Gedenkblatt für Konrad Bayer
Zwischen seinem 80. Geburtstag (2012) und seinem 50. Todestag (im Oktober 2014) ist Konrad Bayer nach längerer Karenzzeit erneut ins Gespräch gekommen. Einstige Weggefährten wie auch heutige Adepten feiern ihn gleichermassen als literarisches Faszinosum und erweisen ihm auf bald saloppe, bald ehrfürchtige Weise ihre Reverenz. Ob damit die erhoffte „Auferstehung des Konrad Bayer“ bewirkt werden kann, wird sich weisen müssen, scheint aber angesichts der aktuellen Dominanz marktgängiger Befindlichkeitsbelletristik eher fraglich zu sein.
Eine vielstimmige Gedenkschrift für Konrad Bayer hat das Kölner Schreibheft (Nr. 79) unter dem Titel „Spiel auf Leben und Tod“ vorgelegt, mit persönlichen und literarischen Würdigungen, Erstdrucken und Bilddokumenten. In Ergänzung und teilweise im Widerspruch zu den Eingeweihten aus der ehemaligen Wiener Gruppe will ich hier ein paar eigene Reminiszenzen aus den frühen 1960er Jahren nachtragen. Ich tu’s cum grano salis, weil ich naturgemäss nur meine heutigen, um ein halbes Jahrhundert zurückreichenden Erinnerungen festhalten kann, die möglicherweise in Einzelheiten von der damaligen Faktenlage abweichen.
Schriftliche Zeugnisse (Briefe, Aufzeichnungen) zu meiner kurzen Bekanntschaft mit Konrad Bayer haben sich nicht erhalten. Auch muss ich unterstreichen, dass ich damals – in jeder Hinsicht ein Anfänger – an den künstlerischen Unternehmungen der Gruppe in keiner Weise beteiligt war. Doch als interessierter Zaungast und als aufmerksamer Zuhörer in manchen Gesprächen konnte ich zumindest als Sympathisant gelten. Die nachfolgenden Notizen beziehen sich auf zwei punktuelle Begegnungen mit dem Autor, die einzigen, die mir im Gedächtnis geblieben sind.
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Erstmals bin ich Konrad Bayer in Basel begegnet, weiss nicht mehr, auf wessen Veranlassung oder durch wessen Vermittlung. Das Treffen fand im Herbst 1962 in einer Kneipe am Barfüsserplatz statt – 1962, das heisst, ich war zwanzig, Bayer dreissig Jahre alt. Alt ist wohl nicht das richtige Wort für unsre damalige Befindlichkeit. Ich selbst hatte grade eben meinen obligatorischen Militärdienst hinter mir und tat mich etwas unschlüssig, dabei aber mit weitläufigen Interessen an der Universität um, hörte – über Fakultätsgrenzen hinaus – beim Theologen Karl Barth, beim Sozialphilosophen Edgar Salin, beim Allgemeinhistoriker Werner Kaegi, beim Biologen Adolf Portmann, beim Germanisten Walter Muschg. Nebenbei trieb ich als furioser Leser mein Selbststudium der Nordistik und Judaistik voran, hatte auch schon erste Schreibversuche hinter mir.
Konrad Bayer beeindruckte mich sofort durch seine Umtriebigkeit, seine Belesenheit, sein lebenskünstlerisches Genie. Die heitere Jugendlichkeit, die er unangestrengt zur Schau trug, stand für mich, den viel Jüngeren, in auffallendem Kontrast zu seiner offenkundigen Lebenserfahrung, auf die ich am Leitfaden seiner vielen Liebes- und Freundschaftsgeschichten glaubte schliessen zu müssen. Dafür bewunderte ich ihn am meisten. Als Schriftsteller blieb er mir entrückt, es gab von ihm noch kaum etwas Gedrucktes zu lesen, und wenn es um Literatur ging, berichtete er vorzugsweise von seinen umfassenden Lektüren, von Jarry, von Vian, von den Surrealisten, am liebsten aber von seiner Beschäftigung mit deutscher Barocklyrik und den Kriminalromanen von Mickey Spillane.
Den dandyhaften Showman, als den man ihn anhand entsprechender Fotografien bis heute gern qualifiziert, konnte ich in ihm nicht erkennen. Vielmehr kam er mir in seiner schlichten, fast ärmlichen Kleidung wie ein hingebungsvoller Handlungsreisender vor – er war mit einem Köfferchen (oder einer grossen Tragtasche? einem Rucksack?) unterwegs, worin er unterschiedlichste Antiquitäten mit sich führte, die er, nach eigenen Angaben, im Wiener Dorotheum erworben hatte, um sie in der Schweiz mit gutem Gewinn zu verkaufen. Einen dieser Gegenstände, eine alte versilberte Kaffeemaschine, die aussah wie ein kleiner Samowar und sich später als unbrauchbar erwies, hat er mir für wenig Geld überlassen. Nach dem Verkauf seiner Mitbringsel wollte Bayer nach Italien reisen, nach Mailand oder nach Venedig, um sich dort erneut mit irgendwelchen Antiquitäten einzudecken, mit Besteck, Spiegeln, Nippes, Vasen, die er danach in Österreich zu verscherbeln gedachte.
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Zwei, drei Monate nach diesem ersten Rendez-vous fuhr ich auf Bayers Einladung nach Wien. Ich vergegenwärtige mir die schier endlose Bahnreise, vierzehn Stunden mit dem Nachtzug, die Tasche vollgepackt mit Lesestoff – Hans Henny Jahnn, Arno Schmidt, Ernest Hemingway, Ingeborg Bachmann, Hans Erich Nossack, von der Wiener Gruppe war nur Gerhard Rühm mit seinen konstellationen vertreten, die (falls ich nicht irre) Eugen Gomringer in seinem Frauenfelder Selbstverlag herausgebracht hatte.
Man traf sich in der Wohnung des TV-Regisseurs und Gelegenheitsmalers Aki Ackermann und seiner Frau Rita, beide gehörten, so schien mir, zum engern Freundeskreis von Konrad Bayer, der mit Rita offensichtlich besonders gern und besonders intensiv zugange war – inmitten von einem Dutzend Gästen tanzten die beiden durch die verrauchten Räume, unvergesslich sind mir Bayers grosse Hände, mit denen er, die Finger gespreizt, seine kleingewachsene Partnerin an den Hüften fasste und sie beim Tanzen an sich drückte beziehungsweise sie zu seiner Brust emporzog, wobei er den Kopf nach hinten warf, den Bauch vorstreckte und die Knie im Slapstickstil immer wieder nach oben riss. – Es wurde viel getrunken, gelacht, herumgebrüllt. Ingrid Wiener, mit von der Partie, explizierte in einem Kürzestreferat die Semantik des Dialektworts „Fut“, das ich hier zum ersten Mal zu hören bekam.
Mir blieb unklar, wer in dieser Clique zu wem gehörte, mein Eindruck war eher, dass lauter Einzelgänger umeinander kreisten, die sich momentweise sehr nah kamen, aber auch gleich wieder voneinander abliessen. Irgendwann im Lauf des Abends tauchte mit lässiger Eleganz ein junger Mann auf, der sein Fahrrad mit in die Wohnung brachte und der als Barrabas begrüsst wurde; seine schmale Gestalt kontrastierte auffällig mit seinem üppigen, auf die Schultern fallenden Lockenhaar.
Barrabas war’s, denke ich, der schon bald einen spontanen Besuch „bei Veit im Keller“ vorschlug – mit Veit war der Schauspieler und Regisseur Relin gemeint, der mit Maria Schell zusammenlebte und zusammenarbeitete und der zu jener Zeit in Wien ein Kellertheater betrieb. Der Vorschlag provozierte ein vielstimmiges Geheul, das mir wie eine relativ ausgewogene Bekundung von Begeisterung und Ablehnung vorkam. Nach längerem Hin und Her verzichtete man auf den Ausflug, Barrabas griff nach seinem Rad und machte sich allein auf den Weg.
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Am nächsten Tag wollten die Partygäste nach Hegenburg oder Hagenberg fahren, um im dortigen Schloss (offenbar Ackermanns Zweitwohnung und Konrad Bayers bevorzugtes Liebesnest) weiterzufeiern. Mir war das zuviel, ich gehörte ja nicht zu der intim vernetzten Sippe, und als ich meinen Verzicht erklärte, meldete mich Bayer sofort zu einem Besuch bei seiner Frau an. – Während er mit den Freunden aufs Land fuhr, absolvierte ich anderntags einen Rundgang durch eine Reihe von Buchantiquariaten in der Innenstadt; bei Schaden – „Der Bücherfreund“ – an der Sonnenfelsgasse entdeckte ich in einer Wühlkiste die broschierte Erstausgabe von Ludwig Hohls Nuancen und Details, Band 3, Genf 1942, zum Preis von sieben oder acht Schilling, ein Bändchen, das noch heute zu den Vorzeigestücken meiner Bibliothek gehört.
Am frühen Nachmittag kam ich dann bei Traudl Bayer im III. Bezirk an, wurde wohlwollend, wenn auch distanziert mit Tee und Gebäck empfangen. Ich habe von der Frau kein klares Bild gewonnen, an ihr war nichts Auffallendes, sie blieb wortkarg, verharrte die ganze Zeit in einem grossen Sessel hinten im Raum, liess mich kommentarlos ihre Bibliothek besichtigen. Es war ein weiträumiger heller Salon, an dessen Wänden entlang niedrige Regale mit Hunderten von mehrheitlich alten Büchern aufgestellt waren, für mich ein Eldorado, und als ich dann auf die Himmlischen Liebesküsse des Quirinus Kuhlmann stiess, die mir Bayer besonders empfohlen hatte, fühlte ich mich für einen Augenblick – mit dem kleinen, nach Leder und Altpapier duftenden Band in den Händen – wie abgehoben.
Doch es gab da noch viele andere Raritäten, und innert kurzer Zeit lernte ich anhand von lauter Erstausgaben Namen kennen, die für mich ganz neu waren – Harsdörffer, Brockes, Sibylla Schwartz. Ich war nach all den Entdeckungen und Premieren mehr als saturiert, liess mich noch auf ein knappes Gespräch mit Traudl Bayer ein, lobte beiläufig die geschmackvolle Einrichtung, fragte ohne wirkliches Interesse nach der Herkunft des riesigen Schaukel- oder Karussellpferds, das in einer Zimmerecke aufgestellt war, und verabschiedete mich bald mit einem reichlich ungeschickten Handkuss von der schweigsamen Dame.
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Ein Jahr danach traf ich Konrad Bayer noch einmal – ein letztes Mal – in Basel. Wieder war er mit seinem kleinen Koffer angereist, nebst den üblichen Antiquitäten hatte er einige Hefte der edition 62 dabei, die kurz zuvor, von ihm herausgeberisch betreut, erschienen waren. Mit der edition 62 (sie wurde nach zwei Nummern wieder eingestellt) sollte die Poetik der Wiener Gruppe durch Originaltexte dokumentiert werden, dies aber fern aller Indoktrination, wie man sie von der damaligen deutschen Avantgarde kannte.
Mit leichter Hand und scharfem Witz wurden hier auf wenigen Seiten radikal neue Schreibbewegungen vorgeführt, ohne dass man auf irgendwelche Theorien pochte – den literarischen Beiträgen (darunter Bayers signal) war die Theorie gewissermassen eingeschrieben oder, anders herum, die Theorie gewann in diesen Texten literarische Qualität. Nach Bayers Wunsch gab ich dann mehrere Probehefte der edition 62 bei einigen mir bekannten Buchhändlern in Kommission, unter anderm bei Hans Werthmüller am Basler Spalenberg und bei Heinz Szadrowski am Barfüsserplatz. Meines Wissens wurde keins der Hefte verkauft, und da Bayer sie nicht zurückhaben wollte, sind sie wohl verschenkt oder anderswie entsorgt worden.
Konrad Bayer hatte zu diesem zweiten Treffen auch das Skript seines Prosabuchs der kopf des vitus bering mitgebracht. Vor meinen Augen blätterte er darin herum, gab es mir aber nicht zum Lesen und las mir auch nicht daraus vor. Dass er auf Verlagssuche war, erfuhr ich erst kurz vor seiner Weiterreise nach Olten, wo er Otto F. Walter besuchen und als Verleger gewinnen wollte. Also fragte er mich, von der Waggontreppe herab, ganz rasch noch über Walter aus: ob und wie ich ihn kenne, was ich von ihm halte, wie ich seine Interessen einschätze, ob er sich wohl „für so etwas“ – er wies auf sein Typoskript, das er gerollt unterm Arm trug – erwärmen könne usf.
Ich kannte Walter seit meinem siebzehnten Altersjahr, war ihm wiederholt bei Lesungen begegnet, hatte manche Gespräche mit ihm geführt, schätzte ihn als Schriftsteller, war begeistert von seinem Verlagsprogramm. Ob er allerdings mit Bayers bering etwas würde anfangen können, darüber hätte ich nur spekulieren können.
Ich bin Konrad Bayer danach nicht wieder begegnet, sein Gespräch mit dem Verleger soll harzig verlaufen sein, doch wie man weiss ist der kopf des vitus bering 1965, ein Jahr nach dem Freitod des Autors, in der prestigiösen Reihe der „Walter-Drucke“ erschienen. Der Text gilt seither als sein Hauptwerk und darüber hinaus als eine epochale Hinterlassenschaft der Wiener Gruppe.
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Fast ein halbes Jahrhundert ist seit der Erstpublikation von Konrad Bayers kopf des vitus bering vergangen. Zum 50. Todestag des Autors hat der Verlag Jung & Jung in der Bibliothek „Österreichs Eigensinn“ eine kommentierte Neuausgabe vorgelegt* – guter Grund und willkommener Anlass zum Wiederlesen, aber auch zur Neubefragung dieses Vorzeigetexts, dessen formaler Radikalismus im zeitgenössischen deutschsprachigen Literaturbetrieb bestenfalls verstörend, aber kaum noch anregend wirken dürfte – die heute marktgängige Erzählliteratur mag sich auf Experimente nicht mehr einlassen, sie tendiert weit mehr zu Anpassung und Gefühligkeit als zu Widerstand und Innovation.
Bayers vitus bering erschien zu einer Zeit, da Autoren wie Böll, Frisch, Walser, Wohmann, Hildesheimer oder Ingeborg Bachmann das Sagen hatten, sich aber auch dem Einspruch, wenn nicht der Provokation einer machtvollen Avantgarde ausgesetzt sahen, die damals nicht nur über namhafte Protagonisten (Heissenbüttel, Gomringer, Jandl, Rühm, Mon u. a. m.) verfügte, sondern auch von führenden Verlegern und Kritikern unterstützt wurde.
Tempi passati!
Vorm Hintergrund aktueller Erfolgsprosa nimmt sich Konrad Bayers Erneuerungs- und Ermutigungsversuch aus den frühen 1960er Jahren fast schon wie ein clownesk-melancholischer Gratisakt aus. Hat noch Oswald Wiener mit Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman (1969) an Bayers Vorgaben angeknüpft und sie auf eigene Weise produktiv gemacht, sind die alternativen, experimentell intendierten Schreibimpulse eben doch schon bald wieder geschwunden, abgelöst zunächst durch eine sozial- und ideologiekritische „Literatur des Faktums“ (Arbeiter-, Betriebs-, Reportageliteratur), dann durch eine realistisch angelegte Bekenntnis- und Befindlichkeitsprosa, die bis heute in Form von Familien-, Vater-, Tochter-, Liebes-, Trennungs-, Krankheits- oder Drogengeschichten ihren Vorrang behauptet.
Angesichts solcher formalen wie thematischen Nivellierung könnte Konrad Bayers Vermächtnis neue Relevanz gewinnen. Mit seinem kopf des vitus bering liefert er ein nach wie vor rezentes Beispiel dafür, dass und wie konventionelles Erzählen dekonstruiert und dadurch erweitert werden könnte – wobei als „konventionell“ inzwischen auch schon die kompilative Wikiprosa zu gelten hat, die sich vorwiegend aus dem Abschöpfen von Internetquellen speist und gern mit exotischen oder historischen Stoffen daherkommt.
Von exotischem Faszinosum und historischen Interessen ist zwar auch der kopf des vitus bering geprägt, doch wird damit kein narratives Kontinuum simuliert, vielmehr bietet Bayer eine Auslegeordnung heterogener Materialien, die sich dem linearen Erzählen beziehungsweise Erzähltwerden entziehen und eben dadurch zu spontaner eigensinniger Assoziation anregen. Hier kommt es nicht darauf an, den Text als abgeschlossenes Werk zu begreifen und auszudeuten, vielmehr darauf, mit dem Text etwas anzufangen, also von ihm auszugehen, um etwas Anderes, Zusätzliches, Weiterführendes zu bewerkstelligen, einen supplementären Text gewissermassen. Bayer stellt dafür Spielfiguren bereit, die unter wechselnden Namen, mit wechselndem Charakter und in wechselnder Funktion auftreten können, unabhängig von Zeit und Raum, abhängig eher von Zufällen als von irgendwelchen Normen oder Regulativen.
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Gleich auf der ersten Textseite werden im vitus bering kurz und bündig die Schöpfungsgeschichte und das Schachspiel evoziert, die einander nach herkömmlichem Verständnis ausschliessen, an dieser Stelle jedoch in problemloser Übereinstimmung zusammenfinden. Ob Kaiser oder Zar, Gott oder König – egal, die Hauptfigur „konnte sich sowohl vorwärts als auch rückwärts bewegen. der könig zog auf ein feld. lange vorher nahm gott ein stück lehm und knetete den menschen, der ebenso aussieht, wie gott. der mensch kann sich sowohl vorwärts als auch rückwärts bewegen.“ Punkt.
Das ist unbedarft, vielleicht auch bloss unelegant ausgedrückt, doch so soll es sein, und so geht es denn bei Bayer über knapp hundert Seiten zwanglos weiter, mit zumeist holprigen, oft inkohärenten Sätzen, die zu Mikrotexten im Umfang von einer halben Zeile bis zu vier, fünf Druckseiten verkoppelt werden – banale Feststellungen und Aufzählungen, ungehobelte Gedankensplitter ohne jede aphoristische Zuspitzung, zahllose Exzerpte aus Lexikon- und Zeitungsartikeln, Zitatbrocken aus mythischen Narrativen und wissenschaftlichen Abhandlungen, aber nichts Lyrisches, nichts Gefühliges.
Erzählfiguren, Requisiten, Raum- und Zeitpunkte bewegen sich unvorhersehbar „sowohl vorwärts als auch rückwärts“, die physische Welt ist ebenso out of joint wie die historische Chronologie. Man lese … man sehe: „als vitus bering gegen eine kante stiess, richtete er seinen blick gegen den mond und prallte von den wolken, die sich mittlerweile vorgeschoben hatten, auf die spitze der kathedrale von petersburg, hüpfte noch ein wenig über schornsteine und dächer, bis er nachdenklich auf die schwarzen stiefelspitzen fiel, welche seine stiefel in richtung nord abschlossen.“
Und dementsprechend können denn auch auf einer einzigen Druckseite so unterschiedliche Daten wie 1698, 1725, 1829, 1697 gleichsam synchron geschaltet werden, so dass sie sich zu einem einzigen ephemeren Zeitpunkt fügen, an dem wiederum unterschiedlichste Ereignisse zu befremdlicher Übereinstimmung kommen. Bayer über seinen Titelhelden: „da sah er die festung und das war petersburg und die luft war angenehm und da atmete er, dass er es merkte; und er war froh, dass er da war, wo er war, und er dachte auch gar nicht weiter …“ Alles kann sich hier mit allem treffen, der Kapitän muss gar nicht erst auslaufen, um seine Seekriege auszufechten und unbekannte Inseln für den Zaren zu entdecken, da er eben schon immer und überall vor Ort ist.
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Als Galionsfigur des Buchs fungiert der jütländische Seefahrer Vitus Bering, der unter Peter dem Grossen jahrelang als Admiral der russischen Kriegsflotte und zuletzt als Entdeckungsreisender in Fernost engagiert war. Besonders heroisch tritt dieser Held jedoch nicht in Erscheinung, er ist schwer gebeutelt von Krankheiten, Allergien, Zweifeln, Ängsten und Traumata aller Art, er ist – bei all seinen Verdiensten – ein verzagter Jedermann, eine entkernte Persönlichkeit, die stets auch jemand anderes sein könnte, mithin also eigentlich ein Niemand ist, eine Unperson, die lediglich das repräsentiert, was sie nicht ist. In einem wortkargen „monolog“ glaubt Vitus Bering gleichwohl – oder eben deshalb – bekennen zu müssen: „ich bin vitus bering.“ Damit versucht er, von der schnöden Tatsache abzulenken, dass er schlicht eine Null ist.
Konrad Bayer porträtiert seinen desolaten Antihelden ebenso lapidar wie komisch in Form einer „nichts“ sagenden Aufzählung: „vitus bering war weder zar peter I. oder der grosse noch georg schweinfurth, auch war vitus bering nicht dr. hahl nicht dr. fridtjof nansen nicht könig munsa nicht oberstleutnant dodge nicht guizot nicht professor sepp nicht fürst von waldburg-zeil auch nicht antonio vecerina oder beethoven nicht könig ludwig XIV. nicht sverdrup nicht oberleutnant payer nicht schiffsfähnrich orel nicht james cook nicht simon deschneff nicht sir martin frobisher nicht john davis nicht henry hudson nicht parry nicht franklin nicht john ross nicht m’clure nicht nordenskjöld nicht umberto cagni nicht amundsen nicht robert e. parry oder timur tamerlan.“ Und noch beliebig viele andre Personen war – und ist – Admiral Bering nicht.
Vitus (die männliche Form von „vita“, das Leben) bleibt eine Figur ex negativo, eine Hohlform, ein fleisch- und geistloser Schädel, vollgedröhnt mit lauter Echos, die ihn, woher auch immer, erreichen und die seine ganze „Erfüllung“ sind. Von daher rührt wohl sein permanentes Bedürfnis, sich zu erbrechen und zu defäkieren.
Dieses Bedürfnis wird plausibel angesichts dessen, was sich in Vitus Berings Kopf als durchweg furchterregende Szenenfolge abspielt: Mord, Totschlag, Folterung, Opferung, Leichenfledderei und Leichenfrass werden festgehalten wie grell ausgeleuchtete Standbilder aus einem Horrorfilm, und dies durchweg auf der Folie christlicher Kommunion, durch die er sich verpflichtet fühlt, „den leib seines herrn, den er für seinen vater und dessen sohn hielt, zu essen“. Die konsequente Engführung beziehungsweise Gleichsetzung christlicher und heidnischer Rituale ergibt den Leitfaden, der die gesamte labyrinthische Textanlage durchzieht und dann doch einen gewissen Zusammenhalt zwischen den vielen disparaten Teilstücken stiftet.
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In einem umfangreichen, dem Text beigefügten „Index“ belegt Bayer diesen prekären Zusammenhalt durch eine Zitatenlese, die einerseits die legendäre Gestalt des Vitus Bering, anderseits dessen hauptsächliche Kopfgeburten zu erhellen scheint, sie aber tatsächlich eher noch mehr verunklärt – darunter die oftmals wiederkehrenden Motive der Enthauptung, des Kannibalismus, der Epilepsie, der Ekstase, der Elevation und der Farbe Blau. Angesichts der von Bayer herbeizitierten oder auch frei imaginierten Szenen menschlicher Niedertracht und Umnachtung klingt es wie zynischer Hohn, wenn er als seine „allgemeine hypothese“ festschreibt: „das wichtigste geschöpf auf erden ist der mensch.“
An anderer Stelle rapportiert Bayer aus Blaise Cendrars’ Roman Moravagine die scheinbar paradoxale Aussage, wonach „die Krankheiten da sind“, von uns aber nicht beherrscht werden können und deshalb besser als „die Gesundheit selbst“ aufgefasst werden sollten – ein Musterbeispiel für seine eigene alogische Gedankenführung, die wenig zu verstehen, dafür aber sehr viel zu denken gibt. So auch ein Satz wie dieser: „bewegungslos spannte das trommelfell im linken ohr des laternenhändlers.“ Unverständlich zwar, doch implizit eine Aufforderung an uns Leser, dem Satz einen Sinn zu verleihen und ihn uns auf diese Weise zueigen zu machen. Wer Bayer liest, ist stets auch mit sich selbst zugange.
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In einem seiner späten Briefe bekannte der durch kritischen Widerspruch verunsicherte Autor etwas kleinlaut, er schreibe „nur für den bemühten leser, für den, der einige anstrengung auf sich zu nehmen bereit ist“; er dürfte damit an eine minderheitliche Leserschaft gedacht haben, für die der Sinn des Buchs mit dessen Lektüre noch keineswegs erreicht und begriffen ist, dies in der Einsicht, dass die Sinnbildung nicht vom Autor gewährleistet wird, sondern vom Leser selbst zu bewerkstelligen ist. Was bei starker Literatur wohl schon immer der Fall war und auch gar nicht anders sein kann.
Hat das Alphabet einen Sinn? Sehr wohl, meint Konrad Bayer, aber nur dann, wenn man sich bemüht, es neu zu arrangieren als Gedicht oder Geschichte. Und für das Gedicht wie für die Geschichte gilt ein Gleiches – Literatur überdauert, solang ihr immer wieder neuer Sinn zugeführt wird. Darauf ist der kopf des vitus bering geradezu programmatisch angelegt, ein Text, der das Verständnis erschwert, um die individuelle Sinnbildung auf Leserseite zu erleichtern.
[*Konrad Bayer, der kopf des vitus bering, 2. Aufl., Salzburg 2014.]
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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