Nur Bestes ist gut genug
Weltlyrik in Anthologien von Ezra Pound1 und René Char2
Teil 27 siehe hier …
Jede Anthologie ist eine Auswahl («Blütenlese») bester Texte aus einem vorgegebenen Zeit-, Sprach- oder Themenbereich, oft auch aus dem Werk eines einzelnen Autors. Gemeinhin gilt Bestes als vorbildlich und nachahmenswert; repräsentativ kann es – eben deshalb – nicht sein. Es ist durchaus bemerkenswert (wenn auch – und weil – weithin vergessen), dass zwei wortführende Dichter des 20. Jahrhunderts, Ezra Pound und René Char, in ihren späten Jahren je eine Lyrikanthologie vorgelegt haben, um eigens die Autoren und Texte herauszustellen, an denen sie selbst besonders interessiert waren und die sie dementsprechend weiterempfehlen wollten.
Wenn Dichter über Rang und Qualität anderer Dichter entscheiden, wie es hier der Fall ist, erbringt dies naturgemäss eine Abweichung von der anthologischen Norm, die ja üblicherweise von Kritikern oder Literarhistorikern aufgrund objektiver Betrachtung und Beurteilung bestimmt wird. Demgegenüber zeichnet sich das dichterische Urteil – gerade umgekehrt – durch betonte Subjektivität aus, mithin durch den souveränen Verzicht auf sachliche Begründung: Als die «besten» Gedichte weist der Dichter schlicht seine «Lieblingsgedichte» aus.
Die meisten Anthologien bestätigen indes, man weiss es, die autoritativen Vorgaben des literarischen Kanons. Was der Kanon ein und für allemal als das Beste sanktioniert hat, soll auch als das Bleibende überliefert werden. Von daher erklärt sich die triviale Tatsache, dass Anthologien in aller Regel aus bereits vorliegenden andern Anthologien gespeist sind; dass aus dem «ewigen Vorrat» der Poesie die immer wieder gleichen Texte herangezogen werden, allenfalls ergänzt durch neue Fundstücke oder nachträglich aufgewertete Autoren und Werke (wie es einst bei Emily Dickinson, Gerald Manley Hopkins, Cyprian Norwid der Fall war).
… Fortsetzung hier …
© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik







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