Stefan Döring: WENN WELT

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Stefan Döring: WENN WELT

Döring-WENN WELT

WÄRE ALLES SO EINGERICHTET
ginge es zu mit rechten Dingen
an jedem jüngsten tag
die schuld auf der hand
das herz auf der zunge
die verhältnisse klar
oder wie – hand aufs herz
und jeglichem ein urteil
über das was er tat:
wer gut ist kommt durch

wäre alles so eingerichtet
dass nichts sich vernichtet
was draufgeht draussen
aufgeht im grossen ganzen
und wer nur sucht der findet
sich wieder im wohlvertrauten
falls man sich noch erkennt
und weiss wer man ist:
wers schafft stellt sich raus

würde das ersehnte eintreten
eines schönen tages
die gleichnisse aufgegangen
sämtliche unbekannten ersetzt
um sie beim namen zu nennen
die verstellungen eingestellt
wahrlich der findet sich heraus
aus dem was er war:
wers glaubt weiss bescheid

könnte vergessen sein was war
an all den einzigen tagen
da sich alles aufs neue gleicht
bliebe zu wünschen übrig
was sich immer wieder erfüllt
doch nie ganz wie gedacht
die herkunft im ungefähren
der ausgang ungewiss:
wer sieht sehe zu

 

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„Überstehen / sich einer form anpassen / nicht überstehen.“

Die Veröffentlichung eines neuen Gedichtbandes von Stefan Döring ist ein seltenes Ereignis. 13 Jahre nach dem letzten Buch erscheint zum 70. Geburtstag dieses aus der Prenzlauer-Berg-Connection kommenden Dichters die Sammlung WENN WELT. Sie überprüft, minimalistisch und formstreng, wie über die Welt zu sprechen sein könnte. Wenn Welt. Denn schon der Titel des Buches stellt sein Erscheinen gleich wieder in Frage. Wird WENN WELT wirklich in die Welt treten? Dörings Verse wehren sich dagegen, an einer beredten Kommunikationslosigkeit teilzunehmen. Ihre grammatischen Sprech- und Schreibetüden wollen klären, wie gesprochen werden könnte, jenseits des Funktionierens. Denn „je besser alles funktioniert / desto weniger gelingt / je bequemer alles bereitsteht / umso ungemütlicher wird es / je verbreiteter das spiel desto ernster die lage.“ Diese Gedichte führen nicht bloß logische Kurzschlüsse, Sprachspiele, Iterationen und Permutationen zum Selbstzweck vor. In ihren Wort- und Satzreihen sichtet, lichtet, verdichtet, vernichtet sich der herrschende Konsens dessen, was Gegenwart heißt: „WIR REDEN ANDAUERND IN DIE WAND HINEIN / als ob die wand ein ohr für uns hätte…“

roughbooks, Ankündigung

 

Luftfische am Gegenufer

– Von Wolken und Regenrinnen: Neue Gedichte im roughbook-Format von Stefan Döring und Brigitte Struzyk. –

Vor einigen Wochen gab der Engeler Verlag mit Sitz in Berlin und im schweizerischen Schupfart das Erscheinen zweier neuer Lyrikbände in der Reihe roughbooks bekannt: die Nr. 64 von Stefan Döring mit dem Titel WENN WELT und die Nr. 65 von  Brigitte Struzyk  namens Gegengewichtshebewerk. Die zeitgleiche Publikation von Poesie aus dem Umfeld der Prenzlauer-Berg-Connection mag unbeabsichtigt sein, es gibt jedoch Umstände, die darauf hindeuten könnten, es handele sich hierbei nicht um Zufall.
Zum einen waren Texte von Stefan Döring und Brigitte Struzyk schon in denselben Ausgaben von Zeitschriften wie Herzattacke oder Abwärts! abgedruckt, zum anderen haben beide im April Geburtstag: Der eine feierte seinen 70., was als Anlass für die Veröffentlichung auf der Website des Verlages benannt ist; die andere, aus dem Thüringischen stammend, ist jetzt 78 Jahre alt. Und drittens verloren beide kurz nacheinander eine vertraute Person. Bei Stefan Döring war es Bert Papenfuß, der Ende August 2023 nach kurzer, schwerer Krankheit in Berlin verstarb; bei Brigitte Struzyk handelt es sich um  Elke Erb, die im Januar mit beinahe 86 Jahren ein erfülltes Leben vollendete. Sowohl Erb als auch Papenfuß war jeweils eine  Gedenkmatinee  an der ausverkauften Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gewidmet. Trotzdem: Von den zwei jüngst erschienenen roughbooks steht ein jedes für sich selbst.

(…)

Damit sei der Staffelstab – sozusagen auf Augenhöhe – an Stefan Döring übergeben. Zu seinem roughbook 064, WENN WELT, lässt sich sagen, dass diese vierteilige Gedichtsammlung im zweiten Abschnitt aus jenen Drei Etüden mit jeweils 33 Strophen besteht, die bereits 2009 als Distillery 33 in der Reihe Dreißig plus im Verlag von Alexander Krohn erschienen, nun aber schon eine Zeit lang vergriffen waren und die nun endlich, auf Anraten von Thomas Kapielski, „hier in einer leicht geänderten Fassung“ erneut vorliegen. Schlägt man das Buch in der Mitte auf, hat man die 3. Etüde „könnten wir die luft rauchen“ vor Augen, die von Döring zum Begräbnis von Bert Papenfuß im Oktober 2023 in der Kapelle des Friedhofs Georgen-Parochial I, Berlin-Prenzlauer Berg, vorgetragen wurde.
Außerdem wäre zu sagen, dass das Leiterthema der 2. Etüde, „ich werde mir eine leiter kaufen“, an Ludwig Wittgensteins Satz 6.54 im Tractatus logico-philosophicus angelehnt erscheint:

[man] muss (…) die Leiter wegwerfen, nachdem [man] auf ihr hinaufgestiegen ist.

Mit einer geringfügigen Transformation des bekannten Schlusssatzes aus selbigem Werk gelangt man zu einem der naheliegenden Urmotive der Dichtung von Stefan Döring: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man“ schreiben!
Eine Folge aus vier Gedichten, deren erstes mit einem Anklang an ein Werk von Michel Foucault „ÜBER WACHEN UND SCHLAFEN“ heißt, verweist darauf, dass die strenge Form und die Systematik von verbalen Spiegelungen, Umkehrungen, reflektierten Reflexionen im Versbau nicht Realität poetisch abbilden, sondern poetische Realität erschaffen. Der das Buch abschließende Zyklus „MONATE JAHRE“ ist ein „Auftragstext“ der Lebensgefährtin des Autors und enthält die wohl neuesten seiner Gedichte, die auch mit einem neuen Klang aufwarten. In „JULI TON“ hört sich das so an:

die wolken stehen still
alles ist bereitet bereit
luftfische wir
nie in unserem element
gleiten wir ungläubig dahin

So ungefähr wird es Brigitte Struzyk ergangen sein, als sie ihr Gedicht „Meide die Schlange vor dem Testzentrum“ verfasste:

Dort am Ufer liegen sie
Sich in den Armen, das Gegenufer
Trieft von Leuten, sie trinken
Und sieh: das reine Abenteuer
(…)
Kullern sie in die Gosse
Zum Auferstehen!

Kai Pohl, nd, 31.7.2024

 

MIT SCHLEIFENDER ZUNGE
(für stefan döring)

’n schwanz hat keine relevanz
& ‘ne möse ist nur ’n wegwerfspiel
verkatzt ist jede noch so bocksbeinige holzkuh
nicht mehr geil oder zumindest verkatert
jede schleimhaut hat ’ne eigene klientel
proletarisch genehme sackratten firmieren
als akademische filzläuse
aufgeklafterte münder gebären selbstüberhebung
& offene ärsche lügen
samt kriegen und siegen
worte sind nurmehr noch brückenköpfe
der gülle gegen die fülle
der mittelmäßigkeit gegen größe
kunst ist nicht mehr waffe
sondern banalität und wunst
wenn sie sich mit arbeit verbindet
schlimmstenfalls volkskunst
altern ist hass krankheit und schmach
mit jedem moment der vergeht
& mit jedem der nicht vergeht
stürzen wir in die erlösung.

Versensporn (d.i. Tom Riebe)

 

 

Christine Sohn: Leichtsinnige Gewissenhaftigkeit Sture Sprunghaftigkeit Geballtes Schwingen. Laudatio zur Verleihung des Karin-Kramer-Preises für widerständige Literatur 2022.

 

Poesie von Stefan Döring im Mix mit abseitiger Populärmusik / Präsentiert von der lebenden Repetiermaschine Rex Joswig / O-Töne Stefan Döring aus: ROSA EXTRA Extrakte 1980–1984, ein Film von Bernd Jestram / Gewidmet Dennis Z.

 

Zum 70. Geburtstag des Autors:

 

Alexander Krohn hat das folgende Blatt Stefan Döring zum 70. Geburtstag gewidmet

Alexander Krohn – Widmung für Stefan Döring zum 70. Geburtstag

 

Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + IZA + KLG

 

Bild von Juliane Duda mit den Übermalungen von C.M.P. Schleime und den Texten von Andreas Koziol aus seinem Bestiarium Literaricum. Hier „Der Stefandöring“.

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