PHRASENSTRUKTURGRAMMATIK
ich sah dich in meine begriffe radeln, mitten hinein
ins tohuwabohu der halbsätze, die um bedeutungen
kungelten. da war kein wort übrig für dich, die
redefiguren
versteckten sich zwischen gehisstem kehlkopfsegel
und gegessenen stunden. als du geflügelte satzfische
aus deinem rucksack holtest, köderte ich sie auf der
stelle,
dass sie hoch über unseren köpfen an sehnen kreisten.
was sollte ich sagen. was wolltest du meinen.
in unseren wendungen bog sich der tag zum haken
an der sache aus mir und aus dir. das so bezeichnete ding
brachte mich aus der letzten fassung, ich nannte
die liebe gemeinplatz, verwünschte den ausdruck. wir tauschten
das eine, das andere vokabulare modul, den wortschatz
zu heben, doch blieb die sprache bei falber laubjacke
um kalte schultern. es fehlte an grundform.
für meine begriffe war es zu spät.
Kathrin Schmidt liest einige Gedichte aus sommerschaums ernte
Kathrin Schmidt liest aus sommerschaums ernte im Literatursalon am Kollwitzplatz
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Das Buch
Kathrin Schmidts neue Gedichte erzählen vom Älterwerden, von Abschieden, von der Vergänglichkeit. Und doch sind sie das Gegenteil von Stillleben, denn sie sprechen immer „vom Leben her“. Still steht da nichts, alles bewegt sich – getrieben von großer Lebensliebe, Klugheit und scharfem Humor. Gesprochen und nachgedacht wird über den Körper und seine Metamorphosen, über das Vergehen der Natur ringsum, über das, was Familie bedeutet. Über alles, was bleibt, und über die Dinge, die – manchmal auch Gott sei Dank – verschwinden. Neben urbane Schauplätze treten oft ländliche Gegenden. Die Texte „spielen“ häufig auf dem Land, im Dorf oder zumindest im Garten. Das Vokabular schöpft aus dieser Naturwelt, aber es ist keine ungebrochene Idylle: Windräder stehen im Bild, ihre Rotoren zerschneiden die Luft. So gelingen Kathrin Schmidt Gedichte, die beides miteinander verklammern: die Natur und die Stadt, das Leben und das Sterben, den sinnlichen Eindruck und die abstrakte Analyse.
Kiepenheuer & Witsch, Klappentext, 2020
Akrobatik aus dem Greisenhaus
„Dieser Text ist verschwunden.“
Wulf Segebrecht, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.1.2021
Kathrin Schmidt mit brillanten Gedichten über Vergänglichkeit
– Für ihre autobiografische Geschichte Du stirbst nicht erhielt Kathrin Schmidt 2009 den Deutschen Buchpreis. Die hohe Wertschätzung für ihre Prosa lässt jedoch oft vergessen, dass die gebürtige Gothaerin auch großartige Lyrik schreibt. Der neue Gedichtband sommerschaums ernte erzählt von Älterwerden und Abschieden. Unser Literaturkritiker ist beeindruckt. –
Hochproduktiv ist Kathrin Schmidt nicht, dafür aber umso brillanter und beharrlicher. Neben fünf Romanen veröffentlichte sie binnen fast vierzig Jahren nur wenige Gedichtbände, aber gerade die haben es in sich. In ihrer jüngsten Verssammlung zeigt sich die Schriftstellerin zum wiederholten Mal als großartige Lyrikerin. Ihr Sound erweist sich als betörende Droge, zumal es der Künstlerin nicht an bewegenden Stoffen fehlt. Einen Text widmet sie ihrem Vater Klaus, der von 1948 bis 1956 im Gefängnis „Gelbes Elend“ in Bautzen saß und dort als politischer Häftling zunächst den Kirchen- und später den Jugendchor leitete:
mein toter vater sah ins abteil, sein lächeln, verdünnt
ins aromatische, steckte fest in der aufgequollenen luft.
ein cottbuser postkutscher öffnete endlich die tür,
verlangte aber nach briefen. ich presste den tintenschatz
auf dünnem papier an die brust und atmete aus.
der reis für die dünne spur war längst aufgebraucht.
als görlitz hinter uns lag, las ich laut aus den gehemmten
entzündungen der haft. ins zittern der musikalischen
dauerkamille mischten sich frauenmäntel und beinwell.
vor bautzen zog sich mein toter vater zurück,
seine bleichsucht schlug durch aufs papier, dass ich
nichts mehr, doch alles schon sah.
Bittere Erinnerungen dieses Schlages treiben Kathrin Schmidt unentwegt um. Von Natur aus extrem sensibel, spürt sie mehr und mehr die nahende Endlichkeit ihrer Existenz. Fünf Kinder zog sie groß, doch die Spuren der Sprösslinge beginnen zu verwischen. Die Teenager oder Twens zerstreuen sich in der Welt, beschreiten eigene Wege. Auch die studierte Psychologin Kathrin Schmidt sieht sich mit einem Phänomen konfrontiert, das Experten als „Leeres-Nest-Syndrom“ bezeichnen. Vor ihr tut sich ein sehr spezielles Vakuum auf, das sie geschickt mit einer Mischung aus Ironie und Melancholie zu überdecken versucht:
es ist zu ende. in gewissem sinne ganz ausgestanden, das ding
mit den kindern, die sich aus deinem körper stanzten.
sicher, da bleiben löcher, wo sie einst steckten,
als sie noch nicht mit dem knüppelchen knallen
und knülle ins bett fallen konnten. als sie in deinem wasser
schwammen, bewusstseinsschweblingen gleich,
und von nachtniere zu morgenmund wanderten
im ohnelicht. in gewissem sinne dir fern jetzt
und fremdlinge, deren freiersfüße sprungbereit zucken.
Der Rhythmus der Natur spendet Kathrin Schmidt Trost in Anbetracht ihres plötzlich anders strukturierten Lebens. Akribisch beobachtet sie den Zyklus der Jahreszeiten und das, was er bei ihr seelisch auslöst. Das Resultat sind faszinierende Strophen, die sich keinem Muster fügen. Seit jeher verweigert sich Kathrin Schmidt dem Fetischismus der Form. Sie schätzt das Spiel mit freien Metren und kombiniert Metaphern wie ein Zufallsgenerator, doch ab und an erliegt sie dem Reiz der Strenge und lässt sich im Meer klassischer Versmaße treiben. So zum Beispiel in einem Sonett über die Beete vor und hinter ihrem Haus:
der garten jammert, fleht um nasse gnade.
man springt. man sprengt. das wechselwarme reh,
das scheu den kopf schob durch das trockne weh,
zeigt sich im sonnenuntergang malade.
aus tau wird mau. maufrisch steht notgereiftes
getreide auf den feldern, und die kirschen
einst rotgroß rund, vergehn mit einem knirschen
im mund. im mai. in leibes kessel pfeift es
und will die kolik aus der skepsis reißen,
dass sie zur sepsis wird. Globalentzündung
führt stirn auf stern zu letzter kirchengründung:
die wohlstandsfolie und ihr stummes gleißen
sind anzubeten, während blasse maden
die lebenden zum danse macabre laden.
Die Last des Alterns entpuppt sich als Generalthema der neuen Poeme von Kathrin Schmidt. Die Autorin kapituliert nicht vor den Herausforderungen, die diese schwierige Etappe des Daseins mit sich bringt. Sie meistert sie literarisch durch eine nie versiegende Lust am Alltag, die tief beeindruckend wirkt.
Ulf Heise, mdr Kultur, 4.11.2020
Phänomenale Poetinnen
(…)
Wie laut- und klangfreudig auch das Deutsche sein kann, beweist immer wieder Kathrin Schmidt. In sommerschaums ernte (Kiepenheuer & Witsch, 2020) ist zwar viel vom Älterwerden, vom Abschiednehmen und von Vergänglichkeit die Rede, das aber auf so lebendige Weise, dass Traurigkeit nicht wirklich aufkommen will. Besonders schön ist der Sonettenkranz „Aschene Quadrille“ geraten. Da reimt sich „Gaslaterne“ auf „Gottesferne“, „Sternenhimmel“ auf „Pinselschimmel“, und das allerletzte Terzett des abschließenden Meistersonetts beschreibt wohl am schönsten das, was Verseschmiede eigentlich sind:
Drin hockt vorm Ofen stumm ein Wortentfacher.
Es ist kein Schnitter, ist ein Aschenmacher,
In seinen Augen sammelt sich Begehrnis.
Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung, 13.2.2021
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Björn Hayer: Von Holz und Haut, einem Sonnenschmaus und Coronaden
Berliner Zeitung, 7.12.2020
Matthias Ehlers: „Fingerbeerenlese“ von Kathrin Schmidt
WDR1, 12.3.2021
DIE FÜNF. Fragen an Kathrin Schmidt gestellt von Volker Sielaff.
René Schlott: Schratin mit Schreibblockade
Fakten und Vermutungen zur Autorin + IZA + KLG + IMDb + Interview + Lesung + Laudatio + Christine Lavant Preis + Urheberrecht
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Susanne Schleyer + Brigitte Friedrich Autorenfotos + deutsche FOTOTHEK + Dirk Skibas Autorenporträts + Galerie Foto Gezett + gettyimages + IMAGO + Keystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口
Kathrin Schmidt in der Sendung „typisch deutsch“.









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