Vom Hören und Sagen der Poesie
Teil 3 siehe hier …
Wenn Alain für alle Poesie die «Harmonie» von Klang und Sinn postuliert, denkt er dabei weniger ans Lesen als vielmehr ans Vorlesen lyrischer Texte, daran, dass Dichtung einzig als Klangereignis beziehungsweise als Hörerfahrung voll zur Geltung kommen kann – ein althergebrachtes Verständnis von Lyrik (der Dichter als Sänger, die Dichtung als sprachlich verfasste «Musik») und doch von aktueller Relevanz, wenn man sich zum Vergleich die zeitgenössische Rap- und Slam-Poetry vornimmt, die eben diese Verschränkung von Klang und Sinn als Spoken word so erfolgreich praktiziert.
Die «Harmonie» zwischen Laut- und Bedeutungsebene ist stets auch ein «Widerstreit», und eben daraus – aus der Spannung zwischen «Musik» und «Aussage», zwischen der Schlichtheit der Sprachklänge und der ambivalenten Vielfalt der Wortbedeutungen – ergebe sich, betont Alain, die Magie der lyrischen Rede; dazu hält er (in «81 Kapitel») zusammenfassend fest: «Es gibt in einem Gedicht immer zwei Dinge, die einander zuwiderlaufen. Es gibt den gleichmässigen Rhythmus mit wiederkehrenden Reimen, die ich heraushören muss. Und es gibt die diskursive Aussage, die den Rhythmus konterkariert und ihn oftmals, wenn auch nicht für lange, überdeckt. Die Dichtkunst ist wie die Kunst des Musikers, allerdings ungleich zugänglicher. Sie ist aber auch herrischer und damit weniger tröstlich, weil sie uns bei der Wahl unserer Vorstellungen keine freie Hand lässt.» – Schon früher, in seiner siebten Vorlesung zu den schönen Künsten (1929), stellte Alain lapidar fest: «Was in der Musik nur episodisch vorkommt, der Triller und die Kadenz, ist in der Dichtung das Gängige.»
… Fortsetzung am 15.10.2026 …
© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten







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