2019-05-01

Titelbild von Juliane Duda zu der Beitragsserie „Felix Philipp Ingold: Endnoten“

Der ungeheure, unablässige Lärm überall, permanente akustische Verschmutzung, Verunklärung aller ästhetischen Erfahrung. Auf der Strasse. Im Bahnhof. In der Werbung. Auf den Sportanlagen, Rennstrecken, Baustellen. An den Stammtischen. Überall in der Unterhaltungsindustrie. Mit der Musikberieselung in Supermärkten und Flughäfen. Im Chaos von Terrorakten, von Kriegen. Bei Demonstrationen, Streetparades, Festivitäten aller Art.
Usf.
Ein Manifest gegen den Lärm − zugleich ein Denkmal für den Lärm − könnte ein unregelmässig wiederkehrendes Moratorium sein, eine Minute verordneter Stille, mit angehaltenem Strassen- und Schienenverkehr, unterbrochener Bautätigkeit und Sendepause bei Radio und TV, Unterbrechung aller Telephon- und Internetverbindungen.
Zwar wäre damit bei weitem nicht jede Lärmquelle deaktiviert, und doch träte schockartig ein Zustand von annähernd vollkommener Geräuschleere ein, die schlimmstenfalls durch ein trotzig quengelndes Kind, einen röchelnden Asthmatiker oder durch einen Rettungshelikopter gestört würde.
Denk mal!
Aber gleich fegt der symphonisch wütende Stadtlärm − ein einziges Dröhnen, Wummern, Hupen, Rattern, Quietschen, Kreischen, Klingeln, Sirren − die Stille wieder fort.
Und wohin?

 

aus Felix Philipp Ingold: Endnoten
Versprengte Lebens- und Lesespäne

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