2017-04-13

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Ich stehe (bei kühlem Frühlingswetter, Hände in den Hosentaschen) mit dem Rücken zum Elternhaus, das ich zusammen mit Mutter und Vater, beide seit langem tot, mit gemischten Gefühlen wieder einmal aufsuche. Höre plötzlich ein leises, rasch lauter werdendes Rieseln, dann Brutzeln, wende mich um, seh grad noch, wie das nach oben spitz zulaufende Dach einbricht und zu Staub zerfällt. Gleich folgt ein gewaltiger Knall, Flammen schiessen wie glühende Menschenleiber aus den versengten Balken. Ich wende mich zu den verduzten Eltern, dann wieder zum Haus, an dessen Stelle nun nur noch ein mottender Aschekreis zu sehn ist. „Ausgerechnet jetzt, da wir das Haus doch verkaufen wollten und gleich auch ein Interessent zur Besichtigung kommt.“ − „Aber ich könnte das doch auch selbst übernehmen!“, wende ich ein: „Eine halbe Million als Anzahlung müsste genügen dafür; danach halt die Zinsen.“ − Vor unsern Augen wächst langsam die Brandruine aus der noch qualmenden Erde, ein grosser weisser Würfel, der oben rum vom Feuer angefressen, vom Russ geschwärzt ist. Auf die Ruine werde ich ein Penthouse setzen lassen, die viel zu grosse Küche will ich unterteilen, dort auch meine Bibliothek unterbringen. Der Aschekreis liegt nun etwas weiter südwestlich vom Gebäude, ist aber in Wirklichkeit, wie ich erstaunt feststelle, ein Teich mit vielen Schlinggewächsen und winzigen flitzenden Nixen. Das Bootshaus werde ich von der Strasse her als Garage benutzen und … aber schon sind die Eltern verschwunden. „Für immer“, brüllt der Nachbar aus der Hocke durch den Stacheldrahtverhau: „Für immer!“

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Die langwierige Abschlussarbeit an meinem Todesbuch* ist für mich zu einer Art Initiation geworden, die ich nun – eher zufälligerweise – am Leitfaden Arthur Schopenhauers (WWV, Buch IV) weiter differenzieren will. Der Tod gehört ja doch, wie Gott, zu den ganz grossen Themen, über die man alles sagen kann, weil man nichts davon weiss. Wie Schopenhauer über das Sterben, die Geburt, das Nachleben, das Nichts, die Ewigkeit usf. reflektiert, entspricht viel eher einem literarischen (metaphorischen) denn einem philosophischen (begrifflichen) Verfahren. Ich lese diese Paragraphen etwa so, wie ich narrative Prosa lese; alles ist hier geprägt von einer überwältigenden Einbildungskraft, die das Unfassbare zumindest punktuell festzuhalten scheint, die formale Logik weit hinter sich lässt und gleichwohl einen Zuwachs an rationaler Erkenntnis bringt. 

[*Felix Philipp Ingold, Todeskonzepte der russischen Moderne (Weltende, Kunstende, Lebensende), Wien 2017.]

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Johann Gottfried Herder, Johann Georg Hamann wiedergelesen, beide mit etlicher Ernüchterung – Herder irritiert (bei aller Weltläufigkeit) mit seiner Deutschtümelei, seiner Belobigung der deutschen Mutter Erde und der deutschen Mutter Sprache; er ist der Prototyp des guten Deutschen, dabei aber doch sehr bieder, selten geistreich, niemals essentiell, immer beflissen und verlässlich, aber – für mich – nicht mehr tauglich als Impulsgeber; eine Enttäuschung auch deshalb, weil ich von Herder als Dichter (mehr noch als Übersetzer) eine weit höhere Meinung habe.
Hamann wiederum, der stupende Gelehrsamkeit mit delirierender Rhetorik verbindet, Rationalität mit Phantastik, Selbstzweifel mit missionarischem Eifer, bleibt (abgesehn von manch einem zündenden Aphorismus) weitgehend ohne Erkenntniswert.
Doch das war einst ganz anders.
Ich erinnere mich an einen zweieinhalbseitigen Auszug aus den Aesthetica in nuce im gymnasialen Lesebuch zur deutschen Literatur – etwas vom Wenigen, was mich damals faszinierte und was im Übrigen auch mein eigenes Schreiben (meine Poetik) sehr früh in die Richtung lenkte, in der ich noch heute – literarisch – unterwegs bin; anderseits bin ich doch nun, da mein Schreiben ausläuft, dem alten Magus nah in seiner Bitterkeit über mangelnde Anerkennung, ja, er spricht von weit verbreitetem „Hass“, mit dem er (wofür denn?) abgestraft werde; so weit würde ich, was mich betrifft, nicht gehen, aber mein Selbstgefühl weist in die gleiche Richtung.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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