Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Trauriger Lebemann (Teil 1)

Trauriger Lebemann
Kurzes Gedenken an Reinhard Goering

 

«Schriftsteller, seit 1924 Buchhändler in Berlin, seit 1928 Propagandist d. Dt. Lufthansa u. seit 1930 Herausgeber des ‘Dt. Luftfahrtkal.’, später stellv. Leiter d. NS-Kulturwerks ‘Kraft durch Freude’.» Mit dieser nicht eben attraktiven Charakterisierung wird Reinhard Goering (1887-1936), ein führender Bühnenautor des expressionistischen Jahrzehnts, in der Deutschen Biographie vorgestellt. Insgesamt fünf Stücke hat Goering zwischen 1916 und 1919 abgefasst, ein weiteres – sein letztes – entstand 1928 unter dem Titel «Die Südpolexpedition des Kapitän Scott» und brachte ihm 1930 den Kleistpreis ein. In Max Reinhardts Berliner Inszenierung wurde sein skandalisierendes Erstlingsdrama, «Seeschlacht», 1918 erfolgreich aufgeführt – die Verstragödie gilt seither als Goerings Hauptwerk, wurde bis in die jüngere Zeit vielfach nachgedruckt, auf dem Theater jedoch nie wieder nachgespielt.
​In Albert Soergels grundlegender Monographie zum deutschen Expressionismus («Dichtung und Dichter der Zeit», 1925) erfährt Goering eine kompetente Würdigung als Gestalter der «Kriegswelt und Nachkriegszeit» im Übergang zur Revolution, dies mit Hinweis auf sein übriges (lyrisches und malerisches) Werk und insgesamt auf seinen vorrangigen «Trieb, mit Worten zu spielen», dabei jedoch immer auch dem eigenen «Lebenstrieb» zu folgen. Der forcierte wortspielerische und bildsprachliche Einsatz ist in der expressionistischen Literatur generell stark ausgeprägt, bei Reinhard Goering kommt er in Lyrik und Prosa ebenso deutlich zur Geltung wie in den Dramentexten, die durchwegs in Versen und Strophen ausgearbeitet sind.
Alles, was dieser Autor an Literatur vorgelegt hat, selbst sein schmales narratives und essayistisches Werk, ist primär dichterisch angelegt. Da wie dort gewinnt die Form der Texte (Melodik, Rhythmus, Metaphorik) Vorrang vor deren intendierter Aussage. Durchwegs wird durch die solcherart verdichtete Rede eine tragische, wenn nicht katastrophische Stimmung erzeugt, ohne dass entsprechende Sachverhalte (Kampfgeschehen, Liebeskrise, Krankheit, Todesängste) eigens zur Darstellung kommen. Ein knapper Auszug aus Goerings Kriegsstück «Scapa Flow» (1919) vergegenwärtigen diesen Kammerton:

Es ist ein Land,
Das ist jetzt nicht mehr da.
Es gibt ein Leben,
Das ist auch nicht mehr.
Es war uns etwas mitgegeben,
Von uns erkannt,
Von uns geliebt,
Das eines Tages
Wie Dunst zerstob.
O Tag, o Tag!
O Land, o Land!
O unabwendbares Geschehen!
O Schmerz! …
O Graun, o Gram,
Verzweiflung,
Die am Herzen frisst.
Eintönigkeit! Begrabensein!

Was hier mit reichlich expressionistischem Pathos vorgetragen wird, könnte auch ein eigenständiges Gedicht sein: Dass sich Goerings Lyrik tatsächlich kaum von seiner Bühnensprache unterscheidet, bestätigt eine jüngst erschienene Auslese aus seiner verstreuten poetischen Produktion der späten 1920er und mittleren 1930er Jahre.1 Die teilweise sehr langen Gedichte sind nicht mehr von endzeitlichem Grauen durchwirkt, sondern umgekehrt von Fortschrittsbegeisterung und erotischem Elan, auch wenn bisweilen dunklere Töne wiederkehren; so etwa in seinem Poem «Tanzetanz» (1928), wo an zentraler Stelle «Gott» und «Kot» und «Tod» lautmalerisch zusammengeführt werden:

Viele dieser Misthaufen
viele
stinken
positiv
popositiv
zum Himmel.
Lass sie!
Weiter.
Vater unser, der du bist im Himmel
unsern täglichen Tod gib uns heute.
Unsern täglichen Kot
unsern täglichen
unsern nächtlichen.
Da habt ihr ihn.
Und werdet nicht mehr rot.

Besonders war Goering von der motorisierten Fliegerei angetan, er verglich sie mit hochfahrender Liebe und lyrischer Erhebung, feierte sie gleichermassen als Triumph und als Gefahr. Dazu liest man in seinem versifizierten Rapport über einen «Stettin-Berlinflug»:

Wenn ich noch einmal A küssen könnte!
Noch ein-mal.
Idiot! Vielmal!
Gleich unten! Ruhe!
Dolle Sache!
Dolle Sache!
Ungeheure Kerle heute!
Menschen ungeheuer!
Fliegen!!!
Frevelhaft.
Verbrecher!! Doll!!
Opfer müssen gebracht werden.
Achtung jetzt!
Jetzt!
Jetzt!
Jetzt!!!

Oder, im Vergleich dazu, ein Liebesgedicht («Leben weh weh»):

Manchmal
Mitten im Glück
Würgt
Tod.
Dolcht, dolcht, dolcht
Herz.
O tot
Jahrtausende
Jahrmillionen
Ewig
Du
Ich.
Was tun?
Schreien!
Erschrecken!
Beben!
Nahesein
Dir!
Nahe!
Nahe!
Vergessen!
Wir Nichts!
Auch wir?
Leben weh weh!

Das ist offenkundig keine starke Poesie – allzu viele Ausrufezeichen müssen hier mangelndes sprachliches Ausdrucksvermögen ersetzen. Um so mehr ist man überrascht, unter Goerings schreierischen Gelegenheitsversen ein gleichzeitig entstandenes, ordentlich gebautes Sonett vorzufinden, das ohne jeglichen expressionistischen Überschwang auskommt; das titellose Gedicht wurde erstmals Anfang 1928 in der renommierten Berliner Kunstzeitschrift «Der Sturm» veröffentlicht.

So kann ich sitzen und die Stunden fragen,
Was bringt ihr mir so trüber – trübster Fracht?
Und meine Stunden werden so zu Tagen,
Und alle meine Tage so zu Nacht.

 

Soll ich dem jungen Leben denn entsagen?
Wofür? Warum denn ists in mir entfacht?
Ich bin ja willens, alles zu ertragen,
Was mir das Leben nur erträglich macht.

 

Ich sitze müde brütend, und ich winde
Vergeblich mich, vergeblich hin und her
Wie schon so viele andere und finde,

 

Was alle andern fanden und nicht mehr:
Dass dieses Lebens bittres Angebinde
Mir leer verfließt und ach, so schmerzlich leer.

Das ist ein wohl regelkonformes, keineswegs aber ein sonderlich gelungenes Sonett. Die strenge formale Korrektheit (Metrik, Endreim) steht weniger für Meisterschaft als für Bastelei, und doch ist sie bemerkenswert für einen Dichter, der sich sonst – wie Goering in seinen Theaterwerken – vorzugsweise der hektischen Eigendynamik ungebundener Rede überlässt. Bemerkenswert ist zudem der Kontrast zwischen angestrengter Formgebung und der Offenbarung eines tragisch zerfahrenen Lebensgefühls – nichts als «bittres Angebinde», «trübste Fracht», «entsagen», «müde brütend», «vergeblich», «schmerzlich leer», und eben dieses existentielle Ungemach scheint der Autor in diesem Fall poetisch bewältigen zu wollen.

… Fortsetzung hier

© Felix Philipp Ingold & Planetlyrik

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