Ich besuche unangemeldet meinen Freund und Kollegen Robin James Kemball, der ein weitläufiges Anwesen überm Genfersee bewohnt, mit ungestörtem Panoramablick zu den Alpen hin; eine junge Frau öffnet die Tür, bittet mich höflich (als würde ich hier erwartet) ins Haus, fügt aber hinzu, dass RJK z.Z. nicht verfügbar sei, er werde erst in zirka einer Stunde aus seinem Studierzimmer zum Mittagessen herunterkommen – ob ich zum Essen dableiben wolle usf.; ich warte, geniesse den herrlichen Rundblick in lupenreiner Luft, derweil eine andere Hausangestellte den Tisch deckt, wobei mir einfällt, dass ich kein Gastgeschenk in petto habe; aus der Küche dringen erste Düfte, und da kommt nun endlich der Hausherr, er trägt einen schweren, um Knie und Knöchel pendelnden Morgenrock mit Kordeln und Troddeln, ist sichtlich älter geworden (ja: alt) seit unsrer letzten Begegnung, aber seine hohe Gestalt ist noch kaum gebeugt, noch immer schlank, elegant; er senkt sein schmales Adlergesicht zu mir herab, umarmt mich herzlich, zieht dabei gleich auch ein Geschenk aus seiner Manteltasche – ein kleines schweres dickliches Buch, fast wie ein Reliquiar, das angeblich (vermeintlich?) aus einem armenischen Kloster stammt; meine Freude, meine Dankbarkeit ist riesig, umgeben von all der Schönheit beginne ich in RJK’s Armen zu schluchzen und erinnere mich erst beim anschliessenden Essen daran, dass ich nun endlich meine Dissertation abschliessen sollte.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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