Sprachverrückte Autorschaft
zwischen Lyrik und Klinik
Teil 12 siehe hier …
HENRI MICHAUX
Zeit und Raum – Zeiträume! – lassen sich bei und mit Michaux in jeder Richtung ohne Behinderung «durchqueren»; vorab festgelegte Koordinaten, Grenzen, Dimensionen gibt es nicht; Linearität und Fortschritt verlieren ihren «Sinn» (ihre Richtung), lösen sich auf in unfassbaren Turbulenzen, wo alle «Ankünfte» immer auch – gleichzeitig – Abschiede sind.
Dieses richtungslos expandierende rauschbedingte Universum hat Henri Michaux retrospektiv (retrospekulativ?) ein letztes Mal vorgeführt in seinem Poesieband Momente (1973), der noch einmal die Drogenerfahrungen der 1960er Jahre aufleben lässt: «Dimension, die ausdehnt, vergrössert, die sich auseinanderfaltet, mich auseinanderfaltet. Was ist es, das ankommt, das abkommt, Musik, die mich beringt, die mich badet. Den Kopf voller Morgendämmerungen, rücke ich vor, flügellose Türen aufstossend.»
Alles vermengt sich hier mit allem, alles läuft allem zuwider und stimmt dennoch (oder eben deshalb) überein; eine Tür kann aufgestossen werden auch dann, wenn sie keinen Flügel hat (oder wenn sie bereits offensteht); Musik kann ein Ring sein und gleichzeitig ein Bad. Der gesunde Menschenverstand nicht anders als die formale Logik bleiben in diesen «Momenten» ausser Kraft, wenn (oder wo) «die Hölle Wolle wird», eine «Ornamentik aus Kitzel» entsteht, «die Himmel Augen wollen», «alles Fahrzeug ist» oder «ein Segel aus Tausenden von Segeln eine Undurchsichtigkeit macht» usf.
Ein Gedicht, das Henri Michaux 1966 aus einem seiner letzten Drogentrips hergeleitet hat, mag einen weiteren, hier nun abschliessenden Eindruck vermitteln von der Beschaffenheit dieses Universums, dessen Unstetigkeit und Widersprüchlichkeit als Garanten seiner Vollkommenheit hervortreten; die abrupten Zeilenbrüche, die inkonsequente Rechtschreibung und Interpunktion, der Zusammenschnitt (oder die Parallelisierung) unverbundener Eindrücke, Vorstellungen und Funktionen, insgesamt das Nebeneinander und Durcheinander von nicht zusammengehörigen Elementen ist charakteristisch dafür:
In diesem land
und in den ländern um dieses land herum
und in den ländern auf der andern seite
und in den ländern die die länder auf der andern seite
dieses landes umgeben
gegenwärtig
gedränge
überall gedränge
Krankheit der gemenge
Dies ist die flutepoche
Masse nimmt zu
Sie gedenken gemeinsam zu denken
Städte
Städte
Noch mehr städte
Stockwerke. Stockwerke
ohne ende stockwerke
doch es sind stockwerke zur einebnung
Geräusch
Geräusch nimmt zu
frisst die stille
so dass davon nichts mehr bleibt
Das blut der stille
rinnt unentwegt
Zwischen hohen mauern
karrt man die eigenen sorgen
die zeit auf der welt zu sein
vatermörderisch
brudermörderisch
Zwischen zwei zeitaltern
hisst man seine farben
Kann nicht mehr ändern die strömung
Die decke die nirgendwohin führt
kommt von überall her
Im kopf
eine verwitwete gottheit
An allen ecken der welt
hunde die queren die steppen der wölfe
um hunde aus ihnen zu machen
Unter der front können die leuchtenden pflanzen
nicht mehr verwehen
Das minderste wunder ist ein tick
Selbst die löwen in der savanne
haben erfahren dass sie nicht mehr könig waren
(aus «Lieux sur une planète petite», 1966; deutsch von Felix Philipp Ingold)
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







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