Da sind die Ortstermine von Felix Philipp Ingold –
ein Text in Einzelzeilen, Sätze von unterschiedlicher Länge, ein Poem… Ich bin diesem Text in zwei Publikationen begegnet, in beiden sah ich ihn verschieden dargestellt: In der einen 115 Einzelzeilen, vertikal auf der Buchseite, jede Seite mit je sechs abwechselnd links- und rechtsbündig gesetzten Zeilen, die letzte Seite mit nur einer; in der andern, in von der ersten abweichender Reihenfolge, 116 horizontale, wegen ihrer Länge teilweise umbrochene Zeilen, zwischen ihnen Trennpunkte; beide Darstellungen über mehrere Seiten sich entfaltend… Für mich ein Faszinosum, ich schaue, ich lese. Der Text scheint sich gegen die Einzwängung ins Buch zu sperren, gegen das Eingesperrtwerden auf der Seite, vielleicht sogar gegen das Eingesperrtsein in seine eigenen Sätze… Das regt mich zu einer Lesart an, deren Ausdruck diese Textstreifen sind und die von diesem Eindruck bestimmt ist: Die einzelnen Zeilen des Textes – die, bis auf eine, alle mit der demonstrativen Ortsansage „Dort!“ beginnen – weisen beschreibend, plötzlich und eindringlich, das Ausrufezeichen markiert es, auf etwas, auf vieles hin, das ausserhalb des Satzes liegt; wie impulsive Ausrufe zu überraschend auftauchenden Bildern. Wenn dieser Eindruck richtig ist, dann ist es auch sein Gegenteil: Das „Dort!“ weist auf nichts weiteres hin als auf den nachfolgenden Satz selbst, es weist – selber ein Einwort-Satz – in diesen hinein, steht wie ein Satzkopf am Anfang der Zeile, wo das „Dort!“, wenn der Satz in Leserichtung bis zum Schlusspunkt vorangekommen ist (besser: wenn der Autor ihn soweit vorangetrieben hat), dann zu dessen anderem Ende geworden ist… Vielleicht ist also das nun mein Versuch, so denke ich im Nachhinein, eben diesen Aspekt typografisch augenfällig zu machen: Durch die Abfolge der abgestuften Schriftschnitte setze ich einen Focus, der alle Gedichtzeilen zu durchlaufen scheint, mal heller mal dunkler, und der, unscharf, auf zufällige Text-Orte fällt, ohne jedoch stehen zu bleiben… Die kursiven Schriftschnitte geben den Anschein von Fortschreiten, Vorankommen, was jedoch durch die geraden Schriftschnitte unmittelbar aufgehalten wird: eine virtuelle Bewegung, ein Schwanken, die Bewegung hält inne, der Stillstand scheint voranzudrängen… Für die präzise typografische Form dieser Illusion und für die notwendige Leserlichkeit des so inszenierten Textes habe ich alle Buchstaben – ebenso wie die Wortzwischenräume – optisch, soweit möglich, ausgeglichen, da derart verwendete Schriftschnittkombinationen in der Gebrauchstypografie keine Verwendung finden und deshalb in den Parametern der Schriftzurichtung nicht berücksichtigt sind. Was dort sinnlos ist, weil es an andern Wahrnehmungskriterien gemessen wird, scheint im Raum des Poetischen und dessen Inszenierungen Sinn erst möglich zu machen: Augensinn… Ich könnte auch sagen: Ich habe das Gedicht nicht nur wörtlich genommen, sondern buchstäblich, zwischenräumlich, womit ich über mein Textverständnis jedoch wenig aussage, das vielmehr einem Mutmassen und Projizieren gleicht, bleibe ich doch allein dem gedruckten Text gegenüber, der alle Fragen nur mit Schweigen beantwortet… Mit dieser markanten Zeicheninterpretation bin ich möglicherweise auf Holzwegen unterwegs, da das Gedicht der Körperhaftigkeit der Staben und der typografischen Repräsentation wahrscheinlich nur in dem Mass bedarf, wie es auch das Lesen braucht, das innerliche Sprechen, noch mehr: die Stimme des vortragenden Autors, die akustisch vernehmbaren Modulierungen der Sprachfiguren, Bezüge, Bögen, Pausen, Sprünge, die vieles mit anderem in etwas aufgehen lassen, das zu lautpoetischen Impulsen führt, Assonanzen würden hörbar: Dort und Wort, das Wort als Tor Dort… Solches Sprechen würde, so stelle ich mir vor, szenische Gedanken evozieren, deren Betrachtung vor Ort nur in der Imagination der Hörenden passieren könnte, zu der ein Ortstermin nur hintäuscht, ebenso wie das Wort „Dort!“ als Ort es tut, das durch sein demonstratives Gebaren auch von einer Geste (ich stelle mir vor: ausgestreckter Zeigefinger, weisende Hand, vorgestreckter Arm, heute bekleidet, vor Zeiten nackt) zu sprechen scheint, die auf einen Moment hindeuten könnte, wo Sprechen anfängt, Handlung zu begleiten…
Theo Leuthold, Vorwort
Für die typografische Inszenierung
sind aus der Schriftfamilie „Neue Helvetica“ (Linotype) die folgenden Schriftschnitte, fortlaufend in auf- und absteigender Reihenfolge, verwendet worden: Helvetica ultra light, Helvetica ultra light italic, Helvetica thin, Helvetica thin italic, Helvetica light, Helvetica light italic, Helvetica roman, Helvetica roman italic, Helvetica medium, Helvetica medium italic, Helvetica bold, Helvetica bold italic, Helvetica heavy, Helvetica heavy italic, Helvetica black, Helvetica black italic.
Die Textfolge „Ortstermine“ entstammt dem Poesieband von Felix Philipp Ingold: Wortnahme. Urs Engeler Editor, Basel /Weil / Wien, 2005
Jan Kuhlbrodt: Versuch über Ingold
poetenladen.de, 28.10.2012
Jan Kuhlbrodt: Vom Abtragen der Monumente oder das Wesen der Chronologie
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Ulrich M. Schmidt: Das Leben als Werk
Neue Zürcher Zeitung, 25.7.2012
Zum 80. Geburtstag des Autors:
Magnus Wieland: Der Autor, der die Autorschaft hinterfragt
Berner Zeitung, 25.7.2022













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