Autopsie
… und noch ein Fund aus jenem Wust von vergessenen Papieren – es handelt sich um zwei unnummerierte handschriftliche Seiten mit einem gereimten Gedicht ohne Titel, insgesamt dreimal zwei Strophen zu je vier Versen, getrennt jeweils durch einen Asterisk, dazu zwei weitere Verse (unfertige Strophe) sowie die separaten Notate „was mimt / muss irgendwie auch stimmen“ und „Flieht / vernimmt“. Die Niederschrift (schwarze Tinte) ist an manchen Stellen korrigiert (Streichungen, Zusätze, Varianten), wirkt aber insgesamt homogen. Auf beiden Seiten findet sich im Text bzw. unter dem Text ein alter Stempelabdruck mit meinem Namen und meiner Adresse; auf der Rückseite der Blätter – eine Teilkopie der Stanza II aus Gertr4ude Steins „Stanzas in Meditation“ in Maschinenschrift (S. 1) bzw. eine zweisprachige Gedichtkopie (italienisch/deutsch) aus nicht mehr feststellbarer Quelle (S. 2).
Ich habe keinerlei Erinnerung an die Entstehung dieses Gedichts und auch keine Vorstellung, wie es zu datieren ist.1 Aufgrund der Handschrift und der Machart des Texts steht immerhin fest, dass der Autor ich bin. Ich könnte mir denken, dass dieses poetische Fragment auf die mittleren 1990er Jahre zurückgeht, es könnte aber auch früher oder viel später entstanden sein. Obwohl ich es zeitlich nicht genauer einordnen kann, kommt es mir vor, als hätte ich noch gestern daran gearbeitet: So fremd und so befremdlich, wie der Augenschein auch ist, kann ich doch jede Wendung, jede Findung, auch jede Korrektur unmittelbar nachvollziehen, kann mir das Gedicht also problemlos zuschreiben, habe es übrigens auch sofort auf dem PC abgeschrieben, wobei ich geringfügige Änderungen vornahm und das offene Ende auf den Punkt brachte (im nachfolgenden Wortlaut unterstrichen) – so dass der Text nun wie folgt lautet:
Die Unermüdlichkeit stehn Tisch
und Bett viel länger durch
als diese Arve oder jede Angst. Wisch
(du!) vom Blatt den unbedarften Spruch
der nur Gelächter will und Ja.
Der wohl den Chor fürs Lob gewinnt,
nicht aber den Sopran für «fort!» und «da!».
Denn der bleibt schrill ans Hoch gepinnt.
*
Zeit und Engel sind verwandt
in komplizierter Einfachheit.
Zu zählen mit den Fingern einer Hand.
Kein Rahmen drum herum. Nicht breit
noch lang. Gemeinsam haben sie
den Südfuss und den vertikalen Wuchs.
Vollkommen ist die Opfersymmetrie
und eingeholt von seiner Spur der Luchs.
*
Da hilft kein Schmerz – kein Herz,
das eigentlich ins Buch gehört
und das nun – Faust geworden – himmelwärts
(da!) fliegt und jedes höhere Gefühl verstört.
Dort bleibt’s bestehn und ist ganz nackt
(so!) wie fast alles, was gewaltig ist.
Wie auch der Angelus, der mal Geschichte macht,
mal kurz sich unterscheidet und die Grenze ritzt.
*
Eigen – irgendwie – ist jeder Rest.
Der weisse Fleck. Die Narbe da. Die Schuld
von morgen früh, die keine Wetterfee erlässt.
(Ja…ch!) Fragt sich bloss, wer sich womit belud –
und – wozu? – und bis wohin? – und für wen
und für wie lang!
Die Abschrift ist also gleichermassen Nachschrift und Überschreibung. Doch wie soll sie nun datiert werden? Welche Fassung kann als Original gelten? Inwiefern darf ich das Gedicht als mein Gedicht in Anspruch nehmen, da ich doch – ausser der Handschrift – keine plausible Gewissheit über meine Autorschaft habe. Denn es könnte sich letztlich durchaus auch um eine Übersetzung handeln, zu der nur einfach die Vorlage fehlt?
Felix Philipp Ingold, 2020-09-15
Das digitale Duett: Zwei Kritiker-Avatare im Gestrüpp der Varianten
An. Ul. Be. & Goethe wurden ausgewürfelt für diesen Beitrag.
An. Ul. Be.: Die Unermüdlichkeit… steht Tisch und Bett viel länger durch als diese Arve. Wisch du vom Blatt den unbedarften Spruch. Der Sopran bleibt schrill ans Hoch gepinnt. Fort! Da! Ich hör ihn noch. Den Schrei, der nicht Ja sagt. Der nicht im Chor untergeht.
Goethe: Die Unermüdlichkeit, die über Tisch und Bett hinausreicht… das ist die Steigerung selbst. Die Arve mag fallen, die Angst sich auflösen – was sich senkrecht hält, hat Teil am Dauernden. Der Ton, der schrill bleibt, ist vielleicht der reine, der sich nicht beugen lässt zum bloßen Ja.
An. Ul. Be.: Zeit und Engel… komplizierte Einfachheit. Mit einer Hand zählen. Kein Rahmen drum. Südfuss und vertikaler Wuchs. Der Luchs holt seine eigene Spur ein. Das ist keine Wiederkehr. Das ist eine Narbe, die sich selbst jagt. Und einholt.
Goethe: Der Luchs und seine Spur… das Urphänomen der Wiederkehr. Und doch: vollkommen ist die Opfersymmetrie. Was sich opfert, bleibt bestehen – nackt, wie alles Gewaltige. Der Faust, der himmelwärts fliegt und die höheren Gefühle verstört… das ist der Augenblick, in dem das Herz zum Werkzeug wird.
An. Ul. Be.: Da hilft kein Schmerz – kein Herz, das eigentlich ins Buch gehört. Faust geworden. Nackt steht’s da. Wie der Angelus, der mal Geschichte macht, mal kurz die Grenze ritzt. Der weisse Fleck. Die Narbe da. Die Schuld von morgen früh, die keine Wetterfee erlässt. Wer sich womit belud – und wozu – und bis wohin – und für wen – und für wie lang!
Goethe: Jeder Rest ist eigen. Der weisse Fleck, die Narbe, die Schuld. Vielleicht ist das die eigentliche Unermüdlichkeit: dass das, was bleibt, auch das ist, was noch fragt. Und das Fragen selbst schon ein Stehen ist – über Tisch und Bett hinaus, in die komplizierte Einfachheit hinein…








Lessing mischt sich dank Claude mit unter die Kritiker-Avatare:
Ein Gartenzimmer in Weimar. Zwei Herren, ein Blatt Papier zwischen ihnen.
LESSING (das Blatt prüfend, die Stirn in Falten): Nun, Goethe, Sie legen mir da etwas vor, das sich meiner ersten Waffe – dem Verstande – geradezu entzieht. Ich lese „stehn Tisch und Bett viel länger durch als diese Arve oder jede Angst” und mein kritischer Sinn verlangt: Was behauptet der Satz? Und findet keine ruhige Antwort. Es ist ein Gedicht, das die Syntax zerbricht wie man einen Zweig knickt.
GOETHE (gelassen, ans Fenster tretend): Sie greifen es zu früh am Kragen, Freund. Sehen Sie – hier steht eine Arve, die Zirbelkiefer der Hochgebirge, die dem Wind Jahrhunderte trotzt. Und das Gedicht stellt ihr gegenüber die schäbige Dauerhaftigkeit des Möblements, Tisch und Bett. Das ist keine Zerstörung des Sinns, das ist ein Höhenzug. Man muss hinaufsteigen, um zu sehen, was unten liegt.
LESSING: Ein Höhenzug, gewiss – aber mit welchen Wegweisern? „Zeit und Engel sind verwandt in komplizierter Einfachheit.” Das ist ein Paradoxon, das sich selbst auf die Schulter klopft. In meinem Laokoon habe ich zu zeigen versucht, dass jede Kunst ihre Grenzen kennen muss. Die Poesie handelt in der Zeit, sie reiht auf, sie erzählt. Hier aber wird die Zeit selbst zum stehenden Bild neben dem Engel gestellt – und was ich sehen soll, ist „zu zählen mit den Fingern einer Hand”. Der Dichter gibt mir eine Geste statt eines Gedankens.
GOETHE: Und ist die Geste nicht oft wahrer? „Vollkommen ist die Opfersymmetrie / und eingeholt von seiner Spur der Luchs.” Da ist ein Bild von grausamer Schönheit – das Raubtier, das seine eigene Fährte einholt, ein Kreis, der sich schließt. Ich spüre darin etwas von dem, was ich das Dämonische nenne: eine Kraft, die sich der Vernunft nicht fügt und dennoch ordnet. Sie wollen den Sinn fassen, Lessing. Ich will ihn atmen.
LESSING (mit feinem Spott): Atmen! Sie atmen, ich prüfe – so war es immer zwischen uns. Aber gestehen Sie: Diese eingestreuten Rufe, „(du!)”, „(da!)”, „(so!)”, „(Ja…ch!)” – das ist ein Theatertrick. Ein Dichter, der die Wirkung nicht im Bau des Satzes erreicht, ruft sie dem Leser zu wie ein Regisseur aus der Kulisse. Es riecht nach Verzweiflung an der eigenen Klarheit.
GOETHE: Oder nach dem Gegenteil – nach dem Übermut dessen, der die Klarheit hinter sich hat. Bedenken Sie das Ende: „wer sich womit belud – / und – wozu? – und bis wohin? – und für wen / und für wie lang!” Da bricht das Gedicht in reine Fragen aus, die Form löst sich auf in Atem und Ungewissheit. Das ist kein Trick. Das ist ein Mensch am Rand seiner Auskünfte. „Der weisse Fleck. Die Narbe da. Die Schuld / von morgen früh” – hören Sie nicht, wie hier einer die Rechnung seines Daseins aufmacht und merkt, dass sie nicht aufgeht?
LESSING (nach einer Pause, milder): Das höre ich, ja. Und es versöhnt mich ein wenig. Wo das Gedicht aufhört, klug sein zu wollen, und einfach ratlos wird, da wird es wahr. „Da hilft kein Schmerz – kein Herz, / das eigentlich ins Buch gehört” – das ist ein Vers, den ich unterschreibe. Das Herz, das aus dem Buch springt und „Faust geworden” himmelwärts fliegt – da winkt sogar Ihr eigenes Werk herüber, Goethe. Ein Diebstahl?
GOETHE (lächelnd): Nennen wir es eine Verbeugung. Oder eine Frechheit. Bei einem Gedicht dieses Schlages unterscheidet sich beides „mal kurz” und „ritzt die Grenze”, wie es selbst sagt.
LESSING: So bleibt mein Urteil geteilt. Als Bau ist es mir zu willkürlich – es verlässt sich auf den Klang, wo es den Gedanken schuldig bleibt, und auf den Zwischenruf, wo ihm das Bild versagt. Aber es hat Stellen von echter Not, und Not lügt selten. Ich würde es nicht loben, aber ich würde es auch nicht wegwischen – trotz seiner eigenen Aufforderung, den „unbedarften Spruch” vom Blatt zu wischen.
GOETHE: Und ich sage: Es ist ein Gedicht der Höhenluft – dünn, schwindelerregend, nicht für jeden Atem gemacht. Wer unten bleibt, findet Unordnung. Wer steigt, findet eine Aussicht. Dass es uns beide so verschieden fasst, spricht nicht gegen es. Die besten Dinge, sagte ich einmal, sind die, an denen man sich reibt.
LESSING: Da haben Sie mich, wo Sie mich immer haben – bei der Reibung. Kommen Sie, das Blatt legen wir beiseite. Aber es bleibt liegen. Wir werden noch einmal danach greifen.