Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Sprachverrückte Autorschaft zwischen Lyrik und Klinik – Henri Michaux (Teil 4)

Sprachverrückte Autorschaft
zwischen Lyrik und Klinik

Teil 8 siehe hier

HENRI MICHAUX

Ein paar wenige Extrakte aus den Laborprotokollen, aufgezeichnet in verschiedenen Phasen des Rauschzustands, müssen hier als Beispiele dafür genügen, wie der Autor als Versuchsperson seine jeweilige geistige und physische Verfassung wahrgenommen und schriftlich festgehalten hat:

«Worte um zu orten den Feind / um sich zu halten in Form / sich vernehmen lassen / sich packen lassen / sich von sich vernehmen lassen» – «4h 30 eine doppelte Prise / 5h im Ramakrishna / Liebe / 5h 15 / Drogen / guter Wind der einem das Schiff hebt / der hebt was gehoben werden muss / und vergisst was vergessen werden muss» – «im Herzen so etwas wie Kosung / grosse Kosung ohne Grund / so völlig, so völlig / … Abgründe von Kosungen // ‹Dilataste cor meum› / ‹Dilataste cor meum› / das ist es / eben das / von dem her sicherlich» – «Institutionen wollen helfen von einem [unleserlich] / – aber an der Peripherie, im Gegenzug / sind sie schlecht, hart für die Unbezwungenen / die Undisziplinierten, die welche abweisen was sie / schenken [unleserlich] die Faulpelze / die schlechten Köpfe, oder die Menschen die haben / andere Ideen …» – «… bevor die Halluzination eintritt / das halluzinierte Objekt, erfolgt / wie ein Schub zum Sein / – ein beinah, ein sehr nah Sein zu sein / auch wenn man noch nichts davon sieht. / Bei einem Gedanken den ich höre über die Mädchen / wende ich mich ab zur 3. Schälung der Orange / die ich nicht daran hindern konnte Frau zu werden» – «Aber lesen, das heisst durch die Wörter hindurch, was / der Autor an Wahrheit gesehen hat, und dass er hatte / einen andern Moment übersetzt und abgefasst mehr oder minder anders, / der aber gleichermassen durchquerte, oder musste / seine Sätze finden + oder – glücklich, / mehr oder minder wirksam […] / Die Wahrheit / die er wollte (das Geschriebene ist keinesfalls / gleich dem Menschen. Ist ein Gefüge das / oftmals lieber geben wollen in Formen von / Formeln. Deswegen eben muss man ihre Schrift / durchqueren, vor allem nicht von ihr sich führen lassen / die so lächerlich ist, unangemessen, schwerfällig usf.»

Notate dieser Art finden sich zu Hunderten in Michaux’ Drogenprotokollen. Obwohl hier durchwegs über Extremzustände und Extremerfahrungen rapportiert wird, bleiben die Aufzeichnungen (soweit sie überhaupt verständlich sind) grösstenteils völlig unaufgeregt, ständig schwankend zwischen der Beschreibung äusserer Gegebenheiten und innerer Befindlichkeiten, das meiste in stark fragmentierter, verfremdeter oder auch einfach fehlerhafter Sprache. An kaum einer Stelle wird die Stimme des Dichters Henri Michaux vernehmbar; kaum irgendwo schreibt er in Versen und folgt seiner poetischen Einbildungskraft – auch wenn in den Protokollen immer wieder von bedrängenden Bildern und Klängen die Rede ist, so werden sie eben doch nur als halluzinatorische Phänomene festgehalten, nicht aber künstlerisch formatiert und entfaltet.

… Fortsetzung hier

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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