Peter von Matt: Zu Monika Rincks Gedicht „i had a pony (her name was lucifer)“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Monika Rincks Gedicht „i had a pony (her name was lucifer)“. –

 

 

 

 

MONIKA RINCK

i had a pony (her name was lucifer)

ihr gieriger ponyblick unter züngelnden brauen:
so versteinert sie blüten, den himmel zu stein,
lapislazur. in breitband wird rotes zu riffen,
korallen, umkreist von fischigen kellnern,
kann sie schon wieder nicht zahlen, muss
sofort weg hier, in ihrem rücken gerangel,
die gäste schauen zu boden, schauen in gläser.
als ein kellner sie an den haaren herbeizieht,
lacht sie, kippt fast, kennt keine dosierung,
ihr erhobener arm fuchtelt toxisch verstärkt,
es klimpern die billigen klunker wie schlüssel –
wie sie jetzt losschreit, wie es denn sein kann,
dass wir alle offenbar komplett vergessen,
dass dem hals der von perseus geköpften medusa
unter andrem ein pferdesöhnchen entsteigt,
das blitz bringt und auch donner dem zeus,
der – jetzt lest halt euren hesiod, ihr vollidioten –
über diese attribute der herrschaft zuvor nicht verfügte.

 

Poesie und Blitz und Donner

Die Szene könnte aus einem Film von Almodóvar sein. Eine Bar, rot und glitzernd, darin eine Frau, die durchdreht. Sie ist aufgetakelt wie das Lokal, ziemlich betrunken auch. Geld hat sie keins, dafür macht sie dem Kellner eine Szene. Sie schreit unverständliche Dinge in den Raum. Den Gästen ist der Auftritt peinlich. Eine Schlampe ist sie aber nicht, auch keine Dirne. Etwas Wildes, Gefährliches ist an ihr. Der Blick unter dem flammenden Haar hervor erschreckt und läßt den billigen Schmuck vergessen. Der Kellner möchte sie rauswerfen. Ob es gelingt, ist fraglich.
Man muß sich die schrille Szene so konkret wie möglich vor Augen halten. Nur so entfaltet sich das raffinierte Spiel zwischen den drei Ebenen dieses Gedichts. Die erste Ebene ist das Geschehen in der Bar. Es verwandelt sich auf der zweiten Ebene in einen präzis gefügten mythologischen Bericht. Er handelt von Medusa und Pegasos. Daß der Blick der Medusa jeden versteinerte, den er traf, ist bekannt. Weniger bekannt ist, daß aus dem Blut der geköpften Medusa der Pegasos entsprang, das geflügelte Pferd, das lange Zeit niemand zu zähmen vermochte. Im Pony des Gedichts kehrt es zurück in unsere Gegenwart. Es besitzt noch die Kraft der Mutter, die züngelnden Brauen erinnern an deren Schlangenhaar. So versteinert es die plüschrote Bar zu einem Korallenriff und läßt die Kellner wie Fische daran entlangschwimmen. Die Gäste weichen den Augen aus.
Hier muß man nun wissen, daß der sprichwörtliche Ritt auf dem Pegasus als Bild für die dichterische Inspiration im griechischen Mythos nicht vorkommt; er ist eine späte Erfindung, ein Produkt der bürgerlichen Bildungswelt. Dennoch war das geflügelte Pferd seit je mit der Dichtung verbunden. Es hatte nämlich mit einem Hufschlag die heilige Quelle am Berg Helikon aufsprudeln lassen, die Hippokrene, und wer daraus trank, wurde Dichter, Seher, Sänger. Der Mann, der es als erster schaffte, auf dem Pegasos zu reiten, war kein Poet, eher ein Abenteurer, und er nahm ein böses Ende. Eines Tages holte Zeus das prächtige Roß an seine Seite. Hesiod erzählt in seiner „Theogonie“, es halte dem Weltenrichter die Blitze zur Hand.
Monika Rinck, geboren 1969, weicht dem abgedroschenen Bild vom Ritt auf dem Pegasus aus, nicht aber dem Bezug des Flügeltiers zur Dichtung. Das Wort Pony bezieht sie aus einem Lied von Bob Dylan. Der englische Titel ihres Gedichts deckt sich fast ganz mit dessen erstem Vers: „Once I had a pony, her name was Lucifer“. Mit dem dämonischen Namen war der Bezug zur Mythologie geschlagen, zur christlichen wie zur antiken.
Und damit öffnet sich die dritte Ebene des Gedichts. Seine Bilder reden von der Dichtung. Das Pferdesöhnchen tritt als Frau auf, und diese Frau, halb Luder, halb Prophetin, kann noch mehr, als der Mythos vom Flügelroß weiß. Ihr Blick ist tödlich, und dem höchsten Gott hat erst sie die Blitze geschenkt. So weit ging Hesiod nicht. Unverfroren erweitert Monika Rinck den mythischen Bericht. Sie tut es um der Poesie willen, ihrer eigenen und unser aller. Ein fast verschollener Gestus von Stolz und Triumph kehrt hier in das moderne Gedicht zurück. So verkündete einst Horaz, seine Verse seien dauerhafter als Erz, und Shakespeare erklärte, er schenke der Schönheit des Geliebten Bestand bis ans Ende der Menschheit. Dieser Akt großartig selbstbewußter Prahlerei ist ein kostbares Element der abendländischen Lyrik, bis hin zum späten Benn, der seinen mächtigen Essay über das Altern der Dichter mit dem Ausruf aus dem „Te Deum“ schloß: „non confundar in aeternum“ – „in Ewigkeit werde ich nicht zuschanden gehen“. Das ist nicht Eitelkeit. Der Akt entspringt aus dem Wissen, daß die Menschheit nie ohne Verse gelebt hat und ohne Verse nie leben wird. Die Dichtung gehört zum Planeten wie Blitz und Donner.

Peter von Matt, aus Peter von Matt: Wörterleuchten, „Dieser Text ist verschwunden.“, 2009

Carl Hanser Verlag, 2009

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Sympathisant

Hand müht sich ab mit Sand; müder Passant: sühnt und büsst, indem er Mythen bannt (mit einer Patina von süssem Thymian).

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

Gegengabe

0:00
0:00