ÜBER GOTTFRIED BENN
Ich will Ihnen etwas erzählen über einen Dichter, von dem in der DDR sehr wenig erschienen ist. Es existiert von ihm nur eine kleine Auswahl von Gedichten in der Expressionismusanthologie und einige von seinen Essays in einer sprachwissenschaftlichen Anthologie. Das ist eine der schmerzlichsten Lücken, die es bei uns gibt. Es mag Gründe geben, die dem wahrscheinlich zugrunde liegen, die diese Lücke etwas erklären können.
Einer der großen alten Männer der europäischen Literatur und sicher einer der größten deutschen Lyriker in diesem Jahrhundert – Gottfried Benn.
Ein Mann von gedrungener Statur, die hat er von seiner Mutter, sein Vater war sehr schlank, hager. Er litt ein bisschen darunter, dass er diese pyknische Gestalt hatte. Ich sage Ihnen jetzt am Anfang ein paar Eckdaten – auf seinen Lebenslauf komme ich dann später noch einmal ausführlicher zurück – nur dass Sie etwas mit ihm anzufangen wissen. Er ist 1886 in Mansfeld geboren, also ein Jahr älter als Georg Trakl, hat ihn aber um 42 Jahre überlebt. 1956 ist er gestorben, als Siebzigjähriger. Ein Pastorensohn aus Westpreußen jenseits der Oder, heute polnisch, aufgewachsen in Sellin.
1912 erschien sein erster Gedichtband Morgue, der ihn mit einem Schlage bekannt machte als einen Wortführer, und zwar den radikalsten Wortführer, des deutschen Expressionismus. Er überwand schließlich diese Periode, fand seinen eigenen spezifischen Ton. Es gab dann einen lange Zeit für unerklärlich gehaltenen Versuch von ihm, einen sehr vehementen Versuch, sich dem Nationalsozialismus anzudienen, der aber von diesen Machthabern ebenso vehement, nach einer kurzen Verblüffungspause, zurückgewiesen wurde. Er war dann verfemt, vergessen. Den größten Teil seines Lebens ernährte er sich nicht als Schriftsteller, sondern als Arzt. Er war Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, auch Militärarzt. Es gibt ein berühmtes Kalkül von ihm, auf der Höhe seines Ruhms der zwanziger Jahre, in dem er nachweist, dass er aus seiner literarischen Laufbahn ein Salär von 4,50 Mark im Monat gezogen habe. Er hat das minutiös belegt . Es waren 950 Mark, die er in 15 Jahren mit seiner literarischen Arbeit verdient hat.
Ein Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, Berlin, Belle-Alliance-Straße 12, Sprechstunde von 11 bis 12 Uhr. In dieser Stadt hat er die größte Zeit sein seines Lebens gelebt, er ist nach 1945 dorthin zurückgekehrt. Der Durchbruch zu seinem europäischen Ruhm kam in den letzten acht Jahren seines Lebens. Aus einer schon völligen Vergessenheit und Verfemtheit heraus gelang ihm ein kometenhaft steiler Aufstieg, der bis heute anhält. Unbestritten ist er einer der Großen der europäischen Literatur. Sein Werk liegt gesammelt vor, in der Taschenbuchausgabe sind es acht Bände. Bekannt geworden ist er vor allem durch Lyrik und durch eine Essayistik, zu der ich auch seine Prosa zählen würde, und sehr merkwürdige szenische Versuche, die man als Hörspiele deklarieren kann. Kurzum, das alles ist eine essayistische Form, sich auszudrücken. Die Sekundärliteratur über ihn ist unterdessen zu einem Berg angeschwollen, den man kaum mehr bewältigen kann.
Uns soll er jetzt vor allem interessieren als Dichter und Einbringer eines ganz eigenen, unverwechselbaren Tons in die deutsche Literatur.
Ich mache es jetzt wieder so, wie ich es damals mit dem Trakl gemacht habe. Ich habe mir am Anfang ein Gedicht ausgesucht, zu dem ich Ihnen vorher nichts zu sagen brauche, weil es sich eigentlich von selbst versteht. Bei anderen, den schwierigeren Gedichten – und seine Gedichte sind schwierig –, gebe ich am Anfang eine Inhaltsübersicht, dass sie wissen, worum es da geht, dass das nicht einfach so vorbei- und dahinrauscht. Dieses Gedicht heißt „Jena“. Die Stadt spielt in seinem Leben eine sehr wichtige Rolle. Seine Mutter, an der er sehr hing, war dort gewesen und suchte – vergeblich – Heilung von einem Krebsleiden. Seine erste Frau war dort gestorben. Er war dreimal verheiratet, Frauen spielen eine große Rolle in seinem Leben. Er hat eine Tochter, Nele, die dann nach Dänemark kam. Jena war die Stadt, in der sein Stern in der Psychiatrie gelegen hatte – Friedrich Nietzsche. Benn kam unmittelbar von Nietzsche her, das war sein Gott. Auf dieses Jena macht er jetzt also ein Gedicht.
Eines will ich noch dazu sagen: Benn hatte Schwierigkeiten mit Schlüssen. Es gibt viele Gedichte von ihm, die großartige Gedichte sind und einen grauenvollen Schluss haben. Warum das so ist, kann ich Ihnen, glaube ich, erklären. Das gilt auch für dieses Gedicht. Es ist ein wunderschönes Gedicht, ich würde es in jedes Lesebuch deutscher Lyrik aufnehmen, bis auf den Schluss, da fällt es bodenlos herunter, wird schrecklich banal und man braucht den Ausdruck Kitsch nicht zu scheuen.
JENA
„Jena vor uns im lieblichen Tale“
schrieb meine Mutter von einer Tour
auf einer Karte vom Ufer der Saale,
sie war in Kösen im Sommer zur Kur;
nun längst vergessen, erloschen die Ahne,
selbst ihre Handschrift, Graphologie,
Jahre des Werdens, Jahre der Wahne,
nur diese Worte vergesse ich nie.
Es war kein berühmtes Bild, keine Klasse,
für lieblich sah man wenig blühn,
schlechtes Papier, keine holzfreie Masse,
auch waren die Berge nicht rebengrün,
doch kam man vom Lande, von kleinen Hütten,
so waren die Täler wohl lieblich und schön,
man brauchte nicht Farbdruck, man brauchte nicht Bütten,
man glaubte, auch andere würden es sehn.
Es war wohl ein Wort von hoher Warte,
ein Ausruf hatte die Hand geführt,
sie bat den Kellner um eine Karte,
so hatte die Landschaft sie berührt,
und doch – wie oben – erlosch die Ahne
und das gilt allen und auch für den,
die – Jahre der Werdens, Jahre der Wahne –
heute die Stadt im Tale sehn.
Ein zerzogener, absolut banaler Schluss, im Sinne von: Wir sind alle sterblich. Sonst ein wunderschönes Gedicht, das ich gerne in Jena rezitiere. In diesem Gedicht ist das noch nicht da, was ich diesen unverwechselbaren Benn-Ton nennen möchte. Aber er ist darin vorbereitet, und ich will versuchen, ihnen die Elemente zu zeigen.
Das erste kommt aus der Tradition. Das ist die alte deutsche Lyriktradition. Das hat einen Reim, eine Strophe, gebräuchliche Metren, einen klaren Aufbau. Das zweite ist auch etwas, das ganz aus der Tradition kommt: es hat einen ganz kleinen Bogen. Es ist ein erzählendes Gedicht, es erzählt eigentlich eine Banalität: Alte Frau schreibt eine Karte an die Lieben zu Hause. Das ist alles, und daraus wächst ein Gedicht. Die größten, schönsten, innigsten Gedichte deutscher Sprache wachsen aus diesem ganz kleinen Bogen:
Ich ging im Walde so für mich hin und nichts zu suchen, das war mein Sinn.
Oder „Drei Zigeuner sah ich einmal auf einer Heide“ – da ist weiter gar nichts, ein kleines Vorbeigehen, und es blüht ein Gedicht daraus. Das dritte dieser Benn-Elemente, da fängt er nun an, ganz eigen zu werden, ist ein Ton, den ich als einen Parlando-Ton charakterisieren würde. Das Gedicht kann man so erzählen, wie man sich so unterhält. Man redet das so hin. „Ich ging im Walde so für mich hin“ ist auch so hingesagt, aber jetzt kommt das Eigene: In diesen Ton bringt er Dinge ein, die auch Heine sich nie getraut hätte zu machen.
In dieser Erzählung sind Slangausdrücke: „Für lieblich sah man wenig blühn“ ist ein berlinischer Slang. Er baut Fremdwörter ein, hier bloß eines: Graphologie. Oder ungebräuchliche Wendungen: „Jahre der Wahne“, eine ganz ungebräuchliche Wendung. Wörter aus der Fachsprache: „holzfreie Masse“, „Bütten“ usw., die sonst im allgemeinen keine Wörter lyrischen Vokabulars sind. Und das vierte, was sich hier andeutet, ist ein besonders eindringlicher, beschwörender Ton, der aber gemacht ist mit einem sehr hohen artifiziellen Verstand.
Man kann bei diesen Gedichten ganz genau zeigen, wie sie gebaut sind. Er hat sich immer gegen die Auffassung gewandt, man sei in einer bestimmten Stimmung, und dann entstehe ein Gedicht. Das war auch eine seiner Maximen: Ein Gedicht entsteht sehr selten, ein Gedicht wird gemacht – mit Hirnarbeit, mit Verstandesarbeit, mit einem sehr hohen artistischen, artifiziellen Raffinement, in einer Art und Weise, die man am besten beschreiben kann mit dem Wort Montage. Diese Dinge, wie „Für lieblich sah man wenig blühn“, „Graphologie“, die sind in dieses Gedicht montiert. In diesem Gedicht ist es nur im Ansatz sichtbar.
(…)
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Nachbemerkung
Die Formel, von der ich in den Zweiundzwanzig Tagen nicht mehr loskomme, ist von Gottfried Benn:
Übernehmen Sie ruhig die Aufgaben einer Teilfunktion, die aber versorgen Sie gewissenhaft.
Sie steht im Zeichen einer Spezialisierung und Arbeitsteilung, diesmal schon innerhalb der Literatur. Der Schriftsteller soll das Seine finden in dem, was er zur Literatur beiträgt, sein Thema, seine Aussage, seine Erfahrung.1
Diese Sätze schrieb Franz Fühmann in sein literarisches Tagebuch Zweiundzwanzig Tage oder die Hälfte des Lebens (1973), das er als seinen „eigentlichen Eintritt in die Literatur“ bezeichnete;2 es markiert einen tiefen Bruch in Fühmanns Biografie: den Wechsel von einer retrospektiv-didaktischen Schreibhaltung zu einer der (auto)kathartischen Radikalität.
Gottfried Benns Gedichten war Fühmann erstmals kurz nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion begegnet. Dieser Dichter war für ihn wichtig wie sonst wohl nur noch Georg Trakl, dem Fühmann seinen großen Essay Vor Feuerschlünden. Erfahrung mit Georg Trakls Gedicht widmete, auch der eine radikale Lebensbilanz wie die Zweiundzwanzig Tage. Ein Trakl-Buch konnte Fühmann 1981, im Jahr seiner Benn-Rede, bei Reclam Leipzig herausgeben, von Benn durften zu Fühmanns Lebzeiten in der DDR nur in Anthologien einige Texte gedruckt werden.
Auch Fühmann hatte als Lyriker begonnen, schon vor 1945 waren Gedichte von ihm erschienen:
Gedichte eines jungen Faschisten, der aber insgeheim und uneingestanden ein tiefes Unbehagen und Grauen verspürte. Es war ein seltsamer Vorgang: Ich war im Unbewußten viel weiter als im Bewußtsein. Nazideutschland stand auf der Höhe seiner Siege, aber in meinen Versen ging dauernd die Welt unter, alles verbrannte, alles verkohlte. – Das Seltsamste aber war, daß ich diesen Widerspruch gar nicht empfand.3
Die lyrischen Vorbilder Weinheber, Rilke, George und Hölderlin klangen noch kräftig nach, bald aber sollte Benn für Fühmann geradezu ein „Übervater“ werden:
Die meisten der Gedichte, die nach der Chruschtschow-Rede bei mir durchbrachen, enthielten Bilder von Gefährdungen, von Erschütterungen […] Dies alles im Benn-Ton.4
Für den Lyrikband der Werkausgabe (1978) ließ Fühmann gerade noch fünfundzwanzig Texte gelten. Ab Ende der fünfziger Jahre publizierte er keine Gedichte mehr, der Lyrik widmete er sich nur noch als Nachdichter – und als Essayist.
Biografisches als Resonanzraum für Erfahrung, aus der Kunst wird, war für Fühmann stets ein Schlüssel für den Zugang zur Dichtung. In seiner Rede beschreibt er bemerkenswerte Parallelen zwischen Benns und seiner eigenen Biografie und Poetologie, allerdings ohne auf Letztere hinzuweisen: Die frühe Verführbarkeit durch den Faschismus, „ein altes Thema von ihm: die zwei Mächte, die historische Macht und die Macht der Dichtung“, das kathartische als zentrales Kunstprinzip, „der Einbruch der Mythen“, eine Neigung zum Essayistischen, die Verachtung gegenüber jenen, „die alles von einem Prinzip her erklären wollen“… Ein Jahr später nennt Fühmann in einem Brief noch das „Sich-Hinwegtäuschen-Wollen über Offensichtliches“.5 Ob Fühmanns Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens neben Hölderlins Bilanzgedicht auch Benns 22 Gedichte zitieren, lässt sich nicht nachweisen, nach der Lektüre dieser Rede ist es aber denkbar.
Im Dezember 1981, wenige Wochen nach der Benn-Rede Fühmanns, trafen sich Schriftsteller aus Ost und West zur „Berliner Begegnung zur Friedensförderung“. Die Hochrüstung, so sei erinnert, hatte mit den Beschlüssen zur Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen in Ost- und Westeuropa einen beängstigenden Höhepunkt erreicht: „Es ist ein tragisches Paradox“, so Fühmann in seiner dortigen Rede, „daß die Menschheit imstande wäre, sich zu vernichten, bevor sie sich noch gebildet hat.“ Die letzten Sätze seines Beitrags lauten (durchaus mit Bezug auf die Bennsche „Teilfunktion“):
Die Grundlage allen Vertrauens ist Wahrhaftigkeit: sie beginnt immer als Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst. […] Der Lüge da, wo man wirkt, den Krieg anzusagen, das ist das Wesentliche, das Wenige wie das Viele, das der Schriftsteller für den Frieden tun kann.6
Wie stets bei Fühmann kann man sich in einzelnen Sätzen, Wendungen, Worten verlieren, rufen diese doch Bezüge zu anderen Texten auf – Wahrheit und Wahrhaftigkeit als philosophisches wie biografisches Problem wäre so etwas, hier soll nur kurz auf die Verwendung des Ausdrucks „Zaubersprüche“ für Benns Verse verwiesen werden: Als „Vademecum für Leser von Zaubersprüchen“ titelte ein Essay zu Sarah Kirsch; jene hatte 1977 die DDR verlassen. Womit zwei Seiten von Fühmanns Bemühungen aufgerufen sind, die ihm ebenso wichtig waren wie das eigene Werk: Mit außerordentlicher Energie setzte er sich für die Veröffentlichung bedeutsamer Texte der Geistesgeschichte und der Gegenwart ein, insbesondere für jüngere Autoren aus der DDR, die nicht oder kaum verlegt wurden, für Uwe Kolbe etwa, auch für Wolfgang Hilbig, ein schmales Bändchen von Sigmund Freud erschien nach aufreibenden Kämpfen mit den Kultur-Oberen der DDR, die Trakl-Gedichtauswahl, bei anderen war der Kampf gegen die Windmühlen der Doktrin vergeblich.
Manche Schlenker in Fühmanns Benn-Rede mögen heute merkwürdig erscheinen: Noch immer aber, dies bedenke man, wollte er (Veröffentlichungs-)Brücken für Gottfried Benn in der DDR bauen, auch für den ängstlichen wie den doktrinären DDR-Funktionär. Und dies über Jahrzehnte hinweg: Schon im September 1956, wenige Wochen nach dem Tod Benns, hatte er an Ludvík Kundera geschrieben, dass er einen Essay über Benn verfassen wolle; kurz darauf schlug er dem Parteivorstand der NDPD vor, eine „Bibliothek des 20. Jahrhunderts“ herauszugeben, in der neben Benn auch Nietzsche oder T.S. Eliot vertreten sein sollten.7
Die Veröffentlichung eines Gedichtbandes von Gottfried Benn in der DDR erlebte Franz Fühmann nicht mehr, ein Auswahl-Band mit Benns Gedichten erschien zwei Jahre nach dem Tod Fühmanns, drei Jahre vor dem Untergang der DDR.
Jürgen Krätzer, Nachwort
Franz Fühmann spricht
über Gottfried Benn, der für ihn einer der „größten deutschen Lyriker in diesem Jahrhundert“ ist. Er spricht 1981 in der DDR vor einem Publikum, das Benns Bücher nicht kaufen konnte und seine Gedichte kaum kannte.
Fühmann, selbst ein Schriftsteller, der sich seine eigenen politischen Irrtümer nicht verzeihen konnte, sah in Benn insofern auch einen Gefährten. Er liest seine Gedichte als Kollege: Wie sind sie gemacht? Wie sind sie zu verstehen?
Wallstein Verlag, Klappentext, 2018
Verdichtung und moralischer Befund
– Franz Fühmann über Gottfried Benn: Ein Vortrag aus überschäumender Belesenheit liegt nun gedruckt vor. –
Benn gibt Gründe, Fragen zu stellen. Franz Fühmann entwirft 1981 in freier Rede das dualistische Bild von einem „der größten deutschen Lyriker“. Kein hellauf öffentlicher Auftritt, mehr Gegenkultur. Er spricht in den Samariteranstalten Fürstenwalde, einer kirchlichen Einrichtung zur Betreuung geistig Behinderter in Brandenburg. Dieser Vortrag muss für die Zuhörer wie die Teilhabe an etwas Verbotenem gewesen sein.
Benn, Jahrgang 1886 und radikaler Expressionist, schien im entscheidenden Jahr 1933 ganz Richtung geworden zu sein. Fühmann hält diesen „für unerklärlich gehaltenen Versuch“, sich den Nazis anzudienen, nur für einen der Anlässe, den Dichter in der DDR unter Verdikt zu stellen. Nicht zuletzt stoße der „spezifische Ton“ seiner Gedichte auf Ablehnung. Der im „Leseland“ ungedruckte Benn bleibt „eine der schmerzlichsten Lücken, die es bei uns gibt“. Was Fühmann mit Georg Trakl gelang, eine von ihm kommentierte Ausgabe durchzusetzen, bleibt für Benn verwehrt, dessen erster Lyrikband erscheint im Ländchen erst 1986, zwei Jahre nach Fühmanns Tod.
Der Benn-Ton habe die Wege verstellt. Auch die Nazis taten sich damit schwer. Seine Dichtung rettete den sich einlassenden Dichter. Nach einer „kurzen Verblüffungspause“ hieß es auch dort:
Nein, der nicht!
Benn hatte die „Drecksarbeit in der Akademie“ verübt, galt aber weiter als „entartet“, bekam Berufsverbot. Fühmann beschreibt die Kehrtwendung mit skrupulöser Genauigkeit, treibt die Unschuldsvermutung nicht zu weit. Zwei Jahre nach dem Machtantritt ließ Benn sich als Heeresarzt reaktivieren, nicht ohne das für eine „aristokratische Form der Emigration“ zu halten, diente fortan in der Etappe und schrieb sich „seine Wut auf die Nazis vom Leibe“. Einziger Leser: der Bremer Kaufmann Oelze.
Fühmann, Jahrgang 1922, kennt wie Benn lastende Vergangenheit, hatte sich früh in der NS-Ideologie verfangen, in Goebbels’ Wochenblatt Das Reich erschienen Gedichte von ihm. In der Umkehrung folgte er sozialistischen Verheißungen, bis er erkannte, das Gegenteil eines Fehlers ist wieder ein Fehler. Aber anders als Benn war er zu kritischer Selbstaussage, zur Legendenzerstörung fähig. Und bleibt doch immer der um die Höhe der Dichtung wissende Kollege:
… ein großer Dichter ist er auch dann, wenn er eine…, sagen wir es deutlich, reaktionäre Position vertritt.
Fühmann schafft aus überschäumender Belesenheit ordnende Verdichtung. Sein Befund ist kein moralischer, es ist ein poetischer. Einzelne Gedichte wie „Jena“, „Am Saum des nordischen Meers“, „Schutt“, „Aus Fernen, aus Reichen“, aber auch „Dennoch die Schwerter halten“ und „Den jungen Leuten“ werden zum Exempel. Fühmann spricht über Metren, Gedicht-Bögen und fortgesetzt über den „unverwechselbaren“ Ton. Immer unbefangen:
Benn hatte Schwierigkeiten mit Schlüssen.
So entsteht das Benn’sche Labyrinth in wenigen Worten. Über unterschiedliche Ebenen und Stufen kommt dieser imposante Dichter auch Unkundigen nahe. Fühmann rafft Leben und Werk, lässt wenig außer Acht. Dieser Vortrag setzt ein mitwirkendes Unterscheiden voraus. An die Stelle der Abrechnung tritt das Erbe. Ein übertragenes Tondokument, das in Fühmanns Werkausgabe nicht enthalten ist.
Ärgerlich, von Satzfehlern sind auch Benns Gedichte nicht verschont, nicht alles ist der unzulänglichen Vorlage in Gunnar Deckers Fühmann-Biographie anzulasten. Was bleibt: Ein beispielhaftes Benn-Bild mit Rahmen. Ein Glanzstück ostdeutscher Gegenkultur.
Jürgen Verdofsky, Frankfurter Rundschau, 27.6.2018
Ein typischer Fühmann
Gottfried Benn, dem Objekt dieser Rede Franz Fühmanns begegnete ich erstmals in dem Reclamband Sekunde durch Hirn, in dem seine Gedichte mit Texten von Zech, Heym und Johannes R. Becher neben anderen Expressionisten vereint erschienen, dies 1987, lange nach dem Tod Benns. Aufmerksam auf die außergewöhnliche Qualität der Gedichte wurde ich schon damals, ohne die Besonderheit so perfekt zu analysieren, wie es Franz Fühmann vermochte. Seine Herangehensweise zeigte sich schon in dem vom Hinstorff Verlag veröffentlichten Essay über Georg Trakl.
Die Rede Fühmanns konnte bei der Ablehnung des Autors Benn, die dieser so lange erfahren hat, 1981 nicht veröffentlicht werden. Sie wurde gehalten vor einem Publikum, welches zu diesem Zeitpunkt so gut wie keinen Zugang zum lyrischen Werk Benns hatte. Dem trug Franz Fühmann Rechnung. Er bezog die Texte Benns als Beispiel in seine Rede ein, deklamierte und erklärte. Er erwies sich in der Rede als Meister der Sprache auch im Redefluss mit assoziativer Wucht. Er band Benns Anbiederung an den Nationalsozialismus, seinen, Fühmanns kritischen Blick auf die eigenen Fehler im Leben, die Position Noldes in der bildenden Kunst mit ein, stellte dem die Ablehnung der Gedichte durch die Nationalsozialisten als „entartet“ gegenüber und analysierte sie sodann, wobei er seinem Publikum zugleich seine Methodik erklärte, somit das Handwerkszeug an die Hand gab, sich selbst diese und andere Texte zu erschließen.
Fühmann zeigt die Besonderheiten, das Neue, das Gewaltige dieser vielfach düsteren Lyrik auf. Als Beispiel angeführt sei hier nur die Verwendung von Anglizismen, die sich selbst einem der Sprache unkundigen durch das Lautmalerische und den Kontext erschließen. Natürlich greift Fühmann auch das Mythische auf, unabdingbar bei den Bezügen, die sich bei Benns Texten zu den ältesten Überlieferungen der Menschheit ergeben. Fühmann bringt dies in Bezug zum Lebensumfeld des Dichters, zu seiner Reaktion dazu, montiert diese Bausteine eines Gesamtbildes so, wie Benn nach der fühmannschen Analyse seine Gedichte montierte. Ein spannender literarischer Text von nur 40 Seiten versehen mit einem Nachwort von Jürgen Krätzer, welcher den Bezug zum Schaffen Fühmanns, zur Rezeption des Werkes Gottfried Benns darin herzustellen versucht. Ergänzt wird dies noch mit einem Fotoabdruck eines Stichwortzettels, offensichtlich eine Grundlage der Rede, der vom Archiv der Akademie der Künste, Franz-Fühmann-Archiv für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt wurde. Wie sind Benns Gedichte zu verstehen? Hier ist die Antwort zu finden. Exzellent!
Exlibris, amazon.de, 23.5.2019
Weitere Beiträge zu diesem Buch:
Volker Riedel: Franz Fühmann: Über Gottfried Benn
informationsmittel-fuer-bibliotheken.de
Stephan Krause: Eine Fühmann-Renaissance!
literaturkritik.de., April 2018
Katharina Riese: „Über Gottfried Benn“: Böhmen liegt an der Ostsee
Die Presse, 29.3.2019
Leslie Meiers Lyrik-Schlachthof [X] Benn-Epigonen
Wenn uns heute der Einfluß Benns auf die Lyrik der Gegenwart beschäftigen soll, so steht zuerst einmal fest, daß der Bennsche Vers heute noch soviel Sog und Suggestion besitzt, um die gegenläufigsten Charaktere und Temperamente tief zu beeindrucken, daß da eine Art zu formulieren vorliegt, die, obwohl aus einer dreißig bis vierzig Jahre zurückliegenden Zeit herzuleiten, gegenwärtig noch von genügend attraktiver Gewalt ist, um einen Komplex von drei Generationen zu beeinflussen, vielleicht zu bevormunden, vielleicht über Wasser zu halten, einzelne Leute aber so im Ton zu determinieren, daß man von Anregung weniger zu sprechen geneigt ist als von Plagiaten.
„Faszination“ war das Wort, das Benn in die Debatte warf, nachdem Lange-Eichbaum es in seiner Soziologie des Ruhms wiederholt angewandt hatte, „Faszination“ ist aber auch die Kernformel, die das Verhältnis Benn-Nachfolger am ehesten trifft, man ist gebannt wie das Kaninchen von der Schlange, man verfällt der hypnotischen Hymnik, der Süße und Intensität seiner Formeln, von Lernen, Schulung und Anregung kann nicht mehr die Rede sein, hier wird geprägt und paralysiert, und dem Nachfolger verschlägts grundsätzlich die Sprache und den Eigenton – „die Esse aus Haschisch und Meten / und Kraut und das delphische Lied / vom Zuge der Auleten / wenn er am Gott verschied“ –.
(…)
Benn ist eine Droge. Unbewältigter Benn macht süchtig. Süchtig und abhängig, und es nutzt wenig, wenn einer versucht, über Stoffliches seine dichterische Selbständigkeit zu dokumentieren und über Änderungen im Gehalt, sich der Narkose zu entziehen. Ich nehme und führe vor als illustratives Beispiel den Ostautor Franz Fühmann, Jahrgang 1922, hierzuland kaum erwähnt, drüben Vorstandsmitglied der NDPD und des Präsidiums des Deutschen Schriftstellerverbandes. Auch Fühmann übernimmt die unumprägbare Benn-Strophe und siedelt sie jenseits der Zonengrenze an. Das gibt dann als Frucht und Resultat reziproken Benn, also nicht mehr: Zurück zum Silur und „O, daß wir unsere Ururahnen wären“, sondern Entwicklungstheorie mit positiv-Pathos: vom Saurier zum Sozialismus.
Ich sehe Gras und Bläue
und Menschen, die aufrecht gehn,
stürmende, stolze, auch scheue,
schöne Menschen kann ich sehn,
die werden die Worte deuten,
unsichtbare, in Moder und Moos,
von den armen, den kleinen Leuten,
von den Seelen, reich und groß.
Gleichsam unterwanderter Benn, der Fellowtraveller hat sich angehängt und läßt sich mitziehen, treiben auf der entliehenen Trägerschwingung. Aber woher das kommt, auf welchen Ast das gepfropft wurde, das muß man gelesen und verglichen haben, das will geschmeckt und gehört sein.
Die Welten trinken und tränken
sich Rausch zu neuem Raum
und die letzten Quartäre versenken
den ptolemäischen Traum.
Verfall, Verflammen, Verfehlen
in toxische Sphären, kalt,
noch einige stygische Seelen,
einsame, hoch und alt.
Ein Vergleich der Vokabelbestände scheint allerdings auf den ersten Blick wenig für unsere Untersuchung herzugeben, wenngleich hervorgehoben werden muß, daß man in anderen Strophen Fühmanns sehr wohl auch den Vokabelimport beobachtet und durchaus bennanaloge Wortgruppierungen in Menge findet, aufschlußreicher ist jedoch ein Blick auf den melogenen Satzverlauf, auf Beziehungen zwischen Syntaktik und Klangfarbe, auf den Gebrauch bestimmter rhetorischer Figuren. Ich erlaube mir einige Konfrontierungen und gebe, in Ermangelung der Zeit und des Platzes, der Evidenz den Vorrang vor der Erläuterung.
Fühmann: „Ich sehe Gras und Bläue“
Benn: „Die Welten trinken und tränken“
Fühmann: „Ich sehe Gras und Bläue“
Benn: „Sieht man das Meer und die Masten“
„Hauch von Schaufeln und Feuer“
Fühmann: „stürmende, stolze, auch scheue,“
Benn: „Verfall, Verflammen, Verfehlen“
Fühmann: „Die werden die Worte deuten“
Benn: „Und eine Schar Gestalten winkt,
die mähet Blut und säet Erde“
„eine große, schöne Hand,
die wird mich nicht berühren“
„die litten wir“
„die haben etwas erreicht“
Fühmann: „stürmende, stolze, auch scheue“
Benn: „geschmuggelt, gebrannt, geschunden“
„den Mond, die Matte, den Tau“
„Der Himmel, das Licht, der Flor“
„Die Fluten, die Flammen, die Fragen“
„Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere“
Fühmann: „die werden die Worte deuten,
unsichtbare, in Moder und Moos“
Benn: „mit Steingebilden, losen“
„Durch den Isthmus, griechisch, die Wachen“
„Ebenbild, inferniertes“
„Schlafdorn, Mohnkelch, frische“
Fühmann: „Moder und Moos“
Benn: „Wunder und Weihen“
„Schmerz und Schaden“
„Das Meer und die Masten“
Fühmann: „von den armen, den kleinen Leuten,
von den Seelen, reich und groß“
Benn: „Immer nur Reste,
immer nur Niobe“
„Wenn Vergang der Zeiten,
wenn die Stunde stockt“
„Was bist du dann, du Weichgestänge,
was hast du seelisch eingesetzt?“
„Wie von Mord gesunken,
wie mit Tod verbracht“
„Ich lasse mich zerfallen,
ich bleibe dem Ende nah“
Fühmann: „und Menschen, die aufrecht gehn,
………………………………………………………
schöne Menschen kann ich sehn.“
Benn: „War deine Mutter im Haine
………………………………………………………
trug deine Mutter alleine“
Fühmann: „Seelen, reich und groß“
Benn: „Seelen, einsame, hoch und alt.“
Ich habe mir also die Mühe gemacht, zu belegen, daß all die Formphänomene, die dem Fühmannschen Opus ihre Klangfarbe geben (Alliteration, syndetische und asyndetische Reihung, anaphorische Anknüpfung etc.), bei Benn nicht nur nachzuweisen sind, sondern daß sich aus ihnen und ihrer Kombination der ganz spezielle Benn-Ton herleitet, ein ganz besonderes und damit besonders vorbelastetes klangliches Klima, das tatsächlich nicht übernommen und anderen Inhalten, sondern nur plagiiert werden kann.
Um an dieser Stelle einige Ratgabe über den eisernen Vorhang zu lancieren: Daß von Benn gelernt wird, Kunsttheoretisches und Methodisches, ist unschätzbar und begrüßenswert, wo man aber annimmt, daß die direkte Potenzanleihe der entfleischten Bau- und Bodenlyrik wieder hochhelfen könne, daß die Transplantation gesunden Versgewebes auf die daniederliegende Positiv-Lyrik dieser an Mark beitragen könne, dann muß schlicht und brutal bemerkt werden, daß, gleich kümmerlich wie das unumkopierte Plagiat, jenes Drohnentum erscheint, das beim Towarischtsch Monomanen, das bei Nihilistens holen geht, was ihm trotz aller Gestikulation im „Positiven“ abgeht: Kraft und Klang. So nämlich sticht nur ins Auge, daß zwar die zitierten schönen Menschen aufrecht gehen, nicht aber, daß Verse aus eigener Schönheit sich an eigenem sprachlichen Rückgrat aufrecht halten.
Leslie Meier (das ist Peter Rühmkorf), Erstdruck Konkret, Nr. 9, 1957
Begegnung mit interessanten Geistern
Eines Abends hatte ich Langeweile. Ich ging in ein Café in der Nähe des Belle-Alliance-Platzes. Das Café war ziemlich überfüllt. Vielleicht war dies der Grund, daß ich mich an einen Tisch zu einer Dame setzte. Sie war das, was man eine Nutte nennt. Ich wähle diesen Ausdruck absichtlich. Denn dieser für die Gattung, die er bezeichnen soll, ursprünglich hervorragend geeignete Ausdruck wird heute dauernd mißbraucht. Nutten sind keine Huren. Huren sind Professionals. Sie leben von ihrem Gewerbe, werden kontrolliert, und sie haben sich damit selbst, freiwillig, aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen.
Nutten tun das keineswegs. Nutten sind Frauen, die leicht für die Liebe zu gewinnen sind, aber nicht für feste Preise. Sie nehmen ein Liebesabenteuer nicht tragisch. Und doch ist es immer ein Liebesabenteuer und kein Geschäft, wenn sie sich einem Mann hingeben. Natürlich freuen sie sich, wenn sie eingeladen werden. Sie sind auch, finanziell gesehen, im Gegensatz zu den meisten Huren schlechter gestellt. Aber sie haben mit den Damen der Profession nicht das geringste zu tun. Sie sind nicht raffiniert und nicht ausgekocht. Wenn sie Bekanntschaften suchen, so weit mehr um des Vergnügens als um irgendwelcher Vorteile willen. Die Verwechslung mit Huren brauchen die Nutten sich nicht gefallen zu lassen.
Daß ich – ich war damals noch kein Greis – mit diesem jungen Mädchen am Belle-Alliance-Platz ins Gespräch kam, ist nicht verwunderlich. Diese Frauen sind gesprächig. Wenn einer nicht übel, also ganz übel aussieht, denken sie:
Na, vielleicht kann man mit dem wenigstens ins Kino gehen!
Auf jeden Fall führt eine Unterhaltung dazu, daß man für „sie“ den Kaffee zahlt. Offen sind diese Mädchen auch. Ihr Mißtrauen bewegt sich auf anderer Ebene. Ihre Geheimnisse geben sie gern preis. Und dieses Mädchen am Belle-Alliance-Platz machte kein Hehl daraus, daß es häufig zu einem Arzt ging. „Sicher ist sicher“, meinte sie. Nicht aus Neugierde, sondern nur um etwas zu sagen, fragte ich, wie der Arztheiße. „Ach“, antwortete sie lächelnd, „den kennen Sie doch nicht. Den kennen nur wir. Er ist ein netter Mann. Ein gewisser Dr. Benn.“ So sahen ihn diese Frauen, und er wollte, daß sie ihn so sahen.
Der Dichter Gottfried Benn, damals noch nicht weltberühmt, aber für geistig Interessierte schon ein Begriff, legte keinen Wert darauf, Prominente zu seinen Klienten zu zählen. Kam ein guter Freund mit einer kleinen Hautgeschichte oder mit etwas anderem zu ihm, so behandelte er ihn. Aber ungern. Als Arzt wollte er anonym bleiben. Und die Mädchen, die keine Ahnung hatten, vor wem sie standen, waren dafür „richtig“. Sie brachten ihm das bißchen Geld, das er zum Leben brauchte. Daß man vom Dichten nicht leben kann, darüber hatte er sich gerade in einem Artikel in der Weltbühne verbreitet.
Wenn Gottfried Benn zu uns kam, zu mir und meiner Frau, die ihn länger kannte als ich, dann kam nicht der kleine Doktor, der in einer Zwei- oder Drei-Zimmer-Wohnung am Halleschen Tor wohnte, und es kam auch nicht der Dichter Gottfried Benn. Es kam der wohlerzogene Sohn eines märkischen Pastors, der sich wie ein Kandidat verbeugte und dem man anmerkte, welche Mühe er sich gab, gute Manieren zu zeigen. Und das hatte einen guten Grund. Besonders dann, wenn die Gäste bereits versammelt waren, einerlei, ob er sie kannte oder nicht. Denn sein Benehmen war ein Tarnungsmanöver. Benn war ein genialer Mensch, und er wußte es. Ich wenigstens bin heute noch davon überzeugt, daß von allen Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, Benn mit Abstand der genialste gewesen ist. Aber er schämte sich, wie fast jeder große Künstler, der anrüchigen Beschäftigung, die das Dichten nun einmal ist. Er war nicht stolz auf seine geistige Leistung, sondern auf die Tatsache, daß er sich rechtschaffen durch einen bürgerlichen Beruf ernährte. Nichts war ihm verhaßter als die Bohème. Vielleicht ist das nicht richtig ausgedrückt. Denn er verehrte ja die Else Lasker-Schüler. Man muß vielleicht sagen: er wollte kein Bohèmien sein. Wie Frank Wedekind mimte er den Bürger, im Gegensatz zu Thomas Mann, der ja ein Bürger war.
Bürger sind nichts Verächtliches. Sonst würden die abseitigen, scheuen Geister die Bürgerlichkeit nicht suchen. Thomas Mann, dem wohl niemand die Größe bestreiten wird, der so begnadet war, daß ihn nichts zwang, aus der Bürgerlichkeit auszutreten, blieb in dieser Beziehung ein unerreichbares Ideal. Außerdem war Thomas Mann ein Herr. Weder Benn noch Wedekind waren Herren. Es ist eigenartig, daß selbst geniale Männer, an die geistig nur wenige heranreichen, wenn sie aus kleinen Verhältnissen stammen, auch kleine Leute bleiben, und daß geborene Herren, wie Thomas Mann und Heinrich Mann, in einer vornehmen bürgerlichen Sphäre aufgewachsen, nichts von ihrer Würde einbüßen. Heinrich Mann und Gottfried Benn habe ich miteinander bekannt gemacht, und die Begegnung zwischen den beiden war für mich ein großes Erlebnis. Ich hielt unzweifelhaft Gottfried Benn für den überragenderen und den bedeutenderen Geist. Wenn beide in kleinem Kreis beisammen saßen, unterschieden sie sich nicht sonderlich. Aber in einem größeren Kreis wurde der Unterschied deutlich. Da stand der weltmännisch gewandte, völlig überlegene Heinrich Mann, immer auch vom äußeren Glanz des Ruhmes besser angestrahlt, dem Mann gegenüber, der wunderbare Gedichte machte und Essays schrieb, von denen Heinrich Mann nicht eine Zeile fertigbekommen hätte, ergeben angewärmt vom Glanz des Ruhmes des Berühmteren und höher Geborenen.
Wenn Benn nicht allein, oder wenn er im vertrauten Kreis war, verließ ihn nie sein spöttisches Lächeln. Da stand er und rieb, wie es seine Gewohnheit war, die Fingernägel aneinander, Heinrich Mann nahm die Politik ernst. Benn nicht Thomas Mann nahm sich selbst ernst, ernster vermutlich als die Dinge, um die es ging. Ob Gottfried Benn sich ernst nahm oder nur sein dichterisches Handwerk – ich bin nicht dahinter gekommen. Denn Gottfried Benn, ohne irgend eine rechte Achtung, wenn auch nicht ohne Respekt vor irgend etwas auf der Welt, vergötterte sein Handwerk. Denn Dichten ist Handwerk. Kunst ist keine Stimmungssache. Kunst machen bedeutet Schweiß, Anstrengung, Verzicht auf Freuden dieses Lebens, tiefe Konzentration, und es bedeutet Können und Wissen darum, wie es „gemacht“ werden muß.
Im Grunde genommen war es wohl dieses Wissen, was Benn mit Heinrich Mann verband. Sonst hatten beide nichts, was sie verwandt machte. Aber das ist ja unter Künstlern gemeinhin auch alles. Das Wesen des anderen mag fremd bleiben. Das Wissen und die Ablehnung des wirklichen Künstlers gegen die Leute, die glaubten, sich den Mantel der Unbürgerlichkeit umhängen zu sollen, oder die meinten, man sei als Künstler dazu berufen, Außenseiter der Gesellschaft zu sein und es durch widerwärtiges Verhalten auch beweisen zu müssen – das war es, was Heinrich Mann und Gottfried Benn verband. Schulden machen und auf Kosten anderer leben, weil man glaubte, als Künstler darauf ein Anrecht zu haben, perverse Regungen zu zeigen, weil man nicht zu den Spießern gehörte, war eine Lebensauffassung, welche sich die leisten konnten, die ungebadet, ungekämmt, mit langen Haaren in einer bestimmten Art von Caféhäusern ihr Leben verbrachten. Im Café Luitpold in München saßen Henrik Ibsen und Heinrich Mann, Ehrenmänner auch nach bürgerlichen Begriffen. Armut ist das Ehrenkleid der Bettelmönche, aber nicht das der großen Geister.
Gottfried Benn schrieb seine Gedichte auf dem Tisch, auf dem die Uringläser standen und die Tripperspritzen lagen.
Bei dem dichtenden Arzt Alfred Döblin, der den Roman vom Franz Biberkopf Berlin – Alexanderplatz schrieb, sah es nicht anders aus. Nur wimmelten dort noch die Kinder dem dichtenden Vater um die Beine herum. Auch hier wurde kein Pfennig mehr ausgegeben als eingenommen wurde. Nur war die bürgerliche Arbeit, die einen ernährte, das Herumdoktern an Kranken, viel einfacher, viel weniger qualvoll als der Beruf des Dichters.
Als ich Gottfried Benn kennenlernte, kannte ich keines seiner Gedichte. Als er starb, kannte ich einige. Meine Frau kannte fast alle und konnte fast alle auswendig. Und doch war mir, als Gottfried Benn starb, als erlitte ich einen unersetzlichen Verlust. Es gibt Lichter, die gar nicht so dicht bei einem zu brennen brauchen, deren Erlöschen einen aber tief traurig macht. Als den Bankier Carl Fürstenberg einmal einer fragte „Wissen Sie, wer gestorben ist?“ antwortete er: „Mir ist jeder recht.“ Dieser Auffassung schließe ich mich an, vorausgesetzt, daß es sich nicht um Gottfried Benn, um Heinrich oder Thomas Mann handelt.
Mehr Über Gottfried Benn, über Heinrich und Thomas Mann auszusagen, steht mir nicht zu. Vermöchte ich es, gehörte auch ich in die Dichterakademie. Übrigens bereitete es mir seinerzeit Genugtuung, daß ich durch Heinrich Mann die Aufnahme Gottfried Benns in die Dichterakademie erwirken konnte.
Heinz Ullstein, aus: Heinz Ullstein: Spielplatz meines Leben. Erinnerungen, Kindler Verlag, 1961
Volksgenosse, Genosse und Dissident
Er war SA-Mann und Kommunist; er war ein schlechter Dichter und ein hervorragender Lyrik-Interpret; er war preisgekrönter Repräsentant sozialistischer Kulturpolitik und ihr emphatischer Opponent; er liebte die DDR, die er haßte: Franz Fühmann, dessen Leben und Werk Muster sind für Irrtum und Integrität marxistisch inspirierter Lebensläufe.
Seine Kindheit und Jugend hat der 1922 im Sudetenland geborene Kleinbürgersohn eindringlich in dem offen autobiographischen Text Das Judenauto geschildert wie in zahlreichen bekenntnishaften Gesprächen oder Umfrageantworten, in denen er seine Schulzeit als „gute Erziehung zu Auschwitz“ charakterisiert und sich der typischen Abiturarbeit erinnert:
Zu meiner Mathematikprüfung hatte die Berechnung einer Geschoßbahn gehört.
Es gab und gibt wenige seiner Generationsgefährten, die so rücksichtslos die Verführung zum eigenen Versagen offengelegt haben:
Ich gehöre einer Generation an, die über Auschwitz zum Sozialismus gekommen ist. Jahrgang 1922; rüde nationalistisch-faschistische Lebenssphäre (Sudetenland, Vater Begründer der Ortsgruppe der NSDAP in meinem Heimatdorf); Kindheit im „Deutschen Turnverein“ (HJ); „Wir wollen heim ins Reich“; nach der Okkupation SA; „Führer befiehl, wir folgen!“. Angst, zum Kriegseinsatz zu spät zu kommen; freiwillige Meldung, nach dem Abitur 1941 RAD, Wehrmacht, Osten, Süden, Lazarett, Kapitulation, 5 Jahre Kriegsgefangenschaft.
Zu Recht gilt Das Judenauto als Klassiker – ein Bericht, der nicht schont die Verführer (und sei’s der eigene Vater) noch die Verführten. Unvergeßlich die Szene, die der Erzählung den Titel gab: Ein gelbes Auto mit schwarzbärtigen, messerwetzenden, Mädchenblut saufenden Juden fahre durch die Dörfer, war das Gerücht. Der vom Gift der Lüge zerfressene Schüler Franz weiß, daß er selber lügt, als er seine panisch-heldenhafte Flucht vor diesem Auto flunkernd-angeberisch den Mitschülern vorprotzt; die peinliche Berichtigung einer Mitschülerin, sie habe ihn weglaufen sehen vor dem dunkelbraunen Auto ihres Onkels, treibt ihn nicht in die Wachheit, sondern in sich selbst belügenden Trotz:
Ich stürzte aus der Klasse hinaus und rannte aufs Klosett und schloß hinter mir zu; Tränen schossen mir aus den Augen, ich stand eine Weile betäubt im beizenden Chlorgeruch und hatte keinen Gedanken und starrte die schwarzgeteerte, stinkende Wand an und plötzlich wußte ich: Sie waren dran schuld! Sie waren dran schuld, sie, nur sie: Sie hatten alles Schlechte gemacht, was es auf der Welt gibt. […] Sie waren schuld an allem; sie, kein andrer, nur sie! […] Ich schlug die Fäuste vor die Augen und stand im schwarzgeteerten, chlordünstenden Knabenklosett und schrie ihren Namen: „Juden!“ schrie ich und wieder: „Juden!“ und wie das nur klang: „Juden, Juden!“, und ich stand heulend in der Klosettzelle und schrie Juden Juden Juden Juden, und dann erbrach ich mich. Juden. Sie waren schuld. Juden. Ich würgte und ballte die Fäuste. Juden. Juden Juden Juden Juden. Sie waren dran schuld. Ich haßte sie.
Das wird die Arbeiten des späteren Schriftstellers Franz Fühmann prägen: die Methode des Mikroskopierens, unter der sich ein verfilztes Gespinst aus Unwahrheit, Fanatismus, Wegsehen und Mitmachen zum Nährboden von Verbrechen entdeckt. Das war das Material, aus dem man Scheiterhaufen machte; sie ausgebend als lohende Flamme von Verheißung und Befreiung aus nationaler Schmach.
Daß dieser junge Mann begeistert als Freiwilliger zu Hitlers Fahne eilte, als der Krieg losbrach, nimmt nicht wunder. Das werden seltsame Jahre an der Ostfront, buchstäblich Hölderlin, Trakl, E.T.A. Hoffmann im Tornister. Das Ergebnis ist ziemlich ekelhaft: Gehorsam, Wegsehen und Lyrik. Fühmann beginnt in Heinrich Ellermanns Zeitschrift Das Gedicht – Blätter für die Dichtung Gedichte zu publizieren, „abseits der literarischen Rollbahn“, wie er es nennt, sein Vorbild Weinheber auf peinigende Weise nachempfindend. Fühmann selber hat Jahrzehnte später seine frühe Produktion – sogar Das Judenauto – niedriggehängt und sie als „zwischen Selbstironie und affirmativer Pathetik“ wechselnd bezeichnet.
Eigenartigerweise war es Stephan Hermlin, der die Versuche des jungen Soldaten gnädig bedachte:
Sie ließen antikisierende Klänge vernehmen, die den Nazis ins Konzept paßten, die aber auch, man darf es nicht übersehen, das Refugium der Besseren waren. Fühmann hatte sich nicht heroisch gegeben in diesen Gedichten, Abwehr und dunkle, leise Angst sprach aus ihnen, hier war nicht von Jüngerschen Stahlgewittern die Rede, sondern von einer Traklschen Menschheit, vor Feuerschlünden aufgestellt. Was dann kam, hat Fühmann später in dem bedeutenden Gedicht „Die Fahrt nach Stalingrad“ darzustellen versucht.
Das stimmt, wenn man es auf ein historisches „Was dann kam“ reduziert; es stimmt nicht, wenn ein literarischer Aufbruch zu Neuem signalisiert sein sollte. Wir haben es mit einem hochkomplizierten moralisch-politisch-ästhetischen Problem zu tun. In sowjetischer Kriegsgefangenschaft wird gleichsam in Minutenfrist aus dem Volksgenossen der Genosse. Eben noch war die Welt klar erkennbar und determiniert zum Rhythmus von „Es zittern die morschen Knochen […] wenn alles in Scherben fällt […]“. Nun war alles in Scherben gefallen, und es waren die eigenen Knochen, die morsch zitterten – da wird begierig das neue Patentrezept ergriffen, das ganz genau die falschen von den richtigen Zutaten der Geschichte zu trennen weiß.
Im sowjetischen Umerziehungslager jubelt Franz Fühmann nun „endlich, endlich“ – jetzt kenne er die Gesetze der Menschheit, jetzt erst könne er das Warum des eigenen Irrwegs erkennen, jetzt sehe er den Pfad, der nur weiter und aufwärts führe. Schon wieder weiß er – wir schreiben das Jahr 1948/1949 – absolut sicher, „wie die alte Drachensaat des Verbrechens in einem Teil Deutschlands aufs neue hervorbrach. […] Nun aber war gute Kunde gekommen: Im Osten Deutschlands schuf sich das Volk nun seinen Staat“. Nirgendwo ein Wort der Skepsis gegen diesen Kochkurs-Marxismus, gegen die Rapidität des eigenen Umdenkens; Zweifler wie ein Kamerad im Lager werden als negative Nörgler lächerlich gemacht und schließlich gemieden.
Tapfer, ehrbar und plump stapft SA-Mann Fühmann von einem (verlorenen) Paradies ins (verheißene) andere. Tapfer und ehrbar, wenn er die deutsche Schuld notiert, etwa die zweiundzwanzig Briefe eines russischen Übersetzers, des früh verstorbenen Schriftstellers und Literaturkritikers Sergej Lwow, protokollierend:
Daß Du niemals geschossen hast, als Nachrichtensoldat, der nicht mit einem Maschinengewehr, sondern mit der Tastatur seines Fernschreibers rattert, hat mir die Bekanntschaft und Freundschaft mit Dir sehr erleichtert. Ich kenne manche, sogar viele Deutsche Deines und meines Jahrgangs, die auf uns geschossen haben. Ich verstehe die historischen Vorgänge. Ich kann mir alles vorstellen, was dahinter stand. Ich weiß, daß viele von ihnen einen langen und ehrlichen Wandlungsprozeß durchgemacht haben. Und trotzdem: wenn ich mit ihnen spreche, ist der Gedanke an meinen Vater, an meinen Bruder, an meine Freunde und Kameraden, auf die sie geschossen haben, dabei. Und ich möchte ihn auch nicht verdrängen.
Aus dieser Härte befreit Fühmann sich, sowie er seinen neuen Illusionshorizont zimmert, über dem er rosa Wölkchen schaukeln läßt. Noch im Lager in Lettland gratulieren den frisch umgedachten Nazisoldaten Junge Pioniere zur Gründung der DDR – geschildert werden sie wie Pimpfe; der Text verklärt die neue Welt im alten Vokabular wenn nicht der Flakhelfer-Heftchen, dann in dem der Lore-Romane.
Das ist die Austauschbarkeit – um nicht zu sagen: Identität – der Zeichen von Nazikunst und sozialistischem Realismus. Bis hin zu der Perversität der Paradigmen, mit der Gestus und Haltung der Denkmäler am KZ Buchenwald ohne weiteres von Arno Breker sein könnten, falsch-heldenhaft, sind ja architektonische wie bildnerische Sprache in beiden Diktaturen nahezu identisch. Deshalb auch ist das von Stephan Hermlin gelobte Stalingrad-Gedicht Franz Fühmanns ein wahrer Graus; es macht ein großes Sujet klein durch die vokabuläre Niedlichkeit einer schimmernden erlösenden Stadt von silbern Geleucht. Das Gedicht, von dem Fühmann später selbst sagte, es grenze ans Kitschige, produziert Tränen der Peinlichkeit, nicht des Entsetzens:
So schimmert
erlösend die Stadt. Es hebt sich ein silbern Geleucht
am fernen Horizont, ein blendendes Silber,
und hie und da schon neben dem Schienenstrang
zwischen Schlucht und Schlucht ein Gehöft, so wie eine Stille
zwischen den schmetternden Wirbeln schlagender Trommeln,
und freundlich schon in lockerer Saat der Dächer Braun und
Schiefer, und auch schon der Brunnen wartende Wasser,
und Menschen gehen, schlanke Frauen
in derben Röcken, und Kinder, jetzt Lachen, und hinter dem
Hügel: Wie wenn ein Gewand fällt: Die Sagenstadt
Das läßt sich nicht mehr parodieren; ist jeder Würde bar. Da ist kein hohes Gefühl alphabetisiert, sondern Sentimentalität zum Schunkeln gebracht nach der Melodie „Mein schönster Platz auf Erden hier, das ist die Rasenbank am Elterngrab“.
Entsprach dem Blick zurück im Schielen nun Einäugigkeit im Vorausschauen? Wie formulierte Franz Fühmann das Voran? Hier beginnt die nächste Ebene der Komplikation. Ein aufrichtiger Mann versucht, das eigene Gewissen zu entrümpeln, mit dem Grauen der Vergangenheit aufzuräumen. Doch wie ein Ertrinkender sich ein Felsriff als rettendes Palmeneiland vorgaukelt, so wird die Zukunft in Pastellfarben ausgetuscht; bar jeglichen Realitätssinns und bar jeglicher an der Realität geschliffener ästhetischer Mittel:
Ich sehe Deutschland
im guten Leben. Heiter fließt der Rhein
und fließt der Oder klares Wasser. Heiter
durchzieht die Saar das Tal der Kohle und
die Hügel süßen Weins. Und Schiffe nahen sich
und schaukeln auf der Wellen Schaum. Die Abendwolken huschen purpurn
vorüber, und im Glanz die Uferpromenade
gibt sich der Nacht. Eine Harmonika
singt sehnsuchtsvoll. Die Mädchen stehn am Ufer
und schauen träumend in das blaue Fließen
zur Ferne. Und die Sterne steigen auf,
silbern, und wandern. Stille klingt. Und alles
ist gut und arglos, friedlich, eine schöne
menschliche Welt.
Dieses kolorierte Wunschbild Heimat nahm man für sich – will sagen: für die junge DDR – in Anspruch; im Westen – für den Nescafé und Camel-Zigaretten als Synonyme standen – sah man das böse Alte am Werk.
Beim Besuch eines alten Kameraden in Westberlin sieht Fühmann prompt in den Bücherregalen nur Ezra Pound, Einding oder Ernst Jünger stehen und schüttelt sich nach der Schlagsahne-Bewirtung bei der Rückfahrt vor dem Zeitungskiosk auf dem S-Bahnhof Zehlendorf:
Mir ekelte; Was für Gemeinheiten, was für Schmutz, welche Lügen! Ich empfand eine physische Übelkeit.
Das Schwierige an dieser ziemlich simplen Szene, in der das friedliebende und die Wahrheit kündende Neue Deutschland gegen die Infamie der westlichen Presse gesetzt wird, besteht darin, daß sie trotz der Vereinfachung ein Körnchen Wahrheit enthält: Die junge Bundesrepublik hatte mit ihren Tausenden kleiner und großer Globkes – auf oft ketzerisch-hämische Weise – den Antikommunismus gleichsam zur Staatsreligion erhoben. Das war zwar nicht Goebbels – aber es erinnerte an Goebbels; nicht nur Kommunisten empörten sich über dieses ungebrochene Aufnehmen alter Traditionen und Klischees bei gleichzeitigem Schweigen über die jüngste Vergangenheit: Weltberühmte Autoren wie Thomas Mann oder Alfred Döblin oder Fritz von Unruh kehrten deswegen nicht aus der Emigration zurück oder verließen das Land wieder.
Und nun geschieht etwas Aufregendes: Die von ihm herbeigewünschte und mitgestaltete Welt des „real existierenden Sozialismus“ erschreckt den denkenden Schriftsteller Franz Fühmann immer mehr; eben diese Wirklichkeit ist es, die bald den Lyriker zum Verstummen bringt und einen wachen, kritischen, oft gepeinigten Beobachter hervorbringt. Anders als viele seiner Kollegen hymnisiert er nicht einfach so weiter, schreibt keine panegyrischen Artikel im Neuen Deutschland und hält keine feierlichen Konferenzreferate. Er bleibt auch nicht vornehm-beleidigt den zahllosen Kulturkonferenzen lediglich fern, sondern begründet das in einer Schärfe, die ihresgleichen sucht. So etwa in einem Brief an Johannes R. Becher, mit dem er seine Teilnahme an der berüchtigten Bitterfelder Konferenz ablehnt:
Die gesamte öffentliche Kritik und wohl auch unsere Kulturinstitutionen drängen den Schriftsteller nicht in seiner spezifischen Richtung vorwärts, sondern in der Richtung der jeweiligen Tages-, Monats- oder Jahresaktualität, das heißt, sie sehen den Bitterfelder Weg nicht als Auftrag zur Eroberung eines Landes, einer neuen ästhetischen Provinz, sondern als schmalen Weg einer bestimmten Lebensänderung für einen bestimmten Genretyp: Der Schriftsteller gehe in einen Betrieb oder in eine LPG und schreibe dann einen Roman. […] Es muß aufhören, jede thematisch begrüßenswerte, doch künstlerisch amorphe Arbeit als ,Meisterwerk‘ oder „erneuten Beweis für unsere noch nie dagewesene Literaturblüte“ zu feiern. Es muß aufhören, daß einer für Pfusch und Murks noch honoriert wird.
Nun ist das nicht etwa nur ein Pasquill. Es geht vielmehr um etwas geradezu Spektakuläres, das ich Literarisierung der politischen Moral nennen möchte. Franz Fühmann hat entdeckt, daß gleichsam in den Zehlendorfer Bücherschränken nicht nur Kollaborateure à la Pound oder Jünger stehen. Es ist kein Zufall, daß in eben diesem Brief an den Kulturminister Becher, der den Druck dieser Autoren nicht duldete, die Namen Kafka und Trakl, Joyce und Proust fallen. Das ist mehr als versuchtes Einschmuggeln von Konterbande, das grenzt – Anfang der sechziger Jahre – in der DDR an Hochverrat. Das marxistische Wort für entartet hieß formalistisch, und wer den ehernen Formenkanon aufbrach, verging sich gegen die sozialistische Gesetzlichkeit. Der Expressionismus etwa galt – spätestens nach jenem unheilvollen Aufsatz von Georg Lukács, von dem man heute weiß, daß er ihn in direktem politischen Auftrag der Komintern schrieb – als direkter Weg in den Faschismus. Johannes R. Becher verbot die eigenen frühen Gedichte.
So ist Franz Fühmanns großer Essay über Georg Trakl nicht nur tief berührendes Zeugnis einer literarischen Entzündung und Beispiel glanzvoller Essayistik; er ist unter der geistigen Überschrift „Poesie ist die andere Art von Wirklichkeit“ ein Stollen in (für die DDR) vollständig unbekanntes Terrain; damit zugleich ein Untergraben. Es ist ein Vorgang zu beobachten, der getrost mit dem Wort Prozeß übersetzt werden darf; Franz Fühmann macht sich nämlich selber den Prozeß – der diametral entgegengesetzt der literarischen Arbeit Brechts verläuft: hier ein mittelmäßiger Schriftsteller, der durch literarische Ent-Deckungen ästhetische Verkleisterungen und damit politische Verwucherungen bloßlegt; dort ein genialer Dichter, der sein eigenes Formenbewußtsein versteckt und seiner List jede politische Infamie unterordnet.
Fühmanns Trakl-Exegese ist nicht nur brillant in ihrer wortgenauen Werkanalyse, sondern hochexplosiv in ihrem Bekenntnis-Charakter:
Soll ich sagen, daß ich etwas Verbotenes spürte? Dieses Gedicht wimmelte ja von Indizien, die es als offensiv antirealistisch und seinen Dichter als kleinbürgerlich-religiös kennzeichneten!
Das Wesen der sozialistischen Ideologie steckt ja in dem Begriff Totalitarismus: Errichtet werden sollte eine Totalität von Gefühlen, Träumen, Handlungen nach genauester Reglementierung. Außerhalb dieses abgesteckten Bezirks waren Übertretung und Verbrechen; das konnte eine Verszeile sein oder eine politische Diskussion. Der sowjetische Romancier Fadejew hatte 1947 in seiner Rede auf dem Weltfriedenskongreß in Breslau das Gleichheitszeichen zwischen Dekadenz und Faschismus gesetzt:
Der deutsche Faschismus brauchte Bestien. Und auch die amerikanischen Monopolkapitalisten brauchen Bestien, um ihre Weltherrschaftspläne zu verwirklichen. Die reaktionären Literaten, Drehbuchverfasser, Philosophen und Künstler sind treue Diener ihrer Brotgeber. Sie erheben die Schizophrenen und Narkomanen, die Sadisten und Zuhälter, die Provokateure und Mißgestalten, die Spione und Gangster auf das Piedestal.
Mit einer Souveränität, die an Tollkühnheit grenzt, fragt Fühmann sich und seine Leser: „In welchem Sumpf verlor ich mich?“, um mit Trakls „Romanze zur Nacht“ auf Fadejew zu antworten:
Der Knab aus Träumen wirr erwacht,
Sein Antlitz grau im Mond verfällt.
Die Närrin weint mit offnem Haar
Am Fenster das vergittert starrt.
[…]
Der Mörder lächelt bleich im Wein,
Die Kranken Todesgrausen packt.
[…]
Im Hurenhaus Gelächter klingt.
Beim Talglicht drunt’ in Kellerloch
Der Tote malt mit weißer Hand
ein grinsend Schweigen an die Wand.
Waren da, in dieser einen „Romanze zur Nacht“ die ich zufällig aufgeschlagen, nicht sämtliche Merkmale der Dekadenz vereint? Die sozial Entwurzelten und Gescheiterten, die Absonderlichen, Häßlichen, Kranken und Untypischen drehen sich im schaurigen Reigen mit Narkomanen, Sadisten, Mißgestalten und Gangstern; Schizophrene traten gleich zweimal auf, und wenn Gelächter aus dem Hurenhaus klang, waren ja auch die Zuhälter nicht weit! – Der Mörder lächelt bleich im Wein –: Was für eine Romanze! […] Und daran fand ich Gefallen? – Das durfte nicht wahr sein. […] Das grauenvollste aber war, daß mir diese Verse noch immer gefielen, nein ,gefallen‘ war nicht das richtige Wort: daß diese Verse mich noch immer erregten, daß diese Verse mich noch immer betörten, daß diese Verse mich noch immer verrückt machten – was ging da vor?
Die Kollegen begriffen, was er schrieb, durchaus als Kassiber – so Christa Wolf in einem Brief an Fühmann, in dem sie zu Recht die Wichtigkeit seiner Überlegungen an den historischen Ort, an dem sie angestellt werden, bindet:
Glaubst Du eigentlich, daß man Deine Essays anderswo genauso verstehen, daß man ihnen in ihre Voraussetzungen, Assoziationen, ihre Betroffenheiten, Grimmigkeiten, ihre Polemik, ihre Inständigkeit, ihre beinah flehentlichen Beschwörungen und ihre schmerzlichen Schlüsse genau so folgen kann?
Nein, gewiß nicht. Insofern ist ein Nachdenken über Franz Fühmann auch ein Nachdenken über die DDR – ihre Enge und ihre Dehnbarkeit, ihre rigiden Verbotstafeln und die Chance, sie zu unterlaufen.
Als habe sein intensives Studium des (verbotenen) Expressionismus und der (verdächtigen) Romantik ihn einerseits immun gemacht, andererseits empfänglicher, wurde Fühmann mehr und mehr zu dem Autor der älteren Generation, um den sich junge Autoren scharten; kritische Schriftsteller, denen keiner so viel Mut machte wie er, denen keiner so generös und ohne Rücksicht auf eigene Schwierigkeiten half. Mit einem „Ecce poeta“ hatte einst der Kollege Georg Maurer seinen ersten Gedichtband gefeiert. Das Wort gab Fühmann nun an einen der Schwierigsten, den beargwöhnten Uwe Kolbe, weiter, indem er sein eigenes Frühwerk ins „Museum unfreiwilliger Komik“ verweist, „einfach nur peinlich dumm“, indes er den Jüngeren preist:
Aus einem Alltag, der Epigonales züchtet und hätschelt, ragen diese Gedichte so heftig, daß man sich ihnen stellen soll.
Auch hier ist wieder ein störrisches Wort gefallen über die allgemeine Kulturpolitik, das keineswegs als nebenhin gesagt mißdeutet werden darf. In einem offenen Brief – der zwar offen war, aber unveröffentlicht blieb – an den Minister Klaus Höpcke aus dem Jahr 1977 offenbart er nicht nur die Rigorosität, sondern nahezu prophetische Warnkraft; keineswegs auf die erbärmliche Figur dieses Ministers eingeschränkt:
Sarah Kirsch ist von uns fortgegangen, weil sich ihr hier keine Zeile mehr fügen wollte, und keine Zeitung, kein Rundfunkkommentar, keine Aktuelle Kamera hat (oder irre ich mich doch?) es für nötig befunden, diese Tatsache unserem Publikum mitzuteilen. […] Nun muß man durchaus nicht meiner Meinung folgen und Sarah Kirsch für die bedeutendste lebende Dichterin deutscher Sprache halten […] allein die große Mehrheit unsres Publikums wird wohl mit mir der Meinung sein, daß die Tatsache des Weggangs von Sarah Kirsch einer Meldung wert gewesen wäre, ganz zu schweigen von einer Bekundung ehrlicher Trauer über diesen unersetzlichen Verlust und ehrlichem Nachdenken über seine Gründe. […] Es gibt da nur zwei Möglichkeiten: Entweder – und diese Ansicht wird ja von manchem meiner wie Ihrer Kollegen vertreten – entweder sind Leute wie unsereins hoffnungslos stumpf und dumpf und unbelehrbar in einem Elfenbeinturm aus Rückständigkeit, Ignoranz und Hybris gefangen (auch das böse Wort ,Konterrevolution‘ ist im Umlauf), oder das Bild einer enthusiasmierenden Gesellschaft stimmt doch nicht so ganz mit deren Wirklichkeit überein. Ein arges Dilemma, aber ich kann es nicht abwenden: Ihr Artikel, Herr Minister, stellt mich vor die Wahl, mir entweder eins jener drei Attribute – bösartig, reaktionär, dumm – als das für mich passende auszusuchen oder Ihnen zu bedenken zu geben, ob Sie in einem mir nur zu gut begreiflichen Wunschdenken vom Zustand der Gesellschaft, in deren Leitung Sie ja ein wichtiges Amt führen, ob Sie sich also von der Realität nicht doch mit einem Elan abgewandt haben, den man als ein bißchen sehr hoffnungsfroh, den man aber auch – halten zu Gnaden – als ein bißchen demagogisch bezeichnen könnte.
Unveröffentlicht blieb dieser Brief, imaginär die Rede auf einen anderen der jungen Hochbegabten. Das war Franz Fühmanns Lobpreisung des in der DDR geschmähten und gemiedenen Wolfgang Hilbig, wieder eine trotzige Entdeckung. Niemand außer Fühmann hatte sowohl das literarische Gespür als auch den Mut, einen wichtigen Autor auszurufen auf einem Marktplatz, der von der Propaganda der Mittelmäßigen hallte; der Essay war zugleich die erste profunde literarische Analyse von Hilbigs Texten.
Wieder einmal hatte er das Verbotene nicht nur gedacht, sondern auch gesagt. Deswegen scharten sich so viele der Jüngeren um ihn, den Fritz Rudolf Fries in dieser beeindruckenden Rolle des plaudernden, furchtlosen Förderers geschildert hat:
Fühmann konnte sich ja für die Dauer seiner langen Sätze, während er sich in der Kaffeetasse rührte und Omelett mit grünem Salat bestellte, oder was vorrätig war, konnte sich also für die Dauer seiner langen Sätze, in denen wir unser eigenes Befinden suchten, konnte sich verwandeln und saß da, breiten Gesichts, als Patriarch, Zeus, Sokrates, lächelnder Buddha, verträumter Elis Fröbom, dann wieder schwierig wie manche Gestalten aus Faust II, die mit einem Witz gebannt wurden, so daß sich am Ende der Dichter Franz Fühmann herausschälte, ein behaglicher Erzähler von süddeutsch eingefärbter Mundart, ein Böhme aus Märkisch Buchholz, ein immer wieder heimkehrender Homer.
Was hatte er zu erzählen, fragt schließlich Fritz Rudolf Fries. Fühmann hatte zu erzählen von der Ernsthaftigkeit des Schriftstellerberufs – er tat das mal, indem er E.T.A. Hoffmanns Satz zitierte: „Die Welt muß romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder […]“, und mal, indem er eigene Formulierungen als strenge Gesetze ausgab:
Dichter sein heißt aufs Ganze aus sein.
So führte ihn seine intensive Beschäftigung mit Mythos und Märchen weg von der griffig-rationalen Bestimmbarkeit der Kunst. Jahre seines Lebens hat Fühmann dem Wiederbeleben alter Mythen, dem Nacherzählen, dem Fixieren von Traumnotaten und der Neuschöpfung von Märchenstoffen gewidmet. Die Früchte dieser Arbeit liegen mit seinen Odysseus-Paraphrasen oder einem nach Aischylos, Hesiod, Homer, Apollodoros und vielen anderen Quellen neu geschaffenen Prometheus-Epos vor, aber auch seinen Erzählungen „Marsyas“ und „Der Geliebte der Morgenröte“. Sie füllen in der großartigen, zehn Bände umfassenden Gesamtausgabe des Rostocker Hinstorff-Verlags einen eigenen Band.
Wir haben – ähnlich dem Vorgang der Expressionismus-Erfahrung – ein ganz ungewöhnliches, mit Sicherheit seltenes Phänomen zu beobachten: Literatur hat einen Charakter geformt. Die Literaturgeschichte ist ja voll von gebildeten Verrätern und kenntnisreichen Lumpen. Indem aber Franz Fühmann durch sein Bildungsabenteuer sein Menschenbild veränderte, veränderte auch er sich. Er wußte nun, daß der Mensch eben nicht lediglich ein gesellschaftliches Wesen, sondern mit all seinen Träumen und Qualen, Schmerzen und Verzückungen, Besessenheiten und Ängsten ein widersprüchliches Geschöpf ist, von unauflösbarer Einheit zwar, aber weder einheitlich zu begreifen noch festzulegen.
Einsichten eines Häretikers. Dieser Mensch, den Fühmann postulierte, war nicht mehr dirigierbar; diese Literatur, die Fühmann forderte, war nicht mehr instrumentalisierbar; diese Gesellschaft, die Fühmann einklagte, war im Sozialismus nicht realisierbar. Die Fülle humaner Traditionen ließ sich nicht in das Herr-und-Knecht-Schema pressen, machte vielmehr die Dürftigkeit des Neuunternommenen deutlich. Deswegen konnte Fühmann in einer Art phlegmatischen Starrsinns von der „ästhetischen Verelendung der DDR“ sprechen. Und deswegen konnte er in seinem spektakulären „Wort an künftige Kollegen“ mit Emphase warnen:
Wenn Sie also Ihr beabsichtigtes Buch ins Thematische oder Problemhafte auflösen oder gar mit bereits Vorhandenem kongruent machen können, dann gehört es zu jenem Überfluß, der nicht Fülle, sondern Überflüssigkeit bedeutet. […] Bestimmte Tendenzen unsrer Gesellschaft, Konflikte zu schwächen oder ihnen auszuweichen, verschärfen die Widersprüche nur noch mehr, oder genauer: sie verhärten ihr Aufbrechen, und das ist schlimm, denn dann eitert’s nach innen. […] Wir jubeln jeden Monat um Monat neue Namen in die Welt hinaus: Seht doch! Welch Blühn! Welche Fülle! Welch Reichtum! – doch wenn man das Endergebnis bedenkt: wie viele enttäuschte Hoffnungen, wie viele ästhetische Investruinen.
Frappanter Frevel. Es ist vielleicht nicht unnütz, sich gerade jetzt deutlich zu machen: Es gab auch solche in der DDR. Deren Zerrissenheit macht der Band Im Berg mit Texten aus dem Nachlaß noch einmal überdeutlich, dessen großes Bergwerkfragment als Gegen-Stück zum Trakl-Essay zu lesen ist. Sie waren nicht weggegangen – hatten also im landläufigen Sinne „mitgemacht“; sie waren weder eingesperrt noch ausgewiesen worden – hatten also das System mitgetragen; sie waren wohl keine Kommunisten mehr, aber auch keine Antikommunisten – hatten sie eine neue, kritische Form der negativen Dialektik entwickelt? Es war Christa Wolf, die in ihrem Nachruf diesen Weg des Gefährten zu kennzeichnen wußte, indem sie – an eines seiner Lieblingszitate, Baudelaires „Das Wort verrät, wovon ein Dichter besessen ist“, erinnernd – die Worte benannte, die Bausteine dieses Lebens waren:
In diesen wenigen Tagen, seit er starb und seit ich ihn unaufhörlich lese, habe ich ihm nicht die Ehre der Genauigkeit antun können, die er Trakl erweist, indem er dessen häufigste Worte anführt und zählt. Doch will ich es wagen, diejenigen Worte zu nennen, die ich für seine zentralen halte; es sind dies: Wandlung. Wahrheit. Wahrhaftigkeit. Ernst. Würde.
Hört man dieses Epitaph, dann meint man, Christa Wolf müsse da schon Franz Fühmanns Testament gekannt haben, das erst später bekannt wurde. Es ist noch einmal, als würde ein schwarzer Traum erzählt, das Zusammenfassen von drei Haltungen dieses nobel Gescheiterten – Abwehr der Machtverwalter; bittere Einsicht der zerborstenen Hoffnung; ein Gruß voran. Das drittletzte Wort der veröffentlichten Fassung heißt „Wahrheit“:
Die Herren Hermann Kant und Dieter Noll ersuche ich, von der Teilnahme am Begräbnis abzustehn – falls sie diesen Wunsch verspürt haben sollten. Ebenso Herrn Günter Henninger oder einen offiz. Vertreter dieses Schriftstellerverbandes. Ich habe grausame Schmerzen. Der bitterste ist der, gescheitert zu sein: In der Literatur und in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, wie wir sie alle einmal erträumten. Ich grüße alle jungen Kollegen, die sich als obersten Wert ihres Schreibens die Wahrheit erwählt haben.
Fritz J. Raddatz, aus Fritz J. Raddatz: „Schreiben heißt, sein Herz waschen“, zu Klampen Verlag, 2006
VERLUST
nach Gottfried Benn
Romulus und Remus –
nachtdurchschluchzte Mythe,
am Baum des Nicodemus
nur eine taube Blüte.
Ach, so springen die Hunde
über den Opferstein –
ewig kreißende Wunde:
Pawlow und Magenschleim.
Götter, längst vergessen,
leer die Akropolis,
Südseevision und Fressen:
tragische Synthesis.
Im Nacken gesträubt die Haare,
dicht unterm Cerebrum:
lerne, leiste, spare –
dumm!
Höher kannst du nicht springen,
Köter, carpe diem!
Wenn die Buicks singen,
spürst du: La Bohème.
Deine Knochen zerfallen
tief im Schöpfungsschoß.
Charon bindet uns allen
einmal den Nachen los.
Im Maul gonorrhoische Schwarte
stirbst du den Thalatta-Tod.
Knurr nicht, das Ende erwarte,
das Zeugungsabendrot.
Weit in die blutige Breite
dehnt sich dein dreckiges Vließ:
morgen an deiner Seite
bin ich im Paradies.
Manfred Bieler
Max Rychner: Gottfried Benn. Züge seiner dichterischen Welt, Merkur, Heft 18, August 1949
Max Rychner: Gottfried Benn. Züge seiner dichterischen Welt (II), Merkur, Heft 19, September 1949
Hans Egon Holthusen: Das Schöne und das Wahre in der Poesie. Zur Theorie des Dichterischen bei Eliot und Benn, Merkur, Heft 110, April 1957
L.L. Matthias: Erinnerungen an Gottfried Benn, Merkur, Heft 171, Mai 1962
Nico Rost: Begegnungen mit Gottfried Benn, Merkur, Heft 218, Mai 1966
Nino Franks Bericht über seinen Besuch bei Benn, Merkur, Heft 398, Juli 1981
Walter Aue: „Das ist Bahia, am Meer“. Wege zu Gottfried Benn
Norbert Hummelt: Auf einen Sprung zu Gottfried Benn
Hans Magnus Enzensberger: Überlebenskünstler Gottfried Benn
Jörg Magenau: Doppelleben oder: Gedenkt unsrer mit Nachsicht. Im Spiegel der Gegensätze: Ein Dialog über Gottfried Benn und Bertolt Brecht, 50 Jahre nach ihrem Tod, Deutschlandfunk Kultur, 13.7.2014
Helmut Böttiger: Gottfried Benn – Kleine Aster und andere Gedichte
Gottfried Benn: Kleine Aster – Gedichte und Prosa. Ulrike Draesner und John von Düffel im Gespräch mit Anja Brockert am 21.1.2019 im Literaturhaus Stuttgart.
Gottfried Benn | Blaubart & Ginster mit Ralf Schönfelder und Mario Osterland
Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis. Lesung: Holger Hof. Moderation: Jörg Magenau. Im Literarischen Colloquium Berlin am 13.12.2011
Tondokument: Peter Rühmkorf und Adolf Muschg über Benn und Brecht am 16.9.2006 in der literaturwerkstatt berlin.
Zum 60. Geburtstag von Gottfried Benn:
Carl Werckshagen: Gottfried Benn 60 Jahre
Schleswig-Holsteinische Volks-Zeitung, 27.4.1946
Zum 70. Geburtstag von Gottfried Benn:
Max Rychner: Gottfried Benn
Die Tat, Nr. 120, 3.5.1956
Zum 80. Geburtstag von Gottfried Benn:
Adolf Muschg, Jürgen P. Wallmann, Edgar Lohner: Abschied von Gottfried Benn?
Die Tat, 29.4.1966
Zum 10. Todestag von Gottfried Benn:
Jürgen P. Wallmann: Kunst als metaphysische Tätigkeit
Die Tat, 2.7.1966
Bruno Hillebrand: Gottfried Benn – zehn Jahre nach seinem Tod
Neue Deutsche Hefte, Heft 110, 1966
Richard Exner: Jenseits von Sieg und Niederlage
Die Zeit, 29.7.1966
Zum 90. Geburtstag von Gottfried Benn:
Peter Rühmkorf: „Und aller Fluch der ganzen Kreatur“
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.6.1976
Jürgen P. Wallmann: „Der Ruhm hat keine weissen Flügel“
Die Tat, 30.4.1976
Zum 20. Todestag von Gottfried Benn:
Gert Westphal: Gottfried Benn – nach zwanzig Jahren
Neue Zürcher Zeitung, 23.7.1976
Heinz Friedrich: Plädoyer für die schwarzen Kutten
Merkur, Heft 30, 1976
Zum 100. Geburtstag von Gottfried Benn:
Albrecht Schöne: Gottfried Benn?
Die Zeit, 2.5.1986
Peter Rühmkorf: Gottfried Benn oder „teils-teils das Ganze“
Deutsches Sonntagsblatt, 6.7.1986
Zum 50. Todestag von Gottfried Benn:
Wolfram Malte Fues: Nur zwei Dinge
manuskripte, Heft 174, 2006
Jörg Drews: Das Gegenteil von ,gut gemeint‘
Tages-Anzeiger, 4.7.2006
Cornelius Hell: Persönlich, poetisch, politisch
Die Furche, 29.6.2006
Fakten und Vermutungen zum Autor + Instagram + KLG + IMDb + Archiv 1, 2, 3 & 4 + Internet Archive + IZA + Kalliope + Georg-Büchner-Preis 1, 2, 3 & 4
Autorenäußerungen zu Person und Werk von Gottfried Benn
Porträtgalerie: akg-images + deutsche FOTOTHEK + gettyimages + Keystone-SDA
shi 詩 yan 言 kou 口
Nachrufe auf Gottfried Benn: Aufbau ✝ Deutsche Rundschau ✝ Merkur ✝ Tumba
Gottfried Benn – das letzte und einzige Fernseh-Interview mit Gottfried Benn am 3. Mai 1956 zum 70. Geburtstag.
FRANZ FÜHMANN RUMPELSTILZCHEN
Nicht Schaumspeise mehr
noch das schüttere Schellengeläut im schlesischen Städtchen
auch Rübezahl nicht, der rastlos im Riesengebirge
den Bart auswringend Rennende,
auch nicht Schneewittchens schüchterne Scham
in der Wildnis der weiten Wälder,
selbst nicht die vielen fiesen Verse der Expressionisten
bewegen die Brust der melkenden Magd.
Heute strählt sie die schillernde Schwärze
schwankend noch, ob sie, der stählernen Schenkel
des brüllenden Bullen gedenkend,
sich nun zuwende
dem ernsten und emsig tätigen Geschäfte des Melkens.
Zögernd läßt sie sich nieder.
Kaum sitzend, erdröhnt dann aber
das strullende Schwabbern in schwankender Schütte.
O Deutschland
Manfred Bieler
Uwe Wittstock: Kindheitsmuster, Herkunftsmonster. Eine Lange Nacht über Christa Wolf und Franz Fühmann und ihre deutsche Vergangenheit
Vajswerk Häutungen Franz Fühmanns. Eine Spurensuche
Alexander Cammann: Aus Feuerschlünden, Die Zeit, 29.12.2021
Zum 70. Geburtstag des Autors:
Hans Richter: Ein verlorener Sohn Böhmens
Sinn und Form, Heft 4, Juli/August 1992
Zum 95. Geburtstag des Autors:
Walter G. Goes: Versuche über Literatur
Ostseezeitung Rügen, 14.1.2017
Zum 100. Geburtstag des Autors:
Alexander Cammann: Aus Feuerschlünden
Die Zeit, 29.12.2021
Cornelia Geißler: Annett Gröschner, welche Bedeutung hat Franz Fühmann für Ihr Schreiben?
Berliner Zeitung, 2.1.2021
Lukas Betzler: Erfahrungen und Widersprüche – Zum hundertsten Geburtstag Franz Fühmanns
54books.de, 13.1.2022
Im Gestrüpp von Für und Wider: Franz Fühmann zum 100. Geburtstag mit Anja Kampmann, Joachim Hamster Damm und Ingo Schulze
mdrKULTUR, 11.1.2022
Thomas Schmidt: Die Leben des Franz Fühmann
schmidt.welt.de, 15.1.2022
Uwe Wittstock: Jedes Buch war für ihn Bekenntnis
literaturkritik.de, Januar 2022
Ulf Heise: Franz Fühmann: Ein Leben als wilder Gebirgssteig
Freie Presse, 14.1.2022
Gunnar Decker: Er wollte anders sehen lernen
nd, 14.1.2022
Gunnar Decker: Mit ernster Fantasie
der Freitag, 2.2.2022
Kai Köhler: Ins Ich verbissen
junge Welt, 15.1.2022
Märkisch Buchholz: So lebte Franz Fühmann im Schenkenländchen
Märkische Allgemeine, 15.1.2022
Ein Leben voll drastischer Wendungen: Vor 100 Jahren wurde Autor Franz Fühmann geboren
Märkische Allgemeine, 15.1.2022
Klaus Hanisch spricht mit Paul Alfred Kleinert: Grundthema: Heimkehr
Prager Zeitung, 15.1.2022
Karin Großmann: Wie ein SA-Mann in der DDR gefeiert und verfolgt wird
Sächsische Zeitung, 15.1.2022
Hans-Jürgen Schmitt: Der Eremit von Märkisch-Buchholz
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.1.2022
Thorsten Hinz: Die doppelte Verführung
Junge Freiheit, 15.1.2022
Lothar Müller: Wie leicht man schuldig werden konnte
Süddeutsche Zeitung, 19.1.2022
Claudia Roth: – Es gilt das gesprochene Wort –
bundesregierung.de, 18.1.2022
Ute Wegmann im Gespräch mit Ingo Schulze: Zum 100. Geburtstag von Franz Fühmann mit Pod
Deutschlandfunk, 15.1.2022
Isabel Cole: Worte, Wörter, Wandlungen
lyrikkritik.de
Audiosammlung von mdr KULTUR zum 100. Geburtstag von Franz Fühmann
Roland Berbig: Franz Fühmann – Lebens- und Schreibblätter (1922–1984)
„Staunendes Begreifenwollen“. Autor:innen über ihr Verhältnis zu Franz Fühmann
„Dem Menschen das Ertragen der Wahrheit zutrauen“. Ausgewählte Texte Fühmanns. Mit Corinna Harfouch
Fundsache Original – Franz Fühmann zum 100. Geburtstag. Isabel Fargo Cole, Anja Kampmann und Roland Berbig. Moderation: Matthias Weichelt.
Franz Fühmann zum 100. Geburtstag | Wie tief hinab reicht das Erinnern?. Lesung & Gespräch mit dem Ingo Schulze und Uwe Wittstock
Franz Fühmann – Haltepunkte in Märkisch Buchholz
Franz Fühmann – Rebell im Schatten Film von Simone Unger
Fakten und Vermutungen zum Autor + Filou + Instagram + KLG + IMDb + Kalliope + Archiv 1 & 2 + Internet Archive + IZA
Porträtgalerie: akg-images + Autorenarchiv Isolde Ohlbaum + deutsche FOTOTHEK + IMAGO + Keystone-SDA
Gedenkartikel: Uwe Wittstock, Max Walter Schulz, Christa Wolf, Ulrike Almut Sandig, Dietmar Riemann, Christian Klötzer, Wieland Förster, Ursula Püschel, Günter Deicke
„Dieser Text ist verschwunden.“








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