Infantilia (I) 

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Von meinen Grosseltern habe ich nur den Vater meines Vaters ein wenig kennengelernt; die Eltern meiner Mutter waren bereits tot, als ich geboren wurde. Die Grossmutter väterlicherseits − Mamma Emma, die von allen Mammemma genannt wurde − ist mir stets fremd geblieben, ein Rätsel, an dessen Erhellung oder gar Lösung ich in meiner Kindheit überhaupt kein Interesse hatte.
Ich habe die schwere Frau, die mit ihren gewaltigen Brüsten und Hüften merkwürdigerweise wie ein Mann aussah (genauer … die aussah wie ein uralter Indianerhäuptling), immer nur thronend gesehen. Mamma Emmas aschgraues Gesicht war übersät mit Runzeln und Narben, drin standen übergross die matten, platten, fast schwarzen Augen, die ihr immer wieder zufielen − so bewahrte sie ihre abgründige Trauer, die ich wohl irgendwie wahrnahm, nicht aber verstehen konnte.
Nie sass Mamma Emma einfach da (oder hockte sogar), nie sah ich sie gehen, sich bewegen im Raum, in der Zeit, sie war und blieb für mich die Thronende, majestätisch und elend zugleich; ihre Grabesstimme war für Märchen und Fragen nicht geeignet, es war − so empfand ich’s damals, ohne es mir klarmachen zu können − die Stimme des Verdikts und des Dekrets.
Nur die thronende Pose und die endlos vielen Wahrheiten, mit denen sie mich nachhaltig einschüchterte, sind mir von Mamma Emma aus meinen ersten Schuljahren in Erinnerung geblieben; lauter banale Sätze, die sie unentwegt wiederholte und die für mich, weit über ihren relativ frühen Tod hinaus, so etwas wie Gesetzeskraft behielten, Sätze wie diese: „Nicht durch den Mund atmen.“ − „Kein Wort beim Kauen.“ − „Kein Wasser nach Steinobst.“ − „Nie nach links ausweichen.“ − „Nie ins Wasser nach dem Essen.“ − „Fort von Baum und Turm bei Gewittern.“ − „Immer nicht fluchen und keine Schimpfnamen.“ − „Die Filmnachmittage der Katholischen unbedingt meiden.“ − „Nichts da zwischen den Beinen.“ − „Kunst ist das Wenigste.“ − „Mich und Gott verstehst du nie.“ − „Schluss mit Reisen und spannenden Büchern.“ − „Indianer sind auch nur Menschen.“ − „Die Zukunft immer schön vergessen.“ − „Keine Brühe ohne Fettaugen und trüben Grund.“ − „Die Eisheiligen wissen es nie nicht besser.“ − „Man wird’s gewusst haben.“ − „Erbrechen statt kotzen, verkehren statt vögeln, Urin statt Pisse, Wind … Wind lassen statt furzen.“ − „Nichts gegen Schnee.“ − „Die Vergangenheit kommt immer früh genug.“ − „Keiner muss in Amerika gewesen sein.“ − „Zucker geht auch zum Salat.“ − „Billy Graham ist nämlich eine Frau.“ − „Zitrone gegen Sommersprossen, Kürbis gegen dicke Waden.“ − „Manns genug heisst dumm genug.“ − „Niemals keine Nachtmusik.“ − „Geh jetzt, nein bleib.“ − Usf.

&

Was mein Grossvater mit dieser Frau zu tun haben konnte, war mir schleierhaft; aber er hatte vier Kinder mit ihr, zweimal Zwillinge, zwei Töchter, zwei Söhne. Das Thronen war seine Sache nicht, er war, eher umgekehrt, ein Getriebener, unentwegt auf „Geschäftsreisen“, ein Spekulant, ein Frauenheld, ein Konkursit, ein Lebenskünstler, kurz − ein Versager. Die Familie war ihm egal, er bevorzugte, in stetigem Wechsel, das Leben eines Schaustellers, eines fahrenden Musikers, eines ambulanten Restaurateurs, eines Versicherungsvertreters, alles so fahrlässig und kurzfristig, dass es für den Familienunterhalt nicht genügen konnte.
Diesen übernahmen schon zu ihrer Schulzeit seine Kinder, also auch mein Vater, und er selbst, der Grossvater, scheute sich nicht, seinerseits davon zu profitieren. Von der Familie wurde er dafür − wie auch für seine sonstigen Extravaganzen − gehasst und verachtet.
Ich selbst war Grossvaters Lieblingsenkel, und auch ich mochte ihn sehr, seine häufigen Abwesenheiten machten ihn für mich zu einem Abenteurer − je abenteuerlicher er mir von seinen Reisen und sonstigen Unternehmungen erzählte, desto vertrauter wurde er mir, desto enger fühlte ich mich ihm verwandt. Unvergesslich die Ausflüge mit ihm zu Jahrmärkten und irgendwelchen Festivitäten auf dem Land, sei’s im Elsass oder im Schwarzwald, wo er bald als Zauberer, als schnorrender Unterhalter oder als ambulanter Musikant auftrat. Bleibend die Erinnerung an einen Auftritt, den er als Trommler mit einer Volksmusikgruppe bestritt: Der zierliche schmale Mann mit der riesigen Pauke, die er vor der Brust trug und die ihn vornüber schwer zur Erde bog, während er sie mit höchster Konzentration von beiden Seiten mit seinen wattierten Schlegeln bearbeitete.
Dass dieser Grossvater seine letzten, durch schwere Demenz verfinsterten Lebensjahre im Haus meiner Familie verbrachte, empfand ich − es waren die Jahre meiner pubertären Revolten − als kabarettistische Einlage, ohne zu begreifen, was die ständige Anwesenheit dieses Fremdlings aus engster Verwandtschaft für meine Eltern an Einschränkung, Peinlichkeit und auferlegter Sorge bedeutete.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Violine

nie love (Krinoline?); ohne Linie viel Lohn. – Nilwolle. – Viel Oliven; Leinöl.

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

Würfeln Sie später noch einmal!

Lyrikkalender reloaded

Luchterhand Loseblatt Lyrik

Planeten-News

Planet Lyrik an Erde

Tagesberichte zur Jetztzeit

Tagesberichte zur Jetztzeit

Freie Hand

Haupts Werk

Gegengabe

0:00
0:00