In der Nacht, gegen fünf Uhr früh, hat der Regen eingesetzt, erst zögerlich, dann übergehend in ein grosses Rauschen. − Als ich gegen acht zu meinem täglichen Waldgang aufbrach, regnete es unentwegt weiter, das schräge Rauschen in der Luft und gepresster Vogelgesang hielten sich ungefähr die Waage. Längere Zeit hörte ich hin, überliess mich aber bald meinen Gedanken, die freilich nicht viel heller waren als der Tag.
Plötzlich ein gewaltiger Knall, so laut, dass ich nicht ausmachen kann, woher er kommt, er scheint von überallher gleichzeitig zu kommen, und er schlägt alle andern Geräusche im Wald für eine lange Minute nieder. Ich geh voran, halte Umschau, kann nichts Ungewöhnliches erkennen.
Allmählich kehrt das Rauschen des Regens, der Baumkronen im Regen wieder, dann erneut plötzlich ein Knall, diesmal gefolgt von vereinzelten Schüssen, die sich rasch zu Gefechtslärm verdichten und das Rauschen in der Runde übertönen. Vor mir, am Wegrand, steht unversehens eine finstere Gestalt, ich denke an eine ferngesteuerte Maschine, einen Kampfroboter.
Es ist ein Mensch, ein Mann in voller Kriegsmontur, fast ebenso breit wie hoch, er trägt einen Helm mit eingebautem Stirnlicht, mit Funkanlage und Kamera, am Gürtel rechts einen Schlagstock, links eine Handfeuerwaffe, quer über seinem Bauch baumelt das Maschinengewehr. Im Hintergrund – tiefer im Wald oder auch schon ausserhalb – wird weitergeschossen, bald gehn die Schüsse vereinzelt ab, bald in Salven, es ist ein unregelmässiges Knattern.
Der Mann tritt ruhig vor mich hin, ich kann nur seine Augen zwischen Stirn- und Mundschutz sehen, aus den beiden Stereolautsprechern an seinen wattierten Schultern höre ich eine freundliche, dabei strenge Computerstimme:
„Manöverzone! Kein Durchgang! Wegtreten! Lebensgefahr!“
Schon habe ich mich umgedreht, verlasse den Fussweg, kehre durchs Unterholz zum Waldeingang zurück.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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