Felix Philipp Ingolds Skorpioversa – Vom Hören und Sagen der Poesie (Teil 3)

Vom Hören und Sagen der Poesie

Teil 2 siehe hier …

Alain ist ein Meister des produktiven Vorurteils. Immer schon steht für ihn fest, dass Lyrik gleichermassen mit Natur und Kultur, mit Magie und Vernunft, mit Inspiration und Technik, mit dem menschlichen Körper und der Eigenart der Sprache zu schaffen und zwischen Schrei und Gesang sich zu entfalten hat. Das mag pathetisch und auch ein wenig romantisch klingen, doch ausser schöngeistigen Verallgemeinerungen finden sich in seinen zahlreichen, weithin verstreuten Notaten immer wieder frappierende Einzelbeobachtungen und Erkenntnisse zur Herkunft, Form, Funktion oder Wirkung dichterischer Rede.
Charakteristisch für Alains Poetik ist deren vorrangige Fixierung auf akustische Qualitäten: Lyrik als Klangereignis – Sprache soll zum Singen gebracht und als Gesang vernommen werden, sprachliche Laute sind melodisch und rhythmisch so zu komponieren, dass daraus Verse, Strophen, Gedichte erwachsen. Die technische Verfertigung lyrischer Texte ist für Alain stets auch ein naturgemässer Wachstums- und Reifungsprozess. Das Gedicht entsteht wie ein Naturprodukt und ist gleichzeitig (und gleichermassen) ein Machwerk, also eine künstliche und künstlerische Bewerkstelligung.
In einem Kurzessay vom Januar 1930 imaginiert Alain den Dichter – jeden Dichter – als jemanden, der zunächst «so etwas wie einen Sang ohne Worte» und damit «ein bestimmtes, noch inhaltsfreies Versmass» aufnimmt; erst nach solch urtümlicher vorsprachlicher Formfindung kann er zur bewussten Abfassung des Gedichts übergehen und seine Ideen oder Gefühle in den Text einbringen. «Demzufolge sucht der Dichter seine Gedanken nicht via den Verstand, sondern kraft eines gesunden Rhythmus, der auf Worte wartet.» Der organisch geprägte und getragene Rhythmus gewinnt demnach den Vorrang über die fiktiven Konstrukte der Rationalität, die im Gedicht immer erst hinterher in ihn eingehen beziehungsweise von ihm aufgenommen werden.
Dass das «wahre Gedicht eine Frucht der Natur» ist, bestätigt einerseits das Ohr und mehr noch der Rachen und der Atem, «ja, sogar der Körper insgesamt, sobald es mit voller Stimme vorgetragen wird», betont Alain, und mehrfach verweist er auf den Schrei, auf den Seufzer oder auf kindliches Brabbeln als primitive, gleichsam von der «Natur» diktierte körpersprachliche Ausdrucksformen, aus denen sich in der Folge die Klangqualitäten der Poesie entwickelt hätten.
Noch bei Stéphane Mallarmé, dem formalistischen «Grossmeister» moderner Lyrik, glaubt Alain einen hohen Anteil von «Kindlichkeit», also «Natürlichkeit» zu erkennen. Das Gedicht sei «in erster Linie eine Art von Musik», die physiologisch begründet und mithin «dem Menschen angemessen» sei: «Der Dichter hat nicht zuerst einen Gedanken; er lebt, er fühlt gemäss einem bestimmten Regime, das menschlich hilfreich und passend ist. Von dem vitalen Rhythmus geht er aus, und ohne ihn jemals erlahmen zu lassen, ruft er die Wörter herbei, um sie nach ihrem Akzent, ihrer Anzahl, ihrem Klang einzusetzen; solcherart entdeckt er sein Denken. Was keinesfalls möglich wäre, gäbe es nicht in jedweder Sprache verborgene Harmonien zwischen Klang und Sinn. Dieses Sprachvertrauen eignet dem Dichter als Glaube.»

 

… Fortsetzung am 14.10.2026 …

© Felix Philipp Ingold
aus unveröffentlichten Manuskripten

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