
Brennettelbusch so kleene,
wat steist du hier alleene?

Doch die Hoffnung, damit auch schon hinter das Geheimnis des Gedichts gekommen zu sein, täuscht. Einige Motive des Märchens werden zwar in den Versen gestreift, aber sehr verändert, und von einem Skorpion und einer Hyäne kann keine Rede sein. So wenig wie vom Fernsehprogramm.
In seinen späten Jahren wurde Eich des Tiefsinns in der Lyrik immer überdrüssiger. Ihn lockte das freie Spiel mit den Elementen und Vokabeln eines Themas, ungeniert an allem feierlichen Sinn vorbei. Damit konnte er den verhaßten Predigern und Gesetzgebern mit ihrer Herrensprache auf der Nase herumtanzen. In den Maulwürfen trieb er es bis zum Tumult. Doch schon in „Brüder Grimm“, entstanden vermutlich 1957, Erstdruck 1964, ist diese Ästhetik am Werk. Die Geschichte von der Jungfrau Maleen ermöglicht den Auftakt, dann gleiten unterschiedliche Märchenmotive durcheinander. Alleingelassene Kinder wie in den „Sieben Geißlein“; Tiere, die auf Besuch kommen oder denen man nacheinander begegnet. Aber eine konventionelle Collage wird nicht daraus. Eich arbeitet frei weiter. Zum Märchentier Wolf treten neue, böse Genossen. Die Eltern kehren nicht zurück. Kein gutes Ende.
In jenem Märchen wird die schöne Königstochter Maleen vom Vater eingemauert, und als sie sich nach sieben Jahren befreit, liegt das Land ringsum in Trümmern, verwüstet und verbrannt. Sie muß sich von einem Brennesselbusch ernähren. Er wird zum Zeichen ihrer Einsamkeit. Erst nach langer Not findet sie den einstigen Geliebten wieder.
Und jetzt sehen wir, daß Eich auch mit der deutschen Geschichte spielt. Ein Land in Ruinen, die gebrannten Kinder, die Kellerfenster statt des gemauerten Turms, die verlorene Ordnung einer alten Familiensittlichkeit – alles deutet auf Nachkrieg und Orientierungskrise. Und die Welt draußen? Da herrschen Wolf, Hyäne und Skorpion. Sie geben sich unheimlich freundlich, spiegeln einen Scheinfrieden vor. „Trau ihnen nicht!“ steht zwischen den Zeilen.
Wer’s gerne eindeutig hat, kann die Tiere auf die Weltmächte beziehen und die Semmeln auf den Marshall-Plan. Ein Gewinn für das Gedicht wäre eine solche Deutung mit dem Nußknacker allerdings nicht. Sie zerstört den Bann, der vom Wort „Brennesselbusch“ auf alle Zeilen übergreift und sich im lyrischen Zug der Schlußstrophe noch steigert. Hier wachen zudem andere, ältere Bilder auf. Der brennende Dornbusch, der in Flammen steht, aber nicht verbrennt, rückt neben die Märchenpflanze. An ihn könnte man sich halten, wenn die Eltern ausbleiben. Sie haben ohnehin gelogen.

Peter von Matt, aus Peter von Matt: Wörterleuchten, „Dieser Text ist verschwunden.“, 2009

Carl Hanser Verlag, 2009

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