Vom Hören und Sagen der Poesie
und was sie tun müssen.
Émile Chartier (1868-1951), der sich unter dem schlichten Pseudonym «Alain» als ebenso vielseitiger wie produktiver Privatdenker und Publizist einen Namen gemacht hat, ist schon wenige Jahre nach seinem Tod in die Bibliothèque de la Pléïade aufgenommen und damit, implizit, als Klassiker der französischen Moderne etabliert worden. Ähnlich wie seine deutschen Zeitgenossen Georg Simmel und Walter Benjamin, aber mit noch grösserer intellektueller Reichweite als sie, hat Alain – entgegen der allgemein sich verstärkenden Tendenz zu fachlicher Spezialisierung – konsequent ein staunenswertes Generalistentum praktiziert, das man durchaus anmassend, wenn nicht übergriffig finden kann, das jedoch seinem eigenen Anspruch durchwegs gerecht wird. Denn generalistisches Denken bleibt hier nicht auf die Darbietung breiten, oberflächlichen Wissens beschränkt, vielmehr wird es nomadisch ausgelebt als eine permanente Suchbewegung, angetrieben vom sogenannten gesunden Menschenverstand, der von der eigenen Anschauung und subjektiven Befindlichkeiten ausgeht, der auch Widersprüche und Irrtümer riskiert, statt auf Recht und Richtigkeit zu beharren – ein Denken, das mit allem gleichermassen etwas anfangen kann, vorausgesetzt, es wird wachgehalten von stetiger Aufmerksamkeit, feinster Wahrnehmung bei höchster Disziplin und Präzision seines sprachlichen Ausdrucks.
Tausende von Mikroessays («Propos») hat Alain für die Tagespresse verfasst, dann mehrfach in Buchform gebündelt, dazu vielerlei «Gespräche», «Unterhaltungen», «Präliminarien», «Traktate», «Lektionen», «Definitionen» sowie, nicht zuletzt, eine lange Reihe von «Abenteuern des Herzens» (wie Frivolität, Trunkenheit, Langeweile) und manches mehr. Auch gibt es von ihm ein «System der schönen Künste» (1920) und eine Abhandlung über «Die Götter» (1934), jedoch nicht monographisch konzipiert, sondern wiederum aus einer Vielzahl von kürzesten Texten zusammengesetzt.
Tatsächlich ist bei Alain über «Gott und die Welt» beliebig viel zu lesen und zu lernen (einiges davon auch in deutscher Übersetzung, so etwa die «81 Kapitel über den menschlichen Geist und die Leidenschaften», EA 1960), sein multidisziplinärer Interessenhorizont reicht von der Astronomie, der Mathematik, der Medizin, den Mythen, dem Krieg, dem Sport und der Musik bis hin – hinunter – zur einzelnen Schraube, zum Rad, zur Kreideschale im Schulzimmer, zur menschlichen Hand (deren Funktion und Symbolik), zum Tratsch, zum Nein- und Adieusagen, zur Lotterie, zum Schützengraben oder zum Regenbogen: Abstraktes und Gegenständliches, Erhabenes und Triviales finden hier die gleiche ungeteilte Aufmerksamkeit. Damit bekräftigt Alain die Sachlichkeit – man könnte auch sagen: die Vernünftigkeit – seiner Beobachtungen und Reflexionen selbst dann, wenn er sie mit durchaus subjektiven, oft auch streitbaren Kommentaren verknüpft.
… Fortsetzung am 12.10.2026 …
© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten







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