EPISTEL
Für D.E. Sattler
Jedes Gedicht.
Das ich mitunter schreibe,
Ist nicht nur ein Zeichen,
Daß ich noch lebe (was
Außer für mich, meine Frau, meine Kinder
Und ein paar Freunde nicht von Belang ist), sondern
Ein Stück jener Schuld,
Die ich mich abzutragen bemühe.
Und ganz unter uns: niemals
Könnte ich sagen, was ich hier sage,
Vor einer Öffentlichkeit, die
Von solchen Bekenntnissen
Keine Notiz nimmt. Also:
Ich spreche von mir, wovon sonst: täglich
Bekomm ich am Schreibtisch
Die Grenzen zu spüren, in denen ich lebe.
Nachdenkend
Kehre ich immer wieder
Zu einigen Dingen zurück,
Die vielen schon
Klar sind. Wieviele Bücher
Hab ich nicht gelesen? Doch
Ich spreche von meiner Schuld,
Der Zeit, die ich damit verbringe,
Verse zu schreiben, oder dem Zwang,
Mich erklären zu müssen
Vorm Angesicht einer höheren Ordnung.
Mitunter erinnre ich mich
An ein paar Szenen
Aus meiner Kindheit:
Des Ausbruchs des Krieges, der Nazis
In unserem Viertel oder
Herrn Spoerkes, der
Im Friseursalon Rubner
Davon erzählte, wie das Blut jener Juden,
Die er erschoß,
An die Mauerwand spritzte. Als ich
Fast noch Kind war,
Stand ich im Blauhemd
Vor einem Pfarrer,
Dem ich
Von meiner Zerrissenheit sprach.
Ich glaubte an Marx,
Weil ich glaubte,
Daß Brecht an ihn glaubte. Ich sagte
Mich abwechselnd los
Von Hitler,
Von Gott,
Von Karl Marx,
Und bewältigte so
Meine Zukunft. Die Gegenwart
Ist nicht wirklich, wirklich ist nur
Die Vergangenheit, doch sie
Ist nicht zu bewältigen. Diese Schuld
Aber ist in uns, sie
Ist der Prägestock des Jahrhunderts: vor uns
War sie schon da und
Im Fleisch unserer Eltern.
Die ich meine Feinde
Nenne, bäte ich gern um Verzeihung, so,
Wie ich meinen wenigen Freunden verzeihe.
Doch der Verrat,
Der in uns wohnt, ist unüberwindlich und
Die Trauer in mir,
Von der ich spreche,
Hat gute Gründe: Judas
Sah über den Gartenzaun
Und rechnete mit meiner kindlichen Schwäche, doch
Die Angebote des Todes
Nahm ich nicht an.
Aus meinen nicht zu bezwingenden Lügen
Macht ich Gedichte: das Gelb
Des Ginsters der Kindheit,
Ein Wintertag in den Straßen,
Der Tod meiner Eltern – ich
Überlebte. Sogar
Mit den Bilanzen
Meiner verfehlten
Jahre verdiente ich noch mein Geld. Gut,
Wir sind nicht geboren,
Um glücklich zu sein. Einverstanden, Genossen,
Ich hab euch verraten,
Wie ihr mich verrietet. Das Feuer verglomm.
Aus dieser Asche wird kein Phönix mehr steigen.
Ich schulde euch meine Vereinfachungen, Brüder und Schwestern.
Glaubt mir: Ich
Bin mir selber verdächtig, irgend etwas
Stimmte von Anfang an nicht, auch heute
Tue ich nicht, was ich tun müßte, und sag
Mir zum Trost: Ich
Kann nichts tun außer tun,
Von ein paar gelungenen Zeilen
Will ich nicht reden. Unbearbeitetes
Bezeugt, wie ich aus Eitelkeit
Bestimmten Wahrheiten auswich. Im Vergleich
Mit anderen hielt ich mich aufrecht,
So lange es ging. Jetzt
Bin ich zurückgekehrt in meine Wohnung.
Argwöhnisch
Geb ich mir Stichwort um Stichwort, ein Zeuge.
Mein Lehrer ist tot, ich
Habe versäumt, ihn zu befragen,
Bar jedes Beistands
Werd ich die Erde verlassen, dies
Sei gesagt, aber
Es ist nur gesagt, aber die Auferstehungsstationen
Hab ich beschrieben. Tagebücher
Werde ich, nebenbei gesagt,
Nicht hinterlassen, Aufzeichnungen
Über Gespräche, Telefonate
Sind nicht vorhanden. Selbst für die Dossiers
Gewisser Beamte
Dürfte ich nicht interessant genug sein. Es bleibt
Letzten Endes nur dieses Papier, doch auch auf ihm
Wird man vergeblich
Suchen, was ich selbst nicht
Zu finden vermag: Was soll ich tun,
Damit ich die Vorwürfe,
Die mich täglich erreichen,
Aushalten kann? Ich
Weiß mir keinen Rat. Doch wußte ich je,
Was mir zu raten gewesen wäre?
Gewissenlos ehrlich,
Steh ich mir ferner denn je.
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Tage mit Gussy
Über den unbequemen, rebellisch-unangepassten Czecho, so nannten den Dichter Heinz Czechowski seine Freunde, zu schreiben, zumal wenn man ihn kaum gekannt hat, ist ein Wagnis, das ich nur eingehe, weil uns etwas Gemeinsames verbindet: das von einem Dresdner Bankier im Zopfstil Ende des 18. Jahrhunderts errichtete „Haus Sorgenfrei“ in der Lößnitz, Augustusweg 48, wo nach dem Krieg das Künstlerpaar Gussy und Erhard Hippold zur Miete wohnte und ich 1985 der inzwischen nun nach dem Tod ihres Mannes allein lebenden Malerin Gussy begegnete. Eigentlich war ich im Auftrag der Tageszeitung DIE UNION unterwegs, um zum runden Geburtstag der Künstlerin einen Beitrag zu schreiben. Bald aber entstand eine kleine Freundschaft zu der weißhaarigen Frau mit dem liebenswürdigen, gütigen Gesicht, die an den Tagen meines Besuches ein einfaches Mittagsgericht für uns zubereitete. Arbeit im französischen Garten hinter dem Haus, der noch auf die einstige spätbarocke Gestaltung hinwies und die Kohlen im Keller, warteten auf mich. Das war ein kleines Äquivalent für die warmherzige Aufnahme und Bewirtung. Außerdem ergab sich durch die Bekanntschaft mit der Malerin die für mich damals einzigartige Möglichkeit, eine Publikation über Leben und Werk ihres früh verstorbenen Mannes Erhard vorzubereiten. Irgendwann einmal im Gespräch fiel der Name des sächsischen Dichters Heinz Czechowski, der gemeinsam mit seinem damaligen Freund Wulf Kirsten und dem Shakespeare-Übersetzer Maik Hamburger bei einem Spazier- und Erkundungsgang durch die Lößnitz am Haus Sorgenfrei Halt machte, wo er von der dort wohnenden Malerin begrüßt und in ihr Refugium eingeweiht wurde. Später verfasste Czechowski die literarische Miniatur „Radebeul, Oberlössnitz, Augustusweg 48: Haus Sorgenfrei“ (1973) mit einer Reminiszenz an den einstmals glanzvollen Ort und die dort wirkende ehemalige Dix-Schülerin, die mit der Zeit zu einer seiner wichtigsten Freundinnen und Vertrauten wurde. In dem dichten Prosa-Text zitiert er auch Wulf Kirstens bekanntes Gedicht über den einstigen Herrensitz Haus Sorgenfrei, die Begegnung mit Gussy und ihrem malerischen und grafischen Werk in liebevollen Versen, die mit Beschreibungen des Hauses, der fürstlich anmutenden Lindenallee, der Weinpresse, der Putten, des Brunnens und des Innenhofes mit dem nach hinten auslaufenden Garten verflochten waren. Bei Gussy fand Czechowski, der jahrelang unter Depressionen litt, Wärme, Halt und Verständnis. Ein frühes Kindheitstrauma, der Fall kopfüber in das Wasserfass des elterlichen Gartens, aber auch das zwiespältige Erleben der Kultur- und Kunststadt Dresden in den Zeiten der Naziherrschaft, das grausame anglo-amerikanische Bombardement am 13. und 14. Februar, welches er vom heimatlichen Mietshaus am Wilden Mann aus beobachtete und die entbehrungsreiche Nachkriegszeit, drängten ihm immer wieder entsetzliche Bilder vor Augen. Die Malerin wusste um das Leid des Krieges. Ihr Ehemann Erhard hatte als Soldat im 2. Weltkrieg, wie viele andere Künstler, schreckliches erlebt und kam spät und krank aus der Kriegsgefangenschaft nach Hause zurück. Ich hatte die Möglichkeit, Einblick in sein erschütterndes Kriegstagebuch zu nehmen. Schließlich bewirkten die seelischen Verletzungen des Krieges und der Nazi-Diktatur bei beiden einen Konfessionswechsel zu den Bibelforschern, nicht ohne den Einfluss der jahrelang andauernden Freundschaft zu dem Maler Carl Lohse aus Bischofswerda. Gussy war zu Beginn der 1930er Jahre Studentin in der Malklasse von Otto Dix an der Dresdner Kunstakademie gewesen. Geprägt durch die Zeit, die Handschrift des Meisters, aber wohl auch durch dessen freiheitliche Gesinnung sowie das teilweise Verbot ihrer Bilder, zogen sich die Hippolds in die innere Emigration zurück und arbeiteten im Geschäft der Eltern, einer Miederwarenwerkstatt, um zu überleben. Czechowskis verständnisvolle Nähe zur Kunst mag Gussy angezogen und beeindruckt haben. Vor seiner dichterischen „Erweckung“ hatte er als junger Mann in der Lehrwerkstatt der Deutschen Werbe- und Anzeigengesellschaft auf der Pfotenhauer Straße in Dresden grafisches Zeichnen (vor allem Schrift) und danach Plakatmalerei erlernt, die durch den darauffolgenden Stalin-Kult eine Renaissance erlebte. Danach arbeitete er als Technischer Zeichner in der Vermessung. Wie er in seiner Autobiografie Die Pole der Erinnerung schreibt, hat er in seinem Leben nie so viel gelernt wie in diesem ersten Lehrjahr bei der DEWAG, die ihm den Weg zur Kunst ebnete und ihn vermutlich auch zum Schreiben und Dichten brachte.
Heute ist das Haus Sorgenfrei Landhotel eines privaten Betreibers, das nun unter dem Namen „Villa Sorgenfrei“ firmiert. Anfang der 1990er Jahre aufwendig restauriert, erinnert kaum noch etwas an die einstigen Bewohner. Gussy starb vergessen in der Gorbitzer Neubausiedlung, Czechowski fern seiner Heimatstadt Dresden in Frankfurt am Main.
Heinz Weissflog, Signum, Heft 2, Sommer 2024
Richard A. Zipster: DDR-Literatur im Tauwetter Stellungnahmen
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Jens Bisky: Vom Nichts begleitet
Süddeutsche Zeitung, 7.2.2005
Beatrix Langner: Schreiben im eigenen Schatten
Neue Zürcher Zeitung, 7.2.2005
Hans-Dieter Schütt: Rückwende
Neues Deutschland, 7.2.2005
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