Traditionsbruch und Innovationsbegehren
Drei fast schon vergessene Anthologien zur literarischen Kultur der Moderne
Teil 34 siehe hier …
In ihrem ursprünglichen Verständnis war anthologische Lektüre nichts anderes als die Lese, das Abzählen und Einbringen von „Blüten“, mithin eine Auslese und ein Ablesen „bester“ Texte. Welche Texte die «besten» seien, ist bis heute das Hauptinteresse nicht bloss der meisten Leser, sondern auch vieler Literarhistoriker und Kritiker sowie, ohne Ausnahme, aller Anthologisten geblieben. Wobei als die „besten“ gemeinhin jene Texte zu gelten haben, denen man Eigenschaften wie Zeitlosigkeit (oder zeitlose Aktualität), Allgemeingültigkeit (somit auch Allgemeinverständlichkeit) oder Vorbildlichkeit (das heisst traditionsbildende Wirkung) zugutehalten kann. Je „besser“ ein Text ist, desto eher wird man ihm „bleibende“ Bedeutung, wenn nicht gar „ewigen“ Sinn zugestehen.
Diese auf Bewahrung und Belehrung angelegte Funktionsbestimmung entspricht einem konservativen Grundbedürfnis und wird denn auch vorzugsweise in klassischen respektive klassizistischen Kulturepochen gepflegt. Demgegenüber findet die Anthologie bei progressiven, auf Innovation ausgerichteten literarischen Schulen gemeinhin kein Interesse. Weshalb sollten militante Neutöner althergebrachte Texte anthologisieren, von denen sie sich doch entschieden absetzen und die sie nach eigenem Bekunden überbieten, will heissen: verdrängen wollen?
Bekanntlich wird Verdrängung zumeist durch Ausblendung bewerkstelligt – das Verdrängte soll angesichts eklatanter Neuerungen vergessen werden. Nur in seltenen Ausnahmefällen wird dieses Verfahren infrage gestellt, nämlich dann, wenn die Pioniere und Protagonisten eines innovativen Epochenstils nicht nur ihre künstlerische Originalität herausstellen, sondern auch deren verschüttete Quellen. Der primitivistische Rückgriff auf die «Negerkunst» oder auf das Schaffen von Geisteskranken und Kindern in der Kulturrevolution des frühen 20. Jahrhunderts ist beispielhaft dafür. Zwei bemerkenswerte «avantgardistische» Anthologien aus Frankreich dokumentieren die damaligen Bemühungen um die Freilegung und das Verständnis alternativer literarischer Errungenschaften. Es handelt sich einerseits um die von Blaise Cendrars kompilierte Sammlung afrikanischer Volksdichtung («Anthologie nègre», 1921), andrerseits um André Bretons «Anthologie de l’humour noir» (Anthologie des schwarzen Humors, 1940; deutsch 1972).
… Fortsetzung am 12.5.2026 …
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







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