Liebesgedichte aus aller Welt

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch Liebesgedichte aus aller Welt

Liebesgedichte aus aller Welt

ICH HABE MIR DIE LIPPEN NICHT ZERBISSEN
bei Sehnsucht nach dir es war
das falsche Gras auf dem ich gepfiffen

es ist nicht das Blut von meinem Herz
das aufsteigt vorkommt zwischen den Lippen
es war der scharfe Halm auf dem ich pfiff

das Rote ist nicht vom Zahn den ausgeschlagen
du hast mit der Faust bei vorletzter Nacht
ich hab nur das falsche Gras abgebissen

es war nicht der Biß in die Zunge beim Schwur
es war das Schilfblatt so doppelschneidig
und senkrecht beschrien mit angespitztem Mund

Helga M. Novak

 

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Vorwort

So bunt und verschiedenartig individuelle wie kulturell überformte Eigenschaften und Gemütskonstellationen in der Weltbevölkerung verteilt sein mögen, das Thema Liebe kann wie wenig andere universelle Relevanz für sich beanspruchen. Die Suche nach dem Du, das Sich-Finden und Zusammenleben von Mann und Frau (und Mann und Mann und Frau und Frau) hat immer und zu allen Zeiten für reichlich Gesprächsstoff gesorgt – im realen Leben wie in der Literatur. Mit machtvoller bis explosiver Eigendynamik prägt sich die Liebe den Lebenswegen der Menschen ein – als Bereicherung oder auch als Zerstörung des Lebensglücks. Der Liebe wohnt eine subversive Kraft inne, die sich über gesellschaftliche Konventionen ebenso hinwegzusetzen vermag wie über Trägheiten und Bedenklichkeiten des Herzens.
Zumindest für unseren Kulturkreis gilt aber auch, daß die Literatur, das „Zungenreden“ über die Liebe, seit der bürgerlichen Gefühlskultur des 18. Jahrhunderts wesentlich dazu beigetragen hat, unsere kollektive Vorstellung und Konzeption von der wahren und großen Liebe zu prägen. „Es gibt Leute, die nie verliebt gewesen wären, wenn sie nie von der Liebe hätten sprechen hören“, formulierte La Rochefoucauld in aphoristischer Pointierung dieses Sachverhalts schon in seinen 1664 erschienenen Maximen und Reflexionen. Die Literatur, die sich für die Menschen und ihr Zusammenleben interessiert, kann an der Liebe als einer zentralen und oft existentiellen menschlichen Erfahrung in keinem Fall vorbeigehen. Für das Liebesgedicht im besonderen trägt vielleicht auch ganz einfach das menschliche Mitteilungsbedürfnis – „wovon das Herz voll ist, geht der Mund über“, heißt es im Volksmund – das Seine dazu bei, daß der Fundus an poetischen Hymnen und Elegien auf die Liebe unerschöpflich ist.
Das Problem einer Anthologie zum Thema Liebe liegt denn auch in der Auswahl, was immer Verzicht und Selektion impliziert. Beschreibt man die Ausgangsbasis dieses Bandes etwas pathetisch als den lyrischen Schatz der Weltliteratur ohne historische oder nationale Einschränkungen, ergibt sich aus dem Zwangskorsett der notwendigen Selektion allerdings auch ein eigener Reiz. Notgedrungen findet sich so in engster Nachbarschaft zwischen zwei Buchdeckeln versammelt, was zeitlich, kulturell und sprachlich weit auseinanderliegt. Die lineare Anordnung der Texte ergibt oft ein Körper-an-Körper von Texten, deren Herkunft und kultureller Hintergrund verschiedener nicht sein könnte. Und das Erstaunliche dabei ist – die Liebe macht es möglich –, das Zusammensein der poetischen Liebesrede funktioniert problemlos über alle Zeit- und Kulturkreisgrenzen hinweg. Nicht zu unterschätzen ist bei diesem – trotz der starken Präsenz des deutschsprachigen Gedichts – multikulturellen Anspruch das Problem der Sprachbarriere und der Abhängigkeit von Übersetzungen, von deren Qualität und ihrem ganz eigenen historischen und kulturellen Kontext. Die Grenze zwischen Übersetzung und nachempfundener Neuschöpfung kann fließend sein, wie bei den Übertragungen bzw. Nachdichtungen von Paul Celan, Stefan George oder Friedrich Rückert. Bei außereuropäischen Sprachen – etwa des afrikanischen oder auch arabischen Kulturraums – kommt oft die jahrhundertelange Tradition oraler Überlieferung verschärfend bzw. hemmend hinzu. Das Risiko, mit Übersetzungen zu arbeiten, deren Bezug zum Original nicht nachgeprüft werden kann, ist hier zugunsten der kulturellen Breite in Kauf genommen worden. Bei Vorliegen mehrerer Übersetzungen wurde im Sinne des Lesers dem Wohlklang der Übertragung im Zweifelsfall der Vorrang vor der Originaltreue gegeben.
Wie gerne bei universellen Themen, lauert auch bei Anthologien zum Thema Liebe das Klischee. Zu genau kennen wir alle aus 35 lebensgeschichtlichen Erfahrungen, wie das so abläuft und was alles dazugehört an Gefühlen, an Requisiten, an Konstellationen. Sowohl bei der Auswahl der Texte wie bei der ordnenden Struktur versucht diese Zusammenstellung eine Gratwanderung zwischen der emotionellen Erwartung in Sachen Liebe(sgedicht) und dem Einbeziehen von etwas unkonventionelleren Aspekten. Und so mußten die bekannten und bewährten Liebessänger der Weltliteratur von Zeit zu Zeit auch zurücktreten vor gelungenen Entwürfen von Dichtern, die man nicht unbedingt mit Liebesversen assoziiert. Dazwischengestreut finden sich etwas leichtere, gelegentlich ironisch-witzige Gedichte, gleichsam Ruhebänke im Tumult der Gefühle, die das Schwere, Pathetische und Unausweichliche des Diskurses über die Liebe und ihre Verhängnisse ein wenig abfedern und mildern.
Denn wem die Liebe begegnet, von dem verlangt sie den vollen Einsatz, und das kann mit gravierenden Folgen verbunden sein. Ach, die Liebe, sie tritt wie ein Wunder ins Leben, unerwartet und unerkannt. Sie eröffnet dem Denken und Fühlen neue Räume, läßt in ungeahnte Höhen und Tiefen vorstoßen und vermag Lebenshaltungen, Pläne, ja sogar den Charakter der Liebenden einschneidend und nachhaltig zu verändern. Wir scheinen alle zu wissen, was mit Liebe gemeint ist, und doch ist sie, wie es sich für ein Wunder ziemt, nicht zu erklären. Es ist das kleine Wörtchen „ach“, das oft all das einfangen und ausdrücken soll, was an Liebesglück wie Liebesleid sprachlich nicht zu fassen ist. So hebt auch das erste Kapitel an mit Hymnen auf die Liebe und poetischen Definitionsversuchen, die das Einbekenntnis ihrer letztlich immer unbegriffenen Macht in unterschiedlichen Tonlagen formulieren.
Der Auftakt zwischenmenschlicher Annäherung folgt häufig bestimmten ritualisierten Abläufen. Ein zentraler Moment an diesem Punkt der Begegnung ist der Augenkontakt. Der rasche Blick, der plötzlich etwas anderes, ganz Eigenes im bis dahin gleichgültigen Gegenüber offenbart. In einer kurzen Begegnung zweier Augenpaare kann der Beginn dafür liegen, daß das Gegenüber „zum Mittelpunkt eines Paradieses“ (Novalis) wird, das die Liebenden in der Folge mit einer diffizilen Augensprache für sich zu erobern versuchen. Auch Liebesdepeschen dienen diesem Ziel, und im Grunde ist ein Großteil der an ein Du gerichteten Liebesgedichte als poetisierte Variationen auf den Liebesbrief zu lesen. Ob all die geschriebenen Liebesbriefe abgeschickt werden oder nicht, sie zeugen von der intensiven Beschäftigung mit dem geliebten Gegenüber, an dessen Bild und seiner emotionellen Bedeutung für das eigene Leben Liebende tendenziell ohne Unterlaß arbeiten. Und trotz des realen Bedeutungsverlustes der Briefkultur greifen Autorinnen und Autoren von heute doch immer wieder das Motiv des lyrischen Liebesbriefes auf. Rosen als klassisches Symbol der Liebesgabe sowohl als Inkarnation der Liebe – samt ihren dornigen Seiten – wie der Geliebten haben deutlich an Beliebtheit verloren. Historisch wie kulturell weiter von universeller Bedeutung hingegen ist der Kuß als (erste) Besiegelung der Liebe. Entsprechend reich und bunt entwickelt ist die Bildsprache für diesen „Brückenzoll“ ins Reich der Liebe.
Der endgültigen Erfüllung voraus gehen Phasen der Sehnsucht, des Sich-nach-einander-Verzehrens, ein Bangen nach dem geliebten Gegenüber, das je nach Stimmung und Temperament als Versprechen auf eine reiche Zukunft empfunden werden kann oder als qualvolle Verbannung in den unsicheren Wartezustand. Entsprechend schwierig zu klären ist die Frage, ob die Liebessehnsucht der Teufel erfunden hat oder Gott. Vielleicht ist einer der Orte, wo Liebesgedichte ihre maximale poetische Dichte erreichen, der Lobpreis auf das geliebte Gegenüber – „Mehr als die Liebe liebe ich Dich“. In verbalen Ekstasen steigern sich diese Liebeshymnen zu Litaneien und wahren Metaphernorgien, deren Inbrunst und Bildsprache sich dem religiösen Gebet annähert. Sie berühren nicht nur in ihrer Sprachgewalt, sondern vor allem, weil durch diese hindurch die Grenzenlosigkeit, ja Maßlosigkeit der Zuwendung und Hingabe spürbar wird. Das gilt auch für die Berichte aus dem „Zauberzelt der Liebe“ und die Erinnerungen an gemeinsam verbrachte Liebesnächte, die schönsten der hier versammelten Texte. Auffallend dabei, daß sich die Tonart der Liebesgedichte von Frauen im 20. Jahrhundert weltweit grundlegend geändert hat. Es gibt in der historischen Abfolge einen sprunghaften Anstieg von Gedichten von Frauen, die ihre Geliebten und ihre Liebeserlebnisse aktiv, fordernd und mit großer Sinnlichkeit zu rühmen wissen. Allerdings kann gerade das Liebesgedicht auf einen ansehnlichen Kanon von Frauentexten zurückblicken, zählte das gefühlvolle Gedicht doch zu den wenigen Nischen, die Frauen in der bürgerlichen Schreibkultur offenstanden. Wo es um die direkte Anrede geht, um das konkrete, bekenntnishafte Heraustreten an die Öffentlichkeit, waren die Hemmschwellen für Frauen trotzdem ungleich höher. Anna, Barbara, Christine werden besungen, nicht Anton, Berthold, Christoph. Wie von selbst hat sich so ein nicht ganz vollständiges Namensalphabet zusammengefügt, das ausschließlich Frauennamen enthält.
Fatal an der Liebe ist ihre permanente Gefährdung, für Liebende gibt es keine Sicherheiten und keine Garantien. Selbst interimistische Trennungen mit dem Versprechen auf ein Wiederzusammenfinden sind den Liebenden schwer erträglich. Auch die Liebe als solche kann als Last und Bürde empfunden werden, nicht nur dort, wo ihr Erfüllung verwehrt ist. Sie okkupiert mit ihrem tendenziellen Anspruch auf Ausschließlichkeit das Gefühlsleben und damit die gesamte Persönlichkeit des Liebenden, bindet sämtliche Energien und wirkt sich damit auf alle anderen Lebensbereiche lähmend und blockierend aus. Gerade die schmerzlichen Seiten der Liebe, die Liebesklage, sind ein besonders starker Motor des Liebesgedichts. Schon in der mythologischen Tradition wird in Sachen Liebe gerne das tragische Moment der Gemütsverdüsterung thematisiert, das die bestürzende Erfahrung der Macht der Liebe auslöst. Erstaunlicherweise hat das treffliche Bild des treffenden Pfeils aus dem Köcher des kleinen, verschmitzten Liebesgottes bis in unsere Tage seine bildwirkende Kraft nicht verloren. Zu genau symbolisiert der aus dem verborgenen mit spitzbübischer Willkür abgesandte Pfeil das Plötzliche, Unerklärbare und Unausweichliche, mit dem die Liebe sich im Herzen des wehrlosen Liebenden einnistet.
Eingeschrieben sind der Liebe immer auch Verlustängste. Denn die Liebe zweier Liebender ist fast nie gleich, „sie hat ihren Kreislauf, abwechselnd liebt der eine mehr als der andere“, wußte schon Stendhal. Seine Theorie der Kristallbildung bietet eine der schönsten bildhaften Erklärungen der Liebe und ihrer schöpferischen Kraft, aus allem, was sich darbietet, „neue Vollkommenheiten des geliebten Wesens“ abzuleiten. So wie ein kahler Zweig im Salzbergwerk immer mehr Salzkristalle an sich bindet und damit allmählich unter der neuen, reicheren Form verschwindet, sammelt der Liebende rund um das geliebte Gegenüber permanent Kristalle des liebenden Gedenkens und Sehnens, der gemeinsamen Erlebnisse, die sich verselbständigen und zu immer reicheren Formen verdichten. Beziehungsarbeit ist ein neues, reichlich profanes Wort für diesen poetischen Vorgang.
Durch Ungleichzeitigkeiten in der Kristallbildung, das heißt im Grad der Zuwendung und Beteiligtheit der Liebenden, fallen Schatten auf das Liebesglück, Eifersucht, Enttäuschung, auch Ermüdung. Das mähliche Abflauen der Verliebtheit kann in eine ruhige Beziehung münden oder in eine Trennung, die immer schmerzvoll ist. Aber auch hier ist das Leid in der Regel nicht egalitär verteilt: einer geht und einer bleibt verlassen zurück vor den Trümmern eines verlorenen Liebesglücks, das einmal den Mittelpunkt seines Lebens bedeutete. Eine besondere Tragik erhält dieses Zurückbleiben, wenn der geliebte Mensch an den Tod verloren wurde. Die Trauerarbeit, mit der finale Trennungen bewältigt sein wollen, tendiert, wie die Liebe selbst, dazu, die gesamte Person des Trauernden zu beanspruchen und zu lähmen. Und wie beim unerfüllten Sehnen kommt erschwerend die Verklärung des Liebesgegenstandes hinzu, der sich an der Realität nicht (mehr) zu bewähren hat. Als Option bleibt die Hoffnung auf Wiedervereinigung im Tod, auch eine gerne besungene Erfüllungsvariante für jene Liebenden, die von äußeren Hindernissen und Widrigkeiten am Zusammenkommen gehindert werden.
Was von der Liebe bleibt, ist in jedem Fall die Erinnerung, sei es die gemeinsame an die stürmische Zeit der ersten Verliebtheit oder die einsame an Liebeserlebnisse aus früheren Tagen. Im Blick zurück auf die eigene Jugend werden verlorene, verfehlte, versäumte Liebesbeziehungen zu Kristallisationspunkten der Lebensbilanz. Mit der zeitlichen Distanz verliert sich der Schmerz des Verlustes allmählich in sanfter Melancholie, die auch zu einem emotiven Kapital werden kann. Denn, ach, die Liebe, sie „währet ewig und sie erkennt uns nie“.

Vorwort

 

Produktbeschreibung

„Es gibt Leute, die nie verliebt gewesen wären, wenn sie nicht von der Liebe hätten sprechen hören“ (La Rochefoucauld). Wo aber hören Mann und Frau von der Liebe sprechen, wenn nicht in der Lyrik? Eine Anthologie zum Thema Liebe aus dem Schatz der Weltliteratur bringt umstandslos Kulturen, Epochen und Erdteile miteinander in ein Gespräch, rückt Körper und Texte nah aneinander, und siehe da: sie verstehen sich. Und erzählen, mit sanfter Hilfe zweier Herausgeberinnen, eine Geschichte, die geht von der Idee der Liebe, dem Blick der Augen, dem Liebesbrief über die Sehnsucht, den Kuss, den erfüllten Augenblick, das Bekenntnis, das Reden darüber mit seinen auch komischen Momenten, die Schatten über dem Glück, bis zu Eifersucht, zu Trennung und Verlust, und endet in dem Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können: in der Erinnerung – an die Liebe.

Philipp Reclam jun. Verlag, Ankündigung

 

504 Seiten einer schön gebundenen, wunderbaren Auswahl – mitsamt Register im Anhang

Der Titel hält, was er verspricht. Der Einband ist schön gemacht. Ein doppeltes Register am Ende ist hilfreich, sowohl eines alphabetisch nach Namen der Dichterinnen und Dichter, als auch eines alphabetisch nach den Titeln oder Anfangsworten der Gedichte und gemessen am „Gebrauchswert“ ist es eines der wertvollsten Exemplare meiner gesamten Büchersammlung.
Natürlich hätten so manche der Dichterinnen und Dichter je für sich einen ganzen eigenen Band „verdient“, und mindestens ebenso natürlich ist es gerade bei Gedichten oft ein extremes Wagnis, sie zu übersetzen (fremdsprachige Gedichte sind ins Deutsche übersetzt), aber was eine solche Sammlung auf 504 Seiten leisten kann, das tut diese hier in hervorragender Weise.

Yakari’s horse, amazon.de, 20.11.2008

Nicht zeitgemäß

Breite Auswahl, jedoch wenig für den modernen Liebhaber, der gerne die ein oder andere zeitgemäße Liebesbotschaft übermitteln möchte!

G. Thome, amazon.de, 10.9.2010

 

 

Fakten und Vermutungen zur Herausgeberin + Kalliope

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