2018-01-18

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Ja, eine grenzenlos sich ausdehnende Stadt liegt vor und unter mir, es gibt keine Zufahrtsstrassen, nur Pfade, Spitzkehren, schmale Stege, hängende Brücken; dort − der Bahnhof mit den weichen, mal sich ausdehnenden, mal regredierenden Perrons, die Leute waten mit schweren Schuhen im farbenfroh blubbernden Schlamm; mein Taxi fährt bis auf Klinkenhöhe in der wogenden Brühe, die übrigens nichts Beängstigendes an sich hat, die völlig harmlos ist, sich verdünnt, sich zurückzieht und absinkt; alles ist wie wässriger Teig in Bewegung, quillt und blubbert, ändert sich ständig in Farb und Konsistenz; die Züge fahren ohne Fahrplan, wie’s gerade kommt und geht, alle hintereinander auf einem und demselben Gleis, das ebenfalls stark verformt ist und eine wechselnde Spurenbreite hat; ich unterrichte nur noch mit beschränktem Deputat, die Universität ist gebaut wie ein Wimmel- oder Vexierbild, auch die Innenräume sind in ständiger Veränderung, bald grosszügig dimensioniert, bald zu Korridoren verengt; ich halte die erste Vorlesung zu einem Zyklus über die Totenstadt, am Schluss gibt es stehenden Applaus aus der Hand von sehr jungen Hörern, fast noch Kindern; ich treffe einen Kollegen, der nicht älter zu sein scheint als die meisten Studierenden hier; wir überlegen, nun wieder unterwegs zum Bahnhof, ob wir die Vorlesung nicht gemeinsam anbieten und später daraus ein Buch machen sollten.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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