GEBROCHENES BAND
Die Welt ist seltsam, lebt in weiten Räumen
und schmiegt sich geometrisch an das Licht.
Diffuses schwingt nur blass in unsren Träumen,
und Flaches bleibt im Grau, bevor es bricht.
Was wir erschaun, ist schwer zu widerspiegeln,
wir abstrahiern aus Chaos und Natur,
dann schwingt der Raum, kein Fluch mit sieben Siegeln,
wird Dimension. Und es entsteht Struktur.
Ein flaches Band, gekantet und gebrochen,
von unten hoch, von hinten ganz nach vorn –
als hätt der Raum uns das schon längst versprochen.
Und jeder Winkel zeugt von starkem Zorn.
Die Konstruktion, durch die wir staunend blicken,
ist schön, weil keiner das Prinzip erkennt.
Das Stahlband glänzt in kühnen, schrägen Stücken,
verschränkt, gebrochen – etwas transzendent.
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Wer weiß, was ein Gedicht ist
Wo beginnt es, wo endet es? Da wird kaum eine Hand hochgehn, jedenfalls von Dichtern. Und trotzdem sickern Stimmen durch, die behaupten zu wissen, wieviel gute Gedichte man überhaupt schreibt. Und die Zahl ist immer einstellig und es wird immer gern in diesem Zusammenhang Gottfried Benn zitiert.
Die Gedichte von Roland Müller aus Dresden erschienen mir besonders geeignet zu sein, so einen Versuch einmal zu starten.
Sonette lagen da vor, Gedichte in fester Form, ein geschickter Reim: meine Vorstellung von klassischen Gedichten, die ich gern las. Also bat ich Roland Müller seine ,sechs Richtigen‘ auszuwählen. Ich, langjähriger Leser seiner Gedichte, tat das Gleiche. So entstand im Ergebnis eine Auswahl von zwölf Gedichten, keine einzige Übereinstimmung, aber wesentliche Koordinaten seiner Poesie: ein Müllerscher Dichtungsraum, den sie aufspannten, denkwürdig und beachtlich.
Die Gedichte, so rein und so zufällig wie sie kommen, erscheinen mir diskreter Natur. Ihr Bewertungsmaßstab kommt von oben.
Ingolf Brökel im Januar 2025, Nachwort








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