Max Czollek: Grenzwerte

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Max Czollek: Grenzwerte

Czollek/Hamborg-Grenzwerte

FRAGEN AN EDWARD SNOWDEN

wenn wir mit einem bein aus dem fenster steigen
wem gehört dann das bein?

ist es ein problem, dass ich dreißig bin
und immer noch kein bewegungsmuster habe?

ein freund hat mir abgeraten
oral- und analsex gleichzeitig auszuprobieren
was meint er damit?

wenn ich schon einmal in bielefeld war
existiert dann die stadt, oder arbeite ich für den cia?

welche gegenstände muss ich bei drospa kaufen, um verhaftet zu werden?

leuchtet ein körper, nachdem man ihn mit plutonium vergiftet hat?

wenn ich mein wlan schon im hof empfange
wo beginnt meine wohnung?

können fische schwitzen, oder warum ist das meer salzig?

bin ich retro, wenn ich „nie wieder deutschland“ sage?

was geschieht, wenn ich nach einem blowjob
in eine messerstecherei gerate?

warum heißt das handschuh und nicht handsocke?

ist eine fehlerhafte autokorrektur auch ein freudscher versprecher?

warum war chagall ein gefragter künstler?

welche musik hört man, während man sich den sprengstoffgürtel anlegt?

sind chemtrails ein grund, die hausaufgaben nicht zu machen?

haben die juden auch das world trade center gesprengt?

wie weit kann ich gehen, bis das hier wehtut?

wer verkaufte ingeborg bachmann die letzten zigaretten?

warum landen meteoriten immer in kratern?

werde ich, wenn ich gin tonic mag, schneller zum psychopathen?

kann mir jeder deutsche eine gute wurst besorgen?

brachte der mörder trotzkis den eispickel nach mexiko
oder kauft er er ihn vor ort?

wie lange sollte ich meinen hamster in der mikrowelle trocknen?

was kostet zyklon b?

sagte der zweite hoden hitlers zum abschied leise grüß gott?

warum werden pferde nur so alt wie jazz-sängerinnen?

liegen vor dem reichstag nun flüchtlinge begraben?

hat der papst dich wirklich heilig gesprochen?

wird, sobald ich schutzraum sage, die sprache zu einem luftangriff?

 

Max Czollek liest aus Grenzwerte bei TRANSITIONS. Festival Jüdischer Gegenwartskünste. Literatur als politische Praxis am 19.8.2021

 

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Max Czolleks neuer Gedichtband Grenzwerte

ist eine Grand Tour durch Orte, Diskurse – und durch die Geschichte. Denn Dichtung ist bei Czollek immer auch ein Sprechen der Vergangenheit: Eine Form von Gegenwartsbewältigung. Der Ungleichzeitigkeit der Zeit – „dieser kette aus kalenderblättern / dem gefühl, als wäre beim reißverschluss der schieber kaputt“ – begegnet Czollek mit den Mitteln der Dichtung, mit Metapher und Collage. Dabei ist er kein passiver Chronist, seine Verse sind jederzeit bereit, zurückzuschlagen, sich Sprachordnungen anzueignen und neu zu formatieren. Und so ist Grenzwerte nicht nur ein Logbuch der Gegenwart, sondern auch eines des Dichters selbst: „ich komme mir vor, als säße ich in einem meiner gedichte / und vielleicht tue ich das auch.“

Verlagshaus Berlin, Klappentext, 2019

 

 

Lyrischer Luftangriff

– Fakt oder Fiktion? Max Czollek lässt diese Frage in Grenzwerte meist offen. Der Band ist voller Anspielungen auf die deutsch-jüdische Geschichte. –

Für empfindliche Leser:innen ist Max Czolleks Lyrik ganz sicher nichts. Ein Czollek-Vers geht zum Beispiel so:

ein gefühl wie eure großstädte nach dem luftangriff

Wer da empfindlich reagiert, sei gewarnt: Diese Zeile ist durchaus typisch für seinen kleinen Gedichtband Grenzwerte.
Spätestens seit seiner Streitschrift Desintegriert euch (2018), in der Czollek die Rolle der Jüd:innen in der deutschen Erinnerungskultur dekonstruiert, kennt man nicht nur Czolleks Positionen, sondern auch den aggressiven Ton, mit dem er diese formuliert. Für den hat er einen guten Grund, zeigen seine Beobachtungen doch, welch einseitige Rollen  Jüd:innen und anderen Minderheiten in der deutschen Gegenwart  oft zugeschrieben werden.
Identitäten abseits der deutschen Mehrheitsgesellschaft verhandelt hat der 32-Jährige aber schon zuvor, etwa in seinen Werken Druckkammern (2012) und Jubeljahre (2015). Dort aber nicht als Sachbuchautor, sondern auch schon als Lyriker.
In seiner jüngsten Veröffentlichung kommentiert Czollek deutsche Diskurse erneut als Dichter, und das möglichst scharf. Lyrik heißt bei ihm: Gegenwartsbewältigung. Doch dabei beschränkt sich Czollek nicht auf das Hier und Jetzt, sondern schreibt über historische Ereignisse oder Szenen, die er während seiner Aufenthalte in der Ukraine, der Türkei und Zentralasien einmal erlebt hat.
Abgesehen von den Kapiteln, die von Mario Hamborg illustriert wurden, gibt es in dem Band wenig erkennbare Struktur. Die Gedichte selbst halten sich an keine „Regeln“, Czollek arbeitet nicht mit Reimschemata oder bestimmten Gedichtformen. Mal bauen Texte innerhalb der Kapitel aufeinander auf, mal hängen sie bloß thematisch zusammen oder scheinen gar lose zusammengewürfelt. Die Grenzen zwischen Ichperspektive und Betrachtung scheinen zu verschwimmen.
Dabei mischt Czollek gekonnt Fakt mit Fiktion. Wie im Kapitel „Kosher Nostra“. Dort porträtiert er jüdischstämmige Mafiosi im New York des frühen 20. Jahrhunderts und ergänzt deren Biografien mit eigener Imagination und lässt andere historische jüdische Figuren erscheinen, die mit der New Yorker Mafia nichts zu tun haben.
Und er lässt Anne Frank die Schoah überleben und sie als Wiedergängerin der Bauhausschülerin Anni Albers nach North Carolina fliehen. Czollek ermöglicht durch solche kontrafaktischen Erzählungen vielschichtigere Lesarten jüdischer Geschichte als jene, die im Zentrum der deutschen Gedenkpolitik an die Schoah stehen.
Dabei sind seine Gedichte voll subtiler Referenzen und bitterem Zynismus. Zum Beispiel, wenn er mit den Worten „Czollek schenkt den Deutschen ein Gedicht“ den NS-Propagandafilm „Hitler schenkt den Juden eine Stadt“ zitiert.
Oder wenn er über seinen Besuch in der Gedenkstätte von Babyn Jar schreibt. Dem Ort, an dem die Wehrmacht 1941 mehr als 33.000 Juden vernichtete. Dort schüttelt das lyrische Ich dem deutschen Kulturattaché die Hand und hält eine Lesung vor leeren Rängen. Warum die Sitze leer sind?

die dreißigtausend zuhörer:innen
aus dem kartenvorverkauf wurden erschossen

Hier verschmilzt Erlebtes mit Imaginiertem, Gegenwart mit Vergangenheit. Es entsteht eine alternative lyrische Wirklichkeit.
Derlei Polemik zieht sich durch alle Ebenen des Gedichtbands und macht nicht mal vor der typografischen Gestaltung halt. Gestalter Dominik Ziller hat sich für eine Typo namens „Grenze“ entschieden. Die ist von der „Gebrochenen Grotesk“ inspiriert, eine Schriftfamilie, die von den Nationalsozialisten zunächst als urdeutsch instrumentalisiert und später von Hitler persönlich 1941 als „Schwabacher Judenlettern“ mit der angeblichen jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung in Verbindung gebracht wurde.
Anstelle einer klaren Struktur und der Argumentationsketten seiner Sachtexte setzt Czollek in Grenzwerte die Waffen der Lyrik ein, spielt mit Motiven, Assoziationen, Referenzen. Oft wird klar, was Czollek in seinen Gedichten kommentiert. Manchmal erschließt sich hingegen nicht, worauf er hinauswill. Zumindest für Czollek selbst ist das kein Problem, sondern ein Qualitätsmerkmal von Lyrik:

wenn du bei einer lyriklesung bist und nichts verstehst
bist du richtig

Patrick Wagner, taz, 10.2.2020

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

 

 

 

Fakten und Vermutungen zu Max Czollek + Instagram 1 & 2Facebook
Porträtgalerie: Dirk Skibas Autorenporträts + IMAGO
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Max Czollek: poetisiert euch (1).

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