Sprachverrückte Autorschaft
zwischen Lyrik und Klinik
Teil 11 siehe hier …
HENRI MICHAUX
Für Henri Michaux eröffnet sich eine chaotische Gefühls- und Geisteswelt, die wohl wechselnde, dabei durchwegs gleichrangige Intensitäten (optische, akustische, haptische Sensationen) kennt, jedoch freibleibt von auferlegten Normen und hierarchischer Fügung. Es ist eine unübersichtliche, verwirrende, erschreckende, aber auch faszinierende Welt ohne zeitliche und räumliche Koordinaten, eine fluktuierende Welt, in der Kategorien wie früher/später, oben/unten, rechts/links nicht mehr zu unterscheiden und deshalb gleichermassen gültig sind, eine Welt auch, die keine Gegensätze kennt zwischen Schmerz/Lust, Depression/Enthusiasmus, männlich/weiblich, Mensch/Tier, Körper/Seele, Geräusch/Sprache/Musik und in der selbst die Antinomie von Wirklichkeit einerseits und Wahn/Phantasie/Traum/Fiktion andrerseits hinfällig wird.
Michaux hält diese totalisierte, gleichzeitig offene und geschlossene Welt für die eigentliche Welt, d.h. die einzig wesentliche, eben weil sie Wirklichkeiten und Möglichkeiten gleichrangig in sich vereint, aber auch deshalb, weil sie für jedermann erreichbar ist unter Einsatz der individuellen Einbildungskraft, der mystischen Versenkung, des Drogenrausches oder unter der bewussten wie unbewussten Einwirkung krankhafter Wahnvorstellungen. «In der Unbestimmtheit bleiben», «dem Dunkel nahebleiben» und damit «die Schwierigkeit zu sein» aufzuzeigen – das hat Michaux (in einer «Ansprache», 1959) für sich als Dichter wie als Bildkünstler in Anspruch genommen. An einer solchen, durch nichts eingeschränkten Welt teilzuhaben, setzt allerdings den Verzicht auf all das voraus, was die alltägliche Lebenswelt ausmacht und was die Orientierung in ihr ermöglicht, erleichtert und auch weitgehend lenkt.
Michaux spricht in diesem Zusammenhang von «Ent-Schöpfung» oder «Zer-Schöpfung» (dé-création). So können (und sollen) Erfahrungen, Erinnerungen, Wissensdaten, Wertungen, Überzeugungen, Meinungen, Vorlieben und Vorurteile, von denen jedes individuelle Weltbild geprägt, aber auch begrenzt ist, mit der vermeintlich jenseitigen Sphäre des Unwirklichen oder Surrealen sich verbinden, um ein inkohärentes, ständig sich wandelndes, dabei vollkommen gegenwärtiges geistiges Universum entstehen zu lassen.
… Fortsetzung hier…
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







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