Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Vom Hören und Sagen der Poesie (Teil 7)

Vom Hören und Sagen der Poesie

Teil 6 siehe hier …

«Sich den Wörtern anvertrauen und sie in jeder Art und Weise zum Klingen bringen» – darin besteht das eigentliche Können (die Kunst) des Dichters, der sich darauf beschränkt, spontane Klangimpulse melodisch und rhythmisch zu arrangieren und dabei den lyrischen Text auf der Aussageebene entstehen zu lassen. «Der Dichter gibt sich vorab durch seine Stimme zu erkennen, nicht durch den Sinn (des Gedichts), sondern durch den Klang.» Selbst der Reim, der für Alain unabdingbar zur Kunst der Poesie gehört, gemeinhin aber als regelhafter Formzwang gilt, wird hier physiologisch erklärt und schlicht auf «eine bestimmte Mundstellung» zurückgeführt: « … alles ist Reim, alles kommt auf die vorgegebene Mundstellung an, auf die vorgegebene Körperhaltung.» Selbst die Metapher glaubt Alain auf körperliche Regungen zurückführen zu können, sie sei, meint er, kein Bild, sondern physisch konditionierte «Bewegung». Einzig durch die Poesie liessen sich sinnliche Eindrücke unmittelbar umsetzen und sprachlich «disziplinieren» in Vers- und Strophenform.
Davon ausgehend charakterisiert Alain die dichterische Rede als ein im Wesentlichen «muskuläres» Phänomen: «Alles bleibt demnach den Zufällen der Natur überlassen; einzig darauf achtet der Dichter; denn wäre da nicht sein Körper, aus dem er seine Ideen und all sein Tun entwickelt, so wäre er kein Dichter.» Die primitivistische Fundierung dieser Poetik wird von Alain explizit benannt und mit der Forderung verbunden, man müsse «verstehen, was solche Poesie an Wildheit und sogar an Animalität in sich trägt», und darüber hinaus – dass «primitive, wilde, animalische» Poesie die wahre Poesie sei. Als Zeugen dafür ruft Alain nebst Victor Hugo vorzugsweise Mallarmé und Valéry auf, Autoren also, die sonst kaum jemand für Primitivisten halten würde. Doch sind paradoxe Behauptungen und Mutmassungen bei Alain gang und gäbe – nimmt man sie ernst, können sie durchaus produktiv und erhellend sein.

… Fortsetzung am 18.10.2026 …

© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten

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