2018-08-02 

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Auch dafür bin ich längst alt genug − um mich lebhaft an ganz viele Dinge und Vorgänge und Handlungen zu erinnern, die längst aus der Alltagswelt verschwunden sind.
Der grosse Kupferkessel zum Wäschekochen. Die Kurbel zum Starten des Automotors. Der mehrstöckige Blechturm zum Dörren von Apfelringen. Die Damenbinden mit den zwei Knopflöchern zum Fixieren, hinten und vorn, am Schlüpfer. Die Ausrufer der Abendzeitung an der Schifflände und am Bahnhof. Die „fliegenden“ Hausierer, Bibelforscher, Messer- und Scherenschleifer immer wieder unangekündigt vor der Haustür. Das Taburett mit den Füssen nach oben, locker mit Gaze bespannt, zum Abtropfen beim jährlichen Einkochen von Frischobst (für Brombeer-, Johannisbeergelée). Der ambulante Tuchverkäufer mit seinen dicken weichen Musterbüchern (zum Bestellen von Blusen- oder Hosenstoff zum Selbstschneidern). Der Tapetenhändler auf Hausbesuch (mit schweren Rollen zur Auswahl zum Selbsttapezieren). Die langen, nach hinten konisch auslaufenden Federhalter mit auswechselbaren Stahlfedern. Der jährliche Antransport − mit donnernder Leerung durch den Kellerschacht − von einer Tonne Kohlebricketts (zum Beheizen von Herd und Ofen). Die rauhen, asphaltgrauen Schläuche aus Autoreifen als Schwimmringe fürs Freibad. Die Schülerpulte mit schräger Schreibfläche und integriertem Tintenfass. Die stehpultartigen Röntgengeräte im Schuhgeschäft, bei denen man den eigenen Fuss im neuen Schuh als Skelett sehen konnte. Das zweifarbige Band (schwarz/rot) in der Schreibmaschine. Der weisslackierte Rechenschieber. Die meist verschmutzten Weisswandreifen bei Luxus- und Sportautos. Das grün aufglimmende Glasauge beim Einschalten des Radiogeräts. Die einheitlich schwarz und violett gespritzten städtischen Taxis. Die umständliche Aufgabe von Telegrammen am Postschalter. Menschliche (meist exotische, meist weibliche) Monster auf dem Jahrmarkt. Selbstauferlegter und allgemein akzeptierter Krawattenzwang im Flughafen, im Flugzeug (schon als Kind und noch als Student). Die beim Gebrauch gern sich ablösende Zellophanfolie bei Fischers Taschenbüchern. Die grosse eiserne Geschwindigkeitskurbel im offenen Führerstand der Strassenbahn. Die Bambusstangen beim Stabhochsprung. Die schweren Fahrräder mit Kettenkasten und Stangenbremse. Die von Hand angeschriebene amtliche Post (Stimmrechtsausweise, Verkehrsbussen, Steuerrechnungen) − ja, ich selbst habe als Schüler in der baselstädtischen „Schreibstube“ am Bischofshof im Akkord blaugraue Kuverts adressiert, um mein dürftiges Taschengeld aufzubessern; das war einmal, aber von Hand schreibe ich noch heute − wenn auch bloss Gedichte und hin und wieder einen privaten Brief.

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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„Suppe Lehm Antikes im Pelz tickte o Gott Lotte"

Elefant

fehle Naht? an Land fehlt Elfe! – Naht falte Tal und Feld. – Tell ahnt Falle, lehnt und fällt nah den fahlen Fellen.

Michel Leiris ・Felix Philipp Ingold

– Ein Glossar –

lies Sir Leiris leis

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