Christoph Buchwald & Jan Wagner (Hrsg.): Jahrbuch der Lyrik 2013

Mashup von Juliane Duda zu dem Buch von Christoph Buchwald & Jan Wagner (Hrsg.): Jahrbuch der Lyrik 2013

Buchwald & Wagner (Hrsg.)-Jahrbuch der Lyrik 2013

nach Edgar Varése, Poème Électronique

hoch verehrtes Publikum, hören Sie bitte
haarscharf vorbei. folgen Sie bitte der Klangspur

des elektronischen Gedichts entlang
der Lautsprecherboxen. sehen Sie schon

Musik und Geräusche? hören Sie schon
die farbigen Lichter? das elektronische Gedicht

ist ein Gedicht im Gedicht und gut
in den Wellenformen der Zukunft versteckt

die im nächsten Moment schon wieder
Vergangenheit ist. an den Ohren von Edgar

Varèses Enkeln schwebt es – vorbei.

Ulrike Almut Sandig

 

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Nachbemerkungen der Herausgeber

I.

Als W.H. Auden 1944 eine Auswahl seiner Gedichte traf, verfasste er ein knappes Vorwort, das er auch noch seinen in den siebziger Jahren publizierten Collected Poems an die Seite stellte. „Für jeden Autor“, bemerkt Auden mit bewundernswerter Ehrlichkeit, „zerfällt wohl das eigene Werk, nachträglich betrachtet, in vier Gruppen. Erstens: der reine Schund, bei dem es ihm leidtut, dass er ihm je hat einfallen können; zweitens – für ihn am schmerzlichsten – die guten Ideen, aus denen wegen seiner Unfähigkeit oder seiner Ungeduld nicht viel geworden ist […]; drittens: die Texte, gegen die er nichts einzuwenden hat, außer dass sie nicht wirklich wichtig sind; sie bilden unvermeidlicherweise den Hauptteil jeder Sammlung; denn müsste er sich auf die vierte Gruppe beschränken – auf die Gedichte, für die er aufrichtig dankbar ist –, so würde sein Buch deprimierend dünn ausfallen.“
Wer eine Anthologie zusammenstellt, bei der sich auf die Jahresproduktion nicht aller, aber doch beeindruckend vieler deutschsprachiger Dichterinnen und Dichter zurückgreifen lässt, bei der also aus den persönlichen Favoriten der Verfasser noch einmal Texte ausgewählt werden können, der hegt die Hoffnung, dass diese Anthologie sich vor allem aus Texten der vierten Auden’schen Kategorie zusammensetzen wird und trotzdem nicht allzu dünn ausfällt. Mir jedenfalls ging es so.
Als die Arbeit begann und eines schönen Sommertages die wahrhaft schwindelerregende Menge an Einsendungen bei mir eintraf – wenn auch diskret, also nicht, wie in der Vergangenheit, auf Papier und in tonnenschweren Kartons verstaut, vielmehr in der zarteren Erscheinungsform einer einzigen CD –, wurde mir rasch bewusst, dass das Sichten dieses Materials seine Zeit brauchen und mit nicht unerheblichen Mühen verbunden sein würde. Der Aufwand hat sich gelohnt, davon bin ich 263 beim Blättern im fertigen Buch überzeugt. Schon während der ersten Sichtung aber erfüllte sich eine andere Hoffnung, kam es doch tatsächlich zu Entdeckungen, traf ich auf mir bislang unbekannte Autoren, die mit einem oder gleich mehreren Gedichten für jene Begeisterung sorgten, die Emily Dickinson so treffend beschrieb:

If it feels like the top of my head is taken off, I know it is poetry.

Gab es auch Gefühle, die dem Dickinson’schen Überschwang keineswegs entsprachen, die eher gegenteiliger Natur waren? Durchaus, aber der Eindruck von Reichtum und dichterischem Enthusiasmus überwog. Dass Christoph Buchwald und ich oft genug auf dieselben Autoren aufmerksam wurden (wenn auch nicht immer auf dieselben Gedichte), dass es zu einer Auswahl kam, die uns beide zufrieden nach Hause fahren ließ, ist vermutlich ein Wunder, wurde von mir aber nach zwei langen Frankfurter Tagen mit Gesprächen, Grundsatzdiskussionen und Vortragsversuchen als verdienter Lohn wahr- und angenommen. Erstaunlich blieb, wie sehr die Lyrik nach wie vor das Genre der Wahl ist, wenn Gewaltiges geschieht – wie die Katastrophe von Fukushima, um nur das augenfälligste Beispiel einer ganzen Reihe von Einsendungen zu nennen. Die zahlreichen Bezüge auf die havarierten Reaktoren in Japan bewiesen erneut, dass all das, was uns zu überwältigen droht, Ausdruck im Gedicht zu finden versucht. Sie waren allzu oft freilich auch der Beleg dafür, dass es im Augenblick der Überwältigung äußerst selten zu einem gelungenen Gedicht kommt. Rätselhafter als die Spuren solcher Großereignisse ist die plötzliche, wie verabredete Häufung von Motiven: War es vor einigen Jahren die Quitte, die allerorten im Gedicht zu leuchten begann, so scheint sich jetzt die Hagebutte wachsender Beliebtheit zu erfreuen – auch sie, wie jede übersehene Kostbarkeit, völlig zu Recht.
Jeder Mitherausgeber eines Jahrbuchs wird sich vor der Lektüre so vieler Gedichte, die ja zu einem Gutteil von Bekannten, manchmal gar Vertrauten stammen, Gedanken über seine Auswahlkriterien machen. Dass ich mir vornahm, unabhängig von persönlichen Ab- oder Zuneigungen zu urteilen, also rein literarische Kriterien walten zu lassen, versteht sich von selbst. Darüber hinaus war ich entschlossen, ohne Rücksicht auf das übrige Schaffen eines Dichters zu urteilen, also kein Gedicht mit einem Sonnenaufgang zu verwechseln, nur weil es zu einem glanzvollen Gesamtwerk gehört, und andererseits auch bei solchen Autoren auf Erleuchtung zu hoffen, deren Arbeiten mir bislang dunkel geblieben waren. Bei dieser Herangehensweise ist es wahrscheinlicher, gute Freunde vor den Kopf zu stoßen, als neue zu gewinnen; man kann nur auf Verständnis hoffen. Drittens und abschließend schien es mir wünschenswert, unabhängig von Schulen, Moden und Poetologien auszuwählen, für Gedichte jeglicher Richtung offen zu sein – sofern sie gemäß den eigenen Regeln, die ja oft genug nur für das eine, vorliegende Gedicht gelten können, zum Erfolg führten. Experimentell oder traditionell, narrativ oder sprachspielerisch, Persiflage oder Mundart: Nichts garantiert ein Gelingen, aber kein Ansatz steht ihm im Weg, und selbst die Pointe, die verständlicherweise einen schlechten Ruf hat, weil sie das Gedicht in der Regel luftdicht abschließt, statt es zu öffnen, darf doch bei Gelegenheit und Notwendigkeit ihren Platz haben.

Ich bin froh, dass Christoph Buchwald für den Vorschlag zu begeistern war, nicht nur deutschsprachige Lyrikerinnen und Lyriker aufzunehmen, sondern auch deren Übertragungen fremdsprachiger Dichter ins Deutsche, und folglich ein ganzes, abschließendes Kapitel der Nachdichtung zu widmen. Selbst geneigten Lesern kann ja entgehen, wie unverdrossen Dichter hierzulande an die lange Tradition der Lyrikübertragung anknüpfen, wie emsig und aus wie vielen Sprachen Lyrik nachgeformt wird, weil die Ergebnisse oft genug für Zeitschriften, nicht für Bücher gedacht sind, manchmal auch nur für den eigenen Bedarf. Die Gründe für dieses anhaltende Engagement liegen auf der Hand. Man liest selten genauer als beim Übersetzen eines Gedichts; und nicht nur erweitert man die eigene Vorstellung davon, was ein Gedicht leisten kann, man bereichert ganz nebenbei auch die eigene Poesiegeschichte durch bislang Unerhörtes, Ungeahntes aus aller Welt. Das reicht von der freien Adaption bis zur strengen Nachbildung – und wo der eine dem Original zu dienen glaubt, der andere sich bei ihm hingegen zu bedienen scheint, wissen doch beide mit Eloquenz über Treue und Genauigkeit zu sprechen. Die dabei entstehende Stimmenvielfalt wenigstens anzudeuten (denn um sie zu dokumentieren, wäre eine eigene Anthologie notwendig) ist Ziel unseres abschließenden Kapitels, das immerhin Übersetzungen aus dem Bulgarischen, Chinesischen, Dänischen, Englischen, Flämischen, Französischen, Katalanischen, Polnischen, Russischen, Schwedischen, Slowakischen und Slowenischen präsentiert – Gedichte aus vielen Sprachen als Gedichte in deutscher Sprache. Wenn damit eine neue Tradition auch im Jahrbuch der Lyrik begründet würde, wäre beim nächsten Mal, wer weiß, vielleicht auch ein Gedicht von Auden dabei.

Jan Wagner, Nachwort

 

II.

Es ist so alt wie die Lyrik selbst, das Nachdenken über Handwerk, Gattung und den Stand der Dinge: die Poetologie. Einige Autoren haben uns dazu umfangreiche Essays, Anmerkungen und Statements geschickt, ihnen sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Die Beiträge hier abzudrucken hätte den Umfang des Jahrbuchs freilich mindestens verdoppelt. Deshalb nachstehend in fünf Punkten zusammengefasst einige Anmerkungen von Jürgen Brôcan, Dieter M. Gräf und Axel Kutsch, die prononciert die Essenz dessen formulieren, was in den poetologischen Einsendungen immer wieder reflektiert wird: Fragen des Genres, des Selbstverständnisses und der allgemeinen Orientierung. Wo stehen wir? Wie stehen wir? Stehen wir?

 

1 Das Nischendasein

Die Nischenkultur lässt [dem Lyriker] zwar große Freiheiten, gibt ihm aber auch kaum mehr die Chance, für seine Arbeit eine übergeordnete Relevanz einfordern zu können, sie macht ihn zu so etwas wie einem Ladenbesitzer, der sich auf Sake spezialisiert hat.

(Dieter M. Gräf)

Eine überschaubare Leserschaft [ist] wohl ein Indiz für halbwegs friedliche Zeiten. Anstatt zu klagen, dass die Menschen so ungebildet und lahm sind, wie zuletzt immer wieder in den Feuilletons zu lesen, wäre es sinnvoller, ihnen zu zeigen, was ihnen entgeht, sobald sie keine Gedichte lesen.

(Jürgen Brôcan)

In meinen Debütantenjahren hatte sich das gesellschaftliche Klima schon nachhaltig verändert, aber dennoch sah ich keinen Grund, von der Poesie zu lassen. Je weiter ich kam, desto deutlicher sah ich, dass das Eis dünn ist und dass ,Erfolge‘ daran nichts Wesentliches ändern, auch wenn sie es angenehmer machen, damit zu leben. In meinen ersten Jahren als sogenannter Suhrkamp-Autor konnte ich durchaus ein Publikum spüren, das sich mit meinen Arbeiten identifizierte. Es war klein, aber das störte mich nicht. […] Ich meinte auch in dieser Phase zu wissen, wo es langgeht. Dies ist mir verloren gegangen, jedenfalls als Selbstverständlichkeit, und ich habe den Verdacht, dass es anderen ähnlich geht. Ich habe keine Ahnung, ob ich, wäre ich jetzt im Alter einer Orientierungsphase, mich erneut für die Lyrik entflammen würde, und ich staune, dass es so viele gibt, die genau das heute tun.

(Dieter M. Gräf)

Unabhängig davon, ob man Menschen zu erreichen vermag, finde ich es von Belang, mich ihnen in meinem Schreiben wieder stärker zuzuwenden, einladend zu sein, ohne es auf Gäste anzulegen.

(Dieter M. Gräf)

Einer ersten Welle interessanter neuer Lyriker, zu denen unter anderem auch Marcel Beyer, Dieter M. Gräf und Norbert Hummelt gehörten, folgte dann nach der Jahrtausendwende eine enorme Anzahl talentierter Autorinnen und Autoren, die bei aller Verschiedenartigkeit der Schreibweisen oft ein germanistisch fundierter Hintergrund verbindet. Seit dem Expressionismus hat es in der deutschsprachigen Poesie keine solche Breite an Talenten mehr gegeben wie in unseren Tagen.

(Axel Kutsch)

 

2 Ausgeliefertsein an den Betrieb

Es gibt nun mal den Betrieb, die Förderer, Juroren, Etats, die Programmleiter. Ihnen sind wir weitgehend ausgeliefert, und auf sie sind die Waren, die keine sein sollen, größtenteils zugeschnitten. Womöglich haben wir ,das Publikum‘ zu leichtfertig aufgegeben, andererseits hätten wir sein Abwenden auch nicht wirklich verhindern können – oder doch?

(Dieter M. Gräf)

 

3 Lyrikkritik

Der Kritiker posaunt nicht mehr Überzeugungen in die Welt, sondern beweist seine Befähigung darin, dass er ausdrückt, was in der Luft liegt. Im Lyrik-Bereich heißt das derzeit, die nachrückende Generation so zu loben, als hätte sie uns aus beträchtlicher Not erlöst, aber nie auszuführen, was es mit diesen Errungenschaften auf sich haben könnte.

(Dieter M. Gräf)

Was soll denn zeitgenössische Lyrik sein? So etwas wie junge Lyrik? Richtig junge Lyrik kommt meistens von Elke Erb.

(Wilhelm Bartsch auf eine Frage bei den Sächsischen Tagen der Poesie in Leipzig)

 

4 Die alten schwierigen Fragen von Form, Inhalt und Qualität

Sind die Gedichte, die in den letzten Jahren aufgekommen sind, nicht von einer kaum angreifbaren Artistik gezeichnet? Wirken sie nicht, als würde es Bielefeld, Offenbach, Rostock und Neu-Isenburg nicht geben?

(Dieter M. Gräf)

Macht es weiterhin Sinn, sich an einem Kanon zu messen (auf jeden Fall!), ihn fortsetzen zu wollen, für ihn einzutreten? Könnte das ein Hebel sein, um der lässigen Unverbindlichkeit des Betriebes etwas entgegenzusetzen?

(Dieter M. Gräf)

Nach den leicht verschnarchten frühen Achtzigern begannen gegen Ende jenes Jahrzehnts mit der forcierten Poesie von Autoren wie Durs Grünbein, Thomas Kling, Bert Papenfuß-Gorek oder Peter Waterhouse wieder aufregendere Zeiten für die deutschsprachige Lyrik. Eine eher konventionelle Diktion, die sich jenseits avantgardistischer Errungenschaften der Moderne breitgemacht hatte, wurde vor allem von Thomas Kling mit innovativer Verve abgelöst.

(Axel Kutsch)

 

5 Die Leser

Gedichte lesen zu lernen heißt nicht in erster Linie, sie eloquent und hochtrabend zu interpretieren, sondern sie irgendwie mit der eigenen Lebenswirklichkeit zu verknüpfen. Nur wer ihre vermittelnde Funktion erfährt, für den wird es sich auszahlen, Gedichte zu lesen.

(Jürgen Brôcan)

Jedem Gedichtleser ist das Phänomen vertraut, dass ihm in bestimmten Situationen und Umständen eine Metapher, eine Zeile, ein ganzes Gedicht blitzhaft aufleuchtet oder sanft hereinrieselt wie Schnee. Was man sieht (oder hört oder fühlt), das wird klarer, weitet sich, staffelt sich zu neuen Erkenntnissen, man weiß sich begleitet, von einer Stimme aus welcher Zeit, welchem Ort auch immer. Beim Lesen werden Personen, Städte, Landschaften, Bewegungen nachgezeichnet, Orte aufgesucht, die man nie gesehen hat und vielleicht auch niemals betreten wird, Zeiten, die einem fern und verschlossen bleiben. Anders gesagt: Das Gedicht informiert, es ersetzt ein Gespräch, das sonst nicht stattfinden könnte.

(Jürgen Brôcan)

An diesen Katalog der Fragen, Einschätzungen und Einsichten lässt sich ein „Gespräch über Gedichte“ (Benn) mühelos anknüpfen. Mögen die kommenden Jahrbuchbeiträger es produktiv und mit ebenso niedrigem Klagepegel fortsetzen.

Abschließend, wie immer an dieser Stelle, das Prosaische:

Das 30. Jahrbuch der Lyrik erscheint voraussichtlich im März 2015. Einsendeschluss für unveröffentlichte (oder in Zeitungen oder Zeitschriften veröffentlichte) Gedichte ist der 15. April 2014. Weitere Informationen finden Sie unter www.dva.de. Bitte beachten Sie die Hinweise zu den Formalitäten, je präziser die Daten, desto weniger zeitraubende Recherchearbeit muss im Verlag gestemmt werden; an dieser Stelle sei Karin Kirchhof und Annette Walter herzlich für ihre Sorgfalt und freundliche Geduld gedankt.

Einen großen Dank auch an den Kopiloten dieses 29. Jahrbuchs der Lyrik, Jan Wagner. Er hat nicht nur das Kapitel mit Gedichtübersetzungen von Lyrikern initiiert, sondern mich auf Gedichte hingewiesen, die mir bei der ersten Lektüre nicht aufgefallen waren, die jedoch eine zweite und dritte Lektüre verdient und so den Weg ins Jahrbuch gefunden haben. Dass wir die Auswahl ungestört und in Ruhe machen konnten, verdanken wir Martin und Sigi Lüdke, die dem Berliner und dem Amsterdamer großzügig ihre Frankfurter Wohnung zur Verfügung gestellt haben.

Christoph Buchwald, Nachwort

PS. Einer, der von Anfang an zum Jahrbuch der Lyrik beigetragen hat (siehe in dieser Ausgabe S. 64 und 188), ist der Luxemburger Dichter Jean Krier. Vor Drucklegung erreichte uns die traurige Nachricht seines Todes. Anlass genug, um seine Gedichte durch die Jahre hin wieder zu lesen. Fiat nun pax. Danke, Jean Krier!

 

 

Eine Entdeckungsreise

durch die poetischen Sprachwelten der Gegenwart: Christoph Buchwald und Jan Wagner präsentieren die neuesten, unveröffentlichten Arbeiten renommierter sowie bisher unbekannter Autoren und laden ein zum Stöbern, Entdecken und lustvollen Lesen.
Was passiert derzeit in der Lyrik, worauf reagieren die Autoren, und vor allem: Wie tun sie das? Traditionsbewusst, mit „neuen alten Maßstäben“ (Rühmkorf) oder unvergleichlich eigen, faszinierend anders? Wie finden Zeit und Gegenwart ins Gedicht, und hat die Lyrik in dieser immer unübersichtlicher werdenden Welt überhaupt noch Platz für Experiment, Politik, Wut, Erdenken und -sehen? Mit diesen Fragestellungen wählten die Herausgeber aus mehr als 900 Einsendungen die besten Gedichte aus. Das Schlusskapitel schließlich stellt Gedichte renommierter ausländischer Autoren vor, von deutschsprachigen Lyrikern für dieses Jahrbuch ausgewählt und übersetzt.
Das Jahrbuch der Lyrik 2013 – ein an- und aufregender Querschnitt der aktuellen deutschsprachigen Lyrik!

Deutsche Verlags-Anstalt, Klappentext, 2013

 

 

„Es gibt das Bild, das die Momente zusammenhält.“ (Henning Ziebritzki).

– In deutschen Gedanken, am Rande der fassbaren Welt… –

Ich bin der Fisch, der zum Luftholen
die obere Fläche des Wassers küsst:
du siehst die Berührung, die Kreise
die sie zieht, aber mich, den Fisch
siehst du nicht.

(Christine Marendon)

Lyrik, diese eigentlich nahste, weil am wenigsten abbildende, eher einfühlende, literarische Kunst, ist in den letzten Jahren – gerade in Deutschland – in den seltsamen Anspruch hineingewachsen, mehr beurteilt, denn gelesen zu werden. Wäre diese Praxis nicht so eingefahren, man könnte glatt verdutzt oder wütend darüber sein, könnte es bekritteln und bemängeln.
Aber gerade im Angesicht dieser Tatsache ist es viel eher eine Notwendigkeit sich Büchern wie dem Jahrbuch der Lyrik zuzuwenden, diesem alle zwei Jahre erscheinenden Auswahlband, zusammengestellt aus Einsendungen bekannter und unbekannter Dichter, dieses Jahr von Jan Wagner und Christoph Buchwald herausgegeben. Es wird wieder Zeit Gedichte zu lesen, sie in den eigenen Fokus hinein zu lassen, sie darein zu integrieren, sich ihrer geistigen Beschleunigung auszusetzen!
Auch deutsche Gedichte (-?)

Gedichte lesen zu lernen heißt nicht in erster Linie, sie eloquent und hochtrabend zu interpretieren, sondern sie irgendwie mit der eigenen Lebenswirklichkeit zu verknüpfen. Nur wer ihre vermittelnde Funktion erfährt, für den wird es sich auszahlen, Gedichte zu lesen.

 

(Jürgen Brôcan, in einer Nachbemerkung zum „Leser“)

Was einem bei diesem ansonsten wunderbaren Zitat, dem ich nur bewundernd zustimmen kann, ganz leicht aufstößt, ist das kleine Wörtchen „irgendwie“. Es klingt ein bisschen nach Hilferuf und es bringt einen etwas unsanft in die Realität und Umgebung deutscher Gegenwartspoesie. Einer Poesie, die uns mit Sätzen wie: „Doch in unseren Köpfen galt Flucht / als die schwierigste Form von Nicht-Kommunikation“ die Gedanken verrenkt, die uns mit ihren kleingeschriebenen Subjekten aus der eigenen Sprache reißt, die uns dann und wann Elementares und Fragmente unkommunikativ und wie Gerede um die Ohren schlägt.
Soweit zu den Angstzuständen deutscher Leser, wie ich sie mir vorstellen kann und die auch nicht ganz unbegründet wären. Die deutsche Gegenwartspoesie hat ganz unbestritten die Tür hinter sich zugemacht, als sie sich in den Raum der neuen Dichtung begab und die meisten Dichter, die gefolgt sind, haben sie ebenfalls sauber hinter sich geschlossen. Im Angesicht dieser Tatsache können wir uns nur eine Frage stellen: Sind wir mutig und interessiert genug, selbst durch die Tür zu treten; sehen wir diese Geste als Abwehrhaltung oder als Anstacheln unserer Neugierde? (Natürlich liegt in dieser Frage auch der Hund in Punkto: – Warum wird Poesie mehr beurteilt, denn gelesen – bergraben)

Ich denke, einmal muss die Welt auch erfahren
dass ich der Diktator bin
der den Träumen befiehlt wach zu bleiben.

 

(Thomas Böhme)

Ich persönlich liebe Lyrik; ich liebe das Scheue und Bestialische, das Plumpe und das Feine an ihr, da all das letztlich auf meine eigenen intuitiven Fähigkeiten hofft und mich, mich allein, auszeichnet, mit jeder Faser seiner Anspielungen, Ideen, Gedanken und Empfindungen, die ich als mein Spiegelbild oder ein Stück meiner Vorstellung empfinde – denn ein Gedicht ist dem Wesen nach zeitlich gelöst und kann in scheinbar allen Momenten des Lebens gleichsam anwesend sein oder Anwesenheit offenbaren.
Und deswegen muss man den ersten Absatz dieser Rezension weit wörtlicher nehmen, als den zweiten (auch meinte ich im zweiten Teil gewiss nicht alle Dichter dieses Buches, ich zog damit nur einen Trend heraus). Worauf ich hinweisen will, ist die Diskrepanz und die Furcht, die zwischen den Lesern und dieser Anthologie steht, für die ich unbedingt werben will.

Und um dies zu tun reicht vielleicht bereits dieser Satz von Asmus Trautsch:

die akkustische unschärfe der wüste umgibt uns wie ein kissen
aus gestopfter sonne.

Meine lieben Leser, glauben Sie bitte an Sätze wie diesen. Suchen Sie und finden Sie sie. Lesen sie Gedichte, lesen Sie sie als Flaschenpost, als eine Geste, die Ihnen nicht entgehen sollte.

Wer die deutsche Gegenwartslyrik wirklich loben will, hat es nicht immer leicht. Die Ziffer und das Thema vieler Gedichte ist heute oft nicht mehr das Mögliche, sondern das Unmögliche, das es knapp zu unterbieten gilt. Angesichts eines schwindenden Publikums hat sich mancher Künstler (hier davon kaum einer enthalten, aber es gibt auch diesen Trend) ganz der Kunst, der „art for art’s sake“, der Sprache als Kontakt und Ballraum aller sich gegenzeichnenden Ausdrücke zugewandt – ein Pfad, den ich keineswegs missbillige (wer bin ich denn, das zu tun) aber auf dem ich auch nicht mehr folgen kann.
Doch es gibt, und das zeigt dieses Buch mehr als viele andere, noch immer einen Unterschied zwischen einem Wort, einem Vers, der Reduktion betreibt und einem, der bloß für einen gebogenen, leicht entrückten Begriff von Bedeutung kämpft. Diesen Unterschied lohnt es sich festzustellen, denn er öffnet die Tür ins Wesen einer „zunehmenden Wirklichkeit, Wahrheit und Sinnlichkeit“, wie Ted Hughes es einmal formulierte.

„ich weiß ja, es gilt, zwischen schlafenden zu wachen“, schreibt Sünje Lewejohann und es ist dies, was dem Dichter gleichsam Macht und Problem ist.

Raps, wohin das Auge schäumte, Raps
[…]
und ins freie
kalben die Kirchen
zum Mittag –
ein blaues Segel der Himmel.
Wolkensalz. und
Raps.

 

(Christian Rosenau)

In diesem Buch sind 129 Dichter mit einem oder mehreren Texten vertreten; die Texte sind unterteilt in 10 thematisch orientierte Teile + einem Übersetzungsteil mit neuen Übersetzungen anglo-amerikanischer, slawischer und anderer Dichter.
Mir sind die Namen zu den Beiträgen in großen Teilen bekannt, auch wenn Jan Wagner in dem sehr guten und erfreulichen Nachwort angibt, dass er abseits aller Diktionen die Auswahl der Beiträge getroffen hätte. Was man ihm letztlich auch glaubt, weil sich bei aller Annäherung untereinander, die Anthologien (spezielle den Anthologien über Gegenwartpoesie) stets innewohnen, doch sehr viele Nuancen ergeben.

Was ist Dichtung? Keine Methode der Erkenntnis; keine Methode ein bessere Mensch zu werden; keine Methode von Schönheit – dies alles wurde schon einmal in der langen Geschichte der Lyrik verneint oder in Abrede gestellt. Allein, die Dichter haben das natürlich nicht akzeptiert, wenn es auch die Professoren wahrgenommen und in die Geschichte eingetragen haben. Aber Lyrik ist nicht allein Geschichte und daran auch nicht zu messen, dann wäre die Dichtung mittlerweile in einer Nische ihrer letzten Substanzen gefangen, ein trauriges, kleines Kind, von jeder Zeit für eine andere kindliche Begierde verprügelt. Nein, Lyrik ist das, was ein Dichter, ein Mensch, geschrieben hat und was wir tun können ist: lesen.
Lesen ist:

Vielleicht etwas Unverwundbares,
der Finger im Marmeladenglas –
ohne Wespen drumherum.

 

(Claudia Kohlus)

Timo, amazon.de, 23.3.2013

„Wir sind voller Ahnung…“

Es ist schon schwierig genug, in der Hetze dieser Zeit, einzelnen Dichterinnen und Dichtern zu folgen, sich auf sie einzulassen und deren Gedankenspuren aufzunehmen. Das Leben ist zu laut, zu schnell und zu oberflächlich, und in den wenigen Minuten der Ruhe mag man sich oft nicht mit allzu „Kopflastigem“ beschäftigen.
Kann es deshalb möglich sein, sich gar mit 130 Dichtern auseinanderzusetzen? Reicht die notwendige Ausdauer auch noch für die knapp 50 Seiten am Schluss des Buches, die für Übertragungen weiterer 30 fremdsprachiger Dichter/innen erstmals reserviert sind?
Die Antwort kann nur mit einem uneingeschränkten Ja beantwortet werden, denn wenn die Herausgeber dies konnten, sollte dies der Leser erst recht zustande bringen. Es ist jedoch keinesfalls möglich, diese Sammlung in einem Durchgang zu lesen, auch nicht in mehreren, eher in vielen…
Auffallend mag im Jahrbuch der Lyrik 2013 sein, dass man sich mit wahrhaft Unkonventionellem auseinandersetzen darf. Kathrin Schmidt liefert in diesem Sinne mit „hölzge, strüppge“ ein Beispiel der elegant-saloppen Art:

immer eine handbreit bier unterm hemd,
lahmt der forstmann im holz, unterläuft
die gerüche vaporisierter nutzholztendenzen.

Eine einheitliche Melodie gibt es nicht. Jedes Gedicht, jeder Vers, jede Zeile ist Ausdruck einer niemals endenden Individualität und ein Fest des Einzigartigen. Allein Zeilen wie

… Wir sind uns nur noch
Worte in den Nächten, wir bleiben nur wie Echos
einem Raum, ein kaum gehauchtes Ich und Du.

 

(„Flimmern“ / Matthias Göritz)

rechtfertigen die Notwendigkeit für jeden Lyrikfreund, sich mit einer solchen Sammlung auseinanderzusetzen. Auch wenn es in Gedichten wie „Holz eines Tisches zu sein“ (Ulrike Almut Sandig), bislang ungedachte Perspektiven zu begreifen gilt. Gänzlich neue Formen sucht und findet Christian Rosenau mit seiner Rapsodie Nr. 3:

… puppenaugentief ein stimmloses Amen…

Mancher Versuch erscheint jedoch bemüht und verliert sich im verworrenen Dschungel des eigenen Anspruchs. Hinter allzuviel Worten ist es leicht, sich zu verstecken. Doch was zunächst nicht erreichbar scheint, darf nicht leichtfertig überlesen werden. Eines jedoch scheint dem Rezensenten, wie so oft, als schöne Regelmäßigkeit aufzufallen. Je kürzer die Zeilen und Verse sagen, was sie zu sagen haben, desto eindringlicher die Botschaft. Freude, Glück, Schmerz und Leid treffen Leserinnen und Leser unmittelbar und ungebremst.
So wie Anne Dorn in ihrer schonungslosen Selbstbetrachtung „Ins Tagebuch geschrieben“ über unseren ungeübten Umgang mit „tiefgreifender Freude“ schreibt, oder Jan Koneffke „Dem toten Kind in einer Oktobernacht“ ein Denkmal setzt, das zutiefst berührt:

… ein Kind das nie erfuhr was Sterne sind…

Und wird es einmal zu emotional, kann ein „Verschneites Hinweisschild“ (Walle Sayer) schnell Abhilfe schaffen, denn

Nach Niederlagen
führen von jedem Rom aus
alle Wege nach Hintertupfingen.

Aber keine Angst: Ulla Hahn bringt uns kurz vor dem Zieleinlauf wieder in geordnete Bahnen zurück, auch wenn sie einem gar mehrfachen Augenzwinkern bekanntlich nicht abgeneigt ist. Sie kümmert sich verdientermaßen um „Das wahre Gedicht“ und wer könnte es treffender formulieren:

… das wahre Gedicht
flieht das Papier.

Und sie beschließt ihre Betrachtung mit einem unerwarteten Rundumschlag, der dem Unkundigen dieser wahrhaft „göttlichen“ Zeilen an dieser Stelle nicht vorweggenommen werden soll.
Zwei Dichtern möchte ich hier die Schlussworte überlassen, da mir diese stellvertretend als Verbeugung vor den versammelten Kollegen weitaus geeigneter zu sein scheinen als meine eigenen. Matthias Göritz schreibt in „Dame ohne Hermelin“:

Dichter sind Verwandler.
Sie verwandeln die Zeichen
im Mund zu Erdbeeren, Papageien,
Teigtaschen, Fell. Fast alles geht – …

Jan Kuhlbrodt drückt es in seiner Botschaft völlig anders aus, und vielleicht kann der Schluss seines Gedichtes „Wir sind“ ein ebenso kurzes wie treffendes Fazit, und zugleich ein Anreiz sein, das Buch immer wieder in die Hand zu nehmen um weitere Entdeckungsreisen zu wagen:

Wir sind voller Ahnung.

Thomas Lawall, amazon.de, 9.2.2014

 

 

Christoph Buchwald: Selbstgespräch, spät nachts. Über Gedichte, Lyrikjahrbuch, Grappa

Das Jahrbuch der Lyrik im 25. Jahr

Jahrbuch der Lyrik-Register aller Bände, Autoren und Gedichte 1979–2009

Fakten und Vermutungen zum Jahrbuch der Lyrik

 

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shiyan 言 kou 口

 

Beitragsbild von Juliane Duda zu Richard Pietraß: Dichterleben – Jan Wagner

 

Jan Wagner liest in der Installation Reassuring Synthesis von Kate Terry aus seinem neuen Gedichtband Australien im smallspace, Berlin.

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

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Irene die Riesin: rennen Sie, Sir! – Iris riss ’ne Sehne. – Er, sie, es; reines Sirren.

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

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