Michael Krüger: Im Wald, im Holzhaus

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Michael Krüger: Im Wald, im Holzhaus

Krüger-Im Wald, im Holzhaus

ES MUSSTE EINMAL GESAGT WERDEN

Man muss Umwege nehmen, viele, nicht alle,
um das Ziel nicht zu schnell zu erreichen.
Das Ziel?
Man hat weder Zeit noch Gelegenheit,
alle Wege zu nehmen, aber diesen einen hier
kann ich nicht auslassen, er führt geradenwegs
ins Unbestimmte. Eine Schnecke überholt mich,
ein Falter, ein Esel, eine Kiepe saumseliger Begriffe
auf dem Rücken, und zu guter Letzt eine Kröte,
es kann also nichts schiefgehen – oder?
Früher traute ich mich nicht, die großen Worte
in den Mund zu nehmen, Geist und Wahrheit,
das war zu der Zeit, als ich mein Leben schnell hinter
mir lassen wollte. Heute weiß jedes Kind,
dass mit der Wahrheit nicht zu reden ist,
und der Geist hat sich unbekannt verzogen.
Alles blüht, also muss wohl Frühling sein,
jede Ackerwinde ist eine Anspielung aufs Paradies.
Aber ich sehe auch den Schnee, der ins Tal stürzt,
seiner Auflösung entgegen, und den Wunsch
ein anderer zu sein, trägt eine Feldlerche höher
und höher, bis sie das Auge für immer verliert.
Jetzt bloß keine Angst kriegen und stehen bleiben,
denn dann war der ganze Umweg für die Katz.

 

Gedichte aus der Quarantäne

 

Michael Krüger anlässlich seiner Auszeichnung als „poeta laureatus“ im Gespräch mit Carola Wedel im Buchhändlerkeller Berlin am 5.6.2023

 

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Alle Texte in diesem Buch

sind 2020 in einem Holzhaus am Ostufer über dem Starnberger See entstanden; aus Quarantänegründen durften Ariane und ich das Grundstück nicht verlassen und – außer dem Arzt und dem Postboten – auch keinen Besuch empfangen (eine Vorschrift, die wir gottlob manchmal, wenn auch selten genug, umgangen haben). Der größte Teil der ersten Abteilung stand wöchentlich im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Dafür danke ich den Herausgebern sehr herzlich, und ganz besonders meiner Redakteurin Gabriela Herpell, die wie ich erstaunt war über die große Resonanz. Ihr wöchentlicher Zuspruch hat meine Lebensgeister vital gehalten. Ein weiterer Teil wurde in Sinn und Form abgedruckt, der schönen Zeitschrift der Berliner Akademie der Künste.
Ich danke auch meinem Freund Peter Märkli, Architekt an der ETH und Künstler in Zürich, der die Umschlagzeichnung zur Verfügung gestellt hat. Eines Tages, wenn hoffentlich bald eine große Ausstellung seines künstlerischen Werks gezeigt wird, will ich einmal über diese Zeichnungen schreiben, die natürlich den Architekten nicht verleugnen können, aber eben doch viel mehr als Architekturzeichnungen sind.

M. K., Nachwort

 

Als vor anderthalb Jahren

die Viren-Katastrophe über uns kam, begann Michael Krüger, mit einer schweren Gürtelrose geschlagen, gerade eine Therapie gegen seine Leukämie. Und weil seine Immunabwehr auf null stand und ihn ein ferner Husten umgeworfen hätte, musste er sich von Menschen fernhalten. Er lebt seither in einem Holzhaus in der Nähe des Starnberger Sees. Von dort hat er seine poetischen Botschaften geschickt, Meditationen aus der Quarantäne, die viele Monate lang im Magazin der Süddeutschen Zeitung abgedruckt wurden und eine große Resonanz fanden.
Fünfzig Blicke auf die Natur und die „Natur“, auf die unmittelbare Umgebung eines eingeschränkten Lebens und über den Horizont hinaus, aber auch Blicke nach innen, auf Vergänglichkeit, Krankheit und Tod.
Und noch mehr Gedichte aus dieser Zeit enthält der Band. Das letzte entlässt uns mit einem Rat: „Man muss Umwege nehmen, viele, nicht alle, / um das Ziel nicht zu schnell zu erreichen. / Das Ziel? / (…) Jetzt bloß keine Angst kriegen und stehen bleiben, / denn dann war der ganze Umweg für die Katz.“

Suhrkamp Verlag, Klappentext, 2021

 

Was bleibt, wenn wir einmal nicht mehr sind? Vögel und Gedichte

– Der Schriftsteller Michael Krüger hat die Pandemie bisher in grösster Isolation verbracht. In seinen Gedichten erzählt er, wie er dabei das Alphabet der Natur zu buchstabieren lernte. –

Wenig erfüllt uns mit so viel Gelassenheit wie der Blick in die Natur. Solche Beständigkeit gerade im Lebendigen finden wir nirgends sonst. Und zugleich kann einen wenig so melancholisch stimmen wie die Munterkeit der Vögel oder das Rauschen, wenn der Wind in die Äste eines Baumes greift. So viel Gleichgültigkeit uns gegenüber erleben wir ja sonst nie. Dem Vogel sind wir Zweibeiner in der Regel ziemlich egal. Dem Wind sowieso.
Wir leben zwar in der Welt, aber die Welt kommt ganz gut ohne uns zurecht, sie käme, um die Wahrheit zu sagen, sogar sehr viel besser ohne uns aus. Wir stören eigentlich nur. Der Schriftsteller und ehemalige Hanser-Verleger Michael Krüger mag vielleicht nicht bekannt sein für seine Gelassenheit. Als er noch im Verlag tätig war, ging meistens alles viel zu langsam. Er ist aber auch ein Melancholiker (gerade weil immer alles zu langsam geht), den nun das Coronavirus zur Einübung in die Langsamkeit zwingt. Davon zeugt sein eben erschienener Gedichtband.
Wegen einer Erkrankung und des kompletten Verlusts der Immunabwehr musste Krüger die bald zwei Jahre der Pandemie in fast gänzlicher Isolation verbringen. Er wohnt seither ausserhalb Münchens in einem Holzhaus mit viel Natur drumherum: Birken und Nussbäume, Apfelbäume und Pappeln, ein Moor und ein See irgendwo, entfernt ein Weiler. Und kaum einmal kommt jemand vorüber. Das klingt nach einer Idylle, aber man ahnt noch nicht einmal, wie viel Kraft es erfordert, sie auf Dauer auszuhalten.
Hier sitzt Michael Krüger am Schreibtisch und schaut hinaus, während die Vögel hereinschauen, hier macht er seine Rundgänge und spricht mit allem, was ihm begegnet: sei es ein Hund, sei es ein Käfer, dessen Weg er kreuzt; nur mit den Schnecken möchte er sich im Schweigen üben. Und wenn er wieder im Haus ist, schreibt er lange Erzählgedichte. Darin berichtet er, was er sieht und hört, woran er denkt.
Bisweilen macht er den Eindruck, er stehe längst den Tieren und Pflanzen näher als den Menschen. Als würde er allmählich eins werden mit der Natur.

Also lege ich mich auf die Erde,
werde klein wie der Däumling, lege mich zu Ranunkel
und Glockenblumen und warte ohne jede Eile darauf,
dass Gott seine Stunde nutzt oder eben nicht nutzt.
Auf jeden Fall, will ich damit sagen, bin ich vorbereitet.

Der Eremit erinnert in seiner Ergebenheit ein wenig an Montaigne, der in seiner Zurückgezogenheit auch ganz auf die Anschauung der Natur, die Welt der Gedanken und das Papier auf dem Schreibtisch vertraute. Unter dem Eindruck verschärft empfundener Vergänglichkeit stellt sich mit jäher Dringlichkeit die Frage nach dem, was bleiben wird. „Nichts wird bleiben“, sagt der Melancholiker. „Die Natur wird bleiben“, sagt der Gelassene.
Die Wahrheit liegt dazwischen. Krügers Gedichte verbinden zwei Sphären, die auf ihre Weise sehr vergänglich und zugleich gerade in dieser ephemeren Art ein tröstlicher Beistand sind: die Vögel zum einen als die Sänger unter den Tieren und die Dichter zum anderen als die Sänger unter den Menschen. Vor beiden verneigt sich Michael Krüger. Sie sind seine treusten Begleiter und seine freundlichsten Spötter.
Er weiss, die Vögel singen, ob er da ist oder nicht, und sie werden noch singen, wenn er schon lange nicht mehr sein wird. Und bleiben werden auch die Gedichte, jene von Hölderlin oder von dem bewunderten Zbigniew Herbert. Ob auch Krügers Gedichte bleiben? Wer weiss. Es genügt, dass sie hier sind. Man lernt mit ihnen noch einmal neu das Alphabet der Natur zu buchstabieren.

Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung, 18.11.2021

Vorsicht, diese Lyrik hat großes Suchtpotential

– Angst vor dem Tod und Träume mit Marietta Slomka: Autor Michael Krüger verarbeitet im Gedichtband Im Wald, im Holzhaus seine Isolation während der Pandemie. –

Der einstige langjährige Hanser Verleger, Schriftsteller und Lyriker Michael Krüger gehört zu den Menschen, die während der Corona-Lockdowns sich nicht nur wie alle vorsehen und die üblichen Vorsichtsmaßnahmen einhalten sollten. Er musste sich tatsächlich in strengste Quarantäne begeben und durfte praktisch keine Kontakte haben. Krüger leidet an einer Leukämie, begann zu Beginn der Corona-Krise mit einer immunsuppresiven Therapie und schlug sich überdies mit einer schweren Gürtelrose herum.
Deshalb verbrachte er allein das Jahr 2020 in einem Holzhaus am Starnberger See, auf einem, wie es scheint, einigermaßen großen Grundstück. Und, was macht ein passionierter Literaturmensch wie Krüger, der eben auch Autor ist, so ganz auf sich selbst zurückgeworfen? Er schreibt. In diesem Fall Gedichte, Prosagedichte, die wöchentlich im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschienen und nun in einem schönen Band versammelt sind unter dem Titel Im Wald, im Holzhaus.
Natürlich ist der Radius in den Gedichten vordergründig klein. Für Krüger gilt es, die begrenzte Umgebung abzuschreiten, sich mit der Natur zu beschäftigen, Tiere zu beobachten, auch Insekten, „Tagelöhner, die am Abend mit der Sonne wieder verschwinden, / darunter auch Tagediebe, die auf der Spitze der Gräser sitzen / und sich vom Wind, noch immer von Osten, wiegen lassen.“
Doch beschäftigt sich Krüger nicht nur mit der Natur und den Dingen um ihn herum. Sondern mit Vergänglichkeit und Tod, was sich bei so einer lebensgefährlichen Erkrankung fast von selbst versteht. Der Tod hat sich ihm womöglich, es ist ausgerechnet das 13. der schlichtweg durchnummerierten Gedichte, schon einmal in einem Maikäfer gezeigt, „ein lahmer Flügel schleifte wie ein Cape über den Boden.“
Krüger sinniert kurz darauf, seiner Angst Ausdruck gebend:

Irgendwo lebt hier
der Tod, aber man erkennt ihn nicht. Alle sind beeindruckt
von seiner List, unbemerkt in die Häuser zu treten.
Später habe ich mich an den Tisch gesetzt und nach Worten
gesucht, andere haben zu viel davon, mir fehlen sie.

Desweiteren geht es um die Mechanismen der Krankheit, des Körpers, um die Pandemie, um Träume, in denen Jan Höfer oder Marietta Slomka vorkommen, um Bücher, Konzerte, griechische Mythologie. Jedes Gedicht hat seine spezifische Eigenheit. Dabei regiert eine kluge, aphoristische Nüchternheit. Bisweilen ist eine dezente Angst zu spüren, jedoch nie Vergeblichkeit. Oder eine Bitternis darüber, wie die Jahre verstrichen sind: „Wie spürt man die Zeit?“ fragt Krüger einmal.
Es hat eine eigentümliche Bewandtnis mit diesen Gedichten: Man richtet sich ein, wird süchtig nach ihnen, nach dem Naturerleben des Autors; nach ähnlicher Abgeschiedenheit, erzwungen oder nicht; nach seinen Gedanken, auch sprachlicher Art, wenn er etwa fragt, warum der Himmel oder der ach so demokratische Schuppen eigentlich nicht weiblich sind. Vermutlich verdankt sich diese Suchtgefahr der scheinbaren Mühelosigkeit, mit der Krüger formuliert – und seiner Fähigkeit, scharfsinnige Reflexionen aus noch so kleinen Begebenheiten zu entwickeln.

Gerrit Bartels, Der Tagesspiegel, 26.10.2021

Weitere Beiträge zu diesem Buch:

Thorsten Paprotny: Jenseits der Idylle
literaturkritik.de, Januar 2022

Michael Krüger: „An der Situation der Poesie hat sich nichts geändert: Sie ist miserabel und muss mit Stipendien und Preisen am Leben gehalten werden“
buchmarkt.de, 24.4.2022

 

Im Wald, im Holzhaus: Michael Krüger stellt seinen neuen Gedichtband am 12.10.2021 im Lyrik Kabinett, München vor

 

Studio LCB: lieder an das große nichts und Im Wald, im Holzhaus. Lesung von Juliane Liebert und Michael Krüger am 21.7.2021 im Literarischen Colloquium Berlin
Gesprächspartner: Christian Metz. Moderation: Tobias Lehmkuhl

 

 

 

 

 

Welche Poeme haben das Leben und Schreiben von Karl Mickel und Volker Braun in der DDR und Michael Krüger in der BRD geprägt? Darüber diskutierten die drei Lyriker und Essayisten 1993.

 

 

Das Werk: Michael Krüger am 14.6.2004 im Literarischen Colloquium Berlin

 

 

Frank Wierke: Verabredungen mit einem Dichter – Michael Krüger

Volker Weidermann: Küsse, Nasenküsse, Ringkämpfe. Abschiedsfest für Michael Krüger.

Ein Abend für Michael Krüger. Michael Krüger ist eine Legende des Literaturbetriebs. Am 16.1.2014 sprach er in der literaturWERKstatt berlin mit Harald Hartung über seine Arbeit als Verleger, Herausgeber, Autor und Übersetzer.

Michael Krüger / Matthias Bormuth: Es gibt noch eine andere Welt

 

 

Literaturgeschichte aus erster Hand. Michael Krüger liest und spricht mit Jan Bürger am 20.1.2026 über seine Jahre als Buchhändler, Dichter und Verleger im Deutschen Literaturarchiv Marbach

 

Zum 70. Geburtstag des Autors:

Gregor Dotzauer: Das unbändige Leben der Agaven
Der Tagesspiegel, 9.12.2013

Volker Isfort: Er wird noch gebraucht
Abendzeitung München, 8.12.2013

Thomas Steinfeld: Herr K. tritt ab
Süddeutsche Zeitung, 9.12.2013

Charles Simic: Der Regenmantelmann
Neue Zürcher Zeitung, 9.12.2013

Norbert Gstrein: Der leere Raum
Neue Zürcher Zeitung, 9.12.2013

Cees Nooteboom: Der andere Atem
Neue Zürcher Zeitung, 9.12.2013

Peter von Matt: Der Freund auf der Kommandobrücke
Neue Zürcher Zeitung, 9.12.2013

Hans-Dieter Schütt: Warum fallen Sterne nicht herab
neues deutschland, 9.12.2013

Mara Delius: Nach draußen, hinein ins Buch
Die Welt, 9.12.2013

David Grossman: Unser Verleger
Die Zeit, 5.12.2013

Jenny Schon: Hundert Schritte

 

Zum 75. Geburtstag des Autors:

Britta Schultejans: Michael Krüger wird 75
Abendzeitung, 7.12.2018

Georg Reuchlein: Michael Krüger (75)
BuchMarkt, 9.12.2018

Zum 80. Geburtstag des Autors:

Gerrit Bartels Interview mit Michael Krüger: „Gott ist ein Melancholiker“
Der Tagesspiegel, 7.12.2023

Willi Winkler Interview mit Michael Krüger: „Ich habe mich der Literatur höflich genähert“
Süddeutsche Zeitung, 7.12.2023

Arno Widmann: Der virtuose Gesang und der Schrei
Frankfurter Rundschau, 9.12.2023

Andrea Köhler: Kaum einer hat so viele Literaturnobelpreisträger in seinem Verlag versammelt wie Michael Krüger
Neue Zürcher Zeitung, 8.12.2023

Hannes Hintermeier: Schwimmer im Meer der Gedichte
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.12.2023

Hans-Dieter Schütt: Wie kommen Sterne an den Himmel?
nd, 8.12.2023

Leander Berger: Lesen als Lebensmittel
Badische Zeitung, 9.12.2023

Quh: Freund der Ziegen
quh-berg.de, 9.12.2023

Martin Schult: „Danke“
Börsenblatt, 8.12.2023

 

 

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Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Michael Krüger

 

Michael Krüger – Lebenselixier Literatur im Gespräch mit Norbert Bischofberger, SRF 22.9.2013.

 

Michael Krüger erinnert sich an das erste Buch in seinem Leben, das ihn besonders beeindruckt und geprägt hat.

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