Tobias Bulang: Zu Wulf Kirstens Gedicht „Schlachtfeld“

Mashup von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Im Kern“

Im Kern

– Zu Wulf Kirstens Gedicht „Schlachtfeld“ aus Wulf Kirsten: Erdlebenbilder.

 

 

 

 

WULF KIRSTEN

Schlachtfeld

aus dem wiesenschaum schwelt erdmilch.
im frühschein fallen die lichtschnüre ein.
über saat und gras ergrünt der morgen
im geruch des lands – eingeschrieben sind ihm
die bibelsprüche mit schmiedeeisen:
„die pflüger haben auf meinem rücken
geackert und ihre furchen lang gezogen“
(in den bemessenen friedenszeiten).
nach der schlacht bei Kesselsdorf galt:
„alles fleisch wird gras.“
soll den profeten der grabenbagger auslegen.
der in die bodenwelle wasserläufe kerbt.
hier am böschungsfluß, erdunter,
chronologisch geordnet, schichtweise,
die kriege mit ihren schröpfhörnern.
aufbewahrt die marsfossilien
im blutigen lehm: stahlhelm und
panzerfaust – tornisterschnallen
und marschallstäbe.
martialische flurnamen blieben als lesespuren,
grasüberwucherte historien: einzugsbereich
der zinngießer.

ansichtig maiwiesen, milchadern,
hinter dem erdwall kalkwerk und ziegelei.
jetzt ausmessen das land im frühschein.
ich nehm’s unter die füße und seh:
die fahne der feldherrn weht grün.

 

„marsfossilien im blutigen lehm“

Als der römische Dichter Vergil in den Jahren 37–29 v.Chr. seine Georgica, das Lehrgedicht über den Landbau in vier Gesängen, verfasste, galt es nach langem Bürgerkrieg das Friedensreich des Kaisers Augustus zu feiern, der als Mäzen des Gedichts verherrlicht wird. Die Schilderung bäuerlicher und gartenbaulicher Arbeiter in eleganten Hexametern richtet sich an die ehemaligen Kämpfer, an Soldaten, die wieder Bauern werden sollten, um nach den Zerstörungen des Krieges die Menschen zu nähren. Gegenstand des ersten Gesangs der Georgica ist die Arbeit des Pflügens. Vergil nimmt künftige Friedenszeiten vorweg, in denen die Kriege vergessen sind und der Bauer, der die Erde aufreißt, über die freigelegten Spuren vergangener Schlachten staunt. In der dem antiken Metrum verpflichteten Übersetzung von Johann Heinrich Voß aus dem 19. Jahrhundert klingt dies wie folgt:

Siehe, dereinst wird kommen der Tag, da in jenen Bezirken,
Wann mit gebogenem Pflug’ er die Erde aufrüttet, der Landmann,
Römische Speer’ auswühlt, vom schartigen Roste zernaget,
Oder mit schwerem Karst hohlklingende Helme hervorschlägt,
und anstaunet die großen Gebein’ aus durchwühleten Gräbern.

 

(Vergil: Georgica, I, 493–497)

Vergils Verse kreuzen Bilder des Friedens und des Krieges und versehen die Kulturlandschaft mit historischer Tiefe, wobei zugleich das historische Erinnern und das Vergessen thematisch sind. Unvergesslich bleiben dem Leser und der Leserin freilich Vergils Verse über das Staunen des Bauern, dem mit den Knochen der Gefallenen die Spuren jener Zeiten unerwartet entgegentreten, als die Pfleger des Landes noch Krieger waren.
Vergils Konfrontation von Friedens- und Kriegszeiten in der Schilderung des beackerten Feldes kann geradezu modellhaft für Wulf Kirstens komplexe und buchstäblich vielschichtige Landschaftsgedichte stehen. Ihm war Landschaft nicht lediglich idyllisches Refugium – Gegenstand seiner zahlreichen „Gebietslektüren“ sind die Spuren der Geschichte im Gelände; Landschaft trat dem Wanderer und Beobachter immer schon als sprachlich und geschichtlich vermittelte gegenüber, und so wie er die Schichten der Historie in ihr freilegt, spürt er in ihr immer auch die Sprach-Geschichte der Namen der Wiesen, Felder, Fluren und Wälder auf. Wulf Kirstens Gedichte sind komplexe Archive der Umgebungen des Dichters. Es sind keine Stillleben, sondern, wie der Titel seiner großen Gedichtsammlung, der die Verse entnommen sind, auf den Punkt bringt – Erdlebenbilder (Wulf Kirsten: Erdlebenbilder. Gedichte aus fünfzig Jahren. 1954–2004, Zürich, Ammann Verlag, 2004, S. 71).
Bereits der erste Vers des Gedichtes „Schlachtfeld“ aus dem Jahr 1968 hebt mit zwei außergewöhnlichen Worten an: „wiesenschaum“ und „erdmilch“. In den Wörterbüchern sucht man sie vergebens. „wiesenschaum“ erinnert an das Wiesenschaumkraut, dessen weiße bis blassviolette Blüten nährstoffreiche Feuchtwiesen anzeigen. Die eigentümliche Wortbildung evoziert nicht nur eine mit dieser Pflanze bewachsene Fläche, sondern darüber hinaus geradezu eine schäumende Wiese, eine besonders fruchtbare Landschaft, aus der irgendwie folgerichtig „erdmilch“ schwelt, eine Bezeichnung, die an nährende Fülle und lebensspendende Kraft denken lässt. Die anhebende Morgendämmerung, welche die Schönheit der Landschaft entbirgt, wird eigentümlich technizistisch durch „einfallende lichtschnüre“ vergegenwärtigt, was die hymnische Anmutung der morgendlichen Stimmung stört. Mit den Spuren, welche die Pflüger in der Landschaft hinterlassen haben, ist diese als Agrarlandschaft bestimmt, wobei dies lediglich für die „bemessenen Friedenszeiten“ gilt, wenn die Bauern auch tatsächlich auf den Äckern arbeiten und nicht in den Schlachtfeldern kämpfen.
Im zitierten Bibelvers aus Psalm 128 werden der Landbau und die Verletzung des menschlichen Körpers eigentümlich verbunden, denn der Beter klagt darüber, dass die Pflüger Furchen auf seinem Rücken gezogen haben. Es folgt eine Variation auf das Prophetenwort über die Nichtigkeit des menschlichen Daseins: „Alles Fleisch ist Gras“ (Jes. 40,6). Die Auslegung des „profetenworts“ besorgt in Kirstens Gedicht ein Grabenbagger, der ebenso wie Vergils Landmann beim Aufwühlen der Erde die Hinterlassenschaften der Geschichte freilegt. Erwähnt wird die Schlacht bei Kesselsdorf, die blutige Entscheidungsschlacht des Zweiten Schlesischen Krieges aus dem Jahre 1755. Das Jesaja-Zitat wird umdimensioniert: Unbeständig ist der Mensch; sein in den Schlachten getöteter Körper wird wieder Gras und Erde, dabei hinterlässt er aber die Spuren seines Gewalthandelns im Boden. Schichtweise, „chronologisch geordnet“, lagert sich das ab, was der Krieg mit seinen „schröpfhörnern“ bringt. Das Wort entstammt der medizinischen Praxis des Schröpfens, bei der ein Gefäß (auch ,Schröpfkopf‘, synonym ,Schröpfhorn‘), in dem durch Erwärmen der Luft ein Unterdruck entsteht, auf eine geritzte Hautpartie gesetzt wird, woraufhin das Blut herausgezogen wird (in diesem Sinne auch die Bezeichnung ,Ziehglas‘). Kirsten verwendet das Bild für die Schwächung von Land und Leuten durch den Krieg. In den Erdschichten sind „marsfossilien im blutigen lehm“ aufbewahrt. Mit Mars ist auf den römischen Kriegsgott angespielt, man kann aber auch an die lebensfeindlichen Landschaften des roten Planeten denken. In beiden Fällen ist die Kompositbildung mit „Fossilien“ überraschend, wenngleich sich das Gemeinte schnell erschließt: Tornisterschnallen, Marschallstäbe, Stahlhelme und Panzerfäuste sind die abgelagerten Reste längst vergangener und jüngerer Kriege, deren letzten der Dichter noch als Kind erlebte. Die vom „rasen überwucherte historie“ ist „einzugsgebiet der zinngießer“ – gemeint sind wohl jene Handwerker, die Zinnsoldaten für Kriegsspiel gießen, mit denen übende Knaben Schlachten nachstellen können. Ist Gras über den Schrecken gewachsen, wird das um sein Grauen verminderte Geschichtsereignis Gegenstand scheinbar harmloser Spiele.
Diese sind des Dichters Sache nicht, er nimmt das Land „unter die füße“. Das Durchwandern und Besprechen der heimischen Kulturlandschaften bildete die Mitte von Wulf Kirstens Dichterleben. Wandern und Dichten wird als „ausmessen des landes“ gefasst, die technizistische Metapher signalisiert den Präzisionsanspruch des sprachlichen Aneignens der natürlichen, kulturellen und historischen Umwelten des Dichters, was Wulf Kirsten als Lebensaufgabe verstand. Damit steht er noch in romantischer Tradition, aber die Naturemphase wird durch eine historische Dimension ergänzt, jene der Beeinträchtigung von Land und Mensch durch Krieg und Umweltzerstörung. Solches Wandern und Dichten sind Privilegien in den „bemessenen“ Friedenszeiten, an denen Wulf Kirsten teilhaben durfte. Der wandernde Dichter marschiert nicht ins Verderben, seine Feldherren sind die majestätischen Bäume, deren Fahnen grün wehen.

*

Wulf Kirsten schrieb dieses Gedicht keineswegs in friedlichen Zeiten. 1968 gingen die Bilder des Biafra-Krieges in Nigeria mit der daraus erwachsenden Hungerkatastrophe um die Welt; der Vietnamkrieg, auch der Nahostkonflikt waren prägende Ereignisse dieser Zeit. Die desillusionierende Niederschlagung des Prager Frühlings vollzog sich gewissermaßen vor der Haustür des Weimarer Dichters. Mit der Rückkehr des Krieges nach Europa liest man Wulf Kirstens Variation auf die eingangs erwähnten Vergil-Verse heute nicht lediglich als Dokument der Literaturgeschichte. In Russland und der Ukraine wird die Zeit des Ausbringens der Weizensaat „rasputiza“ genannt. Es handelt sich um die Schlammzeit des Jahres. In der Ukraine unterblieb während des Krieges oft die Aussaat, weil die Bauern nicht auf dem Acker wirkten, sondern „im Feld“ starben. In den Nachrichten wird die „rasputiza“ erwähnt, weil in der Zeit ihrer Dauer schwere Geländefahrzeuge und Panzer im Morast stecken bleiben, wodurch erfolgreiche Operationen im Gelände aufgrund von Wegelosigkeit erschwert sind. Wieder versinken „marsfossilien“ in fruchtbarem Ackerboden.

Tobias Bulang, aus Palmbaum. Literarisches Journal aus Thüringen, Heft 2, 2024

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