DER NEUE STERN
Am 2.1.1959 startete die Sowjetunion die erste Weltraumrakete
Diese Angst: Wenn das Letzte geschähe,
das sich dem Denken versagt,
wenn die jähe
Glut um den Erdball jagt
und der Planet zerschellte,
vertilgt des Menschen Spur,
zwischen Venus und Mars die Kälte
des leeren Raumes nur…
Diese Angst: Der Mensch nie gewesen,
umsonst aller Kampf, alle Qual,
sinnlos alles Leid; nichts zu lesen
von den Opfern ohne Zahl.
Die Gekreuzigten – eine Chimäre,
Spartakus, du und ich
niemals im Leben. Nur Leere
ewiglich…
Nun ist diese Angst gewichen
und liegt Äonen fern.
Ihr Schreckbild ist verblichen,
ich sehe einen neuen Stern,
und dieser Stern wird nicht schwinden;
wenn auch die Erde zerfällt,
wird er ewig künden:
Es war einmal eine Welt,
von Wesen belebt, die Hirne
hatten und Aug und Hand,
kundig der Bessemerbirne,
aus der dieser Stern entstand,
kundig der Kraft der Raketen,
auf dem Vormarsch ins Weltall,
die Herrn ihres verschollnen Planeten.
Das alles erzählt einst der Stern.
„Wo aber ist er geblieben“,
würd man sagen, „dieser Schöpfer Planet?“
Und man würd fragen den Stern, wo getrieben
ins Metall eine Botschaft steht:
Fünf Strahlen und vier Chiffren
in der stählernen Wand
sagten den Weltraumschiffern,
daß einst ein Staat bestand,
reif, den Stern um die Sonne zu lenken,
und man würde, von wo man auch kam,
an die Kämpfe und Gänge denken,
die die eigne Geschichte nahm,
bis man die Schlächter bezwungen,
erstritten den letzten Sieg,
dem Frieden die Freiheit errungen,
und sie würden wissen: Ein Krieg
war’s, der den Planeten zerstörte
und in Atome zerrieb,
und sie würden im Geist neu die Erde
erschaffen, da jener Stern blieb,
und sie würden zurück die Geschichte
spulen bis zum Beginn,
und siehe: Nichts wäre zunichte,
kein Opfer ohne Sinn,
und man würde aus den stählernen Chiffren
des Sternes Stück um Stück
die verschollenen Wesen entziffern,
ihren Kampf, ihre Qualen, ihr Glück,
was sie hofften, wie sie litten und liebten,
jeden Hauch, jeden Kuß, jeden Traum,
alles wär eingeschrieben
ewig in Zeit und Raum.
Und da dieser Stern kreist: Das Letzte,
weiß ich, wird nicht geschehn,
die Hand, die Sterne versetzte,
wacht über der Erde Drehn,
die Hand, die den Stern geschaffen,
ist’s, die uns alle hält,
deine und meine Liebe,
des Menschen unsterbliche Welt.
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Fühmann ist einer der großen Empörer,
der leidenschaftlich Partei ergreift gegen alles Gestrige und als Dichter ebenso leidenschaftlich dafür „sorgt, daß der Tag der Lebenden beginnt“. Ja, seine Verse lehren uns, Vergangenes zu überwinden, über „Gräber hinweg“ zu schreiten, dem lebendigen Sein zu. Er ist Hymniker und Ekstatiker, aber er findet auch ganz schlichte, hochpoetische Zeilen. Volksliedhaftes floß ihm beschwingt aus der Feder, er webt Märchen und Traum um sich und uns: er ist ein Dichter!
Franz Fühmann ist allem Lebendigen nah. Wie anders könnten auch sonst seine Verse so aufrüttelnder Anruf sein zur helfenden Tat, zur Tat für dich und mich, für uns alle, für das Glück unserer Nation und der ganzen Menschheit! Franz Fühmanns Verse gehören zu denen, die zu lesen und wieder zu lesen und vor sich hin zu sprechen sich lohnt.
Sächsische Neueste Nachrichten
… und diese Gedichte enttäuschen nicht! Man spürt sofort, einer Persönlichkeit zu begegnen, bei der Intellekt und Empfindung. Philosophieren und Erleben eine Einheit eingegangen sind. So gehen denn auch seine lyrischen Bilder vielfach vom Optischen aus und weiten sich dann unmerklich zu einer Lebensaussage des modernen Menschen. Dabei benutzt er eine herbschöne Sprache, die das allzu glatte (und damit oft gedankenlose) Herunterlesen verhindert.
Sächsisches Tageblatt
Aufbau Verlag, Klappentext, 1962
Angewandtes Märchen und elegische Miniatur
– Zu den Gedichten Franz Fühmanns und Hanns Cibulkas. –
Neben Uwe Berger, Günther Deicke, Armin Müller, Helmut Preißler und Bernhard Seeger repräsentieren Franz Fühmann (Jahrgang 1922) und Hanns Cibulka (Jahrgang 1920) die mittlere Schriftsteller- und Lyrikergeneration in der DDR.1 Fühmann allerdings, der auch als Erzähler in der DDR sehr bekannt wurde,2 öffentlicher und im Hinblick auf seine Thematik und ihre Sprachverfassung auch symptomatischer für diese Generation als Cibulka, dessen bislang vier schmale Lyrikbände umfassendes Œuvre eher intern und öffentlichkeitsunwirksam am Rande der lyrischen Szenerie der DDR angesiedelt ist. Die Gründe für diese Differenz mögen einerseits in Fühmanns Anschluß an die damals alles beherrschende (Sprach-)Gestalt Johannes R. Bechers zu suchen sein, der Cibulka trotz mancher klassizistischer Reminiszenzen, die sich noch in dem Band Zwei Silben von 1959 finden, doch ferngeblieben ist, während Franz Fühmann 1959 bekennt:
Johannes R. Bechers Verse traten in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft in mein Leben; spät, aber bald überwältigend. Mit ihnen geschah mir etwas, was ich bisher von Dichtung noch nie erfahren hatte. (…) Er gab seinem Volk Rechenschaft; wie zwang er uns dadurch, uns wenigstens vor uns selber Rechenschaft zu geben, anstatt Zaubersprüche zu murmeln (…) Wie elend schien nun die Flucht in die Magie; wie hohl jenes Beschwören von Verhängnissen; (…) Bechers Gedichte waren ein wirkender Teil (…) der lebendigen Wirklichkeit des Sozialismus. (…) sie waren eine poetische Großmacht, die in unser Leben eingriff und es verändern half.3
Auf diesem Hintergrund ist etwa das 1953 veröffentlichte Gedicht „Dank dir, Sowjetunion“ zu lesen, das Hermlins Lobpreisung
Ich hatte UdSSR,
Wie die Sonne gehört sie jedem4
vorwegnimmt. Das Gedicht erschien in Fühmanns Band Die Nelke Nikos, den er später einstampfen ließ,5 und wurde nicht in den Sammelband Die Richtung der Märchen aufgenommen.
Einfach dies Herz, nimm es hin
und das schönste Gedicht, das ich je schreiben werde,
und den Händedruck unserer Freundschaft.
O Sowjetunion,
daß es dich gibt, daß du da bist
in der Welt, (…)
(…)
Du hast uns Deutschland gegeben, Sowjetunion,
du: Deine Menschen, dein Volk,
deine Hirten, deine Gelehrten, (…)6
Zum anderen ist dieser Einsatz Fühmanns ein Beleg auch für die von Becher vorformulierte Kulturpolitik des neuen Staates, die ihren Niederschlag im Entwurf einer (vulgär-) marxistisch-leninistischen Ästhetik gefunden hat und durchaus verbindlich gemeint war. Eine Ästhetik, die nicht auf Grund neuer Werke entsteht, sondern diese präjudiziert, eine Ästhetik der „Inhaltsliteratur“, der formale Kategorien ziemlich fremd sind, die dem künstlerischen Experiment durch dogmatische Betonung der Begriffe Parteilichkeit/Tendenz nur minimalen Raum läßt:
Das lebenswahre künstlerische Schaffen ist stets in dem Sinne bewußt, als sich der Künstler darüber klar ist, was er macht und wofür er etwas tut, das heißt, daß er den Inhalt, das Ziel und die Tendenz seines Schaffens von der Position seiner Weltanschauung betrachtet.7
Auch diesen ,ästhetischen‘ Forderungen der Kulturpolitik stand Cibulka vorsichtiger gegenüber als Fühmann.
Beide begannen nach 1950 zu publizieren, nur Fühmann veröffentlichte 1942 bereits einige wenige Gedichte in der Zeitschrift des Hamburger Ellermann Verlages Das Gedicht. – Blätter für die Dichtung.8
Die ,Richtung‘ der Fühmannschen Poesie seit seinem Beginn als Lyriker 1953 ist „die Richtung der Märchen“; und zwar auch da, wo die Gedichte nicht ausgesprochen in diese Richtung hin thematisiert sind, wie etwa das umfangreiche, stark episch betonte Poem „Die Fahrt nach Stalingrad“,9 wo es schon heißt:
(…) Es raunt aus den Märchenbüchern
uralte Weisheit herauf; es tanzen die Nixen10
Bereits der erste Band Fühmanns, Die Nelke Nikos, enthält mehrere dezidiert ausgeführte Belege für diese programmatische Wendung, darunter das Gedicht „Märchen“ und den fünfteiligen Zyklus „Schneewittchen“. Im „Märchen“ stehen die Verse:
Plötzlich stehst du am Grunde
der Dinge. Wie einfach sie sind!11
Das Gedicht schließt:
die Helden haben nicht Ruh.
Sie wandern den klaren Tagen,
dem Morgen ohne Abend zu.
Siehst du sie am Saum unsrer Mühen
wie Gewesene und Kommende stehn?
Es ist Winter. Die Rosen blühen.
O welche Märchen werden geschehn!12
Das Motiv des Grundes, der nach Fühmann von den Märchen formuliert wird, kehrt an anderer Stelle wieder:
Die Richtung der Märchen: tiefer, immer
zum Grund zu, irdischer, näher der Wurzel der Dinge,
ins Wesen.
So beginnt das Gedicht „Die Richtung der Märchen“,13 und im Gedicht „Die Weisheit der Märchen“ heißt es:
Die Weisheit der Märchen: Immer
geht die Reise zum Grund, und immer ist es
dunkel zunächst am Grund.14
Die Gespanntheit zwischen Gewesenem und Kommendem, Vergangenheit und Zukunft (aber auch: zwischen Muster und gesteuerter Wiederholung des Musters im Gedicht), zwischen der alten Anfangsformel der alten Märchen: „Es war einmal“ und dem beschwörenden Neuansatz: „Es wird sein“,15 zwischen der anfänglichen Dunkelheit (am Grunde) und dem Licht am Ziel,16 bestimmt die dialektische Struktur der Fühmannschen Märchen-Gedichte:
O Frühling des Volkes, o Traum zurück
in die Zeiten, die niemals waren,
in die Zeiten, die ich kommen sehe –17
Oder:
Immer sind die geringen Dinge die wichtigen.18
Und:
Epilog und Prolog
So sei verflucht, du Zeit der Totentänze,
so sei verflucht, blutiger Karneval!
Das Gedicht schließt mit der Aufforderung:
sorgt, daß der Tag der Lebenden beginnt!19
Dieser Struktur entspricht jene des alten Märchenmusters, das diese Spannung schließlich auflöst, den Konflikt im Sinne einer positiven Öffnung in die sorgenfreie Zukunft freigibt.
Anders als bei Ingeborg Bachmann oder Christa Reinig, anders als bei Härtling, Huchel, Enzensberger oder Bobrowski, wo Märchen- und Sagenmotive, Spruchweisheit und Legendenreminiszenzen eher im Ausschnitt, zitat- und formelhaft, reduziert auf ihren Wort-Laut, weniger inhaltlich bezogen denn als Sprach-Signal gesetzt im Kontext und nicht selten in Umkehrung des evozierten Musters erscheinen, geht Franz Fühmann geradezu den entgegengesetzten Weg in Richtung auf den Inhalt des Musters und seine Wiederholung und Übertragung in eine neuere Wirklichkeit, die zeitlich wie räumlich (im Gegensatz zum Muster) fixiert ist, gleichsam auf metaphorischem Wege eine ideologische Wendung erhält: das Märchen als große Metapher für diese Wirklichkeit. Das Märchen als didaktisch anwendbares Gleichnis, als lyrisches Lehrstück: der Zyklus „Schneewittchen“ beginnt mit dem Vers:
Aber Schneewittchen kann man nicht töten…20
um mit der Übertragung ins neue soziologische Modell, der bereits im ersten Satz des Gedichts implizierten Anwendung – „Aber Schneewittchen kann man nicht töten“ – zu schließen:
O du mein Volk, ich weiß es, du kannst nicht sterben!
Du wirst leben, mein Volk, du wirst auferstehen,
alle Märchen werden Wirklichkeit werden,
(…)
und Schneewittchen, vieltausendgestaltig,
gegenwärtig wird sie sein
in meines Volkes Arbeit,
in meines Volkes Glück…21
Solche, wesentlich auf den Inhalt hin bezogene Setzung des Märchenmusters im Gedicht bei Fühmann entspricht seiner Abweisung des Magischen, des Zauberspruchhaften und Beschwörenden,22 das für ihn eine Gefährdung der didaktischen Absicht, der Strategie der einfach-übersichtlichen Rede ist. Vergeblich sucht man nach Einsätzen und Sprach-Signalen wie sie etwa in einem frühen Gedicht Huchels gesetzt sind:
Milch, blaue Milch, Satansmilch du,
im Namen des Vaters vergeh!23
Vergeblich auch nach jenem Spruch- und Beschwörungsrhythmus, sprachreflexiv, ein poetologisches Programm signalisierend, wie ihn viele Gedichte Bobrowskis formulieren:
Letztes Boot darin ich fahr
keinen Hut mehr auf dem Haar
in vier Eichenbrettern weiß
mit der Handvoll Rautenreis
(…)
und von weitem ruft die Krähe
ich bin wo ich bin: im Sand
mit der Raute in der Hand24
Auch die Umkehrung des Märchenmusters, der Bruch der Suggestionsebene und die Reduktion auf den Wort-Laut, wie ihn Ingeborg Bachmanns Gedicht „Das Spiel ist aus“ gibt:
Laß dich von listigen Raben, von klebriger Spinnenhand
und der Feder im Strauch nicht betrügen,
iß und trink auch nicht im Schlaraffenland,
es schäumt Schein in den Pfannen und Krügen.
Nur wer an der goldenen Brücke für die Karfunkelfee
das Wort noch weiß, hat gewonnen.
Ich muß dir sagen, es ist mit dem letzten Schnee im Garten zerronnen.25
fehlt bei Fühmann. Die Geste der resignativen Denunziation („Laß dich nicht“ – „Iß und trink… nicht“ – „Ich muß dir sagen“) die Entlarvung des schönen Scheins, der „schäumt“, die Destruktion der alten Wortbedeutung und des Glaubens daran, wird von Fühmann so selten angestrebt wie die Ironisierung und Infragestellung des alten Märchenmusters. Wo das geschieht, geht er konkret von der Inhaltsstruktur aus und entfaltet ihre Dialektik, wie in den beiden Gedichten „In Frau Trudes Haus“ und „Märchenhäuser“, wo es ihm gelingt, (ohne daß er wie sonst ausdrücklich die utopische Rücksicht „Es wird sein“ – „O welche Märchen werden geschehen“ – anschlägt) die latent faschistische Struktur vieler alter Märchen sichtbar zu machen:
Da ist das Haus für die Schönheitstrunkenen.
Im schönsten Palast der Welt
preisen die Dichter entzückt
die schönste der Königinnen,
deren Schönheit der tote Spiegel selbst singt.
Freilich –
Freilich: ein Jäger bringt eine Schüssel
von Gold, drin rauchen Eingeweide,
und er meldet den Tod eines bäurischen Mädchens,
das schöner als die Königin war.
Häuser aus alten Märchen.
Freilich –26
Dies der Schluß des Gedichts „Märchenhäuser“. In „Frau Trudes Haus“ heißt es:
Als das Kind in Frau Trudes Haus kam,
da sah es auf der Treppe einen roten Mann
mit einem Henkerbeile,
da klebte Blut daran.
aaaaaMein Kind, was du siehst, sprach Frau Trude,
aaaaawas hast du dir ausgedacht,
aaaaadas war doch der gute Metzger,
aaaaader hat mir einen Braten gebracht.27
Mit der Orientierung an der Inhaltsstruktur des Modells übernimmt das Fühmannsche Gedicht auch die Erzählstruktur des Musters. Von hier aus erklärt sich die auffällige Prosa-Nähe seiner Lyrik, die Vorliebe für ältere Wörter, die Technik der Langzeile, die seit den frühen Arbeiten eingesetzt wird, beherrschend im Poem „Die Fahrt nach Stalingrad“; eine weit ausholende Dichtung, die ausgesprochene Landschaftsschilderung und Genreszene, Monolog und Dialog, Anekdotisches und erinnerte Episode, Moral-Sequenz und Märchen- wie Legendenton, lyrische Geschichtsschreibung zusammenbringt:
O Blättern in Büchern…
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaDraußen geht Sturm ums Haus,
zerfetztes Grau von Wolken, fast bis an die Erde
hinabgedrückt, treibt vorbei, und manchmal auch
ist dieses monotone Schlürfen: Die Ostarbeiter
und Konzentrationäre werden unter Eskorte
in die Fabriken getrieben. Dann gellt auch ein Schuß; und öfters
sind Schreie und dumpfer Fall. (…)28
Zuweilen versichert sich sein Vers, daktylisch versetzt, den Binnenreim bevorzugend und Alliterationen häufend, an der Dynamik der alten Nibelungen-Strophe, in Halbverse gebrochen, wie in dem Gedicht „Der Nibelunge Not“, zugleich einen Vers Stephan Hermlins aufnehmend:
Zu Blöcken, schwarzen und roten,
geschichtet, und Schnee darauf:
Verfallend, verfaulend, die Toten,
hier liegen sie zuhauf,
ein ungeheures Verwesen,
von Krähen überschrien;29
Reine Prosa, versifiziert, bietet das Gedicht „Lob des Ungehorsams“:
Sie waren sieben Geißlein
und durften überall reinschaun,
nur nicht in den Uhrenkasten,
das könnte die Uhr verderben,
hatte die Mutter gesagt.30
Die Funktion dieser Versifizierung ist nicht mehr erkennbar und es scheint kein Zufall zu sein, daß das Fühmannsche Gedicht dort, wo es umschlägt in die prosaische Diktion, in die reine Nach-Erzählung (wie in diesem Gedicht etwa), seine poetische Lizenz, selbst seine Anschaulichkeit als angewandtes Märchen einbüßt. Dort, wo er die dialektische Struktur des Märchenmusters in seinen poetischen Ansatz aufnimmt, wenn auch wesentlich inhaltsbezogen, ist es gerade die Anspruchslosigkeit und Direktheit seines Gedichts, die einen Schluß-Gestus wie den der Weisheit der Märchen als angewendetes Märchen noch glaubhaft zuläßt:
Ich verneige mich tief vor der Weisheit des Volkes,
der wir es danken,
daß es im Märchen
dialektisch zugeht.31
Was sich in der Dichtung Franz Fühmanns – bedingt durch den Rußlandfeldzug, an dem er teilnahm, und die sich anschließende Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion – als Erfahrung der östlichen Landschaft, etwa in der Fahrt nach Stalingrad, niederschlug, heißt bei Cibulka Italien und der mittelmeerische Raum,32 wesentlich direkter und lokalisierbarer allerdings formuliert als in der Mittelmeerdichtung Erich Arendts. Im Gegensatz zur weitausholenden, erzählenden Darstellung der Landschaftsszenerie bei Fühmann und dem sich im Sprechvollzug herstellenden Raum bei Arendt, greift Cibulka eher auf das klangvolle Detail zurück, dem gleichnishafte, stellvertretende Bedeutung und eine gewisse Assoziationsfunktion zugemessen wird. Eine Landschaft, die sich aus Stich-Worten, in der Andeutung, durch einen „Pinselstrich“ realisiert: –
Mit anderen Worten
sehe ich die Landschaft an,
(…)
wenig Striche
genügen
für ihr Profil.33
– und nicht ohne poetologische Bezüge gesetzt:
Und ich
habe nichts
als das Wort,
diese Landschaft
mit dem siebenfachen
Echo.34
Landschaft und der Bezug zur Darstellung im Gedicht beschäftigen Cibulka schon früh: „Landschaft über Landschaft / habe ich getrunken“ heißt es in dem Gedicht „Zwei Silben“,35 das dem Band von 1959 den Titel gab. Darin findet sich auch das Gedicht „Unerbittliche Landschaft“ mit den Versen:
Dieser Landschaft
ist der Ruhm versagt.
Der Horizont
ist eine Kette aus Basalt,
fragwürdig glühn im Tal
die gelben Beeren,
die Luft steht drohend
unter den Zypressen.36
Die apodiktische Härte des Einsatzes überträgt sich auf die folgenden, syntaktisch übersichtlichen Aussage-Sätze. Die Vergleichskonjunktion ,wie‘ wird durch ein Prädikat ersetzt: „Der Horizont ist eine Kette…“. Die poetische Begründung des Gedicht-Einsatzes wird gleichsam unauffällig, nebenbei gegeben: die gelben Beeren glühn „Fragwürdig“, die Luft steht „unter“ den Zypressen. Auf engstem Raum, in der Miniatur ist die Explositivität, die Hitze einer südlichen Sommerlandschaft formuliert. Das Gedicht nimmt schließend eine programmatische Wendung:
Aber die Kunst
hat ihren Namen
an die Mauern
des Standrechts
geschrieben.
Nicht mehr
jenen dunklen Blick
nach Innen,
Profil mit harten
Strichen,
Stilus!37
Die hier ausgesprochene Abwehr jenes dunklen Blicks „nach Innen“ – in gewisser Weise an Fühmanns Diktum gegen die Magie, gegen die Beschwörungsgestik der Sprache erinnernd – hat nur frühen Stellenwert: die späteren Gedichte Cibulkas zeigen, daß der Blick nach Innen sehr wohl mit dem Prinzip „Stilus“ vereinbar ist. Diese Abwehr (1959) erscheint als Reaktion auf eine Kritik, die ihm attestierte:
Auch trübt des Dichters Schmerz zuweilen den Blick für historische Wahrheiten.38
Auch Cibulka kommt nicht umhin, seinen „Blick für historische Wahrheiten“ zu schärfen und den Ertrag dieser Seh-Schärfung vorzulegen:
LIEBFRAUENDOM ZU MÜNCHEN
(…)
Im Chorgestühl
Bruckners jubelnde Posaunen,
Aber draußen: Jagd,
nach Erotik, Curetage,
und an den Mauern der Synagogen
die uralte Schändung.39
Oder:
Bescheidenheit, Genosse,
ist kein Hindernis
für deine Größe,
sie wägt die Dinge,
gleicht sie aus
und weiß,
daß selbst der Berg
stets nur ein Teil
der Erde ist.40
In der „Ode an Peking“ findet sich die Formulierung:
Klar wie ein Tigerfell
änderte er die Dinge.41
Auch diese Erkenntnis:
Brackwasser ist dunkel
und ohne Grund.42
Aber schon in diesem Band, die „Ode an Peking“ stammt aus den Zwei Silben, findet er zurück zum Thema: elegisch angeschlagen, verzichtend auf die pseudo-erkenntnistheoretische Geste und die lautstark-bemühte Agitation, heißt es in dem Gedicht „Kindheit“:
(…) Ein jeder Ast
war Abschied.
(…)
Entblättert lag die Landschaft. In unseren
kaum getretenen Pfad fiel Schnee. O weiße Not!
Doch tiefer im Gesetz als wir
verharrten die Gräser. Mein Teil hieß warten.43
Hier werden Elemente eines verdeckten Sprechens sichtbar: im Rückzug auf ein so (zunächst) a-politisches Motiv wie die ,Landschaft‘ wird eine Reaktion reflektiert, die durchaus von politischer Relevanz ist: „mein Teil hieß warten.“, den unterm Schnee überwinternden Gräsern gleich. Eine Reaktion, ein Sprechen, das sich im Paradigma, zuweilen äußerst verkürzt, niederläßt: so heißt es in dem 1968 erschienenen Band Windrose:
Ich mit dem Heimweh
nach Deutschland
diesem Land von morgen,
wo ich dem Vogel
nicht mehr die Schwinge
neide.
Schneefall.44
Hier genügt bereits ein Wort – neben der Zeitverschiebung: „Deutschland, diesem Land von morgen, wo ich…“ – und diese Verschiebung pointiert aufhebend –:– „Schneefall“, um den vorhergehenden Text zu ironisieren, durchsichtig zu machen: eine elegische Miniatur, im poetologischen Sinn durchaus die zentrale, wenn auch nicht durchgängig erreichte Position der Cibulkaschen Lyrik:
Wo immer
der Baum auch steht,
der Wind
wird ihn erreichen.45
Die poetologische Reflexion, die dem Gedicht Cibulkas immanent ist, zeigt sich besonders deutlich in der Auseinandersetzung mit und der Wiederaufnahme und Beantwortung von Motiven schon vorliegender Werke: Widmungsgedichte Cibulkas an Heine, Trakl, Mandelstamm, Eluard und Ungaretti;46 Titel-Gedichte wie „Das Gedicht“,47 „Pro Domo“,48 „Selbstgespräch 1967“49 oder „Ballade vom Wort“50 verweisen auf die Auseinandersetzung mit dem Gedicht und der Sprache: eine Reflexion, fast ausschließlich elegisch, im Tonfall eines „späten“ Sprechens vorgetragen. Es wurde bereits darauf hingewiesen, daß der Abwehr jenes „dunklen Blicks nach Innen“ nur ein früher, momentaner Stellenwert zukommt:51 in einer späteren Fassung nimmt Cibulka sie aus dem Gedicht. Diese frühe Abwehr hätte der Dichtung Stephan Hermlins gelten können. Ihre Zurücknahme, in den Gedichtbänden Arioso und Windrose besonders deutlich, liest sich dann auch wie eine Bestätigung des Hermlinschen Gedichtschlusses:
Der Worte Wunden bluten heute
nur nach innen.
Die Zeit der Wunder schwand. Die
Jahre sind vertan.52
Bei Cibulka heißt das:
Und wenn sich auch
die Strophen schließen,
noch nie
war dieses Herz
so nackt.
Die Jahre fließen.
Die Zeile
bleibt
abstrakt.53
Was von der Sprache, vom Gesprochenen bleibt ist die ,Blind-Zeile‘,:54
sind ein paar Sprüche
eingehauen
in den Sockel
aus Sandstein.55
oder:
Eine Tafel
aus gebranntem Lehm,
erloschene Schrift.56
Aber auch, kontrapunktisch angesetzt, der Weg zurück ins Bild, in „die alten Zeichen“,57 zum „Wort“, das „in der Urne lebt“.58 So in dem Gedicht „Georg Trakl“, wo es heißt:
Später
im Gehölz der Nacht,
hier schnitt uns der Schrei
den Mantel in Stücke,
begegnet er
dem Engel,
verkleidet,
schwarz.
(…)
Schwesternwort,
lesbar,
wenn der Dezemberwind
kommt.59
Die typografische Anordnung der Gedichte (sie erfolgt erst in dem Band Windrose), orientiert an der von einer symmetrischen Mittelachse ausgehenden, den „inneren Rhythmus“ betonenden Phantasus-Dichtung Arno Holz’ hat nicht nur eine ,übernommene‘, platterdings aufgesetzte Funktion. Gleichsam fixiert auf die Mittelachse, symmetrisch um sie gruppiert, als Einzel-Worte stark betont, formulieren die Verse anschaulich eben jene Spannung zwischen Sprache und Schweigen, die ihre Sprachlichkeit ausmacht. Als mit dem ,Stilus‘ gezeichnete Miniatur, als typografisch verdeutlichte Abbreviatur nähert sich das Gedicht Cibulkas jener Reflexion auf die Sprache, die von der Dichtung Erich Arendts, Paul Celans, Johannes Bobrowskis oder Helmut Heissenbüttels längst thematisiert wurde.
Gregor Laschen, aus Gregor Laschen: Lyrik in der DDR. Anmerkungen zur Sprachverfassung des modernen Gedichts. Athenäum Verlag, 1971
Für die Franz-Fühmann-Schule in Jeserig, zu ihrer Namensgebung
Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Eltern und andere Erwachsene –
Wenn Franz Fühmann noch bei uns wäre, was ich mir in den letzten Jahren oft gewünscht habe, weil es mir am Herzen gelegen hätte, wie früher mit ihm über diejenigen Fragen zu reden, die uns, dessen bin ich sicher, beiden dringlich gewesen wären; wenn also Franz Fühmann heute hier sein könnte, dann würden wir uns nicht versammeln, um eine Schule nach ihm zu benennen. Armin Schubert und seine anderen Freunde vom „Sonnensegel“ hätten es auch nicht nötig gehabt, einen solchen Vorschlag zu machen, denn Fühmann wäre ja ihr aufmerksamer, lernender und hilfreicher Begleiter geblieben; und es wäre für ihn gar nicht in Frage gekommen, sich zu Lebzeiten auf solche Weise ehren zu lassen. Ich bin froh über diese Art, an ihn zu erinnern, mehr noch: mit ihm zu leben; denn dies war die Art und Weise, in der ihr, Schülerinnen und Schüler, und Sie, Lehrerinnen und Lehrer, hier in Jeserig ein Jahr lang Fühmann nähergekommen sind, so daß ihr heute wißt, wessen Namen eure Schule tragen wird, und daß ich es nicht nötig habe, euch, Ihnen zu erzählen, was Fühmann geschrieben hat, Titel aufzuzählen oder seinen Lebenslauf zu memorieren. Ich kann es mir wohl erlauben, von den Gedanken und Gefühlen zu reden, die in mir aufstiegen, als ich, dieser kleinen Rede wegen, wieder einmal in den Büchern von Fühmann las, und davon zu erzählen, wie ich ihn kannte.
So wie auf eurem Wandbild an der Schulmauer sah er ja schon lange nicht mehr aus. Zwar kannte ich ihn noch so, einen körperlich beeindruckenden Mann, gut im Fleische, der mächtig aß und trank. Dann, auf einmal, nachdem wir uns monatelang nicht gesehen hatten, trat mir ein hagerer Mensch entgegen, mit eingefallenen Wangen und großen Augen, die wie von einem Dauerschreck geweitet waren – ein Mann, den ich kaum erkannte und dessen Anblick mir zuerst unheimlich war; der beinahe jede Speise strikt ablehnte: Das war die Erscheinungsform, in der er sich jetzt zeigen und auch selbst erkennen wollte. Eine jahrelange rigorose Selbstkasteiung hatte sie hervorgebracht. Es lehrte mich etwas über seinen Umgang mit sich selbst, der streng, manchmal gnadenlos war.
Er war ein Mensch der andauernden und gründlichen Selbst-Prüfung, eine Anstrengung, die ihn gleichzeitig verzehrte und zum Schreiben trieb. Seine besten Bücher sind Zeugnisse und Produkte dieser Auseinandersetzung, in der er immer wieder seine Gewißheiten, auch und zuerst die über sich selbst, vernichtete und sich extremen Fragen stellte; er war davon überzeugt, daß ein Schreibender zuerst mit sich selbst ehrlich sein müsse, daß er anders kein Recht hätte, an Leser heranzutreten. Das bedeutet aber, bei seinem Charakter und bei einem Leben, wie Fühmann es zu führen hatte, daß alle seine Bücher „Herzens-“ und „Schmerzensgeschichten“ sind, wie er eine seiner früheren Erzählungen genannt hat.
Selbstverständlich werdet ihr die Bücher von Franz Fühmann lesen, die er direkt für euch geschrieben hat, also zum Beispiel seine großen Nacherzählungen der großen griechischen Epen des Homer; dazu schreibt er im Januar 1967 an seinen Lektor, der „sein Bemühen unter den Begriff Strenge“ gestellt hatte:
Und was tut die strenge Feder? Sie schreibt Kinder- und Jugendbücher, das ist besser als nichts und besser als Falsches. Nach der Odyssee die Ilias. Der Blinde war schon ein großartiger Mann, und wie er seinen Herren, den Parvenüs des Kriegeradels, die von der Literatur vor allem Haus- und Stammesreklame verlangten, den Spiegel vorhielt, ohne daß sie es merkten, wie er ihre Dummheit, Rohheit, Kulturlosigkeit, Barbarei, Ungeschlachtheit, Brutalität und Schäbigkeit schildert und dabei unentwegt mit Wendungen wie „sagte der edle Held“ – „der herrliche König“ parodistisch kontert und gleichzeitig seinen Auftraggebern Sand in die Augen streut – das ist schon eine Wucht. Und wie viele merken’s heute noch nicht.
Das zitiere ich nicht, um erneut die Frage aufzuwerfen, ob Homer wirklich ein gebrochenes Verhältnis zu seinen Auftraggebern hatte oder ob Fühmann das in ihn hineinsehen wollte, sondern um euch darauf aufmerksam zu machen, daß ein Schriftsteller von Fühmanns Art, auch wenn er sich scheinbar weit zurückliegender Stoffe annimmt, immer aus seiner Gegenwart, aus seinem Konfliktfeld heraus dazu getrieben wird – und das war eben für Fühmann eine ihn über Jahre tief beschäftigende Notwendigkeit, sich den Anforderungen seiner „Auftraggeber“, die er lange ernst genommen hatte, zu entziehen, schließlich mit ihnen zu brechen. Es war ein Lebenskonflikt.
In dem Buch: Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel, das ihr ja auch schon beim Wickel hattet und das ich nur jedem Kind über dreizehn – was sag ich: über elf, zwölf – warm empfehlen kann, steht von Fühmann eine Widmung vom Dezember 1978, als er es uns schenkte. „Am Anfang war das Wort“, zitiert er da Goethe, um fortzufahren:
– bloß was ist am Ende?
Er zählt dann alle Mitglieder unserer Familie auf, denen er das Buch widmet, einschließlich unserer damals sechsjährigen Enkeltochter, und unterschreibt:
herzlich und hilflos, Franz
Als ich das wieder las – ich hatte es vergessen –, fiel mir vieles ein, was für ihn, Fühmann, aber nicht nur für ihn, zu dieser Formel „hilflos“ geführt hatte, ein Wort, das in anderem Zusammenhang und in manchen Briefen bei ihm als „Ohnmacht“ auftaucht. Dies war eine tiefgehende Erfahrung, und kaum einer hat sie sich so schwer werden lassen wie Franz Fühmann: daß die Gesellschaft, der er sich aus seiner frühen Lebensgeschichte heraus tief verbunden und verpflichtet fühlte, nicht, wie er lange hoffte, seine kritische Mitwirkung brauchte, seine Mitwirkung an dem Prozeß der Entwicklung in diesem Land DDR, den er – und wiederum: nicht nur er – sich als Entfaltung aller schöpferischen Kräfte vorstellte, die doch, so meinte er, das gemeinsame Ziel der Verantwortlichen, der Funktionsträger wie auch der sogenannten „einfachen Menschen“ sein mußte. Das war ein Grundirrtum, an dem er sich abgearbeitet hat.
Sicher können sich Kinder und Jugendliche, die heute sechzehn, gar erst zwölf Jahre alt sind, kaum noch vorstellen, daß der Zusammenbruch der Hoffnungen, die er in eine Gesellschaft, einen Staat setzte, für einen Mann wie Fühmann die Lebensenttäuschung war. Wahrscheinlich habt ihr, als ihr euch auf diesen Tag vorbereitetet, gehört, daß Fühmann, der elf Jahre alt war, als der Nationalsozialismus in Deutschland an die Macht kam, als Kind und junger Mensch führergläubig, fanatisch begeistert war von dieser Ideologie, die alle die komplizierten Probleme der modernen Industriegesellschaften, mit denen der einzelne, gerade der einzelne Jugendliche, so schwer zurechtkommt, wie mit Zauberschlag ganz einfach machte, indem sie sowohl Verdienst und Heldentum, als auch Schuld und Verantwortung auf Angehörige verschiedener Rassen schob: Hier der gute Deutsche germanischer Rasse, der nur seinem Führer folgen muß, um recht zu handeln und überlegen zu sein, dort der böse Jude semitischer Rasse, die Quelle für alles Unheil dieser Welt. Dieses Denken ist ein grauenvoller, verhängnisvoller Wahn, gleichwohl hat es viele Deutsche in seinen Bann geschlagen, hauptsächlich, weil es sie von persönlichem verantwortlichen Handeln entlastete. Fühmann hat viele Jahre seines Lebens daran gewendet, diesen Wahn in sich auszurotten, anders kann ich das nicht nennen; er hat nie versucht, seine Teilhabe an ihm zu leugnen, im Gegenteil, eher hat er sich mehr Verantwortung auferlegt, als er in Wirklichkeit hatte. Ich wage mir kaum seine Verzweiflung vorzustellen, wenn er jetzt erleben müßte, wie junge Leute unter Emblemen und Symbolen dieser schauerlichen Vergangenheit und unter den gleichen oder ähnlichen mörderischen Simplifizierungen wieder auf Brandstiftung, auf Mord und Totschlag ausziehen. Irre ich mich, oder habe ich recht, wenn ich denke, daß ein Kind, das mit Fühmanns Büchern aufgewachsen ist, es nicht nötig hat, sich in solche Banden hineinzubegeben, deren Kameraderie jemanden anziehen mag, der nie eine wirkliche Beziehung zu anderen Menschen erlebt hat und der nicht imstande ist zu unterscheiden zwischen solidarischer Freundschaft und blindem, vernageltem Komplizentum.
Dies ist ein Grund für meine Freude über eure Entscheidung, eurer Schule Fühmanns Namen zu geben: Wenn ihr es ernst nehmt, tut ihr euch damit einen großen Gefallen, weil ihr nämlich, euch in Fühmanns Bücher versenkend, ermutigt werdet, euch selber ernst zu nehmen. Das kann zu einer großen Heiterkeit führen, gewiß nicht zu Trübsinn und Kopfhängerei, gewiß nicht zur Angeberei derer, die sich zu wichtig nehmen, die nur noch sich wichtig nehmen, ach, ihr kennt die alle schon oder werdet sie kennenlernen, sie werden euch vielleicht viel Kummer machen. Fühmann haben sie viel Kummer gemacht, sie und die Bürokraten, die jede Meinung, die sie zu hören kriegen, mit der Meinung vergleichen, die ihr Vorgesetzter verlautbart hat, und sie danach bewerten und weitermelden, und die Feiglinge, die fein still für sich eine andere Meinung hegen, als die Mehrheit sie äußert, zum Beispiel in einer Versammlung, auch in einer Schulklasse, die sie aber nicht sagen, die höchstens dem, der es gewagt hat, seine eigene Meinung laut zu äußern, hinterher, auf dem Gang, verstohlen die Hand drücken.
Mit denen allen hat Fühmann es zu tun gehabt, genug und übergenug, und er hat sich mit ihnen herumgeschlagen, er hat sich aufgerieben in diesem Kampf, der manchmal darin bestand, seinen Parteioberen etwas über die inneren Gesetze der Kunst zu erzählen, die allerdings zu diesem Zeitpunkt von der öffentlichen, jedenfalls der veröffentlichten Meinung ganz anders verstanden und gehandhabt wurden; ein anderes Mal legt er sich mit einem Ministerstellvertreter an, um zu erreichen, daß ein Brief von ihm veröffentlicht wird. Dann wieder geht es um eine Anthologie, eine Sammlung von Gedichten, die junge Schriftsteller zusammengestellt hatten und die höheren Orts ein heftiges Mißfallen erregte und zu Verdächtigungen Anlaß gab. Fühmann läßt nicht nach in der Verteidigung dieser jungen Dichter, wie er überhaupt viel Aufmerksamkeit, Zeit, Hingabe verwandte an junge Menschen, die er für begabt hielt: Er ganz persönlich fühlte sich dafür verantwortlich, daß ihr Talent sich entwickeln konnte und nicht unterdrückt wurde. Er bestand darauf, daß er sich wenigstens in die Literatur einzumischen habe, von der er etwas verstand, und ihr könnt euch kaum vorstellen, in welche Schwierigkeiten man geraten konnte, wenn man dies einfach tat. Was für ein Apparat zum Beispiel in Bewegung gesetzt wurde, wenn eine Gruppe von Schriftstellern bekanntgab, daß sie die Ausbürgerung eines ihrer Kollegen aus politischen Gründen mißbilligte. Fühmann gehörte natürlich zu dieser Gruppe, und ich habe ihn beobachten können, mit welchem Ingrimm er in den nachfolgenden Querelen seinen Standpunkt verfocht. Nein, feige war er nicht.
Über sein Gedicht „Lob des Ungehorsams“ habt ihr euch Gedanken gemacht. Mir ist eingefallen, daß es noch eine andere Auswirkung von Ungehorsam gibt als die, die das siebte junge Geislein erfährt, das sich, aus Neugier ungehorsam, gegen das Verbot der Mutter im Uhrenkasten vor dem bösen Wolf versteckt und so sein Leben rettet: Nicht immer, eigentlich meistens nicht, wird Ungehorsam, das heißt: eigenständiges Denken und Handeln, belohnt, oft bringt es, in der landläufigen Meinung, erhebliche Nachteile, und da steht man denn vor der Frage, was einem wichtiger ist, sich selbst kennenzulernen und mit sich ins reine zu kommen oder in Übereinstimmung zu sein mit der landläufigen Meinung; und, das kann ich euch versichern, das ist eine Frage in jeder Gesellschaftsordnung, die ich bisher kennengelernt habe – es waren drei –, und sie verlangt immer wieder eine genaue persönliche Entscheidung. Diese Entscheidungsfindung, Fühmanns innerer Roman, zieht sich durch alle seine Texte und gibt ihnen ihre unnachahmliche innere Spannung.
Die Widmung, die er uns in sein Buch von den dampfenden Hälsen der Pferde geschrieben hat, habe ich inzwischen nicht vergessen. „Herzlich und hilflos“. Das Jahr 78, an dessen Ende er das schrieb, das Jahr nach der Ausbürgerung jenes Kollegen (Wolf Biermann), von der ich schon sprach, hatte ihn zermürbt und ihm Hoffnungen geraubt, die sich als Illusionen erwiesen. Es war auch das Jahr, in dem er sich in seinen großen Essay zu Georg Trakl versenkte, der zu einer rückhaltlosen und gegen sich selbst rücksichtslosen Durchmusterung seiner eigenen Entwicklung, auch ihrer Irrtümer und Fehlläufe wurde und, da bin ich sicher, eines der herausragenden Selbstzeugnisse deutscher Dichter in diesem Jahrhundert bleiben wird. Aber natürlich sah er voraus, auf welch militantes Unverständnis dieser Text in seinem Lande treffen würde.
Es begannen die Jahre ohne Hoffnung, ohne Alternative. 1978 muß auch das Jahr gewesen sein, in dem er unsere Grübeleien über die Frage: Sollen, können wir hier bleiben, in der DDR, die sich immer mehr verkrustete, unsere Wirkungsmöglichkeit nach außen immer mehr einschränkte – eine Protestbewegung von unten war damals noch nicht in Sicht –, oder müssen wir weggehen, wie andere Kollegen es taten? – das Jahr also, in dem Fühmann unseren Dauerdialog über diese Frage mit der Formel beantwortete: Ärzte, Pfarrer und Schriftsteller sollen hierbleiben, solange sie können – womit er zeigte, in welche Kategorie von Lebenshelfern er sich, uns, auch einordnete (daß seine Hauptarbeit das Schreiben war, daß er auf diese oft einsame Tätigkeit zurückgeworfen war, wußte und sagte er seit langem immer wieder). Aber wenn jemand, so hat Franz Fühmann die Pflichten wahrgenommen, die er sich auferlegte, Pflichten der Verteidigung von zu Unrecht Angegriffenen; der Fürsprache für Hilfesuchende; der Ermutigung anderer Autoren, die ihn mit Manuskripten überhäuften; der materiellen Hilfe für Bedürftige; der Teilnahme an Projekten für behinderte Kinder, und vieles andere, was ihm täglich zugetragen, zugewiesen wurde. Für sie alle hat es sich gelohnt, daß Fühmann den schwierigen Weg der Selbstbehauptung hier auf sich genommen hat; er hätte ihnen gefehlt. Aber sie hätten ihm auch gefehlt, ihre Briefe, ihr Zuspruch, ihre dringlichen Fragen auf Lesungen, ihre Anforderungen, die ihn in Spannung hielten. Daß sie ihn auch überanstrengten, ist sicher.
Die andere, die Hauptspannung ging für Fühmann von dem Konflikt aus, den er jahrzehntelang in allen seinen Texten austrug, in den er sich verbiß; den er, wenigstens im Werk, benennen und wo möglich auch lösen wollte, am Beispiel seiner Gesellschaft, in der er ihm zugespitzt entgegenkam: der Konflikt zwischen Geist und Macht; zwischen oben und unten; zwischen der dogmatischen Ideologie und einem eingreifenden Denken; zwischen dem einzelnen und der Gesellschaft; alles Themen, die Fühmann nicht von außen beobachtet, sondern schmerzlich an sich erfahren, in sich durchgearbeitet hatte, und die nun, seit Jahren schon, auf einen Stoff zuliefen, ihn zu diesem Stoff hinführten, der ihm als sein Haupt- und Lebensthema erschien, an dem er sich als Mensch und Künstler zu bewähren habe: Das Bergwerk, ein wahrhaft ungeheures Vorhaben, von dem er oft gesprochen, für das er bis zur Erschöpfung gearbeitet, gesammelt, konzipiert und geschrieben hat. Das Bergwerk als konkreter Ort: Fühmann ist in Kali- und Kupferbergwerke eingefahren und hat sich mit den Arbeitern und den Arbeitsbedingungen vertraut gemacht; das Bergwerk als Gleichnis für den Konflikt zwischen menschlicher Arbeit und der Natur, aber auch als Metapher für Vielschichtigkeit, Tiefe. Auch als phantastischer Schauplatz für die unterirdischen Geister – dies alles als Spiegelung der menschlichen Seele in dieser Zeit, ihrer unbewußten Untergründe und Abgründe. Ich weiß noch, wie erschrocken ich war, als Fühmann mir sagte, er habe das Manuskript abgebrochen, er sei daran gescheitert. – Ich kann hier nicht versuchen, zu ergründen, warum er zu diesem Schluß kam; ich glaube aber, daß die Hoffnungslosigkeit, das Gefühl des Scheiterns, wie er es in seinem Testament als „bittersten Schmerz“ formuliert: „gescheitert zu sein: In der Literatur und in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, wie wir sie alle einmal erträumten“ – daß dieses Gefühl sich auf seinen Körper ausgewirkt hat, der diese Krankheit zum Tode hervorbrachte, und auf seine Arbeitslust und Arbeitsfähigkeit. Nicht jeder Konflikt ist jedem Menschen zu jeder Zeit lösbar. Fühmann, auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit aus wie wenige, hat das am eigenen Leib erfahren.
Ist das nun ein trauriger Schluß? Soll ich so ernst auf einer Feier sprechen, die einen heiteren Anstrich hat, mit Recht, und auf der so viele Kinder und junge Leute sind? Wißt ihr, wissen Sie, Franz Fühmann hat sich immer gegen die Verfälschung und Verleugnung von Ernst, von Krankheit und Tod gewehrt. Als ich ihn zum letzten Mal im Krankenhaus besuchte, hatte er die Totentanz-Bilder seines Freundes, des Malers, Grafikers und Holzschneiders HAP Grieshaber, an den Wänden seines Krankenzimmers aufgehängt. Ich muß doch wissen, mit wem ich es vielleicht bald zu tun habe, sagte er; es war vor einer seiner letzten Operationen, und er meinte den Tod. Er würde es sich nicht wünschen, daß der Widerspruch seines Lebens, der Widerspruch in ihm selbst, verniedlicht und verkleinert wird: Das würde seine Leistung verkleinern. Und es liegt an uns, wir haben es in der Hand, dieses Verdikt des Scheiterns für ihn aufzuheben: Indem wir den Faden seiner Arbeit da aufnehmen, wo er ihn fallenlassen mußte; indem wir uns den Fragen stellen, die er uns zurückgelassen hat; indem wir unser Zusammenleben darauf prüfen, ob es Menschlichkeit befördert oder Entfremdung; indem wir seine Bücher zu unseren Begleitern machen und ihn so brauchen, wie er es sich wünschte, gebraucht zu werden.
Dies alles scheint mir heute und hier der Fall zu sein. Insofern ist dies eine glückliche Stunde für den Schriftsteller Franz Fühmann und für uns alle, für die ich denen, die sie möglich machten, dankbar bin.
Christa Wolf, 27.4.94, aus Christa Wolf, Franz Fühmann: Monsieur – wir finden uns wieder. Briefe 1968–1984, herausgegeben von Angela Drescher, Aufbau Verlag, 2022
Gespräch mit Jacqueline Benker-Grenz60
Jacqueline Benker-Grenz: In den verschiedensten Formen (Romane mit Schriftstellern als Helden, Aussagen von Schriftstellern über ihr Schaffen, die zu ganzen Büchern wuchsen, aber auch „Auskünfte“, „Fahndungen“ oder „Eröffnungen“ etc.) und in unterschiedlicher Qualität (von Vater Batti über die Preisverleihung hin bis zu Kindheitsmuster zum Beispiel) sind die Probleme des Schreibens zu einem wesentlichen Thema der Literatur der DDR in den siebziger Jahren geworden. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Franz Fühmann: Zunächst als Folge jener Arbeitsteilung, die Goethe schaudernd-entsagend mit dem Bürgertum heraufkommen sah. Seit dem 19. Jahrhundert sind auch die Schriftsteller Spezialisten geworden; sie sind keine Zürcher Staatsschreiber mehr, und die Problematik ihres Spezialistentums durchdringt alles, was immer sie schreiben. Natürlich fällt das mehr auf, wenn der Held in einem Buch ein Schriftsteller oder ein bildender Künstler ist. Aber auch wenn das nicht der Fall ist, ist die Künstlerproblematik einfach da. Ich wollte zum Beispiel den Wendepunkt finden, da eine Kindheitsentwicklung ins Faschist-Werden umschlägt, und habe darüber einen Zyklus Kindergeschichten geschrieben, und als erstes sagte mein Lektor: „Das sind ja alles verkappte Künstlergeschichten.“ – „Madame Bovary, c’est moi“, hat Flaubert bekannt, und er ist auch sein heiliger Antonius. – Hinzu kommt ein Zweites: Seit Anfang der siebziger Jahre setzt sich bei uns ein intensives Nachdenken über unsere Erfahrungen, über unser Leben, über unsre Gesellschaft durch. Wir wollen Problemen auf den Grund kommen, die uns quälen, und da möchte ich sie abhandeln an dem, was ich wirklich gut kenne, weil von innen her kenne, und das ist halt mein Existenzmilieu. Warum sollte ich es kaschieren, warum sollte ich vorspiegeln, ich sei ein Gemüsehändler oder ein Walzwerker? – Es geht um eine bestimmte Redlichkeit. – Wenn ich etwas Kritisches zu sagen habe, sage ich es möglichst in der Ich-Form. Nun verantworte ich in der Gesellschaft nicht alles, auch nicht paradigmatisch; bestimmte Fragen der Macht etwa kann ich nicht an meiner Person darstellen, weil ich diese Macht nicht ausübe und auch nicht repräsentiere. Aber solange ich Dinge kritisch betrachte, für die auch ich repräsentativ sein könnte, sagen wir: die Haltung gegenüber einer Gesellschaftsnorm, dann sage ich es gerne als Selbstkritik, weil ich es da nicht nur am besten zeigen, sondern auch am ehrlichsten verantworten kann.
Benker-Grenz: Ist dies nicht als eine Reaktion auf eine einengende Sicht der Literatur zu verstehen, die die Literaturauffassung der sechziger Jahre geprägt hat?
Fühmann: Zweifellos kommen wir aus einer unerträglich gewesenen und in jäh wachsendem Maße auch so empfundenen Restriktion der sechziger Jahre, genauer: ihrer zweiten Hälfte. Der Literatur wurde dann ein sehr viel breiteres Fahrwasser zugestanden; sie stieß aber bald auf neue Grenzen. Deren Dasein ist ein kulturpolitisches Problem; beim Schreiben – das ist jedenfalls meine Erfahrung – kann man nichts Anderes als sich souverän in seinem Problemraum bewegen, das heißt über jede Schranke hinweg, und zuerst über die des inneren Zensors.
Benker-Grenz: In den Zweiundzwanzig Tagen schreiben Sie: „Die Unterscheidung zwischen einer Eigenschaft als Eigenbesitz und einer durch bloße Spiegelung vorgetäuschten – und das Fixieren dieses Unterschieds durch verschiedene Wörter – wäre schon sehr nützlich, vor allem im Ästhetischen; etwa der Unterschied zwischen Literatur sozialistischen Inhalts und einer Literatur, die Sozialismus nur spiegelt oder die gar nur die Spiegelung von Sozialistischem spiegelt.“ – Würden Sie für sich beanspruchen, eine solche Literatur „sozialistischen Inhalts“ zu schreiben?
Fühmann: Darüber mag man später einmal befinden, falls solcherlei Feststellungen dann noch lohnend erscheinen. – Wir leben in einer Zeit schneller Entwicklung, oder genauer: großen Nachholbedarfs an Stoff- und Problembewältigung. – Ich habe es heute morgen demonstriert bekommen: Mein Gartenschlauch war über Nacht eingefroren, und wenn man da den Haupthahn aufdreht, dann passiert zunächst einmal gar nichts außer einem Stöhnen und Rütteln, dann fängt’s an zu tröpfeln; dann kommt plötzlich ein ungeheurer Schwall heraus und schwemmt alles mögliche von Festgefrornem mit sich, und dann kommt eine Periode, wo das Wasser stetig und ruhig fließt. Die Zweiundzwanzig Tage sind das Buch einer Übergangsperiode, da brach plötzlich etwas heraus, und in dem Schwall sind auch Formulierungen und Fragestellungen enthalten, die auf die unmittelbar zurückliegende Zeit bezogen sicherlich ihre Berechtigung haben, über die man aber hinauskommen möchte. Was ich damals naiv als „Literatur sozialistischen Inhalts“ bezeichnet habe, ist mir vom Wesen her unterdessen problematisch geworden. Was ist das überhaupt? Ich bin mir nicht mehr so sicher.
Benker-Grenz: Das aber, was die andere, die „scheinsozialistische“ ist, ist klargeblieben?
Fühmann: Wissen Sie, diese unmittelbare Übertragung politischer Begriffe und Kategorien auf die Literatur bringt wenig ein. Durch was erhält ein Stück Literatur sozialistischen Inhalt? Durchs Thema? Gewiß nicht. Durch die Haltung des Schreibenden? Wer bestimmt sie? Durch Übereinstimmung mit der Wirklichkeit? Das könnte doch auch eine Literatur leisten, die von einem deklariert bürgerlichen Standpunkt geschrieben ist; bloß: von außen wird man die inneren Probleme der sozialistischen Gesellschaft nicht so erkennen können wie eben von innen. – Aber da der Begriff nun einmal existiert: Wenn Sie als „sozialistische Literatur“ das bezeichnen wollen, was von einem in der sozialistischen Gesellschaft lebenden Schriftsteller, der sich für diese Gesellschaft engagiert fühlt, geschrieben wird – meinetwegen. Ich halte mich für einen Sozialisten, ich lebe zweifellos in einer Gesellschaft, die sich als die des real existierenden Sozialismus versteht, und ich fühle mich für sie engagiert. Ob sie mich von sich aus auch so empfindet, weiß ich schon nicht so genau, ich habe Gründe, das mit einem Fragezeichen zu versehen. Ich glaube nicht, daß man mich als Repräsentanten der Gesellschaft ansieht, sondern mehr als einen geduldeten Außenseiter, zumindest in dem, was ich in letzter Zeit gemacht habe.
Benker-Grenz: Liegt nicht ein Mißverständnis vor, wenn man Sie für einen Außenseiter hält?
Fühmann: Ich weiß nicht, ob ein Schriftsteller nicht überhaupt ein Außenseiter der Gesellschaft ist. In dieser meiner Gesellschaft hat er (oder haben einige seines Zeichens) zum Beispiel Privilegien, die Andere nicht haben, angefangen vom Privileg frei bestimmbarer Arbeitszeit. Wir empfinden schon gar nicht mehr, was es bedeutet, nicht in einem von außen normierten Arbeitstag wirken zu müssen, in den die übergroße Mehrheit doch gestellt ist. Natürlich lebe ich in den Problemen dieser meiner Gesellschaft, aber ich lebe auch irgendwo abseits. Im Mittelpunkt steht meine Existenz zweifellos nicht. Das ist das allgemeine Problem. Dazu kommt, und das ist schon sehr viel unwesentlicher, die Bestimmung der Repräsentanz nach jeweiliger kulturpolitischer Erwägung. In den Öffentlichkeitsmedien tritt einem in den letzten zwei Jahren eine bestimmte Herausstellung wie Aussparung von Namen und Würdigungen vor Augen, auf Grund deren ich schließen muß, daß diese Gesellschaft mich und einige andre Kollegen nicht eben als diejenigen ansieht, durch die sie repräsentiert werden möchte.
Benker-Grenz: Worin sehen Sie die Gründe dafür?
Fühmann: Da müßte ich mir den Kopf unserer Kultur- und Innenpolitik zerbrechen… Wichtig daran ist vielleicht dies: Die sozialistische Gesellschaft setzt bestimmte Hoffnungen und Erwartungen in die Literatur, zu einem guten Teil auch unerfüllbare. Sie glaubt manchmal auf geradezu totemistische, magiehafte Weise an die Kraft des Wortes. Sie glaubt, daß Literatur Erfahrungen ersetzen könne: Es gibt Dinge, die der Politik nicht gelingen, weil sie ihr gar nicht gelingen können, und nun werden sie der Literatur überwiesen, auf daß die sie bewältige. Nehmen wir dieses so schwierige und quälende Problem der nationalen Auseinanderentwicklung. Sicherlich ist die Vielstaaterei ein altes deutsches Erbe, aber diese zwei jetzigen deutschen Staaten stehen nicht zueinander im Verhältnis wie einst Preußen zu Österreich oder Bayern zu Sachsen, sie sind wirklich kontradiktorische Staaten, in ihrer Wirtschaftsstruktur, in ihrer Gesellschaftsordnung, in ihren ethischen Grundsätzen, aber es gibt doch auch ein Substrat, das jener Formel zugrunde liegt: „Staatsangehörigkeit DDR“ (oder BRD) – „Nationalität deutsch“. – Es gibt eine tausendfältige Verbindung allein durch Herkunft, Familie, Neigung, Liebe; die Lösung aus- und voneinander ist höchst qualvoll; sie ist durch keine politische Aktion befriedigend zu lösen, und nun kommt die beinah messianische Erwartung, die Literatur könnte sie aus der Welt schaffen: Wenn sie nur die richtigen Bücher schriebe und Erfahrung durch ein „richtigliegen des Bewußtsein“ ersetzte, dann wäre diese Frage ausgestanden. So wird die Literatur in eine Funktion gedrängt, die sie nicht erfüllen kann. Man kann natürlich so tun, als ob es ihr gelänge, wenn sie ein nicht befriedigend zu lösendes Problem des Lebens selbstbefriedigt in Rede und Gegenrede literarischer Gestalten erledigt; man kann sich durch solch ein Werk dann auch repräsentiert fühlen und dem Autor bescheinigen, es sei ein großartiges Meisterwerk, was er da zu Papier gebracht habe. Allein das wäre eine Funktionsbestimmung der Literatur, der ich nicht gern zustimmen möchte. Auf jeden Fall möchte ich nicht derjenige sein, der so etwas macht. Und ich könnte es auch gar nicht.
Benker-Grenz: Findet sich nicht da die Überschätzung der Wirksamkeit der Kunst wieder, die bereits der Formel „Kunst ist Waffe“ zugrunde liegt?
Fühmann: Ach Gott, diese fürchterlichen Verallgemeinerungen, positiv wie negativ! Kunst kann natürlich auch Waffe sein – ich möchte gern einmal einen großen Essay über das Wörtchen „auch“ schreiben, ich könnte mich da auf Lenin beziehen. – Die Dinge haben viele Aspekte, und es führt zu Begriffsverkrüppelungen, wenn man einen einzigen davon im Sinn eines Ja oder Nein verabsolutiert. – Die großen Gedichte Eichendorffs, in welchem Sinne wären sie Waffe, und große Gedichte Brechts oder Nerudas, in welchem Sinne wären sie keine? Es soll beides geben dürfen.
Benker-Grenz: Um so mehr, als die Frage nach der Rezeption nicht geklärt ist. Auch wenn diese Literatur Vorbilder liefert, ist es nicht eindeutig, wie sie vom Rezipienten verarbeitet werden.
Fühmann: Sicher, man erlebt manchmal Herrliches in dieser Hinsicht. Vor zwanzig Jahren habe ich ein Kinderbuch geschrieben: Vom Moritz, der kein Schmutzkind mehr sein wollte. Es zielte auf meine Tochter und sollte eine ganz konkrete pädagogische Funktion erfüllen. Das Buch fängt damit an, daß ich einen Jungen schildere, der sich mit Wonne in Pfützen suhlt. Meine Tochter ging damals zur Schule, und der Weg führte noch durch Trümmergelände. Ich ging oft auf dem Schulweg mit den Kindern, und ich sah einen Jungen aus unserm Haus, der mit beiden Beinen in eine Riesenpfütze sprang. Ich rief: „Um Gottes willen, Peter, was machst du denn da?“ – „Das fragen Sie mich?“ kam die Antwort, „ich spiele doch Moritz!“ – Da war zweifellos eine Vorbildfunktion erfüllt…
Benker-Grenz: Ich möchte auf die Frage zurückkommen, warum die siebziger Jahre eine Hinwendung zur Schriftstellerproblematik gebracht haben. Warum ist das Thema der Wahrhaftigkeit zum Beispiel so zentral geworden?
Fühmann: Weil es ein Zentralthema unsres Lebens ist, von der Pädagogik bis zur Wirtschaftspolitik, und natürlich ein Zentralproblem der Literatur. Es gehört zu ihrem Wesen, mit der Wahrheit verbündet zu sein und menschliche Erfahrung auszusprechen. Auf dieser Grundlage kann sie dann auch einer großen Philosophie oder Ethik zu dienen versuchen, ohne sich selbst aufzugeben. Ich nehme ein ausgeprägtes Beispiel: Calderón. Er wollte, Spanier, dem Katholizismus dienen; man hat ihn einen Schriftsteller der Inquisition genannt. – Ich kann mir nun durchaus vorstellen, daß es eine große Literatur gibt, die die Inquisition bejaht, wenn sie nämlich auf dem Standpunkt steht, daß der Mensch eine unsterbliche Seele besitzt und daß man in seinem Interesse alles tun muß, diese Seele vor der Hölle zu retten und ihr selbst über den Scheiterhaufen den Weg ins Paradies zu bahnen. Innerhalb dieses Gedankengebäudes könnte ein Dichter einen Scheiterhaufen mit all seinen Konsequenzen bejahen und dabei doch große Dichtung machen. Eines aber kann er nicht: Er kann nicht ein Buch schreiben, um abzuleugnen, daß auf diesen Scheiterhaufen Menschen verbrannt werden. Er kann nicht sagen, ohne sich als Schriftsteller aufzugeben: Das sind ja gar keine Scheiterhaufen, das sind nur wohlige Feuerchen, wo die Frieren den sich die Füße wärmen! – Aus solch schäbiger Ausrede Haltung kann nur sehr schäbige Literatur entstehen. – Eigentlich sind das selbstverständliche Sachen. – Kein Engagement kann von mir verlangen, meinen Erfahrungen zu widersprechen und der Wahrheit untreu zu werden. Dann hört Literatur auf, Literatur zu sein, und sie wird ein Surrogat.
Benker-Grenz: Was verstehen Sie da unter „Wahrheit“?
Fühmann: Was man im philosophischen Sinn darunter versteht: Übereinstimmung von Bewußtsein mit objektiver Realität, im sozialen Bereich also mit Erfahrung. Natürlich gibt es auch absolute und relative Wahrheit, die Wahrheit als einen Prozeß der Annäherung, einer ständigen, nie abgeschlossenen Annäherung, weil die objektive Realität unendlich viele Seiten hat, unendlich viele Aspekte, die alle zur Wahrheit gehören. Der Prozeß dieser Annäherung ist der Prozeß der Wahrheitsfindung.
Benker-Grenz: Und wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit?
Fühmann: Wahrhaftigkeit ist der subjektive Glaube daran, daß das, was ich sage, auch wahr ist. Das Gegenteil des Wahren ist das Unwahre, das Falsche; das Gegenstück zur Wahrhaftigkeit aber ist die Lüge. Man kann auch wahrhaftig sein und Falsches sagen, und man kann Wahres sagen und dennoch lügen. Ich habe gewiß in meinem Leben oft genug in aller Wahrhaftigkeit Dinge gesagt, die objektiv falsch waren, weil ich es nicht besser wußte. Dann muß man sich hinterher korrigieren. Zu lügen ist etwas Anderes: Etwas als wahr hinstellen, von dem man weiß, daß es nicht wahr ist. Aber es gibt ja noch ein Drittes: Das ist das Nicht-Aussprechen von dem, was ich als wahr weiß. Es ist etwas, das sehr viel mit Literatur zu tun hat. Die Literatur kann ja nicht alles darstellen, sie muß auswählen, und auswählen heißt weglassen – aber was läßt sie weg? Auch Wesentliches, Unabdingbares? Ich kann, rückblickend, mich nicht von dem Vorwurf freisprechen, daß ich unter der ehrlich geglaubten Selbstrechtfertigung, meiner Gesellschaft nicht schaden zu dürfen, ihr, die es schon schwer genug hat, keine zusätzlichen Schwierigkeiten zu machen, Jahre und Jahrzehnte hindurch bestimmten quälenden Dingen ausgewichen bin. Ich habe nicht alles von dem gesagt, was ich als wahr wußte. Das bemühe ich mich jetzt zu überwinden. Ich habe da sehr viel Lehrgeld zahlen müssen, aber diese Entwicklung ist erklärlich. Die sozialistische Gesellschaft und ihre führende Kraft war für mich, den ehemaligen Nazijungen, eine ungeheure Autorität: das war die, die mich aus meiner faschistischen Entwicklung herausgeschlagen hatte, die mich auf eine andere Bahn gebracht hatte. Wie konnte ich ihr anders gegenübertreten als mit einem großen Schuldbewußt sein, als mit dem Gefühl, einer großen, ehrlich anerkannten Autorität gegenüberzustehen, ein Gefühl, das ich übrigens nicht verloren habe. Es hat eines sehr langen Wegs bedurft, um ihr auch kritisch gegenüberstehn zu können und dann auch kritisch gegenüberzutreten und Konflikte in Kauf zu nehmen. Das ist der Prozeß, in dem wir uns befinden. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, daß man sich entweder in seinem Stoff souverän bewegen oder ihn aufgeben muß. Von diesen Erfahrungen wird mein nächstes Buch handeln; ich hoffe, daß ich im Herbst damit anfangen kann. Seit vier Jahren bin ich in Bergwerken, habe von dort einen Schrank voll Skizzen, Tagebüchern, Materialien, Studien jeglicher Art. Dieses Bergwerk-Erlebnis, von dem ich schon so oft rede, daß ich Angst habe, es zerredet zu haben, soll eine Fortsetzung hergeben von dem, was ich mit den Zweiundzwanzig Tagen retrospektiv gemacht habe: eine Standortbestimmung im Heute und Hier. Das Problem: Welchen Ort hat der Schriftsteller im System des real existierenden Sozialismus? wird immer mehr zu meinem Zentralproblem. Es hat sich herausgestellt, daß das Bergwerk ein eminent guter Ort ist, darüber nachzudenken. Ich hatte die Fünfzig überschritten, als ich das erste Mal unter Tage einfuhr, und es war für mich ein Urerlebnis. Aber ich müßte jetzt zwei Stunden reden, das auszuführen.
Benker-Grenz: Mir scheint, darin würde eine weitere Etappe der Wandlung beschritten werden, die Sie in den Zweiundzwanzig Tagen beschrieben haben – könnten Sie diese Wandlung definieren?
Fühmann: Kaum. In den Zweiundzwanzig Tagen habe ich Beispiele gebracht und Fragen gestellt. Jemand arbeitet für die Firma A und wird von der Firma B abgekauft: Ist das eine Wandlung? Allein noch nicht, wiewohl sich ja auch manches ändert. Wandlung ist doch etwas, was den ganzen Menschen erfaßt, und die Frage ist, wo sie dabei aufhört, oder anders: welche Chance sie hat, den ganzen Menschen einzubeziehen.
Am 9. Mai 1945, am Tag der Kapitulation der Wehrmacht, war ich zweifellos ein verwilderter Nazijunge, der, wenn er an einen Gott geglaubt hätte, um den Endsieg der Waffen des Führers gebetet hätte. Wenn ich da gestorben wäre, wäre ich als ein solcher Mensch gestorben, ohne Chance der Wandlung, ein klarer Sachverhalt. Ein Jahr später war ich als einer, der eine tiefe Erschütterung im Zusammenhang mit den Nürnberger Prozessen durchgemacht hatte, vollkommen ratlos, lebte in einem finsteren Pessimismus, hatte keine Zukunftsaussichten. Ich hatte zu dieser Zeit die Überzeugung, radikal mit dem Nazismus gebrochen zu haben, weil ich jeglichem politischen, gesellschaftlichen, weltanschaulichen Engagement als prinzipiell verderblich abgeschworen hatte. Mein Ideal war damals der Eremit gewesen, der Mensch, der vollkommen außerhalb der Gesellschaft lebt und sich von Kräutern nährt. Habe ich da eine Wandlung vollzogen? In einer bestimmten Hinsicht gewiß eine Wende von 180 Grad, aber dennoch nur einen Anfang: In sehr vieler Beziehung war ich ganz der alte, zum Beispiel in einer Verachtung der Demokratie. Damals kam mir dieser Umschlag als eine totale Wandlung vor, aber heute kann ich ihn nur als den Anfang von etwas betrachten. Wieder ein Jahr später kam ich von dieser utopischen Position des absoluten Asozialen zu der eines Engagements für den Sozialismus, das scheint ein arger Zickzack und ist dennoch gradaus. Ich hatte intensiv und leidenschaftlich marxistische Literatur und Philosophie studiert und war von deren Überzeugungskraft hingerissen; so war ich engagiert für eine sozialistische Gesellschaft, was ich heute noch bin, engagiert an der Seite der Sowjetunion, wo ich auch heute stehe, engagiert auch für bestimmte stalinistische Prinzipien, was ich heut nicht mehr bin. Damals glaubte ich abermals meine Wandlung abgeschlossen, und das glaubte ich dann noch lange, aber ich komme immer mehr darauf, daß auch dies wiederum nur der Beginn von etwas war, was noch immer im Fluß ist. Ich sehe jetzt, daß ich eine Reihe von Charakterzügen und Denkweisen aus jener Zeit übernommen hatte, der ich mich gänzlich entwachsen wähnte, zum Beispiel einen unbedingten Autoritätsglauben, der übrigens der neuen Gesellschaft gar nicht unwillkommen war. Mit diesem Autortätsglauben korrespondierte ein großes ideologisches Gläubigkeitsbedürfnis, das der neuen Gesellschaft ebenfalls zupaß kam. In dem, was ich damals als Funktion der Literatur angesehen habe, waren auch viele überkommene Züge aus meinem Vergangnen, etwa triviale Vorstellungen von Massenwirksamkeit, Volkshaftigkeit, Anti-Dekadenz, Anti-Intellektualismus, dazu ein Bedürfnis nach Einordnung und Auftrags-, ja Befehlsausführung. Natürlich hat Gehorsam auch positive Aspekte, und es gibt Situationen, in denen es notwendig ist, auch als Nicht-Soldat Befehle zu befolgen, zum Beispiel bei einer Havarie im Bergwerk. Aber ich sah etwas als Regel für die Literatur, was auch für die Gesellschaft nur Ausnahme sein kann, und es hat lang gedauert, mich davon zu befreien, und noch sehr viel länger hat es gedauert, bis ich das, was man unter dem Schlagwort „Demokratisierung der sozialistischen Gesellschaft“ versteht, wirklich als Prinzip begriffen habe. Sehr lange auch hat es gedauert, mich von sehr engen Vorstellungen über die Funktion der Literatur, die ich nur im Didaktischen gesehen habe, zu lösen. In dem, was ich als ganz junger Mensch nur so für mich geschrieben habe, habe ich mich in einem sehr viel weiteren Spielraum bewegt, als in dem mir später selbst zugestandenen. Um zum Resümee zu kommen: Für den Prozeß der Wandlung, wie ich ihn verstehe, spielt eine unabdingbare Rolle, daß man auf die andre Seite der Barrikade wechselt; damit ist der Prozeß noch nicht beendet, doch ohne diesen Wechsel wäre er nicht denkbar.
Benker-Grenz: Diese Wandlung hat auch Folgen, was Ihr Literaturverständnis betrifft. Sie sagten vorhin, man solle Literatur nicht auf das pädagogisch Verwertbare reduzieren. Sie beanspruchen für sich: weg von der didaktischen Funktion der Literatur – ja, aber wohin?
Fühmann: Ich würde sagen, weg von der didaktischen Literatur und hin zu der Literatur in ihren Möglichkeiten überhaupt, die ich mir erst zum Teil selbst wieder aneignen muß. Vor 1945 habe ich ununterbrochen geschrieben, ich habe, jeden Tag, ganz wahllos geschrieben, es war für mich eine Existenzfunktion, wie das vielberufene Zwitschern des Vogels in den Zweigen. Ich hätte nicht leben können, ohne zu schreiben, schrieb auch nach den ärgsten Strapazen, dachte aber nicht an Veröffentlichung, es war nur für mich. Danach kam dieses Schreiben, das ich jetzt „didaktisch“ nenne: Ich wußte etwas, ich hatte Erfahrung, existentielle Erfahrung, aber unter ausschließlich politischem Aspekt. Ich hatte bestimmte Erkenntnisse, die ich mitteilen wollte. Ich hatte also eine lehrhafte Absicht, und es wurde auch eine Literatur, die in einem didaktischen Sinn engagiert war. Es wäre für mich unvorstellbar gewesen, etwas zu schreiben, von dem ich nicht von vornherein wußte, was ich sagen und wie ich damit wirken wollte. So wie wenn ein Schuster Schuhe macht, die man nicht anziehen kann. Mit den Zweiundzwanzig Tagen habe ich zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, daß etwas, was ich schreiben wollte, mir mit eigenem Willen gegenübertrat. Es sollte ein heiteres Büchlein für Ungarnbesucher werden, mit ein paar Reiseimprovisationen, ein leichtes, luftiges, lustiges Vademecum: das war nicht nur die Vorstellung des Verlags, das war auch die meine. Und es fing auch so an. Doch plötzlich merkte ich, daß sich etwas entwickelte, was meiner Absicht zuwider lief. Ich entdeckte auf einmal, daß ich schrieb, um mir selbst etwas klarzumachen, vor allem in bezug auf meine Vergangenheit, die ich damals als völlig bewältigt ansah. Erst durch den Prozeß des Schreibens, im Schreiben, wurden mir Dinge problematisch, die ich als Probleme bislang nicht gesehen, und ich kam über neue Verwirrung zu neuer Erkenntnis, gewann auf erneut qualvolle Weise Einsichten, die mir heute geläufig sind, und erst hinterher habe ich begriffen, wo dies Buch mit mir überhaupt hingewollt hat. Dabei ist mir aufgegangen, daß es möglich ist, eine Literatur zu machen, die sehr viel weiter ist und auch sehr viel weiter bringt als meine frühere didaktische Literatur. Aber auch sie hat mit dieser didaktischen immer noch die Vorstellung des Operativen gemeinsam, des Sozialengagierten, doch es existiert ja auch eine große, sehr große Literatur, die ich allmählich für mich entdecke, die in dieser Frage völlige Unbekümmertheit zeigt. Mich erschreckt noch der Gedanke daran, obwohl ich fühle, ja sogar weiß, daß da noch Reserven von mir und für mich liegen. Ich habe noch Scheu, es zu probieren, aber ich will da hin. Ich wäre versucht zu sagen: Hin zu einer Literatur ohne Ufer. Aber etwas absolut Uferloses wäre etwas Formloses, und auch das Meer hat Küsten. Insofern ist das Bild nicht sehr treffend… Aber wenn das Leben ein Meer ist, dann bin ich dafür, daß es in diesem Meer keine Fahrrinnen geben soll, und keine Gewässer, dahin man nicht darf.
Benker-Grenz: Sicher ist diese Wandlung eine ganz persönliche Erfahrung, sicher ist sie Erfahrung eines Teils einer Generation. Ist sie nur das?
Fühmann: Genügt das nicht?
Benker-Grenz: Ich glaube, die Alternative Sozialist – Nicht-Sozialist oder Sozialist – Scheinsozialist besteht noch heute. Sind Sie da anderer Meinung?
Fühmann: Gewiß ist das eine der entscheidenden Alternativen, aber quer zu ihr stellt sich eine zweite Frage, wie die Gesellschaft in bezug auf Demokratie ausschauen soll. Diese Alternativen gehören zusammen. Um ein analoges Beispiel zu bringen: Eine philosophische Alternative ist die zwischen Materialismus und Idealismus, und quer dazu die von Dialektik und Einlinigkeit. Marx hat den dialektischen Idealismus eines Hegel für ungleich bedeutsamer gehalten als den Vulgärmaterialismus der Mechanisten. Die Frage nach dem Demokratisierungsprozeß gehört für mich unabdingbar zum Sozialismus, und einen Satz aus dem Kommunistischen Manifest, den Schlußsatz des zweiten Abschnitts, kann man gar nicht oft genug zitieren, den nämlich, daß in der neuen Gesellschaft „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. Es setzt in Erstaunen, daß Marx da beim Individuum anfängt, er sagt, daß die freie Entfaltung des Individuums die Voraussetzung für die der Gemeinschaft ist – und nicht etwa umgekehrt, wie es gern so gesagt wird.
Benker-Grenz: Ich möchte auf die Funktion der Literatur zurückkommen, von der wir vorhin sprachen. In den Zweiundzwanzig Tagen findet man eine sehr eingehende Reflexion zur „Versorgung der Teilfunktion“ in der Literatur; mit der Wandlung ist sie das zentrale Thema des Buches…
Fühmann: Die Formel, von der ich in den Zweiundzwanzig Tagen nicht mehr loskomme, ist von Gottfried Benn: „Übernehmen Sie ruhig die Aufgaben einer Teilfunktion, die aber versorgen Sie gewissenhaft“. Sie steht im Zeichen einer Spezialisierung und Arbeitsteilung, diesmal schon innerhalb der Literatur. Der Schriftsteller soll das Seine finden in dem, was er zur Literatur beiträgt, sein Thema, seine Aussage, seine Erfahrung. Das heißt, eigentlich findet man dies nicht, es hat einen ja, doch man will es abwehren. Wenn ich schreibe, dann interessiert mich kein Publikum, dann interessiert mich kein möglicher Zensor, dann interessiert mich keine ominöse Nachwelt, es interessiert mich nichts Anderes, als das, was ich mache, fertigzumachen. Thomas Mann hat diesen Zwang zu arbeiten mit dem der Korallen verglichen, die halt nicht anders können als ihr Sekret absondern und Riffe bauen. Mit einer solchen Monomanie macht man Literatur.
Benker-Grenz: Wie Sie es eben beschrieben haben, sieht es so aus, als schrieben Sie ausschließlich für sich. Ist es denn gleichgültig, was mit dem fertigen Produkt geschieht?
Fühmann: Nein, es wird einem gleichgültig. Natürlich will ich beim Schreiben auch, daß mein Text gedruckt wird, daß man ihn liest, aber da ich schreibe, schreibe ich tatsächlich nur für mich. Und vor einem Jahr wäre mir die Vorstellung, für die Schublade zu schreiben, unerträglich gewesen, jetzt wird sie mir immer vertrauter. Ich verstehe nun etwas von meinem Freund Wieland Förster, was ich früher nie verstanden habe. Wenn er nicht mehr weiß, wohin mit seinen Figuren, dann zerstört er sie, weil er Platz im Atelier für neue braucht. Nun ist das bei einem Manuskript etwas Anderes, das nimmt nicht viel Platz weg, aber auch da ist der Prozeß des Machens entscheidend. Ich habe manchmal eine unbändige Lust, etwas im Geist Lautréamonts zu machen, wirklich nur für mich, vielleicht würde das sogar mein Bestes werden, und manchmal, wenn ich vier Stunden durch den Wald laufe und Pilze suche, denke ich mir eine komplette Geschichte oder auch Gedichte aus und habe dann eine bösartige Freude zu denken: Und jetzt läßt du das untergehn… Die Leute hätten gesagt: ah, ein neuer Fühmann! – nun weiß es keiner außer mir. – Das ist so eine Art Rumpelstilzchen-Genugtuung; man wird bescheiden. – Natürlich ist es mir nicht gleichgültig, was aus meiner Produktion wird, aber auch wenn ich wüßte, daß das, was ich jetzt mache, nie veröffentlicht würde, könnte ich nichts Anderes machen als das, was ich jetzt mache. Ich kann mir mein Leben nicht anders vorstellen als mit der Arbeit, die ich mache, als mit dem Schreiben. Da komme ich nicht heraus. Und da will ich auch nicht heraus.
Aus Franz Fühmann: Essays, Gespräche, Aufsätze 1964–1981, Hinstorff Verlag, 1993
Die Lyrik: Von den Nachteilen der Naivität
Die Erinnerung, so meinte Jean Paul einmal, sei das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden könnten. Kühne Worte. Man hört sie heute mit einiger Skepsis. Aber es ist wohl kein Zufall, dass der Nicht-Weimarer, der Nicht-Klasiker Jean Paul – der im Kanon der deutschen Literatur traditionell etwas stiefmütterlich behandelt wird – gerade mit dieser Behauptung in den Zitatenschatz unserer geschichtstarken, aber oft erinnerungsschwachen Nation eingegangen ist. Formuliert sie doch als begrüßenswerte Tatsache, was bei nüchterner Betrachtung ein verständlicher, aber eher unstatthafter Wunsch ist.
Kurz vor seinem Tod im Juli 1984 stellte Franz Fühmann ein Hörspiel mit dem Titel Die Schatten fertig: Er lässt eine Handvoll Griechen aus dem Gefolge des Odysseus von jenen furchteinflößenden Schattenwesen berichten, denen sie am Eingang zum mythischen Totenreich begegneten. Einer der Männer greift – da er etwas in Grunde Unbeschreibbares beschreiben soll – zu einer gewagten Metapher: die heulenden, flatternden und schlürfenden Gestalten seien „wie das Erinnern“ gewesen. Seine Zuhörer entgegnen ihm, das Erinnern flattere und heule nicht. Der Grieche erwidert energisch: „Doch, heulen kann es, das Erinnern – und wie! […] Und dich berauschen wie Wein oder Blut.“61
Auf welche Weise man diese für Fühmanns Werk bezeichnenden Zeilen auch immer deuten mag, eines ist sicher: als einen paradiesischen Ort im Sinne Jean Pauls charakterisieren sie das Erinnern nicht. Und die Gründe hierfür verraten nicht nur viel über den Autor, sondern auch einiges über die Zeit, in der er lebte.
Fühmanns Biographie ist gezeichnet von abrupten Brüchen und Wandlungen. Seine erste Konversion vom Christentum zum Nationalsozialismus war beileibe nicht seine letzte. Nach dem Krieg erlebte er seine politische Wiedergeburt als orthodoxer, stalintreuer Kommunist, und in den siebziger Jahren entwickelte er sich dann zu einem profilierten literarischen Kritiker des realen Sozialismus. Doch allen Wechselbädern zum Trotz blieb er sich in einem höheren Maße treu als andere – denn Halbheiten gestattete er sich nie. Er lebte mit einer Entschiedenheit, die selbst gute Freunde und Weggefährten erschrecken konnte: „Ja, rigoros ist er gewesen“, erinnerte sich Christa Wolf einmal, „und er war mir ein wenig unheimlich in seiner Unbedingtheit.“62
Fühmann fehlte die ansonsten weit verbreitete Gabe der Vergesslichkeit: Er blieb unfähig, seine Vergangenheit wie eine alte Haut abzustreifen und achtlos zurückzulassen. Immer wieder holten ihn Scham und Reue über das ein, was er zuvor gedacht, getan oder geschrieben hatte. Die Erinnerung an Kindheit und Jugend und auch an seinen späteren politischen Lebensweg konnte für Fühmann folglich nie eine ins sanfte Licht der Sentimentalität getauchte, unantastbare Freistatt sein. Vielmehr musste er seinen Werdegang, der in seinen entscheidenden Wendepunkten eng mit der deutschen Geschichte verknüpft war, stets mit Argwohn betrachten. Wieder und wieder war er gezwungen, ihn zu befragen, ihn aufrichtig zu prüfen und mit ihm abzurechnen. Kurz: Er war vertrieben aus dem Reich des verklärenden Gedenkens, und diese Verbannung war – daraus hat er kein Geheimnis gemacht – schmerzhaft, mitunter qualvoll für ihn. Wenn Fühmann also in einem seiner letzten Texte eine Figur sagen ließ, das Erinnern „flattere herum“, es könne „heulen“ oder gar „berauschen wie Wein und Blut“, dann ist das nicht nur als Rollenprosa zu verstehen.
Allerdings sind die politischen Verirrungen seiner Jugendjahre keineswegs ungewöhnlich oder einzigartig. Im Gegenteil, bei angemessener Selbstprüfung hätten wohl die meisten Deutschen nach 1945 Grund genug gehabt, ihre Biographie eingehend zu überdenken. Millionen Deutsche zählten zu den Wählern und Anhängern der Nationalsozialisten, Hunderttausende der Generationsgenossen Fühmanns zogen für Hitler mit Begeisterung in den Krieg. Doch später waren erstaunlich wenige Schriftsteller tatsächlich bereit, dieser Vergangenheit am Beispiel des eigenen Lebens mit der nötigen Härte gegen sich selbst nachzuspüren. Dazu unten mehr.
Fühmann hat sich dieser Aufgabe mit einer Energie und Schonungslosigkeit gestellt, die an Selbstzerstörung grenzte. Sein Leben lang legte er durch seine schriftstellerische Arbeit gegen innere, aber auch äußere Widerstände Rechenschaft ab über seine persönliche und politische Vergangenheit. Sein Werk erweist sich als ein großartiges Dokument jener Fähigkeit zu trauern, die zwar seit 1945 gern und oft eingeklagt wird, in der aber nur wenige sich übten. Fühmann ist im literarischen Sinne ein Gefolgsmann Henrik Ibsens, der einmal sagte, Dichten heiße nichts anderes, als Gerichtstag zu halten über das eigene Ich.
Die Spuren seiner Wandlungen haben sich tief in Fühmanns Werk eingegraben: Das rundum Gelungene und das ganz oder halb Missglückte stehen dicht beieinander. Kein sanfter Pfad führt von einer Station des Schaffens zur nächsten. Sein Lebensweg gleicht vielmehr einem wilden Gebirgssteig, der durch Schluchten, entlang an bedrohlichen Abgründen, aber immer auch zu glanzvollen Höhe- und Aussichtspunkten führt. Fühmann gehörte nicht zu jenen Schriftstellern, die Politisches und Poetisches säuberlich zu trennen vermochten. Für ihn verwob sich beides zu einem unauflösbaren Geflecht: Jeder Text war für ihn zugleich Bekenntnis. So griffen die Verbrechen und Tragödien des Jahrhunderts – oft ohne dass er es sofort bemerkte – massiv in seine literarische Arbeit ein. Ein eklatantes Beispiel hierfür ist das frühe Ende seiner lyrischen Produktivität.
Geschrieben hatte Fühmann von Kindheit an; bereits 1942 erschienen einige seiner Gedichte (gemeinsam mit den Arbeiten zweier Altersgenossen) in einem schmalen Bändchen des Hamburger Heinrich Ellermann Verlags, das den Titel Jugendliches Trio trug. Wie schon in seinen von ihm selbst überlieferten Kindheitsphantasien, geht es auch in diesen Texten ausgesprochen kriegerisch zu, sprechen auch sie von allgegenwärtiger Gefahr und Zerstörung:
Nächtlicher nie noch die Nacht.
Banger noch keine Stunde.
Eine blutende Wunde
wird unser kleines Herz.
Fühmann entwirft mit seiner Lyrik eine archaische, heillose Landschaft, in der die Menschen von einer unbegreiflichen Macht bedroht werden und in der ihre Vitalität allmählich versiegt. Seine Bilder sind nicht immer originell, aber trotz mancher antiquierter Wendungen kraftvoll und klar:
Der Schnee rieselt leise aus geöffnetem Himmel –
Die Götter reißen die alten Gestirne aus ihren Bahnen.
Flocken fallen zu Boden in überstürzendem Gewimmel,
überdecken das Leben – das letzte verwelkende Ahnen
Die lebendigen Wasser haben Eispanzer bedeckt,
das Atmen der Blumen ist in der lastenden Hülle erstickt,
Schneeberge haben die heiligen Bäume niedergedrückt…
Nur meine Sehnsucht hat sich hoch in die Nacht gereckt.
Die Götter haben die Sterne aus den alten Bahnen gerissen,
und aus den Löchern im Firmament fällt schneeweiß der Tod.
Meine Sehnsucht bäumt sich noch einmal auf und loht,
dann umfängt auch sie der Tod mit kalten und weißen Küssen.63
Zugegeben, die Verse wirken mitunter etwas angestrengt, aber sie zeigen poetisches Talent. Ihre von Endzeitstimmung und Weltschmerz geprägte Atmosphäre und die recht freien, hart gefügten Metaphern erinnern an Dichter des Symbolismus und des Fin de Siècle wie Richard Dehmel, Stefan George oder Rilke. Von ferne erinnern sie aber auch schon an die modernere, suggestivere Lyrik Georg Trakls, die Fühmann allerdings erst später, während der letzten Kriegstage, kennenlernte. Dennoch könnte man glauben, einen etwas geschmacksunsicheren, aber nicht unbegabten Epigonen Trakls zu lesen.
Als junger Mann fühlte sich Fühmann seinen literarischen Anregungen und Vorbildern nahezu hilflos ausgeliefert:
Es gab einmal ein ungeheures, also ein ganz schrecklich ungeheures Rilke-Erlebnis in der Kriegszeit mit dem Ergebnis, daß ich jahrelang dann eigentlich nichts als unfreiwillige Rilke Parodien geliefert habe.
Doch bezeichnenderweise beurteilte er seine frühen Texte später vor allem aus politischer Perspektive:
Das waren Gedichte eines jungen Faschisten, der aber insgeheim und uneingestanden ein tiefes Unbehagen und Grauen verspürte. Es war ein seltsamer Vorgang: Ich war im Unbewußten viel weiter als im Bewußtsein. Nazideutschland stand auf der Höhe seiner Siege, aber in meinen Versen ging dauernd die Welt unter, alles verbrannte, alles verkohlte. – Das Seltsamste aber war, dass ich diesen Widerspruch gar nicht empfand.64
Als Fühmann dann in den Weihnachtstagen des Jahres 1949 mit einem neuen, sozialistischen, Weltbild aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft nach Ostberlin entlassen wurde, war es für ihn vollkommen selbstverständlich, seine ganze Kraft – also auch seine poetischen Fähigkeiten – nunmehr für die Ziele seiner frisch erworbenen Überzeugungen in die Pflicht zu nehmen. Er trat in die National-Demokratische Partei Deutschlands (NDPD) ein, eine der „Blockparteien“ der DDR, die sich ideologisch streng nach den Zielen der SED ausrichteten und vor allem um die bürgerlich-national orientierten Wähler des Landes warb. Fühmann begann als Volontär der Parteizeitung und als persönlicher Referent des späteren stellvertretenden Innen- und Verteidigungsministers der DDR Vincenz Müller, schließlich stieg er bis zum Leiter der kulturpolitischen Arbeit auf.
Neben dieser rasanten Karriere im Apparat der NDPD entstanden seine ersten Lyrikbände Die Nelke Nikos und Die Fahrt nach Stalingrad. Beide erschienen 1953 und enthielten mehr oder minder geschickt versifizierte Propaganda, die nichts von der eigentümlich düsteren Sprache seiner frühen Gedichte ahnen ließ: Fühmann malte die Zukunft seines Staates in leuchtenden Farben, schrieb „Lieder junger Traktoristen“ oder den „Chor der Komsomolzen“ und stimmte ein hymnisches „Dank Dir, Sowjetunion“ an. Zugleich verdammte er sowohl die eigene national-sozialistische Jugend als auch das andere, das kapitalistische Deutschland, das in seinen Augen die faschistische Tradition fortsetzte. Die düsteren, unheilschwangeren Bilder, die seinen ersten Arbeiten ihr Gepräge gegeben hatten, benutzte er nur noch, um die Schrecken der Vergangenheit zu veranschaulichen. Der programmatische „Epilog“ und „Prolog“, den er dem Buch Die Nelke Nikos voranstellte, lautet:
So sei verflucht, du Zeit der Totentänze,
so sei verflucht, blutiger Karneval!
Den Toten bleiben nicht mehr Grab und Kränze,
den Lebenden nicht mehr ein Schlaf, ein Mahl.
Im Land der Kerker und der Kasematten
spielen Sirenen auf zum Tanz ins Nichts;
auf dem Parkett des Grauens drehn sich Schatten.
Sie tragen Kreuze statt des Angesichts.
Unter den Linden fiedelt die Kapelle.
Ein Mörder streicht die Geige. Ein Profoß
kratzt auf dem Cello; Henker hämmern grelle
Passagen aus den schrillen Cembalos.
Ein Leichenfledderer bläst süß die Flöte,
Es dirigiert der Tod. Es tanzt Berlin.
Da kommen Kindlein aus den blutigen Wiegen
und fassen sich zum schwarzen Ringelreihn;
zerstörte Fraun, dem Kellergrab entstiegen,
fügen sich schweigend in den Walzer ein;
im Takt der detonierenden Granaten
tanzt Deutschland in den unfaßbaren Mai.
Es sammeln sich die sterbenden Soldaten
zum letzten Reigen vor der Reichskanzlei…
So sei verflucht, du Zeit der Totentänze!
Um die versengten Mauern streicht der Wind.
Den Toten dauern nicht mehr Grab und Kränze –
sorgt, daß der Tag der Lebenden beginnt!65
Die Zeilen bezeichnen nicht nur den Hauptantrieb für Fühmanns damalige literarische Arbeit – das Entsetzen über den Krieg und die Schuldgefühle wegen der eigenen politischen Verstrickungen –, sondern sie sind auch repräsentativ für Ton und Stil der gelungeneren Verse in diesem und auch dem folgenden Band Aber die Schöpfung soll dauern (1957). Die Gedichte möchten um nahezu jeden Preis Stimmungen beschwören, möchten sinnlich bedrängende Szenen ausmalen, die den Leser in ihren Bann ziehen, ja ihn überwältigen sollen. Doch verfügt ihr Autor nicht über die nötigen literarischen Mittel, um sein Ziel zu erreichen. Der zitierte Epilog und Prolog beispielsweise wird beherrscht vom Drang, ein grauenerregendes Panorama zu evozieren. Doch Fühmann überinstrumentiert den Text und schmälert so seine Wirkung: Statt wenige, aber treffende Bilder ihre Ausstrahlung entfalten zu lassen, greift er zu einer Unzahl aufdringlicher Metaphern, die sich gegenseitig regelrecht ersticken. So treten in einer einzigen Strophe Mörder, Profoß, Henker, Leichenfledderer, Schlächter und schließlich gar der Tod persönlich auf – fast so, als wolle der Autor eine Probe seines umfangreichen Wortschatzes ablegen. Wo wenige gut abgewogene Worte genügt hätten, um eine Untergangs-Vision auszumalen („Um die versengten Mauern streicht der Wind“), spielen bei Fühmann gleich „Sirenen auf zum Tanz ins Nichts“, drehen sich Schatten „auf dem Parkett des Grauens“, sammeln sich „sterbende Soldaten“ zum „letzten Reigen“, kommen „Kindlein aus den blutigen Wiegen“ und „zerstörte Fraun“ aus dem „Kellergrab“.
Auch der etwas naiv klingende, appellierende Abschluss des Gedichts – „sorgt, daß der Tag der Lebenden beginnt!“ – ist typisch für Fühmanns damalige Gedichte. Die Zeile ist zweifellos gut gemeint, aber leider sehr allgemein und folglich ungenau formuliert. Sie fordert etwas selbstverständliches: Es fragt sich, wer denn – vor allem nach der vorangegangenen Massierung finsterer Bilder – erst noch davon überzeugt werden muss, dass er besser wäre, wenn „der Tag der Lebenden“ begänne. Die Sehnsucht nach einer anderen, besseren Welt, die sich beim Leser während der Lektüre der ersten blutrünstigen Strophen lange schon eingestellt haben müsste, wird noch einmal mit heißer Ergriffenheit benannt und somit unfreiwillig als Klischee bloßgestellt. Fühmann wirft sich hier – wie in den meisten anderen Texten dieser frühen Bände – in eine melodramatische Pose und deklamiert mit dem Eifer eines Schauspielschülers, der zum ersten Mal die Bühne betreten darf.
Sicher, vieles von dieser überzogen-theatralischen Schreibweise ist wohl als ein etwas verspäteter Reflex auf die deutsche Literatur der ersten Nachkriegsjahre zu verstehen: von Wolfgang Borchert über Ernst Kreuder bis zu Wolfgang Weyrauch im Westen und genauso im Osten von Kurt Barthel (Kuba) über Georg Maurer bis zu Johannes R. Becher holte man damals allzu gern aus zu inbrünstigen Predigten für ein „besseres Morgen“, in dem noch etwas von dem O-Mensch-Pathos des Expressionismus nachhallt. Hinzu kam, dass Fühmann als ehemaliger Nationalsozialist unter einem enormen Bekenntnisdruck stand. Gerade weil er keinen Zweifel daran aufkammen lassen wollte, dass er seinen Sündenfall bereut und sich grundlegend gewandelt hatte, konnte für ihn die Beschreibung der Vergangenheit gar nicht vernichtend und die der Zukunft gar nicht grandios genug ausfallen. Er trug lieber zehn Mal zu dick als einmal zu dünn auf, opferte mithin die literarische Qualität der öffentlich ausgestellten ideologischen Zuverlässigkeit.
Die Vorliebe für überspitzte Formulierungen wird ergänzt durch eine ebenso zugespitzte inhaltliche Struktur der Gedichte. Fühmann war schon als Kind zu moralischem Rigorismus erzogen worden: Fügte er sich widerspruchslos in die ihm zugedachte Rolle des klugen, mutigen und dennoch unterwürfigen Sohnes, lobte man ihn über die Maßen, doch enttäuschte er die in ihn gesetzten Erwartungen, behandelte und bestrafte man ihn wie einen Verbrecher. Er erlernte so eine kompromisslose Zweiteilung, die sich schließlich im nationalsozialistischen Rassenwahn fortsetzte, auf die der Junge als Schüler und Soldat eingeschworen wurde: Die Deutschen erschienen ihm als Heldenvolk ohne Fehl und Tadel, alle fremden Nationalitäten dagegen als minderwertige, im Grunde lebensunwürdige Untermenschen. In den lyrischen Abrechnungen mit jenem verhängnisvollen Fanatismus übernahm er dann – wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen – die gleiche radikale Trennung: Was immer zur Vergangenheit gehört, wird in den finstersten, was immer der sozialistischen Gegenwart zuzuordnen ist, in den lichtesten Farben gemalt.
Fühmann reproduzierte mit jenem dualistischen Weltbild zugleich die Vorstellungssphäre der Volksmärchen, also jenes Phantasiereichs, in das er schon aus seiner angsterfüllten Kindheit floh. Diese Verwandtschaft ist ihm selbst nicht entgangen, und er sah in ihr zunächst eine besondere Qualität seiner Gedichte. Immer wieder berief er sich auf die Weisheit der Märchen,66 wenn er das Leben in Gut und Böse, Tat und Untat, Schwarz und Weiß einteilte – genauso wie sich für ihn damals auch die ideologischen Lager streng nach ethischen Gesichtspunkten unterschieden. Er konnte und wollte zu diesem Zeitpunkt wohl nicht wahrnehmen, in welchem Maße er damit der Realität Gewalt antat, wie sehr er sie simplifizierte und banalisierte. Er sah in dem Mangel an Differenzierungen nicht einen Verlust, sondern glaubte einen höheren Abstraktionsgrad, einen unmittelbareren Zugang zur „Wurzel der Dinge“67 erreicht zu haben. So heißt es in seinem Gedicht „Märchen“ bezeichnenderweise:
Plötzlich stehst du am Grunde
der Dinge. Wie einfach sie sind!
Welche literarischen Folgen Fühmanns Schwarz-Weiß-Malerei hatte, ist an einer der folgenden Strophen des gleichen Gedichts gut abzulesen:
Und unbarmherzig die Königinnen
hetzen den bluttollen Hund
auf die Köhlerkinder. Es spinnen
die Mägde die Finger sich wund.
Doch es kommen die Tauben immer,
wenn Aschenputtel verzagt,
und ein unbegreiflicher Schimmer
weht ums Haar der geschlagenen Magd.
Alle Figuren oder Handlungen werden hier unfehlbar einseitig und mit solch entwaffnender Naivität bewertet, dass man die Zeilen nur noch als Kitsch bezeichnen kann. Zudem nimmt Fühmann das wirklichkeitsferne Reich der Fabeln und Legenden ganz ungeniert in Dienst, um an ihm seine neuen politischen Überzeugungen zu demonstrieren. Er setzt das obligate Happy-End der Märchen, jenen unvermeidlichen, eben märchenhaften Sieg des Guten über das Böse, parallel zu den eschatologischen Erwartungen des Vulgärmarxismus, der die Zukunft der sozialistischen Gesellschaft als einen Garten Eden auf Erden beschreibt. Das „Märchen“-Gedicht endet mit den Versen:
Und der Jüngling sprengt wider die Drachen,
eh das Land stirbt, die Jungfrau verdirbt.
Flammen fahren über die weißen
Gebirge, hellen den Tann,
und du weißt, wie die Drachen heißen
und wer sie zu zwingen begann –
[…]
und sind alle Drachen geschlagen:
die Helden haben nicht Ruh.
Sie wandern den klaren Tagen,
dem Morgen ohne Abend zu.
Siehst du sie am Saum unsrer Mühen
wie Gewesene und Kommende stehn?
Es ist Winter. Die Rosen blühen.
O welche Märchen werden geschehen!68
In seinen letzten Gedichten, die Ende der fünfziger Jahre entstanden, beginnt Fühmann diese holzschnittartige Weltsicht zu überwinden. Er behauptet immerhin, auch wenn er es nicht nachweisen kann, „daß es im Märchen / dialektisch zugeht“,69 beschreibt die Zirkus-Arena – freilich noch mit spürbarem Erschrecken – als eine Sphäre, in der „die Begriffe schwingen, / unentwirrbar, von böse und gut“,70 und verkündet, nachdem sich in einem parabelhaften Lehrgedicht die gleiche Handlung unter veränderten Umständen zunächst als falsch und dann als richtig herausstellt, das Lob des Ungehorsams.71 Doch mehr als Andeutungen einer weniger grobschlächtigen Denkweise lassen sich nicht ausmachen. Allzu rasch greifen die Texte auf die gewohnten einseitigen moralischen Urteile zurück.
Fühmann stand in diesen Jahren nach wie vor – auch wenn er glaubte, sich in der Kriegsgefangenschaft und auf der Antifa-Schule von Grund auf gewandelt zu haben – im Bann seiner nationalsozialistischen Vergangenheit. Darauf wies auch Marcel Reich-Ranicki hin, der in einer 1963 veröffentlichten Kritik insbesondere das Vokabular seiner Lyrik unter die Lupe nahm. Er kam zu dem Ergebnis, Fühmann drücke seine Begeisterung für den neuen sozialistischen Staat „in der Sprache von gestern aus: ,Nimm unsre Hände, Deutschland, Vaterland, nimm das / glühende Herz voll Liebe und Haß, vernimm die / Stimme unbändigen Willens: Ja wir / kommen zu schaffen, zu kämpfen, zu tragen dich / Deutschland, Land unsrer Liebe, durchs Reifen der Zeit. / […] / Und wir bringen dir, heiliges, anderes Deutschland / unsere Leben als Quader zum Bau deiner Zukunft.‘ In einem Lied mit dem Titel Auftakt heißt es: ,Rauschen die Blätter der Birken, / rauschen die Blätter im Buch. / In den gewaltigen Winden / rauscht unser Fahnentuch.‘ Und in einem Poem Aufbau-Sonntag: ,Lieder singen vom Kampf und vom Sieg: / Wir baun das Deutschland von morgen!‘ Viele dieser Gedichte Fühmanns aus den frühen fünfziger Jahren zeugen von seinem gewiß aufrichtigen Wunsch, sich einzureihen und sich anzuschließen, von seiner abermaligen Bereitschaft zur Unterordnung und zur Gefolgschaft. Er ruft: ,Formt jetzt vor uns die Züge / deutscher Erneuerung.‘ Das Gedicht Porträt eines Angehörigen der FDJ schließt er mit den Worten: ,Wir begreifen es selbst nicht, wenn wir ein Planjahr des Lebens / schon in Wochen vollziehn – doch warum auch begreifen – wir tun es!‘ Das alles, ,die Stimme des unbändigen Willens‘, das in ,gewaltigen Winden‘ rauschende Fahnentuch, die Lieder ,vom Kampf und vom Sieg‘, die ,Züge deutscher Erneuerung‘ und schließlich die rührende Versicherung, es sei überflüssig, zu begreifen, was man tut – das alles ist, schlicht gesagt, unverfälschte NS-Lyrik aus der Feder eines Mannes, der mit dem Nationalsozialismus nichts mehr zu tun haben wollte und ihn kein Zweifel kann hier bestehen – zutiefst haßte. Man hatte ihn auf der ,Antifaschule‘ nur ,umfunktioniert‘: Daher schrieb er HJ-Gedichte mit FDJ-Vorzeichen.“72
In Fühmanns Versen finden sich allerdings nicht nur zahllose Überreste seiner nationalsozialistischen, sondern auch Spuren seiner christlich-katholischen Erziehung. Das traditionell religiöse Vokabular durchzieht seine Lyrik mit unbekümmerter Selbstverständlichkeit. Der Verdacht liegt nahe, dass Fühmann nach der Ankunft in der DDR seiner früheren unreflektierten lyrischen Produktion lediglich die neuen politischen Inhalte aufgepfropfte, sie aber ansonsten ebenso unreflektiert fortsetzte. An seine poetische Sprache scheint er wenig Gedanken verschwendet zu haben. Er benutzte die Worte, die ihm von Jugend an vertraut waren, ohne sie auf ihren jeweiligen Nebensinn, auf ihre ideologischen Untertöne hin zu befragen. Nur jene eindrucksvollen Bilder der Zerstörung und des Niedergangs, die seine ersten Gedichte auszeichneten, konnte er nicht recht in sein neues, zukunftsgläubiges Weltbild einfügen, so dass sie allmählich ganz der inneren Zensur verfielen. Reich-Ranickis Kritik, die für lange Zeit die einzige gründliche Analyse seiner Lyrik im Westen blieb, traf Fühmann tief – nicht nur weil seine Gedichte abgelehnt wurden, sondern weil er einsah, dass die gegen sie vorgebrachten Argumente richtig waren. Die Rezension beschäftigte ihn noch zehn Jahre nach ihrer Publikation, auch wenn er es nicht übers Herz brachte, den Namen des Rezensenten zu nennen:
… Ja sogar jener Zeigefinger aus einer ganz anderen Landschaft, der hämisch auf ein Gedicht wies, das ich 1950 geschrieben hatte, und dann dazu jene Worte: „Da drin steckt noch die ganze HJ“ … Es war noch hämischer gesagt, aber der Hämische hatte recht; ich hätte ihm den Finger möglichst nahe am Halse abhauen wollen […] … Er hatte recht; er hatte auf die richtige Stelle gezeigt; nicht auf eine schmerzende Stelle, die findet man selbst, nein, auf jene, die man heil glaubt… Er sei bedankt, aber: Hätte nicht ein Freund darauf zeigen müssen.73
In besonderem Maße dürfte Fühmann die Erkenntnis erschüttert haben, dass seine Wandlung vom blindgläubigen Anhänger Hitlers zum Sozialisten – die er doch lange schon für endgültig vollzogen hielt – alles andere als abgeschlossen war. Er hatte geglaubt, seine Vergangenheit rasch überwinden und hinter sich lassen zu können. Nun wurde ihm klar, dass er seine nationalsozialistische Jugend keineswegs so ohne weiteres abzuschütteln vermochte, dass vielmehr sie ihn unbemerkt, aber mit schauerlicher Zähigkeit im Griff behalten hatte. Mit einem Mal holten ihn Erinnerungen ein, von denen er sich vor Jahren befreit zu haben meinte und die jetzt wieder in seinem Gedächtnis – wie er das schließlich formulieren sollte – „flatterten“ und „heulten“ und ihn „berauschten“.
Es ist nur zu verständlich, dass Fühmann nach diesen Erfahrungen kaum neues Vertrauen zu seiner naiven poetischen Produktionsweise von einst fassen konnte. Allerdings schrieb er zu diesem Zeitpunkt schon seit einigen Jahren keine Gedichte mehr. Zwar bemühte er sich mitunter energisch darum, doch wollten ihm keine Verse gelingen, die vor der eigenen Skepsis standhielten. Über das Ende seiner lyrischen Schaffenskraft hat er selbst in späteren Jahren ausgiebig nachgedacht.
Charakteristisch für ihn ist, dass er die Gründe stets im politischen, nie im privaten Bereich suchte. „Das ist sehr genau datierbar auf das Jahr 1958“, antwortete er in einem Interview auf die Frage, wann der Dichter Fühmann verstummte:
Es war eine tiefe Zäsur in der Literatur der DDR – übrigens auch in den anderen volksdemokratischen Staaten. Meine besten Gedichte schrieb ich, nachdem die anfangs schock artige Wirkung der Chruschtschow-Rede auf dem XX. Parteitag (1956) überwunden war. Da hatte ich die Vorstellung: Es ist eine furchtbare Wahrheit, aber nur sie bringt uns weiter. Chruschtschow hat ja die Verbrechen Stalins nackt und brutal enthüllt; ich hatte vordem Berichte, auch Augenzeugenberichte über diese Verbrechen für infame imperialistische Lügen gehalten. Also zuerst der Schock und dann das Gefühl: Jetzt kommen wir aus dem unerträglichen Zwiespalt von Realität und Darstellung der Realität heraus, jetzt finden wir aus dem Stalinismus, jetzt wird dieser Sumpf ausgeräumt. Doch von Anfang an gab es Gegensteuerungen unter der Devise, daß sich die Konterrevolution formiere. So wurde die Formel durchgesetzt: Keine Rückschau, keine Darstellung des Alten, im Vormarsch das Alte Überwinden! […] Bloß blieben die unbewältigten Probleme unbewältigt und wurden unbewältigt weitergeschleppt. Es wurde eine dünne Schicht Ideologie drübergestreut, aber drunter blieben die Fragen lebendig und sind es bis heute, sind unabgegolten […]. In dieser Zeit zerschliß meine lyrische Konzeption endgültig. Meine poetische Konzeption hatte geheißen: die Märchen gehen in Erfüllung. […] 1958 fand auch die Kulturkonferenz statt, die den Schlußpunkt hinter das setzte, was man ,Entstalinisierung‘ nennt. Es war eine Zäsur. In diesem Jahr hört Stephan Hermlin auf zu dichten, der eine zweite Blüte als Lyriker gehabt, sehr schöne, schmerzhafte Gebilde geschrieben hatte. Kurt Barthel, genannt Kuba, der besser ist als sein Ruf, […] tritt, um mit Majakowski zu sprechen, seinem eigenen Lied auf die Kehle und bringt sich selbst als Dichter um: was er noch macht, wird […] unsäglich […]. Andere gehen in den Westen, wie Heinar Kipphardt. Tja, ich ging eben in die Prosa und machte dann, um am Ball zu bleiben, Jahr um Jahr mein Pensum Nachdichtungen. Eine neue poetische Konzeption habe ich bis heute nicht gefunden.74
Fühmanns „märchenhaftes“ Weltbild, in dem alles fein säuberlich nach Gut und Böse geschieden wurde, war nach der Rede Chruschtschows unhaltbar geworden. In seinen nach 1956 entstandenen Gedichten begann er diese schematische Denkweise zumindest ansatzweise zu überwinden. Auf diesem Weg fortzufahren – auch nach dem innenpolitischen Sieg der alten Stalinisten und nach dem von oben verordneten abrupten Ende der Liberalisierung im Jahr 1958 – war zweifellos mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, aber nicht unmöglich. In seinen Prosaarbeiten tat Fühmann eben dies, gegen Ende der sechziger Jahre zunächst noch behutsam und zögernd, nach 1968 dann entschlossen und ohne falsche Rücksichten. (Nebenbei: Das letzte Gedicht in dem Band Die Richtung der Märchen bezieht sich ausdrücklich auf ein Ereignis im Januar 1959 – also nach der von Fühmann angegebenen Zäsur von 1958.)75
Vermutlich hatte das Ende seiner lyrischen Produktion neben jenen politischen Motiven auch noch andere, unbewusste Ursachen, über die sich Fühmann nicht bewusst werden konnte und über die heute zu spekulieren müßig ist. Fest steht allerdings, dass niemand mit seiner Lyrik ebenso hart ins Gericht ging wie er selbst, als er Mitte der siebziger Jahre seine Werkausgabe für den Hinstorff Verlag zusammenstellte. Kaum eine der poetischen Arbeiten mochte er noch gelten lassen. Die Texte, die er schließlich auswählte und in den Band Gedichte und Nachdichtungen aufnahm, „wurden ausnahmslos zwischen 1955 und 1957 geschrieben“.76 Selbst von diesen hielten insgesamt nur 25 seinem kritischen Blick stand. Seinen Nachdichtungen tschechischer und ungarischer Lyriker dagegen räumte er in diesem Band der Werkausgabe fast den fünffachen Raum ein – ganz so als wolle er von seinen eigenen Texten ablenken und auf die Arbeiten größerer Poeten hinweisen.
Uwe Wittstock, aus Uwe Wittstock: Franz Fühmann – Wandlung ohne Ende. Eine Biografie, Hinstorff Verlag, 2021
Uwe Wittstock: Kindheitsmuster, Herkunftsmonster. Eine Lange Nacht über Christa Wolf und Franz Fühmann und ihre deutsche Vergangenheit
Vajswerk Häutungen Franz Fühmanns. Eine Spurensuche
Alexander Cammann: Aus Feuerschlünden, Die Zeit, 29.12.2021
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Hans Richter: Ein verlorener Sohn Böhmens
Sinn und Form, Heft 4, Juli/August 1992
Zum 95. Geburtstag des Autors:
Walter G. Goes: Versuche über Literatur
Ostseezeitung Rügen, 14.1.2017
Zum 100. Geburtstag des Autors:
Alexander Cammann: Aus Feuerschlünden
Die Zeit, 29.12.2021
Cornelia Geißler: Annett Gröschner, welche Bedeutung hat Franz Fühmann für Ihr Schreiben?
Berliner Zeitung, 2.1.2021
Lukas Betzler: Erfahrungen und Widersprüche – Zum hundertsten Geburtstag Franz Fühmanns
54books.de, 13.1.2022
Im Gestrüpp von Für und Wider: Franz Fühmann zum 100. Geburtstag mit Anja Kampmann, Joachim Hamster Damm und Ingo Schulze
mdrKULTUR, 11.1.2022
Thomas Schmidt: Die Leben des Franz Fühmann
schmidt.welt.de, 15.1.2022
Uwe Wittstock: Jedes Buch war für ihn Bekenntnis
literaturkritik.de, Januar 2022
Ulf Heise: Franz Fühmann: Ein Leben als wilder Gebirgssteig
Freie Presse, 14.1.2022
Gunnar Decker: Er wollte anders sehen lernen
nd, 14.1.2022
Gunnar Decker: Mit ernster Fantasie
der Freitag, 2.2.2022
Kai Köhler: Ins Ich verbissen
junge Welt, 15.1.2022
Märkisch Buchholz: So lebte Franz Fühmann im Schenkenländchen
Märkische Allgemeine, 15.1.2022
Ein Leben voll drastischer Wendungen: Vor 100 Jahren wurde Autor Franz Fühmann geboren
Märkische Allgemeine, 15.1.2022
Klaus Hanisch spricht mit Paul Alfred Kleinert: Grundthema: Heimkehr
Prager Zeitung, 15.1.2022
Karin Großmann: Wie ein SA-Mann in der DDR gefeiert und verfolgt wird
Sächsische Zeitung, 15.1.2022
Hans-Jürgen Schmitt: Der Eremit von Märkisch-Buchholz
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.1.2022
Thorsten Hinz: Die doppelte Verführung
Junge Freiheit, 15.1.2022
Lothar Müller: Wie leicht man schuldig werden konnte
Süddeutsche Zeitung, 19.1.2022
Claudia Roth: – Es gilt das gesprochene Wort –
bundesregierung.de, 18.1.2022
Ute Wegmann im Gespräch mit Ingo Schulze: Zum 100. Geburtstag von Franz Fühmann mit Pod
Deutschlandfunk, 15.1.2022
Isabel Cole: Worte, Wörter, Wandlungen
lyrikkritik.de
Audiosammlung von mdr KULTUR zum 100. Geburtstag von Franz Fühmann
Roland Berbig: Franz Fühmann – Lebens- und Schreibblätter (1922–1984)
„Staunendes Begreifenwollen“. Autor:innen über ihr Verhältnis zu Franz Fühmann
„Dem Menschen das Ertragen der Wahrheit zutrauen“. Ausgewählte Texte Fühmanns. Mit Corinna Harfouch
Fundsache Original – Franz Fühmann zum 100. Geburtstag. Isabel Fargo Cole, Anja Kampmann und Roland Berbig. Moderation: Matthias Weichelt.
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