Das für mich Unbegreiflichste, Wundersamste, auch Unsinnigste überhaupt ist das Interesse der Natur, Individualität durchzusetzen – kein Mensch wie der andre; kein Baum, kein Stein, kein Stern wie der andre; jede Biene, jede Wolke, jedes Alpenveilchen, jede Katzenschnauze, jede Handlinie, jede Tier- und Menschenstimme – unverwechselbar, etwas Besonderes, Einzelnes.
Wozu? da doch gleichzeitig alles zum Massenhaften tendiert; da doch der Einzelne (Mensch) nie nicht nach Gesellschaft strebt, Anschluss an Gleichgesinnte braucht, gern schunkelt und im Gleichschritt geht, sich in Klubs und Verwaltungsräten, in Demonstrationszügen und auf Kreuzfahrtschiffen zusammentut!
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Man braucht kollektive Bindungen so wie man allgemeine Begriffe braucht. Auch dies ist als naturgemäss ausgewiesen (der Einzelne als soziales Wesen): Jeder mag zwar einzigartig sein wollen, kaum einer hält das Alleinsein aus.
Und die Natur „selbst“ hat am Einmaligen, Unverwechselbaren, das sie hervorbringt, offenkundig kein Interesse; ihr Vernichtungswerk – Katastrophen, Krankheiten noch und noch – rafft all das Einzigartige auf einen Schlag hinweg und macht es eben dadurch für immer gleich.
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Gleichstellung, Gleichberechtigung, Synthetisierung, Unifizierung, Nivellierung, Normalisierung! Was notwendigerweise auf Mediokrisierung hinausläuft. Die sogenannte Postmoderne wie auch der Prozess der Globalisierung hat sich diesen Megatrend zunutze gemacht, hat ihn zusätzlich verstärkt und auch in kulturellen, in künstlerischen Dingen zur Norm gemacht. Die Formensprache der Bild- und Sprach- und Baukunst weist weltweit keine nennenswerten Unterschiede mehr auf. Der Roman als privilegierte Erzählform hat den individuellen Personalstil zugunsten eines indifferenten Epochenstils aufgegeben. Ob in Japan, in Norwegen, in Kanada oder anderswo – überall haben sich die gleichen Erzähltechniken durchgesetzt; Originaltexte sind von Übersetzungen kaum noch zu unterscheiden; alles liest sich überall gleich; auf internationalen Flughäfen findet sich die immer gleiche Reiselektüre, egal in welcher Sprache; Autoren, Autorinnen erzählen vorzugsweise ihre eigenen (erlebten) Geschichten von Liebe, Krankheit, Missbrauch, Abhängigkeit, und doch nehmen sich all diese privaten Zeugnisse ungefähr gleich aus – auch die Gefühlswelten scheinen inzwischen effizient globalisiert zu sein..
Noch ein Beispiel für derartige Gleichmacherei: Der Feminismus fordert ein, was ihm Männer angeblich voraus haben, sich unrechtmässig angeeignet haben; man will nicht primär als Frau bestehen, sondern wie der Mann sich behaupten, von der Hose über die Alltags- und Chefrhetorik bis zur Kurzhaarfrisur, derweil Männer durch die Feminisierung des eigenen Auftritts und Verhaltens an Respekt kaum etwas dazugewinnen. Eher schon umgekehrt: Wer als Mann im Schlitzrock und mit hochgestecktem Haar aufträte, hätte bestenfalls als Schwuler oder als Transe eine Chance, akzeptiert zu werden. Was Frauen mit Rückgriff auf traditionell männliche Weisen des Auftritts und der Kostümierung mit Leichtigkeit erreicht haben, scheint umgekehrt bei Männern strikt ausgeschlossen zu sein: Die eigene Identität zu stärken durch Übernahme „fremder“ Gepflogenheiten. Die behoste Frau ist in allen Altersklassen zur Normalität geworden, der berockte, langhaarige, geschminkte Mann gilt weiterhin als exzentrische Ausnahmeerscheinung. Es ist schon bemerkenswert, dass dies in der Gleichstellungs- und Genderdebatte nicht sehr viel mehr zu reden gibt.
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Unauflösbares Paradox: Man strebt nach individueller Unverwechselbarkeit und erkennt gleichzeitig, dass solcher Individualismus die eigenen Bedürfnisse wie die eigenen Möglichkeiten in jedem Fall überfordert; also orientiert man sich eben doch lieber an trendbestimmten und meinungsbildenden Kollektiven, die sich vorzugsweise als Interessengemeinschaften, politische Parteien, gemeinnützige Vereine und als Plattformen in den neuen sozialen Medien konstituieren.
Demgegenüber setzt Individualismus den Willen wie die Fähigkeit des Sektierertums voraus. Sektierertum ist heute – und kann heute – weit mehr als sture Selbstbehauptung im Abseits. Als Sektierer stehe ich, angesichts des zunehmenden Anpassungs- und Integrationszwangs, für Differenzbildung ein. Statt das Fremde oder den Fremden einzugemeinden, das Andere mithin zum Verschwinden zu bringen, sollte das Andere als das Fremde anerkannt werden. Nur so kann es seine eigene Geltung gewinnen, muss diese Geltung aber auch behaupten, so wie ich meine Geltung als der Andere des Andern behaupten muss.
Man bleibt einander in wechselseitiger Sympathie fremd und wird dabei feststellen, wie fremd man sich selbst ist.
aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne








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