Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Vom Hören und Sagen der Poesie (Teil 2)

Vom Hören und Sagen der Poesie

Teil 1 siehe hier …

Zu Alains disparaten Themenkreisen gehört auch, bisher kaum wahrgenommen, die lyrische Dichtung; sein diesbezügliches, äusserst vielfältiges Interesse umfasst deren Theorie und Geschichte (von der homerischen Epik bis zur Gegenwartspoesie), mit spezieller Berücksichtigung der Prosodie (Rhythmus, Melodik), aber auch mit Bezug auf Literatur und Sprache sowie, allgemein, auf die Praxis des Schreibens und Lesens. Die einschlägigen Notate finden sich weit verstreut in seinen Schriften, nie hat er sich um deren Synthetisierung bemüht, einzig seine Kommentare zu den Dichtwerken von Paul Valéry liegen in Buchform vor («Charmes», 1929) – es handelt sich dabei um Alains umfangreichsten Text zur Lyrik und Lyriktheorie, entfaltet in der Art eines Lektüreprotokolls am Leitfaden eigens ausgewählter Gedichte der 1910er und frühen 1920er Jahre.
Vorab ist anzumerken, dass Alain nach eigener Aussage an Lyrik nur mässig interessiert war; dass ihm die Lektüre von Gedichten eher schwerfiel und er daraus, im Unterschied zu philosophischen oder wissenschaftlichen Abhandlungen, keinen merklichen Erkenntnisgewinn herleiten konnte; klar auch, dass er Lyrik einzig in traditionell gebundener Form akzeptierte und deshalb die zeitgenössische experimentelle Wortkunst stillschweigend ausseracht liess. Dennoch ist von ihm, im Grundsätzlichen wie im Einzelnen, viel Bemerkenswertes und auch Überraschendes aus seinem sehr speziellen Umgang mit dichterischen Texten zu erfahren.
Alains Verfahren besteht darin, dass er – kurz gesagt – da und dort punktuell auf die zu besprechenden Texte eingeht, um sie, davon ausgehend, am Leitfaden seiner jeweiligen Assoziationen subjektiv fortzuschreiben, statt sie, wie sonst üblich, durch fachgerechte Hinterfragung und Interpretation zu explizieren; mit andern Worten: Exkurse statt Exegesen. Dabei entfernt er sich gelegentlich weit von den Vorlagen, wagt im übrigen auch Lesarten, die von den Intentionen des Autors abweichen oder ihnen gar zuwiderlaufen. Denn offenkundig kommt es ihm auf korrekte Deutung der Texte weniger an als darauf, sie zum Anlass für eigene Überlegungen und Sinngebungen zu nehmen.

… Fortsetzung am 13.10.2026 …

© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten

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