Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Anthologika – Nur Bestes ist gut genug (Teil 2)

Nur Bestes ist gut genug
Weltlyrik in Anthologien von Ezra Pound1 und René Char2

Teil 28 siehe hier

Unter dem stabreimenden Titel «Confucius to Cummings» präsentierte Ezra Pound (1885-1972) in hohem Alter eine umfangreiche Lyrikanthologie, die als preisgünstiges Taschenbuch (gleichzeitig in den USA und Canada ausgeliefert) ein möglichst breites Publikum erreichen sollte.3 Auf rund 300 Druckseiten liess der greise Großschriftsteller knapp 100 Autoren mit etwa 450 Gedichten in englischer Sprache (Original oder Übersetzung) Revue passieren. Die von ihm getroffene Auswahl überrascht in mehrfacher Hinsicht, vorab durch ihre offenkundige Willkür. Weit mehr als die Hälfte der eingebrachten Gedichttexte entstammt der Antike, dem Mittelalter und der Renaissance, während der kleinere Rest für die gesamte Neuzeit (Klassik, Romantik, Moderne) ausreichen muss.
Ebenso unausgeglichen ist der räumliche Einzugsbereich von Pounds Sammlung. Besonders stark vertreten ist das griechische und römische Altertum, von Homer und Sappho über Lukrez und Vergil bis hin zu Rutilius und Boethius; darauf folgen spätlateinische und erste nationalsprachliche Autoren (Frankreich, Italien, Deutschland), und mit Marlowe und Shakespeare rückt im zweiten Teil der Anthologie für den Zeitraum von 1600 bis ins frühe 20. Jahrhundert die englische und nordamerikanische Poesie in den Vordergrund, und dies mit einer Dominanz, die alle übrigen Literaturen inner- und ausserhalb Europas fast vollständig ausblendet.
Die deutschsprachige Dichtung ist einzig durch Walther von der Vogelweide und Martin Luther («Ein feste Burg …») vertreten – alle späteren Autoren, selbst Goethe, Schiller, Hölderlin bleiben aussen vor. «Ich meinerseits glaube», so bekannte Ezra Pound viel früher schon an anderer Stelle, «dass Goethe und Stefan George, auch wo sie in der Lyrik ihr Bestes geben, nichts vollbringen, was nicht schon zuvor besser oder ebenso gut gemacht worden ist.» Für Frankreich wiederum bietet Pound lediglich ein Gedicht an, und auch dieses nur fragmentarisch – es handelt sich lediglich um einen kurzen Auszug aus einem Poem von Théophile Gautier. Dagegen werden Baudelaire, Nerval, Verlaine, Rimbaud, Mallarmé völlig ignoriert, also nicht einmal dem Namen nach (in Pounds Vorwort und den sonstigen Kommentaren) erwähnt.
Die europäische Moderne insgesamt muss ohne Rilke, Benn und Trakl auskommen, auch Blok, Mandelstam, Chlebnikow finden keine Berücksichtigung, zu schweigen von den modernistischen Dichtern Italiens, Spaniens, Polens, der Tschechoslowakei. Von solcher Missachtung ist im übrigen die Poesie Skandinaviens, Osteuropas, des mittleren und fernen Ostens auch generell betroffen – sie offenbart sich hier als eine desolate Leerstelle. Statt dessen verschafft sich Pound zusammen mit seinen bevorzugten Dichterkollegen einen imposanten Auftritt – gleichsam im Chor mit F.M. Ford, W.C. Williams, Hilda Doolittle (H. D.), T.S. Eliot, E.E. Cummings und manch andern bestreitet er das vielstimmige Finale seiner Anthologie.

… Fortsetzung hier

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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