Bas Böttcher & Wolf Hogekamp (Hrsg.): Die Poetry-Slam-Fibel 2.0

Mashup von Juliane Duda zum Buch von Bas Böttcher & Wolf Hogekamp (Hrsg.): Die Poetry-Slam-Fibel 2.0

Böttcher & Hogekamp (Hrsg.)-Die Poetry-Slam-Fibel 2.0

KOTTBUSSER TOR 

(Unter Verwendung diverser Zutaten von: Friedrich von Schiller, Else Lasker-Schüler, Erich Fried, Joseph von Eichendorff, Paul Celan, Theodor Fontane, Jakob van Hoddis, Christian Morgenstern, Ernst Jandl, Bertolt Brecht, Rainer Maria Rilke, Johann Wolfgang von Goethe, Annette von Droste-Hülshoff, Kurt Tucholsky, Eduard Mörike, Gottfried Benn, William Shakespeare, Erich Kästner, Hans Magnus Enzensberger, Heinrich Heine, Das Hildebrandlied, Walther von der Vogelweide, Joachim Ringelnatz, Kurt Schwitters, Frank Wedekind, Theodor Storm)

O schaurig ist’s, durchs Tor zu geh’n,
zu tauchen hinab in des Kottis Schlund.
Doch das Date mit Madeleine,
es drängt mich in den Untergrund.
Für ’n anderen Ritt, Mann, würd’s zu knapp,
und ins Unter-aller-Tage
rollt die Treppe mich hinab.
Denn Anschluss oder Anschiss; das ist hier die Frage:

In diesem üblen Grunde
da dreht das U-Bahn-Rad,
es bleibt im Siff verschwunden,
der sich gewöhnt dran hat:
Vollwertdönerfettspur-Studis,
Töchter aus Asylium,
Tölen und Kulturschock-Touris
lümmeln sich am Kotti rum.
Mein Girl, das wartet anderswo,
und noch zwanzig Minuten bis Bahnhof Zoo.

Kottis Kotz’ ätzt,
oh, trotze Kottis Motz-Verkäufern,
horch hops’nden Rotz im Kropf von Säufern.
Und die Alkis komm’n meistens aus Kreuzberg, die trinken hier abends,
die trinken hier mittags und morgens, die trinken hier nachts,
und die trinken und trinken.
Die hab’n kein Zuhause, einer blau wie für vier,
hatten niemals ’ne bessere Note.
Nun tanzen die Ratten mit Geklirr,
und brechen vor die U-Bahn-Tür…
Auch Weihnachten gab’s wieder Tote.

Und auch den Muff, ich hätt’ ihn längst vergessen,
wenn nicht die Wolke da gewesen wär’,
die weiß ich noch und werd ich immer wissen,
weil hier immer die Punks hinpissen
im Strullduett mit Junkie-Spalten.
Was sollte man auch an sich halten,
solang die Blase nicht ganz leer.
Zur Eile drängt’s uns sowieso,
und noch zwanzig Minuten bis Bahnhof Zoo.

Voran, voran! Nur immer im Lauf,
heut hält mich auch kein Schnorrer auf
„Haste’n Euro?“ – „Ich haste zur Maid,
Kerlchen, wenn du nur Geld willst, was stiehlst du mir Zeit?
Bin immerzu eilig statt
immer zu!
Das Girl ist mir heilig,
ohne Rast und Ruh’!
Drum:
Ruhe sanft,
kleiner Rasta!“
Ick hab gihort, dat die Zeggen,
mit gehortetem Zaster in Tegel einchecken!
Der blickt mich grimmig an und speit
aus Seiberlippen-Zwillen.
Wisst ihr,
weshalb?
Der Geschei-
terte
tat’s um des Schleimes willen.

Denkst du am Kotti in der Nacht,
bist du stets videoüberwacht? Nee.
Die Kamera ist vom Vorübergeh’n der Irren
so müd’ geworden, dass sie die Aufzeichnung stoppt.
Ihr ist, als würd’n die immergleichen bleichen Leichen langsam reichen.
Scheißegal, wer wen verkloppt;
die Bahn ist da, die Minderjähr’gen hupfen
an Bord, um dicken Damen auf den Pelz zu rücken.
„Hey, Meister, suchste wat zu schnupfen?
Weiße Bahnen, wat zu drücken?“
Es ist Haarlack,
sagt der rasierte Schädel.
Es ist Trockenmilch,
sagt die stillende Brust.
Es kickt, wenn es kickt,
sagt die Liebe.

Die Liebste belieh’ ich auf andrem Niveau,
da erreicht mich ein Anruf, und ich sag: „Hallo?
Madeleine, du bist’s!
Dich hab ich vernommen.
Steig grad in die Bahn ein und würd’ dann jetzt kommen.
Wie: Wieder raus? Ja, wie komm ich dazu?!
Wie: Kutteldimuddeldidaddeldidu?
Red keine Oden, Frau, lies die Fahrpläne!“
Da erklärt mir Madeleine
das am Zoo just Geseh’ne:
„Da war ein Vater mit seinem Kind…“
„Ach, die, die sonst am Kotti sind…“
Die sah’n mein Mädel, und dann rief wer: „Lütt Dirn,
wir verkoofen dir jern unsre Reste vom Hirn.“
Dort hätte sie nicht wagen wollen
zu warten, wie sie hätte sollen.
Sie sei schon in der richt’gen Bahn
und würd’ mir jetzt entgegenfahr’n.
Ich sollt’ mir halt die Zeit vertreiben
und einfach dort am Kotti bleiben.

„Herzeliebez frouwelîn,
mitunter gibt es Heldentaten,
die kannst nicht einmal du erwarten.
Für manche Tat, da fehlt mir einfach der Mut,
wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
Mich schreckte kein Fefefefefischgerippe,
ich scheute Wedekind noch Storm,
wär’ wissenslos, doch stets inform
und setzte mich pfeifend dem Tod auf die Schippe.
Dort harrte ich deiner – Dekaden, du Gute,
nur am Kottbusser Tor wart ich keene
… Nee, echt nicht!“

Hier wird trotz fehl’ndem Happy End
det Poem einfach abjeblendt,
Der Silbensack, der schnürt sich zu,

und lasst die Dichter mir in Ruh’

Frank Klötgen

 

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Der Sprache eine Spontanimpulsdanksagungstextsammlung!

Der Sprachwandel macht keine Pause und vollzieht sich in Echtzeit auf Poetry-Slam-Bühnen. Da ist es nur logisch, dass die Poetry-Slam-Fibel den Sprachwandel der letzten fünf Jahre aufgreift und diese Neuauflage um exemplarische Beispiele des Sprachwandels erweitert. Zum fünfundzwanzigsten Geburtstag der deutschsprachigen Poetry-Slam-Bewegung wird die überarbeitete Neuauflage der Poetry-Slam-Fibel durch fünfzehn Beiträge bereichert.

Diese Textsammlung ist dem Arbeitswerkzeug der Bühnendichter – der Sprache – gewidmet. Sprache als Zauberformel, Sprache als Prügelknabe, Sprache als Anschauungsobjekt, als Mittel zum Zweck, als ausgelutschte Phrase, als Crash-Test-Dummy oder Zufluchtsort. Das neue Kapitel „Multisprech“ nimmt Aspekte von Slang, Dialekt und Mehrsprachigkeit spielerisch in den Fokus. Als erweiterte Auflage bleibt die Poetry-Slam-Fibel ihrem Anspruch gerecht, das breite Spektrum der zeitgenössischen Spoken-Word-Szene abzubilden.

Die in diesem Buch versammelten Autoren und Autorinnen sind – oder waren in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren – auf Poetry-Slam-Bühnen engagiert. Sprache ist das gemeinsame Thema der hier zusammengestellten Texte. So unterscheidet sich diese Anthologie von anderen Slam-Textsammlungen.
Auf der offenen Poetry-Bühne sind weder Kostüme noch Requisiten erlaubt. Allein der Text und sein Verfasser sollen das Publikum überzeugen. Die Worte stehen im Mittelpunkt, die Vortragenden stellen sich in den Dienst der verbalen Komposition.
Die Kategorien des Buches wurden von den Herausgebern subjektiv aufgestellt und eingeteilt. Einem Anspruch auf Vollständigkeit wird das Buch schon deshalb nicht gerecht werden können, weil das Phänomen Poetry Slam mittlerweile zu groß ist. Das Feld der Akteure und Texte ist stilistisch, thematisch und qualitativ wild gemischt und an seinen Rändern wunderbar ausgefranst. Zur ursprünglichen Idee des Dichterwettstreits auf einer offenen Bühne kamen neue Veranstaltungs- und Medienformate wie Dead-or-Alive-Slams, Poetry-Clips, Textbox oder U20-Meisterschaften. Die vorliegende Sammlung bietet also nur einen kleinen Ausschnitt aus dem sich ständig erweiternden Spoken-Word-Universum.
Bei der Auswahl der Texte sowie der Autorinnen und Autoren sind wir so vorgegangen, wie wir einen Poetry Slam mit Wunschbesetzung organisieren würden. Oberstes Kriterium war, eine abwechslungsreiche Mischung von Ideen, Stilen, Vortragstypen und Aspekten zusammenzustellen. Nicht die Anzahl an gewonnenen Dichterwettkämpfen und auch nicht der höchste Lustigkeitsfaktor waren für die Aufnahme in dieses Buch entscheidend.

Da Slam Poetry neben den Ideen auch den Klang der Worte und das physische Auf-der-Bühne-Stehen beim Präsentieren erfordert, möchten wir die Leserschaft auffordern, diese Fibel laut zu lesen. Besonders in der U-Bahn und im Wartezimmer beim Zahnarzt kann dies zu unerwarteten Effekten führen, aber auch ohne Störung der öffentlichen Ordnung entfalten die meisten der Bühnentexte eine neue rhythmische (*my mother was), verspielte (*Das Mädchen mit dem Rohr im Ohr), zungenbrecherische (*Der Gewinner bekommt sie alle), melodiöse (*Ursprungsalphabet), kranke (*Das Raster) oder beschwörende (*Orpheus Downtown) Dimension, die man in stummer Form verpassen könnte. Auch kann dieses Buch auf Knopfdruck selber sprechen. Wir haben dafür einige der Stücke als Audioversion bereitgestellt, die über QR-Code per Wundertelefon oder einen Internetlink vom Autor gesprochen hörbar gemacht werden können.
Als Herausgeber nehmen wir uns die Freiheit, Widersprüche unaufgelöst zu lassen. Stilistische Parallelen und Überschneidungen stehen ohne Anspruch auf Exklusivität nebeneinander.
Mögen sich jeder Lautleser und jede Texthörerin durch die Beiträge kolumbussen, um dann mit eigenen Statements die nächsten Slam-Bühnen zu bereichern! Dieses Buch enthält den festgehaltenen Stoff von Stimmen auf Bühnen in Bewegung. Einen Besuch beim Poetry Slam kann es an Atmosphäre und Überraschungsmoment sicher nicht ersetzen. Umgekehrt kann aber auch ein Poetry-Slam-Besuch dieses Buch nicht ersetzen, da eine solche Geballtheit unterschiedlicher Auftritte zu einem gemeinsamen Thema logistisch kaum zu bewältigen wäre. Bühnenpoeten sind reisende Dichter. Das Spoken-Word-Netzwerk lebt vom gegenseitigen Austausch. So soll auch dieses Buch dazu beitragen, mit den Poeten in Kontakt zu treten und auch Nichteingeweihten den Blick in die Werkstatt der Slam-Poesie zu ermöglichen.

Für die Unterstützung beim Lektorat möchten wir uns bei Volker Surmann und dem Satyr Verlag bedanken. Für die guten Ideen und die Unterstützung möchten wir auch dem norddeutschen Slam-Master Björn Högsdal sowie allen Dichtern und Dichterinnen danken, die sich mit ihren Bühnenstücken an diesem Projekt beteiligt haben. 

Bas Böttcher, Wolf Hogekamp, Vorwort, März 2020

Die ,School of Hard Knocks“ der deutschen Literatur 

Wer je auf einem Poetry Slam war, der weiß: Am spannendsten ist dieser Moment, wenn der Master of Ceremony den nächsten Sprecher oder die nächste Sprecherin mit der nächsten Nummer angesagt hat.
Der Applaus zieht an, wird laut, er hält sich ein bisschen, ebbt wieder ab, jemand pfeift noch oder johlt, von hinten an der Bar hört man ein paar Leute sprechen, es gibt kleine Ermahnungen, Zischlaute, dann wird es fast ganz still. Und jetzt: Es ist dieser Moment, wenn niemand genau weiß, was passiert.
In solchen Momenten können bis dahin großartige Abende in den Abgrund kippen. Da tritt mitten in der wirklich guten Stimmung, die den ganzen Saal auf einem angenehmen High hält, plötzlich jemand auf, ein Hemdchen nur, ein Stimmchen, und präsentiert ein Textchen, abgelesen, hingestottert, kaum zu hören, irgendwas mit Straßenbahn und letzter Haltestelle, und alle denken: Das kann nicht sein, wo bin ich hier gelandet?!
Und dann gibt es diese Momente, in denen das Publikum schon die Hoffnung aufgegeben hat. Der MC kommt wieder raus, kündigt den Nächsten an, schwacher Applaus, widerwilliges Murmeln, eine kleine Person tritt auf, nimmt das Mikrofon und räuspert sich. Und dann, Bäm!, geht es plötzlich ab, als würde der Stimmblitz mit Sprachwitz, dem dröhnenden Herzbeat und dem Donner einer großen Story in den Saal krachen und alle so elektrisieren, dass jeder denkt: Wow, das isses, dafür bin ich hier!
In welche Richtung es beim Slam geht, ist kaum vorauszusagen. Es gibt schwindelerregende Achterbahnshows. Es gibt Fahrstuhlabende, an denen man dauernd hoch- und runterfährt, ohne zu wissen, durch welche Niveauplateaus der Saal das nächste Mal gejagt wird. Was man aber immer sicher weiß: dass man nicht mit Sicherheit weiß, wie es werden wird.
Dass man nicht weiß, wie es werden wird, ist alles andere als eine Banalität. Denn in der Ungewissheit steckt das eigentliche Erfolgsgeheimnis der Literatur, die auf Bühnen performt wird. Poetry Slams sind Abende aus der Wundertüte. Nicht zu wissen, wie es wird – das auszuhalten und mitzumachen und mitzufiebern und auch selbst dafür mitverantwortlich zu sein, dass es ein guter Abend wird, das macht für das Publikum den Reiz aus.
In der Ungewissheit steckt aber noch mehr. Sie ist zugleich der geheime Mechanismus, der die Kreativität und Produktivität der Wort-Artisten aktiviert. Weil ungewiss ist, was aus einzelnen Auftritten und aus ganzen Abenden wird, nehmen alle Beteiligten billigend in Kauf, dass die Texte auch mal scheitern können. Das entspannt ungemein. Es eröffnet einen Spielraum, den die Buch-Literatur nicht kennt. Denn Bücher zu drucken heißt: Gedruckt ist gedruckt. Gebunden ist gebunden. Und ausgeliefert ist ausgeliefert. Verändert werden kann, was erst einmal in Büchern steht, nur noch mit sehr hohem Aufwand. Alles muss jetzt bleiben, wie es ist.
Ganz anders beim Slam. Hier ist alles im Fluss. Die Texte sind in ständiger Entwicklung. Sie existieren eigentlich nur dann, wenn sie aufgeführt werden. Dabei gilt: Gerade weil sie nicht auf das Glatte und Gelungene festgelegt sind, dürfen Slammer etwas ausprobieren.
Folgerichtig trifft man auf Poetry Slams nicht die perfekten Profis. Hier findet man alle Spielformen des strategischen Umgangs mit dem Unfertigen, dem Halbgaren, dem Scheiternden, dem Belanglosen. Textformate und Performances machen das Nicht-Perfekte ebenso häufig zum Thema wie die Texte selbst. Der Poetry Slam hat damit wie keine andere Bewegung in der Literatur den Dilettantismus als ästhetische Strategie integriert. Aber nicht als Naivität gegenüber den eigenen Möglichkeiten, sondern als Avantgardismus.
Der Dilettantismus hat sich seit dem grandiosen Auftritt der (sich mit Absicht falsch schreibenden) „genialen Dilletanten“ zu Beginn der Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts als einer der wichtigsten Treibsätze für künstlerische Innovationen erwiesen. Denn gerade weil die Avantgardisten des „genialen Dilletantismus“ nicht bereit sind, sich den spießigen Vorgaben für eine angeblich gute Kunst und Literatur zu unterwerfen, sind sie aufs Experimentieren abonniert. Getestet werden neue Texte, neue Stile, neue Moves. Vorgeführt wird etwas anderes. Etwas Schräges, Überraschendes, Verrücktes, ein Übersprung raus aus den Konventionen.
Ein Spielraum für Experimente öffnet sich beim Poetry Slam aber auch, weil die Slam-Texte so ausgesprochen kurz sind. In der Regel geht es um drei bis fünf Minuten. Manche Auftritte bleiben sogar darunter. Gelegentlich dauern sie sechs Minuten oder sieben, aber länger wird’s bestimmt nicht. Denn Slam-Stücke sind immer nur Songs und keine Symphonien. Es sind Tracks und keine Alben. Slam-Abende sind flotte Revuen und keine Konzerte.
Das fördert die Geschwindigkeit, mit der im Slam produziert wird. Und die erhöhte Geschwindigkeit wiederum fördert die Geschwindigkeit, mit der sich die Texte weiterentwickeln. Weil die Wege zwischen Notizbuch und Bühne so kurz sind und weil die Zeit zwischen den Auftritten wie im Flug vergeht, lernen die Artisten und Artistinnen schnell. Oder sie geben auf. Slammer oder Spoken-Word-Performer sein, heißt: dauernd zu trainieren. Alles geht Schlag auf Schlag.
Das verstärkt den Wirbel, der in den letzten zwanzig Jahren rund um die Wort-Artisten-Szene entstanden ist. Immer schneller sind von ihm die jungen Talente eingesogen und auf die Bühne geworfen worden. Einige von ihnen standen mit fünfzehn das erste Mal am Mikrofon. Viele hat der Slam wie ein starker Durchlauferhitzer auf beeindruckende Temperaturen gebracht. Große Slammer sind ins Comedy-Fach gewechselt. Andere sind Werbetexter geworden. Man hört von Professoren, die einst Slammer waren und jetzt Vorlesungen halten. Es gibt auch Slammer, die sind Songwriter geworden. Oder Lyriker. Oder Romanautoren.
Alles schaut wie gebannt auf die Schreibschulen an den Universitäten, an denen Autoren ausgebildet werden, die als Bachelor oder Master den Literaturbetrieb prägen sollen. Aber hat jemand schon einmal ganz konkret ausgezählt, was der Poetry Slam für die Literatur und ihren Betrieb gebracht hat? Ist man sich eigentlich klar darüber, dass so unglaublich viele Autoren überhaupt erst durch den Slam zum Schreiben gekommen und auf der Bühne ausgebildet worden sind und dort oben ihre inneren und äußeren Stimmen weiterentwickelt haben, immer hin und her zwischen hop oder top, Sieg oder Niederlage?
Der Poetry Slam ist nie eine gemütliche Schreibschule gewesen. Slammer konnten nie ihre Schreibblockaden mit bemühten Selbstreflexionen intellektualisieren. Der Slam kennt keine Dozenten, die vorführen, wie man für den Elfenbeinturm oder den Bahnhofsbuchhandel produziert. Slammer kennen keine wöchentlichen Schreibwerkstätten, in denen sie Creditpoints für ihren Abschluss verdienen. Der Slam ist, was die Amerikaner „the school of hard knocks“ nennen. Die Schule der harten Schläge. Das Klassentreffen auf dem Bordstein.
Während sich in den letzten zwei Jahrzehnten in den feinen Etablissements der Literatur alles bis zur Langeweile wiederholt hat, wurde das literarische Schreiben und Sprechen aus dieser Schule der harten Schläge mit völlig neuen Impulsen versorgt. Dass die Literatur heute wieder Frische hat und fasziniert; dass sie als großartiger Event wiederentdeckt worden ist; dass die Säle gefüllt sind, wenn Autoren kommen und lesen und sprechen und mit dem Publikum spielen; dass man zu Lesungen geht, weil man etwas Starkes erleben will – das alles geht auf den Poetry Slam zurück. Ist das zu dick aufgetragen? Nein! Die Feuilletonchefs, die Kulturredakteure, die Literaturkritiker und die Literaturgeschichtsschreiber mögen die Nase rümpfen. Sie mögen sich darüber mokieren, dass nun ausgerechnet das, was in ihrer Filterblase doch gar nicht als echte Literatur zählt, so viel stärker und einflussreicher als das sein soll, was sie als Qualitätsliteratur einstufen und zur Rezension durchlassen.
Dabei ist das noch gar nicht alles. Slam ist noch viel mehr. Er hat nämlich die Literatur nicht nur mit neuem Leben erfüllt, als sie in ihrer eigenen Langeweile zu ersticken drohte. Der Poetry Slam hat die Literatur auch an riesige Energiereservoirs der Medien- und Popkultur angeschlossen, aus denen sie langfristig schöpfen kann.
Es ist kein Zufall, dass die Performance-Literatur ihren ersten großen Hype erlebt hat, als sich die PCs verbreitet und zum Internet zusammengeschlossen haben. Auf die Krise des gedruckten Wortes hatte der Poetry Slam eine produktive Antwort parat. Mitten in der Krise hat er zwei Sachen ins Spiel geholt, die in der Printkultur nie richtig mitspielen durften: den Körper und die Stimme. Live und unmittelbar. Und zwar so intensiv, dass das Gedruckte mindestens für ein paar Momente völlig vergessen werden konnte.
Damit hat der Poetry Slam vollzogen, was in der Medientheorie schon lange vorher als „sekundäre Oralität“ bezeichnet wurde. Die Hochkonjunktur der Mündlichkeit unter den Bedingungen einer neuen Medienkultur. Die elektrifizierte Wiederbelebung des gesprochenen Wortes. Die digitale Transformation der Lautlichkeit. Damit steht der Poetry Slam in der Tradition der Klang-Literatur, die in der deutschen Literaturgeschichte bis in die magischen Sphären der Merseburger Zaubersprüche zurückreicht. Er steht zugleich in der Tradition der avantgardistischen Literaturen, deren Autoren mit dem Radio, den Plattenspielern, den Tonbändern, dem Fernsehen, dem Video und den Computern versucht haben, die Festlegungen der Schrift aufzusprengen und ihr neue Dimensionen zu öffnen.
Diese neuen Dimensionen liegen für den Slam nicht nur im Wechsel von der Buchseite zum Bühnenraum. Sie liegen viel grundsätzlicher im Wechsel vom Sinn zum Sound. Texte und Performances können sich nämlich treiben lassen von Rhythmen und Melodien. Sie können umgekehrt die Rhythmen und die Melodien in ihre Richtungen zwingen. Der Poetry Slam nimmt damit für die Literatur auf, was die Popmusik vorgemacht hat.
Man sollte es nicht vergessen: Allen Vorbehalten gegen die Kulturindustrie zum Trotz sind die atemberaubendsten Fortschritte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Lyrik nicht in den Elfenbeintürmen gemacht worden, sondern in der Popmusik. In Form der Lyrics. Hier sind in rasender Geschwindigkeit unerhörte poetische Kombinationen ausprobiert worden. Und das mit größter Reichweite und intensivsten Wirkungen. Millionen, zuweilen Milliarden von Menschen hören Zeilen derselben Songs und singen sie mit. Popmusik webt dabei die literarischen Texturen in Lebensstile ein. Die werden von den Hörern für individuelle biografische Kontexte adaptiert. Sie werden variiert, weiterentwickelt und wieder in den Pool eingespeist, aus dem sich die Nächsten bedienen.
Ist es denn dann jetzt zu dick aufgetragen, wenn man behauptet, dass der Poetry Slam vom selben produktiven Prinzip wie die Popmusik lebt? Von der Arbeit an den Lyrics, die nicht bestehenden Sinn wiederholen, sondern ihn überhaupt erst machen, herstellen, ausprobieren?
Nein. Dass es nicht zu dick aufgetragen ist, lässt sich an all den Texten ablesen und den dazugehörigen Audio-Files hören, die hier versammelt sind. Es ist die Schwergewichtsschau der Slam-Bewegung. Es ist ein Absolvententreffen der school of the hard knocks der deutschen Literatur.
Sie führen hier nicht nur ihre besten Stücke auf. Sie zeigen auch, in welcher Bandbreite sich der Slam als Ganzes entwickelt hat, welche Stile sich auf der Ebene der Texte, der Sounds und der Performances herausgebildet haben und welches Themenspektrum dabei in den Texten abgedeckt wird.
Für die Literatur ist mit all dem etwas ganz Großartiges passiert. Der Slam hat das Genre Sprechtext für die Literatur up to date gebracht. Der Slam hat für den Sprechtext zugleich neue Maßstäbe gesetzt. Und er hat dabei Werkstücke von einer ganz eigenen, großartigen literarischen Qualität hervorgebracht.
So groß- und eigenartig ist die, dass sie sich längst nicht mehr mit den Qualitätsmaßstäben messen lassen muss, die in den Schubladen der alten Schreibtische der Feuilletonisten und den Aktenschränken der Literaturwissenschaftler liegen. Über hop oder top, Sieg oder Niederlage entscheidet jetzt nämlich das Publikum im Saal, wenn der nächste Wort-Artist angesagt wird.
Der Applaus zieht an, wird laut, er hält sich ein bisschen, ebbt wieder ab, jemand pfeift noch oder johlt, von hinten an der Bar hört man ein paar Leute sprechen, es gibt kleine Ermahnungen, Zischlaute, dann wird es fast ganz still. Und jetzt: Es ist dieser Moment, wenn niemand genau weiß, was passiert.

Stephan Porombka, Vorwort
Das Vorwort zum anhören

 

100 Texte, 66 Autorinnen und Autoren,

darunter 21 deutschsprachige Poetry- Slam-Champions. 25 Jahre Poetry Slam in Deutschland. 1 Sprache.
Seit fünf Jahren ist diese Textsammlung das Standardwerk in Sachen Poetry Slam. Zum 25. Jubiläum der deutschsprachigen Poetry-Slam-Bewegung wird sie um einige hochklassige Beiträge von wichtigen neuen Stimmen der Szene ergänzt. Star des Buches bleibt aber die Sprache selbst – das Handwerkszeug aller Poetinnen und Poeten, das in vielen Texten gespiegelt, betrachtet, lustvoll hinterfragt oder spielerisch erweitert wird.
Bei allem Unterhaltungsfaktor bietet die Poetry-Slam-Fibel eine Bühne für die Sprache zwischen Sinnhaftigkeit, Rhythmus und Musikalität: Sprache als lyrisches Präzisionswerkzeug, als abschreckendes Beispiel, als klangvolle Schallwelle, als sterbenskranker Patient, als Lustobjekt, als Rhythmusmaschine, als Crash-Test-Dummy. Sprache als Spielzeug und Sprache als Waffe.

Satyr Verlag, Klappentext, 2020

 

 

Fakten und Vermutungen zu Wolf Hogekamp + IMDb + Facebook

 

Wolf Hogekamp liest „Cuts“ beim Hamburg Vs Berlin Slam im Schauspielhaus Hamburg.

 

Fakten und Vermutungen zu Bas BöttcherInstagramFacebook + Textbox
shi 詩 yan 言 kou 口

 

Bas Böttcher – Poetry Clip – Die Macht der Sprache.

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

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