Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Dichtung in dürftiger Zeit

Dichtung in dürftiger Zeit
«Schlechte Wörter» als Notbehelf?

 

Ilse Aichinger hat als Dichterin – sei’s in Versen, sei’s in Prosa – stets auf die schlichten, das heisst (wie sie selbst einst betonte) auf die «schlechten Wörter» gesetzt, um die rhetorische Gefälligkeit aller «schönen Literatur» zu konterkarieren zu Gunsten einer urtümlichen, unaufwendigen, gleichsam naturhaften Schreibweise. Schon 1954, noch in ihren ersten Anfängen, hatte sie sich nach eigenem Bekunden vorgenommen, in «immer kürzeren Versuchen» arbeiten zu wollen: «Das nächste werden wahrscheinlich Seufzer sein, um es noch kürzer zu machen.»
​Der Seufzer, nicht anders als der Schrei, ist eine vorsprachliche Verlautbarung und gilt deshalb als eine «primitive» Ausdrucksform menschlicher Kommunikation, frei von konventioneller Begrifflichkeit, gefeit gegen Missverständnisse und Lügen, stets im Einklang mit der Natur. Dieser Rückgriff auf unartikulierte Urworte war bekanntlich eine Idealvorstellung der Romantik. Jean-Jacques Rousseau hat diese Vorstellung hochgehalten und die zivilisatorisch verfälschte und vernutzte Sprache auf den «Schrei der Natur» zurückgeführt; für ihn und manche seiner gleichgesinnten Zeitgenossen gewannen von daher sprachliche Qualitäten wie Rhythmus oder Tonfall Vorrang vor konventionell korrekter Rede und Aussage. Im Gegenzug hat der nachfolgend erstarkende Realismus für lange Zeit die diskursive Ausdrucksweise zum Prinzip gemacht.
​Erst die «neoprimitivistischen» Fraktionen der Moderne (Expressionismus, Dadaismus, partiell der Futurismus) haben die natürlichen Quellen der Sprachkultur wiederentdeckt und für die Dichtung nutzbar gemacht. Beispielhaft dafür ist Kasimir Malewitschs Traktat «Über Poesie» (1919), der gleich im ersten Paragraphen konstatiert: «Die Poesie ist etwas, das sich auf Rhythmus und Tempo aufbaut, oder aber Tempo und Rhythmus regen den Dichter zur Komposition von Formen realer Art an.» – Gemeint sind hier Formen «realer», also naturgegebener Art. «Für das Höchste […] halte ich das Sagen ohne Worte», fügt Malewitsch hinzu, «wenn durch den Mund irrationale Wörter eilen, so irrational, dass sie weder mit Verstand noch mit Vernunft zu erreichen sind.»
Daraus resultiert die Unsinnspoesie der damaligen Avantgardisten (von Arp und Ball bis hin zu Chlebnikow), die den vorherrschenden rationalen Diskurs und damit die ihnen verhasste Ordnungs- und Befehlssprache «transmental» zu unterlaufen versuchten.Malewitsch selbst hat damals «schlechte» Wörter in die Dichtung eingebracht, die er deshalb für «gut» hielt, weil sie sich, wie er meinte, sowohl dem «Satz» (Druck) als auch der «Nachahmung» entzögen: «Ulè Ele Lèl Li Kon Si An / O non Kori Ri Koasambi Mojena Lesh …»
Kauderwelsch als ursprachliche Lyrik.
​An solche Vorgaben scheint Ilse Aichinger mit ihren «schlechten Wörtern» anknüpfen zu wollen, freilich ohne den polemischen Ansatz der einstigen Literaturrevolution, vielmehr (hierin eher der Romantik verbunden) um den wesentlichen Dingen und Befindlichkeiten näherzukommen, die der Sprache gemeinhin entrückt sind. «Ich will meistens sagen, was eigentlich unsagbar ist», vermerkt sie in einem Brief an ihre Schwester Helga, «und es sind so viel unsagbare Dinge geschehen in uns und um uns …». – Unsagbares geschieht auch heute, vieles wird dazu gesagt und geschrieben, doch eine Sprache, die dem Unsäglichen gerecht würde, steht weiterhin aus. Ilse Aichingers «schlechte Wörter» wären dafür wohl eher geeignet als die geschliffene publizistische und belletristische Rhetorik dieser Tage.

 

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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